Das "Alle Jahre wieder" liegt hinter uns. Nachdem mit dem 1. Advent das neue Kirchenjahr begann, fängt mit dem 1. Januar auch das Kalenderjahr erneut an. Das Christentum strukturierte die menschliche Zeitwahrnehmung auf nachhaltige Weise. Es privilegierte durch die liturgische Praxis eine Struktur von periodischer Wiederkehr. The show must go on.
Die Himmelsrose ist kein Karussell
Die Zeit wird durch diese Kreisbewegung jedoch nicht nur christianisiert: Sie wird mit dem Blick einer christlichen Institutionalisierung und Inkulturation geschaut. Diese periodische, zyklische, sphärische Matrix kontaminiert die religiöse Empfindung. Sie schreibt ihr etwas vor, das uns nicht immer bewusst ist: Wir reden vom Rosenkranz oder davon, ob ein Gottesdienst "rund" lief. Predigen werden "abgerundet." Die Apostel bilden einen "Kreis." Die Engel musizieren in Sphären. Gläubige hocken im Stuhlkreis. Die Kirchenbeamten orakeln in Arbeitskreisen. Pfarren werden zu "pastoralen Kreisen" zusammengeführt. Der Papst verfasst Enzykliken, die Lektürekreise rezipieren.
Alles kehrt wieder, nichts hört auf. Gibt es nicht den ersten Schöpfungstag, den Karfreitag oder das Jüngste Gericht? Ist das nicht schon genug Disruption? Sicher, aber was bedeuten Anfang und Ende schon, wenn sie zuverlässig ineinanderfließen. Kurzum: Die christliche Imagination anästhesierte sich selbst, als sie diese zyklische Dynamik, die ihr ja innewohnt, privilegierte. Damit einher vollzieht sich eine Entdramatisierung des religiösen Empfindens im behäbigen Komfort zeremonieller und ritualisierter Gottesdienstbarkeit.
Mehr Ballistik
Aber was, wenn Offenbarung nicht wiederkehrt? Was, wenn sie nicht einübt, sondern einschlägt? Wenn alles, was Gravitas, was Gravität hat, wenn alles, was der Schwerkraft trotzt, Anfang und Ende hätte - einmal, unwiederholbar? Anstrengend im Aufstieg, unerklärlich am Scheitel- und Wendepunkt, alles erschütternd, ja explosiv in der Niederkunft.
Die theologische Aviatik sollte nicht auf den Looping begrenzt sein. Daneben braucht es mehr Ballistik. Denn: Religion, das ist nicht nur Einübung und repetitive "Verkostung" von Sinn-Reservoirs; Religion, das ist eruptives Aufschwingen, Sich-Übernehmen, Sich-Erheben, das ist: Aufschwung und Sturz. Die beiden Enden der Parabel besagen: Es bedarf einer projektiven Energie, einer gewissen Fliehkraft, um dem Irdischen zu entfliehen; sowie eine unerklärliche Wendung am Scheitelpunkt der Kräfte, wo die Anziehung trägt, eine andere Schwerkraft einsetzt; und schließlich furiose Niederkunft in eine Realität, die erschüttert und irreversibel transformiert sein wird.
Engel der Verkündigung
Unter den Malern begriffen wenige diese erschütternde Einmaligkeit der religiösen Herausforderung. Offenbarung, das ist ein ballistischer Augenblick, ein Einschlag. Diese ballistische Dramatik stellte Jacopo Tintoretto in den frühen 1580er-Jahren dar. In der Verkündigungsszene des marianischen Bilderkreises in der Scuola Grande di San Rocco.
Jacopo Robusti Tintoretto, Verkündigung
© Jacopo Tintoretto, Public domain, via Wikimedia Commons
Eine seltene Darstellung der Verkündigung. Nicht wie ein heimlicher Lover stiehlt sich der Engel in die Kammer, in der Maria betet. Er schreitet nicht auf sie zu, steht nicht einfach vor ihr oder kniet nieder. Der Himmelsbote stürzt vom oberen Bildrand in die Mitte der Szene herein. Hört man hier nicht die Baudelaire-Verse anklingen? "Umsonst wollte ich des Raumes / Ende und Mitte finden; / Unter irgendeinem Feuerauge / bricht, ich spüre es, mein Flügel." (Les Plaintes d’un Icare, dt. Klagen eines Ikaros).
Hereinbrechende Erschütterung
Über ihm, in einem leichten Bogen, purzeln Cherubim hinter einer Kamikaze-Taube her. Man hat den Eindruck, die Taube werde verfolgt von einem Schwarm Raubvögel. Der obere Bereich des Gemäldes ist finster. Himmel und Zimmerdecke sind dunkel. Neben der Taube leuchtet Licht nur vom Boden her. Die Welt jenseits des Raumes, darin Maria sitzt, präsentiert sich als eine Trümmerlandschaft. Sie ist die chaotische, heillos zugestellte Werkstatt, darin sich Josef müht.
Maria scheint sich erschrocken dem Hereinbrechenden zugewandt zu haben. Kurz davor war sie offenbar nicht im Gebet vertieft, sondern saß an der Spindel (italienisch rocchetta). Sie ist offenkundig erschüttert. Doch der Engel zeigt nicht nur auf die Taube: Er scheint ebenso bestürzt, als möchte er noch dazwischenfahren.
In Tintorettos Gemälde wirken enorme Kräfte. Die Hauptfiguren werden durch ihre Begegnung autonom; doch zugleich spielt sich ihre Freiheit in einer dramatischen Finalität ab, der sie ausgesetzt sind. Man wird an die Engel aus John Miltons "Paradise Lost" erinnert, die am Saum der Unendlichkeit auch der Wucht der Gottlosigkeit und des Verrats ausgesetzt sind. Auch sie stürzen. Nur anders.
Hier ist keine müde Elevation, sondern umstürzende Gewalt im Spiel. Brächte es hier nicht eine ballistische Sprache, vielleicht von den Futuristen gestohlen? Hier vollzieht sich ein neuer Anfang vom Anfang her. Ist kein Kreis, sondern eine Parabel. Hier gibt es kein Repeat. Nur eine explosive Wucht, die wirft oder verwirft.