Ein überfälliges SignalMit Joshy Pottackal wird die Vielfalt der Kirche sichtbar

Der neue Mainzer Weihbischof stammt aus Indien. Das ist auch ein Zeichen der Anerkennung für die vielen Priester aus dem Ausland, die in Deutschland arbeiten, sagt Joshy Pottackal im Gespräch mit COMMUNIO.

Joshy Pottackal
© Silke Kemmer/Bistum Mainz

In vielen katholischen Gemeinden ist es Alltag, dass ein Geistlicher die Eucharistie feiert, der nicht in Deutschland geboren wurde, sondern etwa einen afrikanischen oder indischen Hintergrund hat. Laut den zuletzt von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichten Zahlen aus dem Jahr 2023 stammten knapp 20 Prozent der hierzulande arbeitenden Priester aus einem anderen Land. In der kirchlichen Hierarchie war diese Vielfalt nicht sichtbar – bis jetzt. Mit der Weihe des Karmeliterpaters Joshy George Pottackal am 15. März für das Bistum Mainz gibt es erstmals einen Weihbischof in Deutschland, der aus dem außereuropäischen Ausland stammt. Dafür wurde es höchste Zeit.

"Warum ich?"

Die Anfrage des Nuntius sei "wirklich extrem überraschend" gewesen, erzählt der aus Indien stammende Weihbischof Pottackal im Gespräch mit COMMUNIO. Die Zeit zum Nachdenken, die er sich erbeten hat, sei eine der schlimmsten Zeiten seines Lebens gewesen. Auf die Frage "Warum ich?", gelangte er nach und nach zu einer Antwort, die mit seiner ursprünglichen Herkunft zusammenhängt: "In Deutschland leben mittlerweile so viele Christen mit Migrationshintergrund und auch viele Priester oder pastorale Mitarbeiter. Und da ist es an der Zeit, dass auch ihre Arbeit wertgeschätzt wird und eine Anerkennung erfährt." Schon in den Monaten vor der Weihe zeigte die Ernennung durch Papst Leo XIV. ihre Wirkung. Das mediale Interesse ist sehr hoch, eine katholische Nachrichtenseite titelte: Meet Germany’s first non-European bishop: Fr. Joshy Pottackal will make history this month. Er selbst kann von vielen persönlichen Rückmeldungen berichten: "Ich merke, wie stolz alle sind, nicht nur die Inder, sondern auch Christen aus Polen oder Kroatien, egal, wo sie herkommen".

Weihbischof Pottackal stammt aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, der aufgrund seiner beeindruckenden Natur auch gerne als "God’s own country" bezeichnet wird. Er wuchs mit zwei Brüdern in einer gläubigen Familie auf, die zu den sogenannten Thomaschristen gehört. Sie berufen sich darauf, in der Mitte des ersten Jahrhunderts durch den Apostel Thomas missioniert worden zu sein. "Ich war nur 15 Jahre zu Hause", sagt Weihbischof Pottackal. Danach wurde die Ordensgemeinschaft der Karmeliten zu seiner Heimat. Er besuchte deren Knabenseminar und legte mit 19 Jahren seine erste Profess ab. Kurz nach seiner Priesterweihe 2003 wurde er gemeinsam mit zwei Mitbrüdern eingeladen, nach Deutschland zu kommen. Die indische Provinz der Karmeliter wurde ursprünglich von Deutschland aus gegründet. Der Schritt ins Ausland kam ihm entgegen: "Als junger Mensch war ich neugierig auf die weite Welt", erinnert er sich, und ergänzt: "Aber ich hätte auch genauso Nein sagen können". Nach verschiedenen Stationen in der Pfarr- und Jugendseelsorge wurde er 2022 Personalreferent im Bistum Mainz und war schwerpunktmäßig für die Priester zuständig. Seit 2014 besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Als indischstämmiger Weihbischof hat Pottackal in Zukunft die Chance, die vielen Priester der Weltkirche zu repräsentieren, die in Deutschland ihren Dienst tun, um den Priestermangel abzufedern.

Einen typischen Wesenszug des deutschen Katholizismus fasst der 48-Jährige in einem Satz zusammen: "Wir bereiten viel vor." Alles würde seine Zeit brauchen, das gehe in Indien kurzfristiger. Dafür seien die Gläubigen in Deutschland selbstbewusster gegenüber kirchlichen Autoritäten. Zum Beispiel müsse ein indischer Priester in Deutschland zuerst lernen, etwas gemeinsam mit Jugendlichen zu entwickeln und nicht allein zu entscheiden. "Ich finde, dieses Selbstbewusstsein könnte auch in Indien nicht schaden – und eine etwas flexiblere Art in Deutschland", resümiert er das gegenseitige Lernpotential. Sehr wichtig ist es ihm, zu betonen, dass das Engagement der Menschen in Indien wie in Deutschland gleich hoch sei.

Als indischstämmiger Weihbischof hat Pottackal in Zukunft die Chance, die vielen Priester der Weltkirche zu repräsentieren, die in Deutschland ihren Dienst tun, um den Priestermangel abzufedern. Es ist nicht ohne, in einem sensiblen Feld wie der Seelsorge in einer völlig fremden Kultur tätig zu sein. Immer wieder kommt es zu Schwierigkeiten. Hier kann Weihbischof Pottackal Impulse setzen, die sich aus seiner persönlichen Erfahrung und aus seiner Zeit im Ordinariat speisen. Seine zwei Hauptforderungen für ein gutes Gelingen sind prägnant: Zeit und Ausbildung. "Meiner Erfahrung nach dauert es zwei bis fünf Jahre, bis man angekommen ist. Und diese Zeit muss man den Menschen auch geben." In seinem Heimatbistum Mainz, wo inzwischen 25 Prozent ausländische Geistliche tätig seien, bekämen die Priester der Weltkirche die gleiche pastorale Ausbildung wie die deutschen angehenden Priester und Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten.

Neben der Weltkirche wird er für den Bereich Orden verantwortlich sein. Darüber hinaus warten die typischen Aufgaben eines Weihbischofs auf ihn, wie Pfarreivisitationen oder Firmspendungen, um den Mainzer Bischof Peter Kohlgraf zu unterstützen. All das müsse er erst einmal kennenlernen, bevor er eigene Schwerpunkte setzen könne. "Mein Kalender ist bis Dezember 2027 voll", sagt Weihbischof Pottackal. Aber nicht nur er wird in sein Amt hineinwachsen müssen. Auch für die Bischöfe wird es neu sein, einen Mitbruder mit außereuropäischem Migrationshintergrund in ihren Reihen zu haben, der manchmal vielleicht eine andere Perspektive oder Mentalität mit sich bringt und damit auch scheinbar Selbstverständliches infrage stellt. Und das ist gut so.

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