Das bayerische Pressefoto des Jahres 2025 in der Kategorie "Land und Leute" mit dem Titel "Die höchste Instanz" (Marcus Schlaf) zeigt einen Pastoralreferenten über einem schneebedeckten Gipfelpanorama. Er schaut in die Weite, sein Gewand glockenförmig wie die Berge selbst, von den Niederungen durch eine Nebelschicht getrennt. Ein Gleichnis, mitten aus der Boomer-Eschatologie.
Blauweiß ist noch kein Beweis
Ein Foto ganz in Blauweiß. Neuerdings verspürt man im Freistaat wieder einmal eine innige Sehnsucht nach dem Gebirg, wo bekanntlich die Wurzeln des Menschen im Himmel liegen und die Jause doppelt so gut schmeckt. Denn gerade Après-ski und Hüttengaudi machen die Menschen in dieser frostigen Jahreszeit, umringt von Gipfelkreuzen und Neuschnee, brünstig nach Ewigkeit.
Überhaupt sind Gipfelkreuze vielleicht, symbolisch gesehen, eine der erhabensten Übergriffigkeiten christlicher Landschaftspflege. Schlicht und dominant überragen sie noch das höchste, tektonische Aufbäumen der Natur und signalisieren der darunterliegenden Welt, wer hier die Hölzer übereinanderschlägt.
Anders als verhuschte Grottenausgestaltungen mit Muscheln, Perlmutt oder Koralle sind Gipfelkreuze Insignien eines Höhenkultes, drahtseilig festgezurrt, um auch dem stärksten Orkan lässig zu trotzen. Witzigerweise finden sich darunter zum Beten besonders solche Christen und Christinnen, die auch gerne um die Lagerfeuer zur Gitarre singen.
Religionskritik in Versen
Gut, dass der Lyriker und Renaissance-Forscher Tobias Roth und sein Kollege Daniel Bayerstörfer aus München helfen, dieser symbolistischen Hochstapelei zu entkommen. Ihr vor einigen Tagen veröffentlichtes Kurzepos Kreuzfällen entwickelt sowohl eine antisymbolistische Poetik als auch eine religionskritische Methode. Das Ganze in Gestalt einer Story. Versifiziert, versteht sich. Seit Mitte der 1790er Jahre, so behaupten die beiden Mythographen Roth und Bayerstörfer, werden jedes Jahr Dutzende Gipfelkreuze gefällt. Die Autoren erzählen deren Geschichten. Eine Art Revue poetischer cold cases. So geht es los:
"Da leuchtet doch was. Da röten sich die Sägeblätter,
flackern Sichtzeichen jäh vom Gipfel herab,
nämlich Gipfelkreuze um-, den Gipfel so aus
betreffenden Registern gesägt, ein Ritsch, ein sanftes
Bersten — Ratsch. Quarzende Spreißel, Felsen-Asche,
die Wolken morsch, Schwalbe — ein Fleckchen Dämmerung
an der Kehle — RATSCH. Wer mag das gewesen sein? Denk nach
und lass den Schnee dort übernachten, im Götterquergang
ist dir die Nase abgefroren und man
hat sie durch eine goldene ersetzt, jetzt wird der Berg beklettert,
doch jeder Berg, auch der Berg-an-sich, wuchtig
mehr Volumen als geologische Kontur, reicht
nicht nur bis in die Gespräche, in ihren metamorphen Dolomit,
er reicht in die Frage:
Welche der vier Wände soll man nehmen?"
Diese ungelösten Fälle in Kreuzfällen führen über neunzig Seiten und in surrealistischer Erzählweise ein geradezu kontemplatives Entzücken herbei. In Kreuzfällen geht es, so heißt es vom Berliner Verlagshaus Johannes Frank, bei "der Zerstörung des Symbols auch um den Abbau des Symbolisierten." Nein, nein. Nicht zum x-ten Mal ein österreichischer Anti-Heimat-Stoff in Versen, stattdessen melismatisch kantige Poesie aus Bayern, wie es etwa im Abschnitt "des leiwandste" deutlich wird:
von sequoiahohem Phlox,
von spaghetti al ragù im Räuberpavillon, von Kristallprismen
auf den Höhenlinien Stadtkronen, wie der Taut sie dichtet,
von menschenfreundlichen Gewächshäusern, um die herum,
ebenerdig und himmelfern auch über den Pässen,
Gärten die Vereinten Individuen frisch halten,
und Prozessionen sich entfalten zu Ehren
der Eselsdisteln, der unzählbaren Akeleien,
der Storchenschnäbel, der beiderlei Akanthus."
Andere Abschnitte entwickeln weitere Stränge im kurzen Epos, etwa eine Art Katalog "historischer Sägerinnen," einem Gipfelkreuzerlass, Seneca, Dante, einer Försterin, "Hans aus Seligenstadt," aber die Sägerin überhaupt bildet in Kreuzfällen so etwas wie einen enzyklopädischen Index. Wie sehr Spiritualität und Konsum im kirchlichen Gebaren während des "langen 20. Jahrhunderts" zusammenhängen, wird in Passagen wie diesen deutlich:
"Vom Gipfelkreuz aus zieht sich die Seilbahnschneise
bis in den Steinbruch, der auf den LKW-Stau, unten
Brennerautobahn, ausblutet, und das ist eine Wunde,
jenseits aller Anschauungen und Metaphern.
Du weißt es, wir haben es kaputt gemacht, einfach so,
du weißt es, für nichts und wieder nichts;
für kaum drei Generationen Wohlstand."
Vielleicht zeigt Kreuzfällen nur, was die Gipfelkreuze selbst verschweigen: dass jedes Zeichen erst durch sein Fallen spricht. Denn wer die Kreuze fallen hört, hört auch die Geschichten einer Landschaft, die nie wirklich uns gehörte. Am Ende bleibt es eine Ironie, dass ausgerechnet das Kreuz, dieses tiefe Zeichen des Abstiegs, am liebsten auf den höchsten Spitzen thronen soll. Roth und Bayerstörfer erinnern daran, dass jedes Symbol nur so lange steht, bis jemand es zu ernst nimmt.