Gedenken in TreblinkaRabbiner und Priester im Dialog über Holocaust, Glauben und Frieden

Rund 900.000 Menschen wurden innerhalb von 14 Monaten im polnischen Vernichtungslager Treblinka II ermordet. Dort kamen der Jerusalemer Rabbiner Yitzchok Adlerstein und der polnische Priester Paweł Rytel-Andrianik zusammen, um der Opfer zu gedenken.

Rabbiner Yitzchok Adlerstein und der katholische Priester Paweł Rytel-Andrianik in Treblinka
© Matthis Kattnig

Ein Spaziergang am Rande eines Waldes, vorbei an Bahnschwellen, die aus Beton nachgefertigt sind und an das einstige Bahngleis erinnern, das in den Tod führte. Von dort geht es nach links weiter über einen Weg mit Steinen, der schließlich zu einem großen Mahnmal führt, vor dem in vielen Sprachen „NIE WIEDER“ geschrieben steht.

Das Denkmal ist zehn Meter hoch. 17.000 unterschiedlich große Steine befinden sich in der Umgebung. Auf 216 dieser Steine, die größer sind als die anderen, sind die Namen der Orte genannt, aus denen die Opfer kamen. Am Boden sind Massengräber, mit Beton versiegelt.

Treblinka II ist einer der wohl grausamsten Schauplätze des Zweiten Weltkriegs. Anders als in Auschwitz, diente der Ort nicht auch als Arbeitslager, sondern ausschließlich zur Vernichtung von Menschen, die meisten davon Juden. Es waren etwa 900.000 Personen, die hier in den Gaskammern zwischen Juli 1942 und August 1943 starben. Das Vernichtungslager war eine Todesfabrik. Menschen, die mit den Zügen ankamen, wurden direkt in die Gaskammern gebracht.

Rabbi Yitzchok Adlerstein stammt aus Jerusalem, ist in New York geboren und hat deutsche Vorfahren. Teile seiner Familie kamen im Holocaust um.

An diesem Ort schmerzlicher Erinnerung legte eine Gruppe, die gerade auf Holocaust-Studienreise durch Osteuropa war, einen Stopp ein. Organisiert wurde die Tour vom Simon Wiesenthal Center mit Teilnehmern aus Ländern wie Deutschland, Israel, den USA und den Niederlanden. Am 23. Juni kam es dabei zu einer besonderen Begegnung: Rabbiner Yitzchok Adlerstein, einer der Reiseteilnehmer, traf auf den Priester Pawel Rytel-Andrianik, der die Gruppe empfing und über das Gelände führte.

Adlerstein stammt aus Jerusalem, ist in New York geboren und hat deutsche Vorfahren. Teile seiner Familie kamen im Holocaust um. Rytel-Andrianik ist Priester der römisch-katholischen Kirche in Polen, Historiker und Leiter des Abraham J. Heschel-Zentrums an der katholischen Universität von Lublin. Das Zentrum setzt sich für die Beziehungen zwischen Katholiken und Juden ein. Er leitet zudem die polnische Abteilung des Mediums Vatikan News.

Psalm 23 und "El Male Rachamim"

Nach der Führung über das Gelände blieben die beiden mit der Reisegruppe vor dem Denkmal stehen und entschieden sich spontan dafür, zu beten. Rabbiner Yitzchok Adlerstein sang auf Hebräisch das Holocaust-Erinnerungsgebet „El Male Rachamim“ (Gott, voller Barmherzigkeit) und nannte dabei auch die Namen einzelner Todesopfer. Die Teilnehmer hörten gespannt zu.

Im Anschluss berichtete Pawel Rytel-Andrianik, dass manche Menschen im Zweiten Weltkrieg — als sie verstanden, was ihnen bevorstand, und von den Zügen zu den Gaskammern getrieben wurden — Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte“, gebetet hätten. Anschließend sprach er den Psalm als Gebet auf Polnisch, da viele der Todesopfer Juden aus Polen gewesen waren. Am Ende fügte er noch die Worte an: „Am Israel Chai“, das Volk Israel lebt.

„Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die einen Großteil ihrer Karriere dem Verständnis zwischen Katholiken und Juden gewidmet hat“, lobt Rabbiner Yitzchok Adlerstein den Priester im Interview. Für den Priester Paweł Rytel-Andrianik war die Begegnung eine tiefgreifende Erfahrung: „Wir haben gemeinsam aus demselben Buch der Psalmen gebetet, was die jüdischen Wurzeln des Christentums verdeutlicht.“ Beide Religionen würden an den gleichen Gott glauben.

Er erinnerte auch an Papst Johannes Paul II., der vor 40 Jahren den ersten dokumentierten Papstbesuch in einer Synagoge unternahm. Dabei war es zu einem Treffen mit einem italienischen Oberrabbiner in Rom gekommen. Jahre später hatte Johannes Paul II. vonseiten des Vatikans den Staat Israel anerkannt.

Judentum und Christentum „glauben an Gott als Ursprung des Universums“

Psalm 23 ist laut Rabbiner Adlerstein von großer Bedeutung: „Das Buch der Psalmen ist von allen Büchern der hebräischen Bibel (Altes Testament, Anm. der Redaktion) jenes, das bei Christen den größten Anklang findet.“ Es biete nicht nur Überschneidungen, sondern auch einen Weg für Menschen verschiedener Religionen gemeinsam zu beten.

Der Rabbiner ergänzt, es gebe Bereiche zwischen Judentum und Christentum, in denen Gemeinsamkeiten bestehen: „Christen, einschließlich der Katholiken, glauben an Gott, der der Ursprung des Universums ist und ohne den nichts anderes existieren würde.“ Priester Paweł Rytel-Andrianik glaubt, dass überall dort, wo Juden und Christen leben, eine geistige Verbindung besteht.

Für Christen, so der Rabbiner, ist es wichtig, sich für die Bekämpfung des Antisemitismus einzusetzen. 

Doch beim Austausch vor dem Denkmal zeigten sich auch Differenzen: Priester Pawel Rytel-Andrianik sprach darüber, wie der Papst sich für Frieden einsetzt und dass wir mehr davon brauchen. Der Rabbiner widersprach und sagte, es gebe leider viele Menschen, für die das Wort Frieden keinerlei Bedeutung habe. Er wünsche sich von religiösen Persönlichkeiten wie dem Papst, die moralische Klarheit, zu sagen, was angesichts des offensichtlich Bösen zu tun sei und wie man diesem entgegentreten könne. Er glaubt, dass dies weder vom jetzigen noch vom vorherigen Papst gekommen ist.

Rückblickend auf die Situation sagt Paweł Rytel-Andrianik im Interview, dass er jeden ermutigen möchte, den Lehren der Päpste zu folgen. Jeder kann dort Inspiration finden. Zudem verweist er auf die offizielle Website des Vatikans, wo mehr als 7.000 Orte dokumentiert sind, an denen Päpste über Frieden gesprochen haben.

Gleichgesinnte sollen „gemeinsam Antisemitismus anprangern“

Für Christen, so der Rabbiner, ist es wichtig, sich für die Bekämpfung des Antisemitismus einzusetzen. „Die jüdische Natur, die jüdischen Wurzeln und die jüdische Identität Jesu selbst sind etwas, das man nicht übersehen darf.“ Er betonte zudem seine anhaltende Bestürzung über den Anstieg des Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023. Der Dialog funktioniere immer schlechter.

„Gleichzeitig ist es umso dringender, dass Gleichgesinnte sich zu Wort melden und Antisemitismus anprangern“, so Adlerstein. Er dürfe auf lokaler Ebene nicht unwidersprochen bleiben. Man müsse sich am besten bei einem Kaffee zusammensetzen und ins Gespräch kommen. Rabbi Adlerstein setzt sich seit Jahren beruflich dafür ein, dass dies noch stärker geschieht. „Man bekommt einen Schub, wenn man einen so sympathischen Menschen wie Priester Pawel trifft“, fügt er hinzu.

Auch Priester Paweł Rytel-Andrianik ist im Kampf gegen den Antisemitismus und gegen das Vergessen des Holocaust aktiv. Er setzt sich unter anderem für historische Aufklärung und den interreligiösen Dialog ein. Im November 2025 sprach er über seine Arbeit auch im Europäischen Parlament in Brüssel.

Der Besuch im ehemaligen Vernichtungslager hat den Rabbiner tief bewegt. Treblinka sei ein Ort, der die Menschen dazu anrege, ein wenig tiefer über den Wert des menschlichen Lebens nachzudenken: „Darüber, wie der Einzelne etwas bewirken kann, und darüber, wie man über Etiketten hinwegsieht und den Menschen als solchen betrachtet.“ Für den Rabbiner ging die Reise durch Polen noch weiter zu anderen Gedenkorten. Auch ein Besuch in Auschwitz stand bevor.

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