Weihnachten als Zumutung, als Geheimnis, als geistige Provokation jenseits von Sentimentalität: Ein Gespräch mit Thomas Hürlimann über die Krippe als Anstoß, Kunst und Liturgie als Hüter des Geheimnisses, über Platon, Zeit und Ewigkeit.

Jan-Heiner Tück: Der Schriftsteller Martin Walser hat die Weihnachtsgeschichte einmal als die "schönste, beste Geschichte, die je von Menschen ersonnen und formuliert wurde", bezeichnet. Können Sie ihm folgen?

Thomas Hürlimann: Klaus Schreiner, der bedeutende Marien-Forscher, stellt zurecht fest, dass Maria von den Evangelisten stiefmütterlich behandelt wurde. Das wirkt sich auch auf die Weihnachtsgeschichte aus. Über die Gefühle der Madonna erfährt man nichts, die Heilige Nacht wird nüchtern und knapp abgehandelt, als würde sich der Evangelist scheuen, die Ungeheuerlichkeit des Geschehens zu schildern: der gewindelte Gott in der Krippe! Aber aus den knappen Angaben hat die abendländische Kunst ein gewaltiges Ereignis gemacht. Die grandiose Erzählung verdanken wir weniger dem Erzähler, vielmehr den Malern und ihren Bildern.

Hüter des Mysteriums

Tück: Sie haben soeben in der NZZ gesagt: "Ich sehne mich nach wie vor nach einer Religion, die sich als Hüterin des Mysteriums versteht." Was hat Weihnachten mit diesem Mysterium zu tun? Und wie müsste eine Kirche aussehen, die dieses Mysterium angemessen bewahrt und hütet?

Hürlimann: Eigentlich verfügt die Kirche über die richtigen Räume. In der tridentinischen Messe besaß sie die zum Mysterium gehörende Form und im Latein die passende Sprache. Messe und Sprache löschte sie aus, und die Dome, deren Dämmerung das Mysterium bewahrt hatte, versah sie mit Scheinwerfern und Bahnhofs-Lautsprechern. Gewiss gibt es auch heute Priester, die sich in der erneuerten Liturgie um eine würdige Ars celebrandi bemühen und sich so als Hüter des Mysteriums bewähren. Aber allzu häufig tropft von den Kanzeln ein Moralschleim, der dem Mysterium den Rest gibt.

Weihnachten ist also zum einen ein historisches Datum, doch ist das Fest auch eine Wiederholung des Immergleichen: alle Jahre wieder. So spiegeln sich in der Heiligen Nacht beide Zeiten: die lineare und historische, in der jährlichen Wiederholung die ewige

Tück: Aber stört es Sie nicht, dass bei den Liebhabern der alten Messe nach wie vor antijüdische Denkweisen zirkulieren, die durch die Karfreitagsfürbitte für die "perfidi Iudaei" abgestützt werden? Neuerdings begegnet dort auch der Traum von einem katholischen Staat, der die Religions- und Gewissensfreiheit einschränkt.

Hürlimann: Man kann die alte Messe sehr wohl verteidigen, ohne in die Falle dieser Denkweisen zu tappen. Natürlich waren Jesus, Maria und die Apostel Juden. Und denken Sie an den Trienter Katechismus, der den "Gottesmord" auf Golgatha nicht pauschal den Juden in die Schuhe schiebt, sondern lehrt, dass wir alle durch unsere täglichen Sünden Jesus ans Kreuz bringen. Der Traum vom katholischen Staat könnte zum Albtraum werden, denn eine Kirche, die sich mit dem Staat verbündet, wird zur Staatskirche, nicht zum Kirchenstaat. Siehe Russland. Da beweihräuchert der Patriarch den Präsidenten.

Tück: Sie haben wiederholt Sympathien für die Ideenlehre Platons geäußert. Muss der Glaube, dass sich eine Idee verkörpert, genauer: dass Gottes ewiger Logos sich in einem wehrlosen Kind geoffenbart hat, für einen Platoniker nicht zutiefst verstörend sein?

Hürlimann: Das Christentum ist ohne den Platonismus nicht denkbar. Es entstand aus der jüdischen Theologie und aus dem griechischen Denken. Verstörend ist der Gedanke, dass diese Religion – wie meines Wissens keine andere – einen genau definierten Anfang und ebenso ein definiertes Ende hat. Sie beginnt mit der Krippe im Stall zu Bethlehem und endet mit der Apokalypse des Johannes. Aber durch die Trinität ist die lineare Zeitstrecke ins Ewige – man könnte auch sagen: in die Wirklichkeit der platonischen Ideen – eingebunden. Gottvater und Heiliger Geist stehen über der Vergänglichkeit, der Jesus ausgesetzt war. Weihnachten ist also zum einen ein historisches Datum (die von Rom befohlene Volkszählung wird im Neuen Testament erwähnt), doch ist das Fest auch eine Wiederholung des Immergleichen: alle Jahre wieder. So spiegeln sich in der Heiligen Nacht beide Zeiten: die lineare und historische, in der jährlichen Wiederholung die ewige.

"Als Gott ist er, als Mensch existierte er"

Tück: Das macht den liturgischen Kalender aus: Das geschichtlich Einmalige – die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem – wird jährlich an Weihnachten neu erinnert. Die Historizität der Inkarnation wurde jedoch früh bestritten. Man nahm Anstoß daran, dass der Erlöser einen Körper gehabt haben soll. Das Göttliche dürfe die Materie nicht berühren. Gnostiker wie Markion haben behauptet, dass Christus lediglich ein phantasma, einen Scheinleib, gehabt und so die Inkarnation vorgetäuscht habe. Muss nicht ein Platoniker ähnlich Anstoß an der Inkarnation nehmen?

Hürlimann: Nein. Der Platoniker geht ja mit Platon davon aus, dass die Ideen die eigentliche Wirklichkeit sind und deren Ausflüsse unsere Realität ausmachen. Siehe Höhlengleichnis. Wir sprechen mit der größten Selbstverständlichkeit von Erscheinungen und meinen damit etwas Reales. Der Mond erschien am Himmel, ich erschien mit Verspätung zum Essen, et cetera. Das Erscheinende in diesen Sätzen hat für uns Realität. In diesem Sinn ist der Leib Christi beides. Als Gott ist er, d.h., er war nicht, er wird nicht sein, er ist (frei nach Heidegger). Aber dann erschien er an einem historischen Datum in der Krippe: als Kind. Als Gott ist er, als Mensch existierte er. Als Gott war er ewig, als Mensch ist er sterblich. Indem er als Mensch verblutete und drei Tage nach dem Tod auferstand, kehrte sein menschlicher Leib zurück ins Göttliche (nach Thomas von Aquin). Markions Phantasie vom phantasma gehört ins Varieté. Er sieht in Gott einen Zauberer, der dem Publikum etwas vormacht. Das ist Mumpitz.

Der Schriftsteller Thomas Hürlimann
Der Schriftsteller Thomas Hürlimann © Henning Klingen

Tück: Wie aber geht die Ewigkeit Gottes und die Sterblichkeit des Menschen Jesus zusammen? Die Kirchenväter haben die paradoxe Wendung vom "leidlosen Gott, der leidet" bemüht und in der Person Christi zwischen göttlicher Natur und menschlicher Natur unterschieden. Neuere Theologie findet diese Lösung unbefriedigend, es sei doch der göttliche Logos selbst, der Mensch wurde und eine Werdegeschichte durchlaufen habe, ja mit der Auferstehung des Gekreuzigten gehe ein Stück kreatürlicher Zeit verwandelt in die Ewigkeit ein – führt diese Würdigung von Zeit und Geschichte nicht doch über den Platonismus hinaus?

Hürlimann: Sie haben Martin Walser erwähnt, der von einer Erzählung spricht. Das ist vollkommen richtig. Wo die Theologie ein Paradox vermutet, hat die Erzählung nicht das geringste Problem, den Vorgang nachvollziehbar zu schildern. Denken Sie an die Sagen, die Legenden, die Märchen – sie offenbaren uns, dass in der Schöpfung und im Leben alles widersprüchlich ist. Zeus goss über der Menschheit zwei Krüge aus, im einen war Gutes, im andern Schlechtes. Artemis / Diana verkörperte die Einheit von Jungfrau und Mutter. Narciss verwandelte sich in eine Blume. Sigmund Freud ("ein genialer Dummkopf", André Gide) war der Meinung, unsere Seele, Pardon: Psyche, sei ein System von Trieben und Affekten. Furchtbar, der pure Unsinn, aber wie die Psychologen und die Theologen hatten auch die Philosophen ihre liebe Mühe und Not mit den Mysterien der Verwandlung. Der wahre Psychopompos (Seelenführer) in die Urbilder ist nicht Platon, sondern Ovid. Ovids "Metamorphosen" sagen das Grundlegende zur Verwandlung (eines Gottes ins Tier oder eines Menschen in eine Pflanze), und sie sagen es, dem Thema angemessen, nicht auf logische, sondern auf poetische Weise. Ein Wunder besteht ja eben darin, dass es sich über die Logik erhebt. Aber die Literatur schafft es auch, Fragen der Theologie aufzunehmen; zu unserem Thema möchte ich auf den Roman "Die Entdeckung des Himmels" von Harry Mulisch hinweisen. Da sagt ein Engel: Nietzsche habe die Geschichte verbreitet, "der Chef sei tot. Nun, er war nicht weit von der Wahrheit entfernt – aber, dass der Boss nicht sterben kann, ist nun gerade die abscheulichste Einschränkung seiner Allmacht. Er existiert durch das Paradoxon, aber dadurch muss er auch ewig existieren, ewig sterben."

Die Herkunft von Jesus ist und bleibt jüdisch, das gilt auch für Maria und Joseph, ihr Sohn wird beschnitten. Die Trennung vom Judentum wird erst durch Spätere vollzogen, teilweise durch die Evangelisten oder durch Paulus – er hielt seine Predigten anfänglich in Synagogen.

Tück: Sie haben vorhin gesagt, dass das Christentum einen genau definierten Anfang gehabt habe, die Geburt Jesu in der Krippe. Das stimmt und stimmt nicht. Denn ohne die Vorgeschichte, also Johannes den Täufer und die prophetischen Verheißungen des Alten Testaments, wäre das Kommen des Erlösers unverständlich geblieben. Die 'Schnittstelle' zwischen Altem und Neuem Bund ist die Zirkumzision – das Bundeszeichen, eine körperliche Markierung, die auch an Jesus am achten Tag nach der Geburt vollzogen wurde. Auch dieses einmalige Ereignis wurde jährlich memoriert, solange das Fest der Beschneidung des Herrn im liturgischen Kalender war. Welche Bedeutung messen Sie dem jüdischen Hintergrund Jesu zu?

Hürlimann: Im Moment, da ich dies schreibe, brennen am Adventskranz vier Kerzen. Der Kranz geht auf das Geheimzeichen der Pythagoräer zurück, den Kreis, der die Wiederkehr symbolisiert. Auf den Tag folgt die Nacht – und wieder der Tag. Auf den Frühling kommt der Sommer, und nach dem Winter wieder der Frühling. Warum vier Kerzen? Weil die Antike im Zeichen der Quaternität steht: vier Jahreszeichen, vier Temperamente, vier Himmelsrichtungen, wir wohnen in einem Stadt-Viertel und trinken abends (in der Schweiz) ein "Vierteli" Roten. Ich könnte endlos fortfahren, die antike Vier ist nicht verschwunden. Aber die vier Kerzen am Adventskranz brennen nieder, und es hebt mit der Geburt Jesu ein neues Zeitalter an, die Epoche der christlichen Drei. Die Heilige Familie besteht aus drei Personen, auf dem Kalvarienberg stehen drei Kreuze, und drei Tage nach dem Tod am Kreuz kehrt Jesus zurück in die Trinität. Die Schnittstelle ist für mich der Übergang von der Vier in die Drei. Das ist ein gewaltiger Vorgang, ähnlich jenem, den wir momentan erleben: den Absturz in die Null und die Eins der Elektronik. Natürlich bereiten sich epochale Ereignisse vor, aber dann sind sie plötzlich da, innerhalb einer Nacht, und es ist eine neue Zeit. - Zu Ihrer Frage nach dem jüdischen Hintergrund: Die Herkunft von Jesus ist und bleibt jüdisch, das gilt auch für Maria und Joseph, ihr Sohn wird beschnitten. Die Trennung vom Judentum wird erst durch Spätere vollzogen, teilweise durch die Evangelisten oder durch Paulus – er hielt seine Predigten anfänglich in Synagogen.

"Eins ist alles, deshalb leben wir im Universum"

Tück: Ohne die Zahlensymbolik überzustrapazieren, könnte man sagen, dass das biblische Erbe die drei und die vier zusammenbringt: Sieben Schöpfungstage, sieben letzte Worte Jesu am Kreuz, sieben Sakramente. Interessant ist, dass Leo der Große in den Sakramenten eine Art Fortsetzung der Inkarnation gesehen hat: "Was an unserem Erlöser sichtbar war, ist in die Mysterien – gemeint sind die Sakramente – übergegangen." Geht hier nicht das Geistige und das Sinnliche wiederum eine Synthese ein, die den ganzen Menschen anspricht?

Hürlimann: Wir rechnen mit einer Zahlenordnung, worin die 1 hundertmal kleiner ist als die 100, doch wie sieht sich ein CEO im Organigramm seiner Firma? Als Nummer 1. Rechenoperationen werden aristotelisch durchgeführt, das Zahlengefüge des Lebens jedoch blieb platonisch. 1 ist die Bestnote. Der Sieger steht auf dem Podest mit der 1. Eins ist alles, deshalb leben wir im Universum, ein Begriff von Augustinus: versus unum, auf das Eine hin, wobei das Eine Gott, aber auch die Seele sein kann. Meines Wissens war Pythagoras der Erste, der hinter dem Realen ein Zahlengitter vermutete, das sich bis heute in gewissen Wortwendungen offenbart, etwa im Siebengescheiten oder in der Siebenschönen. Insofern wäre es durchaus denkbar, dass ein Sakrament, worin sich ein heiliges Geschehen vollzieht, auch ein bestimmtes Zahlengefüge durchschimmern lässt. Der Kreuzweg hat zweimal sieben Stationen, wie Hegels Weltgeist, der über vierzehn Stufen geht.

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