Hatten die Verschwörungstheoretiker also doch recht?
Sich mit den Epstein-Files zu beschäftigen, ist nichts für schwache Nerven. Zunächst ist die schiere Menge des Materials überfordernd. Das Echte danach noch vom ebenfalls massenhaft kursierenden KI-Generierten aus der Gerüchteküche zu unterscheiden, kommt noch dazu.
Doch das, was bereits jetzt feststeht, offenbart einen Abgrund an menschlicher Bosheit, der schwer zu begreifen ist. Über Jahrzehnte hinweg wurden Minderjährige angeworben, sexuell missbraucht, teilweise wohl auch gequält und getötet. Besonders schockierend ist die Tatsache, dass entsprechende Berichte bereits in den Neunzigern bei den Behörden landeten und überaus lax gehandhabt wurden.
Dass die Akten erst so spät und auch jetzt nur mit vielen Schwärzungen herausgegeben wurden, wirft die unangenehme Frage auf, wer hier wen deckt und welche Verstrickungen einer behördlichen Verfolgung der Straftäter im Wege standen oder noch stehen.
Die Liste prominenter Namen in den Epstein-Files ist schwindelerregend: ein Who is Who der Reichen, Mächtigen und Beliebten. Da sind allen voran Prince Andrew, Bill Clinton und Bill Gates, die häufige Gäste auf Epsteins berüchtigter Privatinsel waren, Prominente wie Woody Allen, David Copperfield und Esoterik-Guru Deepak Chopra oder auch intellektuelle Superstars wie Stephen Hawking, Noam Chomsky und Lawrence Krauss.
Das Netzwerk lässt sich kaum eingrenzen: Neben den bereits erwähnten eher linken Politikern tauchen dort auch Steve Bannon auf, ein Vordenker der neuen Rechten, sowie Peter Thiel und Donald Trump, wobei Trumps Rolle bis heute besonders umstritten ist. Nicht nur Männer stehen auf der Liste: Frauen wie Naomi Campbell und die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit standen in engem Austausch mit Epstein. Seine Lebensgefährtin Ghislaine Maxwell spielte sogar eine besonders zentrale Rolle in der Akquise neuer Mädchen.
Dass ein Name in den Akten auftaucht, ist zwar noch kein Beweis für persönliche Schuld – und doch: All diese Personen bewegten sich im engsten Umfeld eines pädophilen Kriminellen, der minderjährige Mädchen systematisch anwarb und missbrauchte – und dabei immer mächtiger und reicher wurde: Epstein unterhielt ein Netzwerk aus Kontakten in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, in dem "Philanthropie", Forschung und Investitionen sich gegenseitig durchdrangen. Er behielt seinen Einfluss und seine gesellschaftliche Stellung auch, nachdem er 2008 erstmals verurteilt wurde und eine Gefängnisstrafe abbüßen musste.
Das Böse wuchert
Was folgt aus alledem? Aus christlicher Sicht zunächst die wichtige Einsicht: Es gibt das Böse. Jede Weltanschauung braucht eine Theorie des Bösen. Das Christentum liefert eine besonders pragmatische: Das Herz jedes Menschen ist anfällig für Versuchungen.
Dass wir die Verführbarkeit primär bei den anderen sehen, ist dabei die Gefahr des Pharisäers in uns. Auch die Epstein-Files bieten die Gelegenheit, uns selbst im Gegensatz zu solchen Abgründen für moralisch überlegen zu halten. Doch in Wirklichkeit sind mächtige Menschen nicht besonders böse und besonders anfällig. Sie haben nur mehr Möglichkeiten, das Böse, das sie anstreben, auch in die Tat umzusetzen.
Denn das Böse besteht darin, etwas zu tun, was man ersehnt, obwohl es nicht richtig ist. Die Tat jedoch befriedigt das Herz nicht, und so will man immer mehr. Auch pädophile Sadisten beginnen in der Regel nicht als Bestien, sondern sie werden erst nach und nach dazu.
Taten wie jene Epsteins zeigen auf schockierende Weise, was passiert, wenn jemand wirklich einfach genau das tut, was er will.
Das Böse wuchert. Während alle Religionen einen kritischen Umgang mit den eigenen Wünschen lehren, ist die säkulare Moderne der freien Entfaltung des Selbst verpflichtet. "Tu was du willst", das ist übrigens auch der Leitspruch des modernen Satanismus. Dieser krasse Hinweis zeigt, dass das Ausleben der eigenen Begierden und Wünsche eben keinesfalls so harmlos ist, wie es uns in praktisch jeder Werbung suggestiv verkauft wird.
Taten wie jene Epsteins zeigen auf schockierende Weise, was passiert, wenn jemand wirklich einfach genau das tut, was er will. Freilich gehört zur christlichen Theorie des Bösen auch: Das Böse ist nicht unendlich. Es läuft sich tot, es kommt irgendwann ans Licht. Das Böse ist nicht stärker als das Licht.
Für die Opfer kommt dieser Trost jedoch zu spät. So bleibt am Ende eine Frage, die theologisch heute eher unpopulär ist: jene nach Gott, dem Richter. Wird er wirklich Recht schaffen und den zahllosen unschuldigen Opfern Gerechtigkeit zuteilwerden lassen? Darauf hoffen Christen und bekennen, dass das Gute über das Böse triumphieren wird. Nicht der Zynismus oder die grenzenlose Desillusionierung, die fortan nichts anderes sehen kann als nur Verschwörungen, sind die Lösung. Es sind die Liebe, das Gebet und der Glaube an Jesus, der die Welt überwunden hat, die alleine die wirkliche Antwort sein können auf namenloses Übel.