Die Kirche und der moderne Mensch finden oft nicht mehr zusammen. Das gilt ganz im Wortsinn: Wie viele jüngere Zeitgenossen wissen noch, wo das für sie zuständige Pfarrbüro ist? Die kirchlichen Strukturen kommen aus einer Zeit, in der man in dem Dorf, in dem man geboren wurde, im Zweifel groß geworden ist. Heute fordert der Arbeitsmarkt eine hohe Mobilität, oder Menschen kommen zum Beispiel über eine Dating-App mit jemandem aus einer anderen Gegend zusammen. Das Ergebnis ist in beiden Fällen das gleiche: Man wohnt oft nicht mehr an dem Ort, an dem man aufgewachsen ist. Parallel dazu führen Strukturreformen in der Pastoral zu veränderten Zuständigkeiten. Seelsorgerinnen und Seelsorger stehen vor der Herausforderung, wie sie mit den Menschen vor Ort in Kontakt treten können.
Eine Kirche, die Menschen willkommen heißt
Die Phase, für eine neue Stelle oder der Liebe wegen umzuziehen, wird nicht selten von der zur Familiengründung abgelöst. Und hier kommt eine kleine, aber wie ich finde, nicht zu unterschätzende pastorale Möglichkeit ins Spiel: ein Gruß zur Geburt des Babys, versehen mit Informationen und persönlichen Einladungen. Er hat das Potenzial, mit der wichtigen Zielgruppe der Familien den Kontakt (wieder neu) anzuregen und steht ganz grundsätzlich für eine Kirche, die neue Menschen willkommen heißt – seien sie neu zugezogen oder so entfremdet, dass sie mit den lokalen Gegebenheiten nicht mehr vertraut sind.
In meiner Pfarrei flatterte er nach den Geburten unserer beiden Kinder in den Briefkasten und hat uns positiv überrascht. In den ersten Wochen mit einem Kind sind viele Eltern sehr emotional und berührt von dem Geschenk des Lebens. Jede Karte und jede Aufmerksamkeit nähren den Zauber dieser ganz besonderen Zeit. Es ist schön und zeugt von Anerkennung, wenn sich die eigene Kirche hier einreiht. Solche kleinen Gesten haben eine hohe Strahlkraft.
Der Neugeborenengruß in meiner Pfarrei besteht aus einem Geschenk – einem Engel – und einem kleinen Heftchen. Darin wird ein wichtiges Zeichen gesetzt, indem die Familien explizit zu den Sonntagsgottesdiensten eingeladen werden. Von Freundinnen weiß ich, wie viele junge Eltern damit hadern, mit ihren Kindern in die Kirche zu gehen, solange die es noch nicht schaffen, eine Stunde still zu sein und an ihrem Platz zu bleiben. Immer wieder höre ich von negativen Erfahrungen, schiefen Blicken und Kommentaren. Hier macht die kleine Broschüre von Anfang an klar, dass Familien willkommen sind. Entscheidend ist, diese Atmosphäre in der Praxis umzusetzen und für Kinder, die sich auch in der heiligen Messe wie Kinder verhalten, ein weites Herz zu haben.
Selbstverständlich erwähnt das Heft auch die Möglichkeit zur Taufe, bleibt dabei aber so knapp, dass sich kirchenfernere Adressaten nicht überrumpelt fühlen. Besonders gelungen finde ich die letzte Seite des Neugeborenengrußes. Darauf sind vier Gutscheine gedruckt, die einzeln abgeschnitten werden können: für ein Kindergebetbuch, für Kaffee und Kuchen für die ganze Familie beim Pfarrfest, für Gesprächsangebote mit dem Pastoralteam und für den unendlichen Segen Gottes. Selbstverständlich braucht es nicht für all diese Punkte einen echten Gutschein. Seelsorge ist immer für alle da, Gottes Segen sowieso. Aber die Gutscheine rufen auf positive Weise in Erinnerung, wie der Glaube an Gott und die Gemeinschaft in einer Pfarrei das eigene Leben bereichern können. Und nicht zuletzt ist vielen Menschen heute wohl nicht mehr bewusst, dass sie jederzeit kostenlos Seelsorge in Anspruch nehmen können.
Der Clou an dem Gutschein für das Gebetbuch ist, dass es im Pfarrbüro abgeholt werden kann. Wer das macht, tritt wortwörtlich über die Schwelle. Es entsteht ein erster Kontakt mit der Pfarrsekretärin oder auch mit einer Seelsorgerin oder einem Seelsorger, die vielleicht zufällig vorbeikommen. Die Kirchengemeinde bekommt konkrete Gesichter. Die Idee des Kuchengutscheins beim Pfarrfest ist ähnlich: Menschen werden motiviert, an einer Veranstaltung der Pfarrei teilzunehmen und sich kennenzulernen. Oft ist es eine kleine Überwindung, hinzugehen, wenn man nicht weiß, wer noch kommt. Aber gerade mit Kindern ergeben sich schnell Gespräche mit anderen Eltern über den besten Kindergarten, das Jonglieren zwischen Beruf und Kinderbetreuung, das Eltern-Werden und Paar-Bleiben …
In der katholischen Kirche ist noch viel Luft nach oben für gelebte Familienfreundlichkeit. Oft wird sie eher in überhöhenden Worten als in handfesten Strukturen gelebt.
Ohne Zweifel: In der katholischen Kirche ist noch viel Luft nach oben für gelebte Familienfreundlichkeit. Oft wird sie eher in überhöhenden Worten als in handfesten Strukturen gelebt. Ich denke an gepflegte Spielecken in der Kirche, einen warmen, sauberen und gut auffindbaren Wickel- und Stillraum nebenan, familienfreundliche Angebote mit der Möglichkeit zur Kinderbetreuung und vieles mehr. Aber der "Neugeborenengruß" ist ein erster Anfang, auf dessen Basis weitergedacht werden kann: Wo leben wir in unserer Pfarrei Familienfreundlichkeit, wo könnten wir noch nachrüsten? Und auf jeden Fall ist er eine Chance, der Kirche vor Ort ein freundliches und einladendes Profil zu verleihen.