Einige Rezensenten der "Poems & Prayers" von Matthew McConaughey fanden die Lyrik des Hollywood-Schauspielers zunächst etwas fad. Als das Buch im September 2025 erschien, fragte die Washington Post irritiert: Echt, jetzt ist er auch noch ein Dichter?
Wie versöhnt man in der zeitgenössischen Poesie die Allüren einer blassbebrillten Avantgarde, die gerne leidet und verschmäht, mit dieser Cowboy-Persona, die findet, "Poesie ist so 'ne entspannte Art, sich den Fragen des Lebens zu stellen"? Ois easy. Man hört beim Aussprechen dieser Verse die unbesorgten Dehnungen mit osttexanischen Duktus, mit süßlich-herbem Kautabak in der Wangentasche. Etwa in diesem Gedicht:
"Zeit und Wahrheit
Zwei Zwänge, worauf
du dich verlassen kannst.
Eine drängt sich stets auf,
die andere geht nie fort."
Ja, die Gedichte sind kein tüftelnder François Ozon-Film. "Nur ein einziger Schritt mehr," heißt es in einem McConaughey-Poem, "von uns allen, verändert die Welt." Oder sein Haiku: "Das Genie vermag / alles, macht aber nur eins / nach dem anderen." Es ist leicht, sich über diese Chiasmen und Paradoxien à la Dr. Seuss lustig zu machen. Man kennt diesen Ton von Priestern und Ordensleuten, die sich dichterisch betätigen.
Sternchen auf der Reise ins Innere
T. S. Eliot, Hart Crane und Elizabeth Bishop drehen sich in ihren Gräbern, einerseits. Auf der anderen Seite richtet Matthew McConaughey durch seinen Rizz ein helles Licht auf Poesie als Kunstform innerhalb der Kultur. Vor seinem Gedichtband legte McConaughey mit "Greenlights" (2020) mitten in der Covid-19-Pandemie eine Lebensphilosophie vor, die sechs Millionen Exemplare verkaufte.
Matthew McConaughey ist freilich nicht das erste Sternchen, das mit poetischen Mitteln eine Reise ins Innere machte. Auch die Schauspieler Leonard Nimoy (Dr. Spock vom Raumschiff Enterprise) oder Megan Fox veröffentlichten Poesie. Nicht zu vergessen der 39. Präsident der USA, Jimmy Carter: Seine Gedichte erschienen 1995 in der Sammlung "Always a Reckoning and Other Poems."
Oberflächlich – und voller prophetischer Unruhe
Die biblische Prophetie bringt Werte und Überzeugungen neu vor ihr Publikum. Sie sind eher selten selbst die Quellen von Weisheit. Vielmehr sind sie Katalysatoren: Sie schärfen Ideen neu an, spitzen sie zu, verhelfen ihnen zu Gehör in der lärmenden Welt, stellen sie in akute Zusammenhänge, sodass ihre Buchstaben an Dringlichkeit gewinnen. Sie bündeln bereits zirkulierende Unruhe und Stimmungen. Sie zwingen eine diffuse Öffentlichkeit im richtigen Moment, hinzuhören. Amos greift die gängigen Sozialklagen seiner Zeit auf, Jeremia wiederholt den paränetischen Ton früherer Gerichtsprediger, Hosea inszeniert ein privates Drama, das andere längst kannten. Nicht selten sind Propheten abstoßend, halbseiden und zwielichtig.
In den Gedichten von Matthew McConaughey taucht diese prophetische Unruhe erneut auf. Beim Interview mit Podcaster Theo Von sagt der Schauspieler, dass er das Instantane und Momenthafte der analogen Welt vermisse. Heute seien die Menschen nicht im Moment, sondern nur in der Reproduktion von Momenten beschäftigt: "Es geht nicht darum, den Moment zu erleben und ihn vergehen zu lassen. Die Leute filmen sich in ihren Momenten und erleben ihren Moment als etwas Anderes."
Es ist auffällig, dass zahlreiche Celebrities, darum ringen, die Einmaligkeit des Augenblicks zu ermessen. Ständig filmen und fotografieren wir mit dem Smartphone diese Augenblicke: "Auf diese Weise besitzen wir Augenblicke und erleben sie aus der Perspektive anderer Menschen. Es ist, als ob wir uns ständig selbst in der dritten Person erleben." Matthew McConaughey verfolgt die Spur zu dem, was authentisch ist, was unverfügbar ist, was eine unveräußerliche, auch unwiederholbare Dignität besitzt – was in sich wertvoll ist.
Egal, für wie oberflächlich man diese Gedichte halten mag, die Unruhe, die sie antreibt, hat ebendiese prophetische Kraft.
Wieder ins Lot kommen
Man folge im Übrigen auch der Spur einer weiteren Prophetin: Pamela Anderson veröffentlichte einen Gedichtband, besonders aber der Substack – The Open Journal – des ehemaligen Playmates sprudelt nur so von narrativen und epigrammatischen Texten, die die Konturen des Spirituellen abtasten: "Ich habe die Dinge ganz gefühlt … intensiv … mit Sorge und Leidenschaft."
Eine Richtschnur misst nicht die Tiefe eines Gedankens, sondern lotet aus, ob er noch ausgerichtet ist. Manchmal, denke ich, reicht das schon, um in einer schiefen Gegenwart wieder ins Lot zu kommen.