Am Anfang stand die Verbindung sozialrevolutionärer Impulse mit traditionellen religiösen Vorstellungen. Der Westen setzte lange auf "Reformer". Doch ein Wandel des Systems erscheint heute ausgeschlossen, es hält sich nur noch mit Gewalt. Die USA könnten einen Machtwechsel erzwingen – mit ungewissen Folgen.

Lenin wusste Bescheid: Wenn die unten nicht mehr wollen und die oben nicht mehr können, dann kommt die Revolution! Zu Beginn des Jahres gingen die Menschen im Iran auf die Straße, sie wollten das Ende der Islamischen Republik. Aber die Machthaber waren noch einmal bereit, ihre Herrschaft zu verteidigen. "Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Tut es!", soll Ayatollah Ali Khamenei, der oberste geistliche Führer, seinen Gefolgsleuten befohlen haben.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen der blutigen Niederschlagung des Aufstands zum Opfer fielen. Die Zahl dürfte in die Zehntausende gehen. Kann der Widerstand nach den Massakern noch einmal aufflammen? Führt eine von US-Präsident Trump angedrohte amerikanische Intervention zum Umsturz? Die Fundamente des iranischen Regimes sind jedenfalls erschüttert.

Befreiungstheologie als revolutionäre Idee

1979 endete die iranische Revolution mit einem Verfassungsreferendum, das die Machtergreifung Ayatollah Khomeinis besiegelte. Aus Frankreich zurückgekehrt, hatte er sein Programm, die Velayat-e Faqih, die politische Oberhoheit islamischer Rechtsgelehrter, erfolgreich durchgesetzt.

Mit Khomeini trat ein Religions- und Revolutionsführer an die Spitze von Staat und Gesellschaft. Dies bedeutete für den Iran das Ende einer jahrhundertealten Tradition. Seitdem Persien im frühen 16. Jahrhundert unter den Safawiden schiitisch geworden war, hatte sich der Klerus gegenüber der weltlichen Macht stets fromm und duldsam gezeigt. Das änderte sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als laizistische, aber gleichwohl religiös geprägte Intellektuelle westliche Ideen rezipierten und unter ihrem Einfluss der schiitische Klerus politische Ambitionen entwickelte.

Ali Schariati verband in seinen Schriften sozialrevolutionäre und anti-imperialistische Ideen des Westens mit dem religiös begründeten Streben der Schia nach Gerechtigkeit und Erlösung.

Der aus einer angesehenen Gelehrten- und Klerikerfamilie stammende Ali Schariati – er starb zwei Jahre vor der Machtergreifung Khomeinis im englischen Exil – spielte im Vorfeld der Revolution eine bedeutende Rolle. Er verband in seinen Schriften sozialrevolutionäre und anti-imperialistische Ideen des Westens mit dem religiös begründeten Streben der Schia nach Gerechtigkeit und Erlösung. Während seines Studiums in Paris hatte Schariati seine gelegentlich als "rote Schia" bezeichnete ideologische Synthese unter dem Einfluss der sich politisch radikalisierenden westlichen Befreiungstheologie entwickelt.

Diese emanzipatorische Gedankenbewegung, die sozialpolitische Ziele mit überlieferten religiösen Vorstellungen verband, verbreitete sich im Jahrzehnt vor der Revolution nicht nur im Iran. Deutsche Zeitzeugen werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass Leonardo Boff, ein führender Protagonist der katholischen Befreiungstheologie Lateinamerikas, in München promovierte, Johann Baptist Metz in Münster lehrte, katholische Studentengemeinden die Sandinistas unterstützten und die Tochter eines evangelischen Theologieprofessors aus Tübingen als Mitkämpferin der Tupamaros in Argentinien auf tragische Weise ums Leben kam.

Ob junge Iraner in Deutschland von katholischen oder evangelischen Befreiungstheologen direkt beeinflusst wurden, kann dahingestellt bleiben. Es genügte der Zeitgeist, den Philosophen und Soziologen vorwiegend in Berlin und Frankfurt iranischen Studentinnen und Studenten vermittelten. Er hatte prägende Wirkung.

2002 besuchte Jürgen Habermas auf persönliche Einladung des damaligen Präsidenten Mohammad Chatami den Iran. Chatami war nach dem Studium der islamischen Theologie und Philosophie 1978 Direktor des Islamischen Zentrums in Hamburg geworden und galt als Bewunderer von Habermas, der sich nach seiner Rückkehr vom geistigen Niveau seiner iranischen Gesprächspartner beeindruckt zeigte und feststellte: "Wenn man mit kleinem geistigen Gepäck von Westen nach Osten reist, tritt man in die übliche Asymmetrie der Verständigungsverhältnisse, die für uns die Rolle der Barbaren bereithalten: Sie wissen mehr über uns als wir über sie." Der zweite Satz trifft sicherlich zu. Der erste allerdings veranlasst zur Frage: Ist nach der barbarischen Niederschlagung der jüngsten Aufstandsbewegung selbst die von Jürgen Habermas repräsentierte, auf Reform, Dialog und Verständigung zielende kritische Gesellschaftstheorie der 1970er Jahre noch als intellektueller Verständigungshorizont im Umgang mit der Islamischen Republik trag- und diskursfähig?

Verfassungspatriotismus eigener Art

Habermas betrachtete Politik und Gesellschaft des Iran als sensibler und wohlmeinender Denker: "Die Verbindung des anfänglichen Emanzipationspathos mit dem Namen Khomeini mag für uns obszön klingen, aber im Motivationshaushalt der einstigen Revolutionäre ist sie wohl eine prägende biografische Erfahrung. ... Insoweit sind auch die Reformer verfassungsloyal." Habermas gelangte zutreffend zur realistischen Folgerung: "Es wird keine Revolution in der Revolution geben."

Für die gläubigen Verfassungspatrioten der Islamischen Republik kann und darf es keine Revolution geben; denn die Souveränität liegt nach der Verfassung bei Gott allein.

Als im Januar 2026 die iranischen Machthaber ihre vor 47 Jahren geschaffene revolutionäre Grundordnung verteidigten, handelten sie durchaus als Verfassungspatrioten. Allerdings ist ihre Verfassung auf die Unterdrückung und Ausschaltung jeder ernsthaften Opposition ausgerichtet, und für die gläubigen Verfassungspatrioten der Islamischen Republik kann und darf es keine Revolution geben; denn die Souveränität liegt nach der Verfassung bei Gott allein.

Sein Stellvertreter auf Erden ist der oberste geistliche Führer. Er besitzt die endgültige Deutungshoheit, wenn es um die Frage geht, ob vom iranischen Parlament beschlossene Gesetze der im Koran niedergelegten göttlichen Offenbarung entsprechen. Bei seinen Entscheidungen wird der oberste geistliche Führer vom Wächterrat beraten, der aus zwölf sorgfältig ausgewählten Männern besteht. Sechs islamische Rechtgelehrte bestimmt der oberste geistliche Führer selbst. Sechs an weltlichen Hochschulen ausgebildete Juristen schlägt der Leiter der iranischen Justiz dem Parlament zur Billigung vor. Doch wird auch dieser Vorschlagsberechtigte vom obersten geistlichen Führer ernannt und untersteht seinen Weisungen.

Die konzentrierte Macht in den Händen einer religiös legitimierten Einzelpersönlichkeit ist im Iran Verfassungsprogramm und -wirklichkeit. Nur einmal wurde im Kreis der iranischen Elite kurz über die Alternative einer kollektiven Führung diskutiert. Als Ayatollah Khomeini 1989 starb, brachte einer seiner engsten und einflussreichsten Mitstreiter, der Kleriker, Politiker und Unternehmer Ali Akbar Rafsandschani, diese Idee ins Gespräch. Rafsandschani war kein ideologischer Fanatiker, sondern ein ökonomisch interessierter Machtpolitiker. Er galt als moderat, doch brach er die Diskussion über die Möglichkeit einer kollektiven Führung sofort ab, als er sicher war, dass Ali Khamenei als Nachfolger Khomeinis seine wirtschaftlichen Interessen und die seiner Unterstützer nicht gefährden würde. Rafsandschani amtierte von 1989 bis 1997 als Präsident unter Khamenei.

Instrumente der Macht

Die mit dem Tode Khomeinis geweckte Hoffnung, unter einem durchsetzungsschwachen Nachfolger könnten sich moderate politische Kräfte entfalten, erwies sich als Trugschluss. Die ideologisch und verfassungsrechtlich begründete hierarchische Gewalt des obersten geistlichen Führers erwies sich als stärker.

Heute ist der 86 Jahre alte Ali Khamenei immer noch Staatsoberhaupt und Oberkommandierender der Streitkräfte, er steht weiter an der Spitze von Justiz, Polizei und Nachrichtendiensten. Mithilfe des Wächterrats kontrollieren der greise Führer und seine unmittelbare Umgebung die Gesetzgebung des Parlaments und steuern über das Justizsystem die Verfolgung von politischen Gegnern und den Strafvollzug.

Doch sind die Instrumente der Macht stumpf geworden. Zur Niederschlagung des jüngsten Aufstandes taugten sie gerade noch, aber zum dauerhaften Machterhalt sind sie kaum mehr zu gebrauchen.

Die reguläre Armee des Iran besteht neben Berufssoldaten mehrheitlich aus Wehrpflichtigen. Sie hat sich während der Niederschlagung des jüngsten Aufstands erkennbar zurückgehalten. Nur das rücksichtslose Vorgehen der Revolutionsgarden und der ihnen unterstellten Miliz der Basidschis ermöglichte den Machterhalt.

Seit ihrer Gründung 1979 betrachten sich die Revolutionsgarden als elitäre Truppe des religiösen Weltanschauungskampfes. Sie gelten als hochmotiviert und opferbereit. Ihre Führungskräfte planen und organisieren verdeckte Auslandseinsätze der Islamischen Republik und leiteten in Kaderpositionen ihre Stellvertreterkriege in Syrien und im Irak, im Jemen und im Libanon. Aber auch die große Zeit der Revolutionsgarden ist vorbei.

Bei einer nüchternen Lagebeurteilung muss auch die Führung der Revolutionsgarden zur Folgerung gelangen: Noch nie war die Islamische Republik so schwach wie heute, eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht, ein Umsturz ist möglich.

Im Dezember 2024 begann mit dem Fall des Assad-Regimes in Syrien ihr rascher Niedergang. Nach dem Verlust der verbündeten Alawiten in Damaskus und der weitgehenden Zerschlagung der Hisbollah im Libanon brach die gegen Israel und die USA geschmiedete, von den Revolutionsgarden geführte "Islamische Widerstandsachse" zusammen.

Der zwölf Tage dauernde israelisch-amerikanische Luftkrieg offenbarte dann im Juni 2025 die Schwächen der iranischen Luftabwehr und die eingeschränkte Verteidigungsfähigkeit des Landes. Bei einer nüchternen Lagebeurteilung muss auch die Führung der Revolutionsgarden zur Folgerung gelangen: Noch nie war die Islamische Republik so schwach wie heute, eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht, ein Umsturz ist möglich. Was also tun?

Intervention von außen

Die US-Regierung verfügt seit Langem über weitreichende Vollmachten, um wirksam gegen den Iran vorzugehen. Im November 1979 erließ Präsident Carter die Executive Order 12170. Sie erklärte nach der Erstürmung und Besetzung der US-Botschaft in Teheran und der Geiselnahme von amerikanischen Diplomaten den nationalen Notstand. Die national emergency gegenüber dem Iran wurde seitdem jedes Jahr verlängert. Sie bietet der amerikanischen Führung die rechtliche Grundlage, Wirtschaftssanktionen zu verhängen, strategische Langzeitprogramme der Dienste zu finanzieren und CENTCOM als zuständiges regionales Militärkommando mit Planungen gegen den Iran zu beauftragen.

In Abstimmung mit Israel, dem wichtigsten Partner in der Region, prüft Washington, ob und wann die Zeit für einen grundlegenden Wandel im Iran reif ist. Operationspläne für eine Intervention dürften bereits seit Längerem vorliegen. Ihre Ziele sind im Einzelnen ebenso wenig bekannt wie ihre genaue Zeitplanung. Aber viel spricht dafür, dass politische Anweisungen von den Planern kostengünstige Szenarien verlangen, wie sie bereits in der Vergangenheit beim Sturz von als feindlich eingestuften Regierungen in Lateinamerika, Afrika oder Asien praktiziert wurden. Verlustreiche, langjährige Interventionen wie im Irak oder in Afghanistan kommen nicht mehr in Betracht.

Von einer starken Zentralgewalt regierte Staaten sind zwar schwer zu erobern, aber ist das Machtzentrum erst einmal geschwächt und schließlich gestürzt, dann ist das Land einfach zu beherrschen, vorausgesetzt, eine neue, starke Macht tritt an die Stelle der früheren Herrschaft.

Ein diesen Vorgaben entsprechender Ansatz findet sich im klassischen Kanon strategischen Denkens. Im vierten Kapitel des "Il Principe" erörtert Macchiavelli die Frage, warum Alexander der Große und seine Nachfolger das eroberte Perserreich ohne Angst vor Rebellionen regieren konnten. Er kommt zu einer schlüssigen Folgerung: Von einer starken Zentralgewalt regierte Staaten sind zwar schwer zu erobern, aber ist das Machtzentrum erst einmal geschwächt und schließlich gestürzt, dann ist das Land einfach zu beherrschen, vorausgesetzt, eine neue, starke Macht tritt an die Stelle der früheren Herrschaft.

1953 stürzte die amerikanisch-britische Operation Ajax Premierminister Mossadegh, den starken Mann des Iran, und stellte an seiner Stelle den jungen und unerfahrenen Schah Reza Pahlavi mit massiver US-Rückendeckung als politischen Sachwalter amerikanischer Interessen an die Spitze des Staates.

Verantwortliche in Washington und Jerusalem scheinen eine Wiederholung dieser Operation für möglich zu halten. Der Sohn des 1979 gestürzten Herrschers wird seit Anfang 2025 mit einer großzügig finanzierten und professionell begleiteten internationalen Medienkampagne als politische Alternative zur Islamischen Republik aufgebaut. Gleichwohl bleibt zweifelhaft, ob der zweite Reza Pahlavi ohne Bodenhaftung im Iran, ohne Charisma und mit dem Odium amerikanisch-israelischer Unterstützung belastet, tatsächlich Aussichten hat, nach dem Ende der Islamischen Republik in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

Machtpolitik und Freiheitsidee

Aus machtpolitischer Perspektive mag es durchaus sinnvoll sein, sich auf den Personalwechsel an der Spitze eines Staates zu beschränken. In Venezuela wurde dieses Konzept mit der Gefangennahme Maduros und seiner Verbringung in die USA umgesetzt. Auch im Iran könnte ein solches Szenario zum Sturz der Islamischen Republik führen und ihre hauptsächlich für Israel gefährliche religiös-revolutionäre Ideologie und die Machtkonzentration im radikalen Umfeld des obersten geistlichen Führers beenden.

Doch ist es mit dieser engen Zielvorgabe möglich, eine stabile Entwicklung des Iran und einen dauerhaften Frieden in der Region zu ermöglichen? Oder trägt sie nicht eher zur weiteren Destabilisierung und territorialen Fragmentierung des gesamten westasiatischen Raumes bei?

Solche Perspektiven einer vom Machtkalkül interessierter Dritter getriebenen Intervention würden selbst Macchiavelli nicht befriedigen. Zwar hielt er sich von theologischen und philosophischen Debatten über die Moral der Macht fern, setzte sich aber stets für die Freiheit seiner Heimatstadt Florenz ein und rief sogar zur Befreiung Italiens von fremden Mächten auf.

Vermutlich würde er in der jetzigen Situation zumindest den Rat geben, nicht auf den schwachen Sohn eines gestürzten Monarchen zu setzen, sondern eine Persönlichkeit oder Personengruppe zu unterstützen, die über Rückhalt in der iranischen Bevölkerung verfügt und zukunftsweisende Alternativen zum jetzigen System aufzeigen kann. Den Freiheitsgedanken als immateriellen strategischen Faktor hat Macchiavelli nicht ignoriert.

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