Die Stimme des Wissenschaftsoffiziers Jeremy Hansen knackt durchs Mikro der Raumkapsel Orion: "Die Crew möchte einen Namen für den Mondkrater vorschlagen," kündigt er seinen Kollegen in Houston an und fährt hörbar ergriffen fort: "Vor einigen Jahren begann diese Reise in unserer eng verbundenen Astronautenfamilie, und wir verloren einen geliebten Menschen … ihr Name war Carroll, die Ehefrau von Reid, die Mutter von Katie und Ellie." Carroll, die Gattin des Kommandanten der Artemis-II-Mission, Reid Wiseman, war 2020 im Alter von 46 Jahren an Krebs verstorben.
Die Benennung von Mondkratern nach verstorbenen Astronomen bildet seit Mitte des 17. Jahrhunderts eine feste Tradition – eine Art lunare Memorialkultur.
Carrolls Krater ging am 6. April 2026 unmittelbar viral und faszinierte fast noch mehr als Take-off, technische Rekorde und Bilder der aktuellen NASA-Mission. Ein wesentliches Element dieser Faszination bildete die menschliche Stimme: ihre Wärme, ihre Ergriffenheit.
Kein ferngelenkter Rover auf dem roten Planeten, nicht die hyperscharfen Linsen im Licht eines Weltraumteleskops, kein Roboter aus einem SpaceX-Phallus; nur die empathische Mitteilung eines Menschen an seine Mitmenschen lässt diese Mondmission plötzlich aus der Anonymität der Astrophysik und der Raumfahrttechnik hervortreten und verwandelt sie in ein Abenteuer, das die ganze Menschheit angeht.
Propaganda oder Schauspiel
Die Raumfahrt versteht, wie kaum ein anderer Forschungszweig, so virtuos, dass Inszenierung und Dramatik mehr als ein bisserl human touch und PR-Arbeit sind. Bereits die Astronauten von Apollo 8 funkten am Heiligabend 1968 die ersten zehn Verse der Genesis zurück zur Erde, wo sie live weltweit im Rundfunk zu hören waren. Auch die Tonaufnahme der berühmten Rede Kennedys an der Rice University "We choose to go to the Moon" schuf ikonische Sätze, die gerade deshalb so epochal wurden, weil der damalige Präsident eine unverwechselbare Stimme besaß. Fast jedes Kind kennt in den USA diese Zeilen, auch wenn man Jahrzehnte nach 1962 das Licht der Welt erblickte: "We choose to go to the Moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard."
Natürlich ist es heute wohlbekannt: Hätte man das Budget der Apollo-Missionen in Grundlagenforschung gesteckt, hätte dies eine noch größere Wissenschaftsrevolution hervorbracht. Auch hier eine Inszenierung. Es ging um einen Wettlauf zum Mond. Die Menschheit braucht offenbar, um ihre Neugier voranzutreiben, nicht nur das Antlitz und Stimme ihrer Mitmenschen, sondern auch den Ansporn der Konkurrenz. Wir sind ganz agonale Wesen – im Kolosseum wie in der Umlaufbahn.
Kosmische Dimension
Die Raumfahrt betreibt aber nicht nur eine Mobilisierung der kollektiven Imagination. Auch teleologische Begründungen spielen bei der Finanzierung der Raumfahrt und der Diskussion über sie eine auffällige Rolle. Ob es um das Überwinden und Hinausschauen in unvorstellbare Entfernungen, den Ursprung des Lebens oder die Suche nach anderem Leben im All geht, die Raketen, Fernrohre und kostspieligen Instrumente verheißen Erkenntnis – jenseits des Pragmatismus der Erfinder. Nicht umsonst ersuchte die amerikanische Raumfahrtbehörde Papst Paul VI. um eine handschriftliche Fassung des Psalm 8, damit die ersten Menschen auf dem Mond – mit ihren kleinen Schritten für die große Menschheit – diesen päpstlichen Autografen im Mare Tranquillitatis zurücklassen konnten.
Urbi, Orbi et Universo
Zum Glück geht es auch bei den Artemis-Missionen nur zum Mond, so mussten sich die Theologen im Vatikan für den Urbi et Orbi-Segen noch nichts Neues ausdenken: Während ihn Papst Leo XIV. ihn heuer am Ostersonntag spendete, befanden sich die vier amerikanischen und kanadischen Astronauten zwar in 406.000 Kilometern Entfernung vom Erdenrund, aber noch fest im Bann seiner Gravitation. Außerdem spielt ja Luna bekanntlich eine herausragende Rolle in der marianischen Ikonografie.