Um zu wissen, was richtig und falsch sei, brauche er keine Religion; so ließ der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez vor wenigen Tagen verlauten.
In seiner selbstbewussten Aussage steht er in der großen Tradition der Moralphilosophie seit der Aufklärung: Die Würde und die Aufgabe des Menschen bestehen demnach in seiner Autonomie. Sich selbst ein Sittengesetz geben zu können und das auch zu müssen – genau das begründet nach Kant die Sonderstellung des Menschen in der Welt.
Diese wirkungsvolle Idee verdankt sich einer tiefen Einsicht: Würde man nämlich annehmen, dass das Sittengesetz dem Menschen rein äußerlich gegenübersteht und ihn lediglich zum Gehorsam verpflichtet – also ein Modell, in dem moralische Gebote von außen auferlegt werden –, dann wäre der Mensch tatsächlich nicht frei, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Wäre ein solches, auf äußerem Zwang beruhendes Modell religiös motiviert, es hätte wenig mit der biblischen Rede von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zu tun.
Nein, der Mensch ist tatsächlich verpflichtet, sich selbst Rechenschaft über seine Handlungen zu geben und mithilfe seines Gewissens die Herrschaft eines Sittengesetzes in sich selbst aufzurichten.
Die Frage lautet nun aber: Gibt es Kriterien für ein solches autonomes Sittengesetz – oder ist hierdurch dem moralischen Selbstbetrug nicht Tür und Tor geöffnet?
Leben und Tod
Freilich gibt es auch bei Kant Handlungen, die grundsätzlich und immer verboten sind. Dazu gehört der Selbstmord; denn wenn das Leben selbst kein verbindlicher Wert mehr ist, fällt alles andere auch.
Ganz frei von moralischen Bedenken formuliert der Existenzialist Albert Camus es einmal so: Die einzig relevante Frage der Philosophie ist die nach dem Selbstmord. Klar, denn wer sich das Leben nimmt, so lakonisch gesprochen, für den hat sich alle weitere Philosophie auch erübrigt.
Tod und Leben, hier scheint es sich tatsächlich zu entscheiden. Pedro Sánchez jedenfalls meint, für moralische Fragen keine religiöse Instanz bemühen zu müssen.
Nun ist es freilich erst wenige Tage her, dass in Spanien eine 25 Jahre junge Frau namens Noelia Castillo assistierten Suizid beging. Der Fall ist besonders, weil die staatlich unterstützte Selbsttötung erstmals aufgrund einer psychischen Diagnose genehmigt wurde. Castillo war Opfer einer Vergewaltigung geworden, litt unter Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Dass der Staat, der die physische Sicherheit einer jungen Frau vor sexueller Gewalt offenbar nicht gewährleisten konnte, ihr jetzt implizit den Suizid als Lösung "vorschlägt", ist ein schockierender Skandal.
Im Streit um den assistierten Suizid wird gemeinhin mit dem Argument der Barmherzigkeit agiert: Gewisses Leiden sei nicht zumutbar und der Wunsch nach selbstbestimmtem Sterben deshalb verständlich. Die besondere Schwierigkeit erhellt sich aber leicht aus der vorliegenden Situation: Bei einer Depression handelt es sich um eine durchaus heilbare Erkrankung, und wenn die Selbsttötung als legale Option für eine junge Frau angeboten wird, entsteht dadurch eine Verschiebung in der Wertehierarchie: Der Tod als eine gleichberechtigte Möglichkeit neben dem Leben mit einem (freilich nicht unüberwindbaren) Leiden?
Ein Autonomiebegriff der reinen Willkür wird hier tatsächlich nichts einwenden können. Weshalb denn sollte das Leben besser sein als der Tod, so könnte überspitzt gefragt werden.
Der Fall zeigt, dass eine völlig freischwebende Moralbegründung an sehr reale Grenzen stößt, nämlich an der Frage, weshalb überhaupt das Leben dem Tod vorzuziehen sein sollte.
Erstaunlich aktuell und keinesfalls selbstverständlich klingen hier die Worte am Ende des Buches Deuteronomium: "Das Leben und den Tod habe ich euch vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen", spricht hier Gott (Dtn 30,19). Gott ist der Schöpfer und Herr des Lebens und deshalb auch der Garant des Primats über den Tod.
Nun mag Pedro Sánchez solche religiöse Grundierung intuitiv ablehnen, doch der konkrete Fall zeigt, dass eine völlig freischwebende Moralbegründung an sehr reale Grenzen stößt, nämlich an der Frage, weshalb überhaupt das Leben dem Tod vorzuziehen sein sollte.
Der kürzlich verstorbene Philosoph Jürgen Habermas, dessen Anliegen die Selbstvergewisserung säkularer Vernunft im "nachmetaphysischen Zeitalter" war, dürfte der Aussage Sánchez' nicht ohne Sympathie gegenübergestanden haben. Diskursive Ethik, also ein Gespräch auf Augenhöhe, das Differenzen möglichst fair aushandelt, kann sich nach Habermas durch ihre eigene Praxis begründen. Auch hier braucht es nichts Absolutes, schon gar keine Religion.
Fundamente
In seinen späteren Jahren stellte der deutsche Philosoph sich allerdings immer öfter die Frage, ob es nicht doch Sinngehalte in der Sprache des Glaubens gebe, die (noch) nicht ins Säkulare übersetzbar seien.
In seinem Dialog mit ihm legte Joseph Ratzinger den Finger noch tiefer in die Wunde: woher sei eigentlich die Zuversicht zu nehmen, dass die von Habermas vorausgesetzte säkulare Rationalität westlicher Prägung jeder Ratio einleuchte? Leuchtet sie der islamischen ein?
Frei verhandeln, reflektieren und sich selbst Gesetze geben kann der Mensch nur, wenn er mit den Füßen auf etwas Festem steht, das selbst nicht verhandelbar ist.
Noch krasser gesagt: weshalb sollte ich denn überhaupt einen freien Diskurs anstreben? Ist das ganze Bild von der "idealen Sprechsituation" nicht bereits einem historisch gewachsenen Vernunftkonzept geschuldet, das der engen Verbindung zwischen christlichem Erbe und rationaler Reflexion in der säkularen Neuzeit entspringt? Ja, weshalb sollte ich überhaupt am Aushandeln von Wahrheitsansprüchen teilnehmen, wenn ich meine Sicht der Dinge doch ebenso gut mit Gewalt durchsetzen könnte?
Wie für Sanchez gilt: frei verhandeln, reflektieren und sich selbst Gesetze geben kann der Mensch nur, wenn er mit den Füßen auf etwas Festem steht, das selbst nicht verhandelbar ist.
Zum Beispiel: dass das Leben besser ist als der Tod; dass die Wahrheit grundsätzlich jeden Machtanspruch übersteigt und übersteigen muss. Weigert man sich, solche Axiome anzuerkennen oder zu formulieren, betritt man keinen Raum der größeren Autonomie, sondern schafft diese nach und nach ab. Das Wort mag einem nicht gefallen, doch Werte, die nicht mehr hinterfragt, sondern festgehalten werden, weil man sich an sie bindet, nennt man: religiös. Ohne sie gähnt vor uns das Nichts.