Gott und das LeidCrans-Montana: Papst Leo XIV. trifft die richtigen Töne

Keine schnellen Erklärungen, kein schwacher Trost: Der Papst fand in der Begegnung mit Angehörigen nach der Tragödie von Crans-Montana die richtigen Worte.

Papst Leo XIV. spricht am 15. Januar 2026 mit Angehörigen der Opfer des Brands in Crans-Montana und hält die Hände einer Frau.
Papst Leo XIV. sprach am 15. Januar 2026 mit Angehörigen der Opfer des Brands in Crans-Montana.© Vatican Media/Romano Siciliani/KNA

Das war kein einfacher Termin für den Papst. Mitte Januar traf er im Vatikan Angehörige der Opfer der Brandkatastrophe im Schweizer Skiort Crans-Montana, bei der in der Silvesternacht 40 Personen, darunter viele junge Menschen, starben und knapp 120 verletzt wurden. Was Leo XIV. den Familien und Freunden zu sagen hatte, lässt aufhorchen.

Er beginnt mit Fragen, statt mit Antworten:

"Was soll man in einer solchen Situation sagen? Welchen Sinn soll man solchen Ereignissen geben? Wo findet man einen Trost, der dem, was ihr erlebt, gerecht wird […]?" Ungewohnte, tastende Formulierungen für den Stellvertreter Christi. Hier spricht ein Papst, der sich zunächst in die Menschen, die ihm begegnen, hineinversetzt. Er unterstreicht, dass ihr Leid keinen Vergleich zulässt. Und er teilt ihre drängendste Frage, anstatt sie zu beantworten: Warum ist das passiert? Nur ein einziges Wort sei der Situation angemessen, so der Papst, und zwar der Schrei Jesu am Kreuz: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?"

Wie ernst es Leo XIV. damit ist, nicht vorschnell Deutungen zu finden, bekräftigt er im weiteren Verlauf der Begegnung: "Ich kann Euch nicht erklären, Brüder und Schwestern, warum von Euch und Euren Lieben eine solche Prüfung verlangt wird. Das Mitgefühl und die Worte, die ich heute an Euch richte, scheinen sehr begrenzt und ohnmächtig."

Der höchste Vertreter der katholischen Kirche, der unter bestimmten Bedingungen unfehlbare Dogmen verkünden kann, spricht von der Ohnmacht seiner Worte. Diese Sprechweise fällt auf, und doch ist sie die einzige, die der Situation der Angehörigen so kurz nach der Tragödie gerecht wird. Wie schnell wird Leid in der Kirche und im Glauben wegerklärt! Es wird ein Grund gefunden, warum Gott diese Prüfung schickt. Oder es wird zum Ausdruck von Gottes "perfektem" Zeitplan. Beispiel Fehlgeburt: "Ihr seid ja noch jung, es sollte wohl noch nicht sein." Diese Worte tun mehr weh, als dass sie trösten.

2019 erklärte Papst Franziskus den Missbrauchsskandal damit, dass Gott seine Kirche erneuern wolle. Er sagte damals wörtlich: "[D]er Herr ist dabei, seine Kirche zu reinigen und uns alle zu ihm zu bekehren. Er lässt uns diese Prüfung erleben, damit wir erkennen, dass wir ohne ihn Staub sind". Das kann man so verstehen, als mussten unzählige Kinder, Jugendliche und Erwachsene leiden, damit Gläubige und Kirchenvertreter erkennen, dass sie sich auf Gott ausrichten sollen.

Die Hoffnung ist nicht vergebens

Die Versuchung, das "Warum?" zu beantworten und die Macht Gottes oder des Schicksals dahinter zu vermuten, kennt man in der Seelsorge wie im alltäglichen Leben. Dabei hilft Menschen nach schrecklichen Ereignissen vor allem jemand, der einfach nur da ist, zuhört und das Unfassbare mit aushält. Alles andere fühlt sich an wie der übernächste Schritt, der das Leiden überspringt. Und wenn überhaupt eine Antwort gefunden werden kann, warum etwas passiert ist (oder oft eher: wozu?) dann kann dies jeweils nur in der Ich-Form geschehen, aber nicht aus der Außenperspektive eines Familienangehörigen, eines Seelsorgers – und auch nicht aus der des Papstes.

Leo XIV. spricht anders, sanfter, zurückhaltender. Seine wohltuende pastorale Vorsicht geht jedoch nicht mit einer "schwachen Theologie" einher, die Gott keine Rettungsmacht in dieser Situation zutrauen würde. Betont er bei der Suche nach Antworten die Vorläufigkeit seiner Worte, unterstreicht er die begründete Hoffnung, dass das Leid nicht das letzte Wort haben wird. Hier rekurriert er sogar bewusst auf sein hohes Amt, als wollte er deutlich machen, dass sich die Angehörigen wirklich darauf verlassen können. Sein Wort hat Geltung: "Andererseits bekräftigt der Nachfolger Petri, den ihr heute treffen wolltet, überzeugt und kraftvoll: Eure Hoffnung, Eure Hoffnung ist nicht vergebens, denn Christus ist wirklich auferstanden!"

Dieses Bekenntnis hat nichts mit Vertrösten zu tun. Wenn Menschen einen Priester oder Seelsorger aufsuchen, erwarten sie von ihm, dass er das vertritt, wofür er qua Amt steht. Der Papst hat mehr als deutlich gemacht, dass er sich dieser Erwartung bewusst ist und für sie glaubt, hofft und betet – auch und gerade dann, wenn sie es selbst (noch) nicht vermögen.

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