Die Maßangaben zu Salomons Tempel, wie sie im Ersten Buch der Könige niedergeschrieben stehen, weichen von den Plänen für die Klemmbausteine des Tischlers Ole Kirk Christiansen (1891–1958) ab. Die LEGO-Bausteine aus Dänemark sind winzig, dafür können aber kleine und nicht so kleine Menschen gigantische Dinge damit errichten: etwa Nachbildungen des Taj Mahal, von Schloss Neuschwanstein oder der Hogwarts-Schule aus Harry Potter. Das Spielzeug ist eines der erfolgreichsten Produkte Europas. Im Rekordjahr 2024 machte das Unternehmen einen Umsatz von 11,2 Milliarden Euro (zum Vergleich in Milliarden: Ikea 45, Mattel 5, Playmobil 0,5).
Ganz gleich, ob technikbegeisterte Tüftler mit C++ ihre LEGO-Roboter programmieren oder musisch verzückte Artistenkinder die Mona Lisa farbkodiert nachstecken: LEGO entdeckte immer neue Märkte, um sich weiter ins Spiel zu bringen. Auch eine Fülle an Game- und Film-Universen wie Marvel Comics, Fortnite oder Pokémon fusionierten – quasi von Brand zu Brand – mit dem dänischen Steckspielzeug.
Aber neben den Machern von Zeichentrickfilmen, Brotdosen, Freizeitparks, Crocs oder Videospielen ist der LEGO-Baustein nicht nur ein haptisches Ereignis, sondern auch Theorie und Methode: "LEGO Serious Play" ist ein moderierter Prozess, um "die kritische und kreative Imagination" zu schulen: "Sehen Sie neue Möglichkeiten, indem Sie rekombinieren, Objekte verändern oder Pläne transformieren. Wir schulen Ihre Imagination, um neue Realitäten und Chancen zu elaborieren." LEGO ist demnach das Steinchen, das den Nutzer lehrt "to think outside the box."
Turmbau zu Babel
Und wer aus LEGO-Spielwaren sowohl psychosoziale Trainingskonzepte als auch den Todesstern von Star Wars (9000 Teile) zusammenbasteln kann, der kann – richtig geraten – auch Theologie damit betreiben. Aber nein, nicht Martin Luther – das sind doch die Ketzer von Playmobil. Die Theologin Friederike Eichhorn-Remmel brachte unlängst LEGO in die Bibeldidaktik ein. Andere Theologen lassen sich in Zertifikatskursen zu LEGO Serious Play Facilitators ausbilden – dauert zwei Tage, kostet 1.200 Tacken. Natürlich heißen die einzelnen Lehrinhalte hier nicht schnöde Module, sondern Baustufen. Aber hallo.
Den größten Coup jedoch erreichte die christliche Baukunst, indem ihr gelang, den bereits existierenden LEGO-Architecture-Sakralbau Notre Dame (magere 4383 Teile) in den Schatten zu stellen und heuer die von Antoni Gaudí entworfene Sagrada Família auf den Markt zu bringen – mit über 12 000 Teilen. Bigger than ever. Zum 100. Todestag des katalanischen Architekten soll das LEGO-Landmark aus Barcelona für sechshundert Dollar ab Juli 2026 erhältlich sein. Das dänische Unternehmen hat – seitdem es 2024 die Pariser Kathedrale als Bausatz verfügbar machte – offenbar noch weitere Sakralbauten als LEGO-Modelle in Planung, darunter der Kölner Dom, das römische Pantheon und die Hagia Sophia.
Imagination, Sehnsucht, Taumel
Auch hier ließen sich auf einer massenpsychologischen, medientheoretischen wie auch wirtschaftssoziologischen Linie Erkenntnisse für die Fundamentaltheologie gewinnen. Dazu nur wenige Gedanken. Menschen – Jung und Alt – spielen stundenlang oft mit Dingen, die keinen Wert haben, sie geben aber dafür sehr viel aus. Der partizipative Modell-Charakter des ikonischen Sakralbaus wird zum fertigen Produkt, noch bevor ihn sein Bauverein und seine Diözese zu Ende gebaut haben.
Auch die Sagrada Família entsprang einem enthusiastischen Augenblick von wenigen Menschen, die ebenso viel Romantik wie auch Imagination und Sehnsucht in eine über hundert Jahre währende Baubewegung injizierten. So ist das Nachbauen dieser realen Stätte in einer zweckfreien Spielbewegung im Medium der LEGO-Steine nicht nur das Anknüpfen an kindliche Spielstunden, sondern auch der Vollzug einer anthropologisch spezifischen Zeitwahrnehmung und Zeitdurchmessung.
Welche Art von Wahrnehmung? Man nenne sie Taumel, man nenne sie Meditation oder schlicht: Spiel. Die kulturgeschichtlichen Parallelen zu Liturgie-Raum-Dioramen bis zum Krippenspiel sind freilich unübersehbar.
Vielleicht wird hier erkennbar: das Symptom einer Imagination, die gelernt hat, selbst das Unverfügbare in Teilchen zu übersetzen – und darin, paradox genug, weiterhin nach dem sucht, was sich gerade nicht zusammensetzen lässt.