Selbstgericht und Gottes TreueAnnette von Droste-Hülshoffs lyrische Meditationen «Am Montage in der Charwoche»

Annette von Droste-Hülshoff
Annette von Droste-Hülshoff © gemeinfrei/Wikimedia Commons

In einer imaginären Literaturgeschichte der komplexen Symbiose von biblischer Verkündigung, kirchlicher Liturgie, theologischer Exegese und literarischer Andacht gibt es wohl kaum eine privilegiertere Tradition als die der an den Lesungen des Kirchenjahres ausgerichteten und demgemäß zyklisch strukturierten Perikopenlyrik. Sie ging seit dem 16. Jahrhundert verschiedene Verbindungen mit den Gebrauchsformen des geistlichen Liedes ein und strukturierte sich in der mehr oder weniger engen, jedoch deutlich markierten Bezugnahme auf den biblischen Prätext, d. h. in dem nicht selten als problematisch empfundenen Freiraum zwischen versifizierter Paraphrase, exegetischer Subjektivität und rhetorisch-poetischem Kunstwillen. Nach einigen Vorläufern signierten vornehmlich lutherische Autoren wie Johann Heermann (1585–1647) und Andreas Gryphius (1616–1664), die äußerst weite Verbreitung des Genres,1 zumal in Gestalt der Passionszyklen. Dass der Typus des geistlichen Jahreszyklus auch im 18. und 19. Jahrhundert nicht ausstarb, ist wenigstens in den Grundzügen bekannt. Im katholischen Kommunikationsraum orientierten sich nun Clemens Brentano (1778–1842), die konvertierten Gräfin Ida von Hahn-Hahn (1805–1880), vor allem Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) an einer Form der Bibelpoesie, die im katholischen Literaturbarock zugunsten legendarischer, sakramentaler, marianischer oder auch naturtheologischer Andachtsdichtung (zumal bei den Jesuiten) unterrepräsentiert war.

Während Clemens Brentano nur die Sonntagsevangelien berücksichtigte, also das Karwochengeschehen aussparte, gehörten die Gedichte zu allen (!) Tagen der Karwoche, in dieser zyklischen Dichte wohl einzigartig, für die Droste offenbar zum Kernbereich ihres lyrischen Projektes. Es entstand in mehreren, bis kurz vor ihrem Tod dauernden Arbeitsphasen in den Jahren ab 1820, wurde unter dem Titel Geistliches Jahr2 vollständig erst postum (Tübingen 1851,weitere Auflagen 1876) von einem der – seit den dreißiger Jahren – wichtigen spirituellen Mentoren der Droste, Christoph Bernhard Schlüter (1801–1884), publiziert, der seit 1827 in Münster als Philosophiedozent wirkte und einen produktiven Kreis religiös bewegter Literaten um sich scharte.3 Auffälligerweise wollte die Droste ihre Gedichte offenbar nicht nach dem Kirchenjahr (beginnend mit dem Advent), sondern nach der säkularen Jahreszählung (von Neujahr bis Silvester) anordnen.

Für fast alle Gedichte des Geistlichen Jahres vermerken die Überschriften nach der Tagesangabe (hier: «Am Palmsonntag» bis «Am Ostermontage») stichworthaft oder mit einem Zitat das betreffende Evangelium, nicht jedoch für die Zeitstrecke von Karfreitag bis Ostermontag. Grundsätzlich verstanden sich, wie bekannt und schon den Zeitgenossen auffallend, diese gewiss nicht immer auch für den Gesang gedichteten Strophengebilde kaum jemals als objektivierend-distanzierte, narrativ-lineare Paraphrasen der kirchlich approbierten Vorlage, sondern als lyrische Reflexionen, die biographische und situative, geistige, aber bisweilen auch psychosomatische Nöte des eigenen Ichs als Schreibmotivation und Applikationsfolie einbeziehen, ja oft genug auch die Herausforderungen der privaten und epochalen Glaubenskrise transparent werden lassen. Die Bibel wirkte als exegetische Vorlage und als Inzitament des Schreibens anscheinend für die Droste vor allem dann produktiv, wenn sie Existenzerfahrungen diskursiv oder bildlich, in jedem Fall aber modellhaft vordisponiert und der so aktualisierte Prätext die Spannung zwischen den überkommenen Glaubensnormen der christlichen Botschaft und den Durchbrüchen einer um das eigene Sünden- und Schuldbewusstsein kreisenden Konfession zu artikulieren erlaubte. Solche persönliche Aneignung der Bibel stand nicht im Widerspruch zu den eisern durchgehaltenen Ritualien, mit denen gerade der Münsterländische Adel wider den liberalen Rationalismus und auch im Zeichen des antipreußischen Kulturkampfes (sog. Kölner Kirchenstreit) seine katholische Identität herauszuheben pflegt. Dazu gehörte die selbstverständliche Teilnahme an der Messfeier auch abseits der hohen Festtage (ggf. in Form der Privatmesse in der Schlosskapelle), gehörten der vorösterliche Gang des Kreuzweges und die Karfreitagsliturgie im Dom, auch die Betrachtung religiöser Bilder, darunter (im Besitz der Droste) ein Kupferstich «Gethsemane».4

Ein Beispiel für die ‹frappante›, also existenzielle Entdeckung der eigenen Befindlichkeit im fremden, wenn auch im Münsterschen Milieu gewiss nicht exotischen Text bietet das Gedicht «Am Montage in der Charwoche» (44f). Der Untertitel notiert als Stichwort nur: «Ev.: Vom verdorrten Feigenbaume» (also nach Mt. 21, 18–22 in Verbindung mit Lk 13, 6–9), er impliziert auch jene Aussage Christi, in dem es um die Antithetik von Glaube und Zweifel geht. Umso auffälliger ist die Tatsache, dass die gewählte Bibelstelle weder mit dem münsterischen Perikopenbuche noch mit dem Missale Romanum übereinstimmt, die beide hier Joh. 12, 1–9, die Salbung Jesu in Bethanien, vorsahen. Hier der Text:

Am Montage in der Charwoche

Ev.: Vom verdorrten Feigenbaume.

Wie stehst du doch so dürr und kahl,
Die trocknen Adern leer,
O Feigenbaum!
Ein Todtenkranz von Blättern fahl
Hängt rasselnd um dich her, 
Wie Wellenschaum;
O Mensch! ich muß hier stehn, ich muß
Dich grüßen mit dem Todesgruß,
Daß du das Leben fassest,
Es nicht entlassest. 

Wie halt ich denn das Leben fest,
Daß es mir nicht entrinnt,
O Feigenbaum!
O Mensch! der Wille ist das Best’,
Die wahre Treu’ gewinnt. 
Hälst du im Zaum
Die Hoffart und die Zweifelsucht,
Die Lauheit auch in guter Zucht:
Muß dir in diesem Treiben
Das Leben bleiben. 

Wie bist du denn so völlig todt,
So ganz und gar dahin,
O Feigenbaum!
O Mensch! wie üppges Morgenroth
Ließ ich mein Leben ziehn 
Am Erdensaum,
Und weh! und dachte nicht der Frucht.
Da hat mich Gott der Herr verflucht,
Daß ich muß allem Leben
Ein Zeugniß geben. 

Wer hat dir Solches zubereit
Durch heimlichen Verrath,
O Feigenbaum!
O Mensch! des Herren Aug’ sieht weit,
Es sieht des Würmleins Pfad 
In Blattes Flaum;
Ihm kannst du nichts entdecken, noch
Entziehn, er sieht und weiß es doch;
Es lag schon auf der Wage
Am ersten Tage. 

Du starbest wohl vor langer Zeit,
Weil du so dürr und leer,
O Feigenbaum!
O Mensch! des Herren Hand reicht weit,
Und ist so schnell und schwer, 
Du siehst es kaum.
Er nimmt dir seines Lebens Hauch:
Du mußt vergehn wie Dunst und Rauch;
Er braucht nicht Wort noch Stunden,
Du bist verschwunden. 

Wo bleibt denn seine große Huld,
Was fruchtet denn die Reu,
O Feigenbaum!
O Mensch! gedenk an deine Schuld,
Gedenk an seine Treu’. 
Schau, in den Raum
Hat er mich gnadenvoll gestellt,
Daß ich durch seine weite Welt
Aus meines Elends Tiefe
Dir warnend riefe. 

Steht denn kein Hoffen mehr bey dir,
Kein Hoffen in der Noth,
O Feigenbaum!
O Mensch! kein Hoffen steht bey mir,
Denn ich bin todt, bin todt! 
O Lebenstraum!
Hätt’ ich dein schweres Seyn gefühlt,
Hätt’ ich nicht frech mit dir gespielt:
Ich stände nicht gerichtet,
Weh mir, vernichtet! 

Während die Droste sonst eher regelmäßige vier- bis achtzeilige Strophen bevorzugt, konstruiert sie in diesem außergewöhnlichen Dialoggedicht einen komplizierten jambischen Zehnzeiler, wie er nur in wenigen Stücken des ­Zyklus in ähnlicher Form auftaucht (so etwa «Am Aschermittwoch» [22f] und «Am Pfingstmontage» [79f]). Es offenbart sich so ein artistisches Wollen, das sich aller Choralgewöhnung fernhält.5 In den Reimbindungen ergeben sich zwei Teile. Die erste Sechsergruppe erinnert mit ihren beiden Dreierformationen (abc/abc) in jeweils einem versüberschreitenden Satzbogen an den in älterer Kanzonenlyrik anzutreffenden ‹Auftakt› mit zwei gleichgebauten ‹Stollen›, denen als ‹Abgesang› hier eine Vierergruppe mit zwei Paarreimen folgt. Sowohl in den ‹Stollen› wie im ‹Abgesang› vermindert sich jeweils die Zahl der Hebungen (4–3–2; 4–4–3–2) bis zum abschließenden lapidaren Zweiheber, dessen Rhythmik allerdings durch die weibliche Kadenz im Gegensatz zu den männlichen Versschlüssen der Verse 1–8 abgemildert erscheint. Syntaktisch setzt das Gedicht am jeweiligen Strophenbeginn mit einem trauernd-entsetzten Ausruf ein, der einer exklamativen Frage gleichkommt, gerichtete an den durch einen markanten Affektindikator («O») apostrophierten, erst im dritten Vers aufgerufenen, also schon optisch-typographisch isolierten biblischen «Feigenbaum». Er wird zu einer visuell präsenten Bildchiffre, ja wie sich zeigt, zu einem fast fabelartig verlebendigten Dialogpartner, dessen äußerer und innerer Zustand durch attributive Bestimmungen (dürr, kahl, trocken, leer), erst recht durch das spektakuläre, akustisch verstärkte Bild des «rasselnden Todtenkranzes» (V. 4–5, kontrafaktorisch zu allen Ehren- und Lorbeerkränzen) sowie später durch einen Vergleich aus dem alten Fundus der Vanitas-Topik («Dunst und Rauch» V. 48) eindrücklich umschrieben wird.

Der feierlichen Anrede «O Feigenbaum», korrespondiert, zu denken im Munde des Angesprochenen, immer wieder die Anrede «O Mensch», in der ersten Strophe noch durch drei Verse getrennt, ab Strophe zwei unmittelbar aufeinander folgend und so die Fuge bestimmend, mit der sich Strophe für Strophe ein Dialog fortsetzt. Der Feigenbaum fungiert als biblisches und sprechendes Emblem eines ‹verdorrten› und fruchtlosen Lebens, vermag Zeugnis und Antwort zu geben (V. 30) auf die Fragen eines Menschen, der sich bald schon (zuerst V. 11) als «Ich» zu erkennen gibt. Es ist ein Ich, das sich Schuld zuerkennen lassen muss, insofern er das warnende Zeugnis des Feigenbaums auf sich bezieht. Das Gedicht verwandelt sich so zum inneren Dialog über ein potentiell verfehltes Leben, gefährdet nicht durch einzelne individuelle Sonderbarkeiten, die man der Droste nachsagte (z. B. schnippische Überheblichkeit). Denn gemäß der biblischen Vorlage geht es hier um Glaubenszweifel, ja um Glaubensverlust und soziale Fruchtlosigkeit, um ein verfehltes Leben dem in seinem «Elend» doch immer noch Hoffnung auf die «Treue» Gottes zugerufen bleibt (Str. 6, V. 54–60):

O Mensch! Gedenk an deine Schuld,
Gedenk an seine Treu’.
Schau, in dem Raum
Hat er mich gnadenvoll gestellt,
Daß ich durch seine weite Welt
Aus meines Elends Tiefe
Dir warnend riefe.

Auffallend also ist der Befund, dass die biblische Explikation der Bildallegorie, also die begleitenden Worte Jesu, die Verfluchung des Feigenbaums (V. 28), korreliert wird mit dem Auftrag, «Zeugnis» (V. 30) gerade für die Folgen der tödlichen Glaubensdürre zu geben. Gesprochen wird nicht von einem blassen intellektuellen Defizit, sondern von einem Verlust an Lebenskraft und Lebensglück. Davor zu warnen ist der Feigenbaum geradezu «gnadenvoll in die Welt gestellt» (V. 57). In der Frage nach dem wahren, dem bewahrten und lebendigen Leben, dominiert die somatisch-vegetative Bildantithese von Leben und Tod. Der Glaubenszweifel und seine implizierten Folgen werden ab der zweiten Strophe in abgeforderten Ichleistungen indirekt sichtbar: Wille, Treue und Zucht stehen gegen «Hoffart», «Lauheit» und «Zweifelsucht». Diese Verse präludieren in der Diagnose, in Bildlichkeit und Begrifflichkeit dem spektakulären Bekenntnis, wie es die Droste in der ersten Strophe des ebenfalls zehnzeiligen Gedichtes «Am Pfingstmontage» wagte (79):

Ist es der Glaube nur, dem du verheißen,
Dann bin ich todt.
O Glaube! Wie lebendgen Blutes Kreisen
Er thut mir Noth;
Ich hab ihn nicht.
Ach, nimmst du statt des Glaubens nicht die Liebe
Und des Verlangens thränenschweren Zoll;
So weiß ich nicht, wie mir noch Hoffnung bliebe;
Gebrochen ist der Stab, das Maß ist voll
Mir zum Gericht.

Mit dieser düsteren Prognose endet auch dieses Gedicht «Zum Montag in der Charwoche». Die Rede des Feigenbaums mündet mit den letzten Versen in eine Du-Ich-Formulierung, in der die Sprecherinstanzen verschwimmen. Hinter dem warnenden Bekenntnis des gerichteten und vernichteten Feigenbaums erhebt sich als Menetekel auch das potentielle Gericht Gottes, des Allwissenden, über jeden Menschen (V. 31–40). In dieser dunklen Schreibstunde der Droste wird die Karwoche nicht als als Weg zur Erlösung durch Christus in den Blick genommen, sondern ein über das zufällige Ich hinausgehendes Schuldbewusstsein und Selbstgericht ratifiziert. Die Stimme aus dem Feigenbaum redet das lyrische Ich feierlich und warnend mit «O Mensch» an, weil nicht nur die Droste mit der Botschaft des Feigenbaums «frech gespielt» hat (Schlussverse), deshalb, so darf man ergänzen, umso mehr auf die österlichen Hoffnung angewiesen ist. Denn es ist die eigentliche Botschaft dieses strukturell ehrgeizigen Gedichtes, auf dunkler Folie aufscheinend, dass der Glaube etwas mit Lebensträumen, Lebenskraft und Lebensglück zu tun hat.

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