Augustinus lesenWer zu Gott findet, findet zu sich selbst

Ein 500 Jahre altes Buch, eine 1600 Jahre junge Stimme: Was Augustinus schreibt, klingt so authentisch und frisch, als wäre es eben gesagt worden.

Johannes Hartl
© Rudi Töws

Ein lieber Mensch hat mir ein Buch geschenkt. Ein sehr kleines Buch; es passt in jede Hosentasche. Besonders ist aber nicht seine Größe, sondern das Alter. Gedruckt in Köln im Jahre 1562. Darin enthalten: die Soliloquia des Augustinus in lateinischer Sprache.

Erstaunlich stabil ist die Bindung, alle Seiten sind intakt, selbst der Goldschnitt: Derweil war das Buch schon über 50 Jahre alt, als der Dreißigjährige Krieg begann. Zum Vergleich: ein großer Teil der im Jahr 1976, vor fünfzig Jahren aufgelegten Bücher dürfte heute vergriffen sein. Hier aber ein Text, der vor über 1600 Jahren (im Winter 386/387 in Cassiciacum bei Mailand) geschrieben wurde, in einem fast 500 Jahre alten Buch. Ein Buch, in dem der Verfasser betend nachdenkt und zum Beten anleitet.

Beim Lesen springt mich die Frische dieser so persönlichen Stimme des Augustinus an. Hier wird Gott aus einem glühenden Herzen gepriesen; mit tiefer Zerknirschung wird der eigenen Hinfälligkeit gedacht; mit flammender Leidenschaft um die Nähe des Geliebten gefleht. All das klingt, als wäre es eben erst geschrieben: Ein heutiger Beter erkennt einen anderen Beter in den Zeilen; jemanden, dem es um dasselbe geht. Nichts klingt hier formelhaft, nichts verkrampft.

Es gibt schon einen Grund, warum die Confessiones des Augustinus mitunter als eigentliche Erfindung der Autobiografie bezeichnet werden. Schonungslos schildert der Autor dort persönlich seine Irrungen und Wirrungen bis zu seiner Bekehrung. Solche intime Innenschau ist in der antiken Literatur vorher unbekannt.

Liest man Marc Aurels "Selbstbetrachtungen" daneben, fällt der Kontrast sofort ins Auge. Der Philosophenkaiser hat wirklich bedenkenswerte Weisheiten aus seiner stoischen Perspektive zusammengetragen. Doch für "Selbstbetrachtungen" kommt das Selbst darin doch recht kurz: Der Verfasser bleibt als Person scheu hinter seinen Maximen zurück, man spürt ihn nicht. Emotional entrückt scheint er, verkopft, irgendwie kaum menschlich.

Die individuelle Person, die für die Geschichte der eigenen Seele einsteht: eine christliche Entdeckung – und das nicht nur zufällig.

Ganz anders Augustinus, auch hier in seinen Soliloquia, in diesem alten Büchlein. Erst der spätantike Spätbekehrte schreibt so intim. Die individuelle Person, die für die Geschichte der eigenen Seele einsteht: eine christliche Entdeckung – und das nicht nur zufällig. Es mag wohl zutreffen, was C. S. Lewis einmal gesagt hat: Wie das Salz die Eigenschaft hat, trotz des intensiven Eigengeschmacks das Aroma der anderen Zutaten nicht zu überdecken, sondern erst zum Vorschein zu bringen, so bringe Christus in der Person des Menschen erst die wahre Persönlichkeit hervor.

Ein Gedanke, der auch bei Augustinus stehen könnte. Tatsächlich kommt der Mensch zu seinem eigenen Selbst in dem Maße, wie er sich Gott unterordnet, ist dieser doch der Schöpfer eben dieses Selbstes.

Ein heilsames Korrektiv

Der Schauspieler spielt seine Rolle dann am besten, wenn er sich exakt an die Figur hält, die der Autor erdacht und beschrieben hat. Und weil Augustinus ein solches greifbares Selbst war, tritt er uns auch heute noch als solches entgegen. Denn es ist die Eigenschaft eines authentischen Menschen, andere Menschen ins Herz zu treffen und direkt ansprechen zu können. Dass einem über die Distanz von 1600 Jahren ein Autor nahekommen kann, stiftet eine eigentümliche Verbundenheit über die Jahrhunderte hinweg. Der heute Betende ist diesem lateinischen Beter nah, ebenso jenen vielen Besitzern, die das kleine Büchlein seit 1562 in Händen gehalten und darin ihre eigenen Worte gefunden haben.

Uns Modernen, die sich am Gipfelpunkt der Geschichte entweder weit über die Niederungen der Vergangenen erhaben oder schaurig am baldigen Endpunkt einer zutiefst falschen Entwicklung wähnen, in beiden Fällen freilich einsam inmitten der Epochen, ist solche Leseerfahrung heilsames Korrektiv. Vor uns lebten viele, sie waren Menschen wie wir. Der Mensch, der vor dem Angesicht Gottes wahrhaft er selbst wird: Dieser wird auch andere ansprechen können. Diesem gehört die Zukunft.

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