Marine Le Pen darf nach einem mit Spannung erwarteten Gerichtsurteil im Jahr 2027 nun doch als Präsidentschaftskandidatin antreten. Die überraschende Wendung ihres politischen Schicksals hat sie genutzt, um sich gestern umgehend in strahlender Siegerhaltung zu zeigen. Dabei hat sie auf das zentrale Symbol des Christentums, das Kreuz, angespielt.
Auf einem Plakat, das in den sozialen Medien unzählige Male geteilt wurde, ist sie als weiße Rettergestalt mit weit ausgebreiteten Armen zu sehen, so dass die Form eines Kreuzes entsteht. Das ist nicht zufällig.
Die Chefin des Rassemblement National zeigt im laizistischen Frankreich das Kreuz. Es ist ihr eigener Körper, der hier zum sprechenden Zeichen verklärt wird. Sie zeigt sich als "Opfer" und "Verfolgte" eines politischen "Systems", das sie als Präsidentschaftskandidatin im Jahr 2025 durch die Unwählbarkeitsstrafe ausschalten wollte.
Doch die Strategie der Selbst-Viktimisierung sollte man ihr nicht durchgehen lassen. Marine Le Pen selbst war es, die Millionen EU-Gelder für die eigene Partei zweckentfremdet hatte und daher zu Recht verurteilt worden war.
Der Universalismus, der dem Zeichen des Kreuzes eingeschrieben ist – Christus ist für alle gestorben, nicht nur für ein Volk, eine Gruppe, eine Partei – wird also gerade nicht aufgenommen, sondern verzeichnet und nationalistisch enggeführt.
Marine Le Pen vereinnahmt die christliche Bildsprache für rechtspopulistische Zwecke, denn ihr geht es um die "Wiedergeburt" Frankreichs, um den "Neuanfang" ihrer Karriere, die von vielen bereits für beendet erklärt worden war. Die Bezugnahme auf die christliche Bildsprache hat einen politischen Subtext. Die Anknüpfung an die Symbolik des Christlichen steht gegen die wachsende Präsenz des Islam, gegen die schleichende "Unterwerfung", vor der der französische Schriftsteller Michel Houellebecq schon 2015 in einem dystopischen Roman gewarnt hat.
Unter dem Plakat steht in großen Lettern "Pour la France – la Renaissance". Der Universalismus, der dem Zeichen des Kreuzes eingeschrieben ist – Christus ist für alle gestorben, nicht nur für ein Volk, eine Gruppe, eine Partei – wird also gerade nicht aufgenommen, sondern verzeichnet und nationalistisch enggeführt.
Die rechtspopulistische Idee der Wiedergeburt Frankreichs steht nicht nur für die Überwindung der Krise, sondern auch für ein Programm der Ausgrenzung – und die Wiedergeburt Marine Le Pens, der von Kritikern bereits ein politischer Tod vorausgesagt worden war, steht für Macht, taktisches Geschick und Durchsetzungsfähigkeit. Die politisch Totgesagte lebt, das mag ihre Anhänger und sie selbst freuen – aber berechtigt sie das, sich in Anspielung auf das Kreuz als Retterin der Grande Nation plakativ in Szene zu setzen?