#49 StressballÜber den Zorn der Theologen

Ostentative Gelassenheit: eine theologische Vermeidungsstrategie und ihre Grenzen.

Stressball
© Synodaler Weg/Maximilian von Lachner

Warum sind ausgerechnet Theologen so empörungswillig? John Stuart Mill diskutiert ironisch in seinem Essay On Liberty die sprichwörtliche Vorstellung vom Odium theologicum, dem theologisch motivierten Hass. Und tatsächlich, warum baden gerade religiös formierte Menschen in intensiven (negativen) Gefühlen? Warum sind sie darin so befangen?

Besuch bei Dr. Tiefenentspannt

Ich besuchte einmal einen Theologen im Weinviertel: Seine Lieblingsvokabel lautete "tiefenentspannt." Sein großes theologisches Thema kreiste um "Gelassenheit." Er bearbeitete dieses "Phänomen" mit einem geradezu heideggerianisch anmutenden Sprachfetisch, das heißt, er umtänzelte den Begriff gymnastisch in all seinen morphologischen Varianten – loslassen, auflassen, ablassen, verlassen, einlassen, lässig usw. Er sprudelte vor Sätzen wie "Bewusstes Auslassen führt zur Gelassenheit". Er sagte, man müsse "lassen können", lassen sei "wichtiger als tun" und wer sich ganz auf die Welt einlasse, der wisse, "dass Gott ihn nie verlassen wird". Thesen von dieser Art.

Der Weinviertler Theologe, ein Laientheologe, praktizierte also eine sanfte Passivität. Sooft ich ihn etwa bei einer Konferenz oder einer Tagung traf, sagte er ohne meine Nachfrage: "Jaja. Ich bin tiefenentspannt!" Auch der rhetorische Nebel, in den er sich hüllte, waberte nur so in einer Sprache der Empathie, der Achtsamkeit, des Lebens-und-Leben-Lassens und der Nächstenliebe.

Er hörte geduldig zu, zupfte an seinem an Reinhold Messner erinnernden Bart, formulierte seine Redebeiträge in einer ostentativ gewaltfreien Sprache, die keine Widerrede duldete. Er war ein vorbildlicher Katholik, der nur wollte, dass alle miteinander auskämen und die Kirche "anschlussfähig" bleibe an "die Gesellschaft." Ein lieber Kerl, der sich pünktlich in den Ruhestand begab, um ausgiebig auf Radtouren zu gehen.

Doch irgendwann bemerkte ich, dass Dr. Tiefenentspannt mit der Hand auf einem roten Schaumgummiball herumquetschte. Krampfhaft. Die ganze Konferenz lang. Wenn er in seinem Büro sinnend vor einer geöffneten E-Mail in seinem Sessel wippte, dann knirschte er mit den Zähnen, bis sich sein Kiefer beulte.

Zunehmend begriff ich, dass unter der friedlichen, ja arglosen Fassade ein heftiger Zorn schwelte.

Dr. Tiefenentspannt widersetzte sich nie direkt. Er hasste die Kleriker und erfüllte doch alles, was sie wollten. Er hasste alles, was er für konservativ hielt, war aber selbst beharrlich in seiner frappierenden Trägheit. Nie suchte er die offene Konfrontation. Er blockierte Projekte, indem er sich umständlich und mühsam zeigte. Dr. Tiefenentspannt – er war ein Meister der passiven Aggression.

Zunehmend begriff ich, dass unter der friedlichen, ja arglosen Fassade ein heftiger Zorn schwelte. Was ich für intellektuelle Faulheit, mangelnde Neugier und stupende Geistlosigkeit hielt, war in Wahrheit nur dem geschuldet, dass ihm alles auf die Nerven ging, was mit der Kirche zu tun hatte. Seit Jahrzehnten. Er hatte sich eingeredet, er sitze in einem sinkenden Schiff. Er hatte sich mit dieser Autosuggestion scheinbar gelassen arrangiert, sodass seine wohlmeinende, aber ziellose Arbeit von außen betrachtet wie ein gewaltiger Grift vor dem Herrn erscheinen muss. Für den Zorn, der in ihm schwelte, entwickelte er in seiner Arbeit aberwitzige Ventile, versteckte Druckablasser, die man mit unangenehmen Angewohnheiten verwechseln konnte.

Später erfuhr ich, dass er zweimal im Jahr eine kassenärztlich bezahlte Kur wegen Burn-out machte, bei der er stundenlang auf ein Schlagzeug einprügelte, das er nie gelernt hatte zu spielen. Therapie halt.

Lass Dich irritieren

John Stuart Mill meinte, dass eine liberale Toleranz – sagen wir ruhig: eine Laissez-faire-Haltung – nur durch die Ausklammerung, ja, die bewusste Suspension von Glaubensartikeln möglich sei: Er schrieb: "Intoleranz ist den Menschen hinsichtlich dessen, woran sie zutiefst glauben, so natürlich angeboren, dass religiöse Freiheit nirgends wirklich praktiziert wird, außer wo es ein religiöser Indifferentismus ist, der sich vom Streit der Theologen nicht stören lassen will."

Positiv gewendet: Lass dich irritieren und zelebriere deine Irritation, sonst bist du kein Theologe. Genauer gesagt: Gelassenheit ist Gift für die Religion.

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