Der alte Adam und der neue MenschDie Wahrheit befreit – nicht das Ich

"Jeder hat seine Wahrheit"? Warum der Relativismus weder im Alltag noch in der Philosophie oder in der Politik überzeugt.

Barbara Zehnpfennig
Barbara Zehnpfennig© privat

Wahrheit und Freiheit – diesen Zusammenhang stellt Jesus im Johannes-Evangelium her, als er zu den Menschen spricht, die an ihn glauben: "Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien" (Joh 8,31–32). Unter den Zuhörern ruft das Verwunderung hervor. Man sei als Nachkommen Abrahams doch nie in Knechtschaft gewesen – was soll da die Rede von Befreiung?

Es ist eine sehr typische Reaktion, Freiheit zunächst und vor allem als äußere zu verstehen. Dass die Unfreiheit auch von innen kommen kann, dass sie vielleicht noch viel mehr bindet als die äußere, weil sie nicht den Körper, sondern die Seele betrifft, ist ein offenbar nicht so naheliegender Gedanke. Jesus erklärt seinen Zuhörern, worin die innere Unfreiheit besteht. Es ist das "Tun der Sünde", das verknechtet, und Jesus sieht voraus, worin die nächste und sicher auch schlimmste Sünde bestehen wird, die seine Mitmenschen begehen werden. Sie werden ihn töten. Sie werden ihn töten, weil er die Wahrheit sagt, die sie nicht hören wollen. Und diese Wahrheit kann er verkünden, weil er nicht in seinem eigenen Namen spricht. Vielmehr spricht Gott durch ihn. Jesus, der Menschensohn, handelt nicht aus Selbstermächtigung, sondern aus einer Wahrheit heraus, die über dem Menschen steht und für ihn der Maßstab ist.

Der hier angesprochene Zusammenhang ist von grundlegender Bedeutung. Wahrheit und Freiheit gehören zusammen. Allerdings müssen beide Begriffe in bestimmter Weise verstanden werden, um jenen Sinnzusammenhang zu ergeben, der in dem Jesus-Wort offenbar gemeint ist. Dem alltäglichen Bewusstsein leuchtet es jedenfalls nicht unmittelbar ein, dass man sich an der Wahrheit orientieren müsse, um frei sein zu können. Der Grund ist ein spezifisches Begriffsverständnis, das weit verbreitet ist und den Zugang zu dem, was im Johannes-Evangelium angedeutet wird, erschwert.

Die drei Denkfehler des Relativismus

Wahrheit – was soll das sein? "Die Wahrheit gibt es nicht", schallt einem immer wieder entgegen, wenn man sich gegen die Auffassung wendet, es gebe keine objektiven Maßstäbe. Dabei ist es gleichgültig, worüber man redet, ob über politische Themen, Glaubensfragen oder das Alltagsleben. Jeder hat seine Wahrheit, so die gängige Meinung, alles ist subjektiv und relativ, und wer sich anmaßt, die Wahrheit zu haben, ist ein dogmatischer und potenziell gefährlicher Mensch.

Diesem Urteil liegen allerdings gleich drei Denkfehler zugrunde.

Erstens muss derjenige, der für die Existenz der Wahrheit plädiert, nicht zugleich den Anspruch erheben, über diese auch zu verfügen. Er kann vielmehr schlicht darauf hinweisen, dass man ohne Wahrheit nicht auskommt, selbst wenn man sie leugnet.

Damit sind wir beim zweiten Denkfehler, einem performativen Selbstwiderspruch: Natürlich erhebt die Aussage, alles sei relativ, ihrerseits einen Wahrheitsanspruch. Kaum jemand würde, was konsequent wäre, die Auffassung vertreten, der Satz, alles sei relativ, gelte auch nur relativ, bisweilen also nicht.

Und drittens ist der totale Relativismus und Subjektivismus zwar behauptbar, aber nicht lebbar. Beim Architekten wünscht man sich schon, dass er sich an den Gesetzen der Statik orientiert und nicht an seinen subjektiven Vorstellungen von ihnen. Auch beim Arzt sähe man es ungern, wenn er sich bei der OP seiner eigenen Meinung über die Anatomie des Menschen überließe. Und selbst bei der Gerechtigkeit, die so gerne ins Reich des rein Subjektiven verwiesen wird, hört alle relativistische Großzügigkeit auf, sobald man selbst betroffen ist: Natürlich möchte man die wahre Gerechtigkeit und nicht, was der Nachbar dafür hält! Dass man in diesem Fall ganz selbstverständlich davon ausgeht, seinerseits über den richtigen Maßstab zu verfügen, ist ein weiteres Indiz für die Unverzichtbarkeit von objektiven Maßstäben, eine Unverzichtbarkeit, die allerdings nicht mit leichter Verfügbarkeit verwechselt werden darf.

Putins Lügen sollen seine Verbrechen verbergen, Trumps Lügen seine Interessen. Immer steht die Lüge im Dienst des Egoismus der Herrschenden, immer wirkt sie sich zum Schaden der Beherrschten aus.

Noch offensichtlicher wird die Bedeutung von Wahrheit im politischen Bereich. Hier hat der Verzicht auf sie sofort grundstürzende Folgen. Putins Lügen sollen seine Verbrechen verbergen, Trumps Lügen seine Interessen. Immer steht die Lüge im Dienst des Egoismus der Herrschenden, immer wirkt sie sich zum Schaden der Beherrschten aus. Auch diejenigen, welche die Existenz der Wahrheit bestreiten, können die der Lüge schwerlich leugnen. Das Eine ist ohne das Andere aber nicht zu haben.

Die Freiheit und das Ich

Und wie steht es mit der Freiheit? Ein gängiges Verständnis identifiziert Freiheit mit der Möglichkeit, tun und lassen zu können, was man will, wobei das Wollen dummerweise durch Mitmenschen und Umstände ausgebremst wird. Weil bei dem ungehemmten Ausleben der eigenen Bedürfnisse ein Zusammenleben nicht möglich wäre, muss man die äußere Begrenzung also hinnehmen, obwohl der innere Freiheitsdrang eigentlich unbegrenzt wäre. Wir erinnern uns an die Reaktion von Jesus' Zuhörern. Unfreiheit kommt von außen, nicht von innen. Nach diesem Freiheitsverständnis erweisen sich Mit- und Umwelt eher als Hindernis, denn als Ermöglichungsgrund eines guten Lebens. Die Rücksichtnahme auf sie erscheint als Einschränkung des Eigenen.

Doch ist man wirklich frei, wenn man sein Wollen ohne äußere Hemmnisse ausleben kann? Dabei geht es nicht um psychopathologische Zwänge oder Ähnliches, die den Willen unfrei machen könnten. Es geht vielmehr um die Sinnhaftigkeit des Wollens. Dieses ist stets unterstellt, wenn über Einschränkungen des Freiheitsraums geklagt wird. Das Übel kommt von außen, nicht von innen. Genau das aber stellt Jesus infrage. Er präsentiert sich sozusagen als Gegenentwurf zu seinen Mitmenschen, die in der Durchsetzung des Eigenen das höchste Glück sehen. Er hingegen betont immer wieder – auffallend oft im Johannes-Evangelium! –, dass er nicht aus eigener Machtvollkommenheit redet und handelt, sondern als Vertreter einer Wahrheit, die höher ist als der Mensch. Gerade darin macht er die befreiende Wirkung aus. Die Wahrheit befreit vom Ich.

Wer ernsthaft die Wahrheit sucht, etwa als leidenschaftlicher Wissenschaftler, strebt auch immer danach, sich von seinen Vormeinungen, Vorurteilen und Vorlieben zu befreien und die Sache in den Mittelpunkt zu stellen. Das hat eine kathartische Wirkung – das Ich überschreitet sich selbst zur Sache hin.

Das soll natürlich vor allem für die Wahrheit Gottes gelten, doch auch im Bereich des Menschlichen findet sich ein Abglanz davon. Wer ernsthaft die Wahrheit sucht, etwa als leidenschaftlicher Wissenschaftler, strebt auch immer danach, sich von seinen Vormeinungen, Vorurteilen und Vorlieben zu befreien und die Sache in den Mittelpunkt zu stellen. Das hat eine kathartische Wirkung – das Ich überschreitet sich selbst zur Sache hin. Es lässt sich dann von dieser leiten, und der Verzicht auf ein eigenes Wollen erscheint nicht mehr als Verlust, sondern tatsächlich als Akt der Befreiung, weil sich der Suchende auf diese Weise der Führung von etwas Über-Subjektivem überlassen darf und etwas Besseres erhält, als er zuvor besaß.

Denn das ist dabei die grundlegende Erfahrung: Beim Festhalten am Ich, so, wie es ist, reproduziert sich dieses nur immer wieder selbst. Es bekommt nichts hinzu und gelangt über seine egoistischen Antriebe nicht hinaus. Die Lösung aus der Ich-Befangenheit eröffnet hingegen den Zugang zu etwas, das viel mehr ist als das Ich und den Menschen wahrhaft bereichert.

Tatsächlich sind die meisten Menschen mit ihrem Ich gar nicht so zufrieden, wie es den Anschein hat. Ansonsten würden nicht viele den Rauschzustand suchen, der eine partielle Ich-Vergessenheit erlaubt, oder Erwartungen an Liebeserfahrungen hegen, die ihnen eine sozusagen mundane Variante der Ich-Transzendenz ermöglicht. Das Ich hat nämlich seinerseits Grenzen. Auch wenn es unbegrenzt viel will, will es dies doch als immer dasselbe, das auf diese Weise aber niemals satt werden kann, weil es nur mehr will, aber nicht das Richtige. Das Richtige läge in der Abkehr vom "alten Adam", einer völligen Einstellungsänderung, die der Mensch nur selbst vollziehen kann.

Darum scheitern die totalitären Systeme

Die totalitären Systeme haben versucht, den "neuen Menschen" sozialtechnologisch, das heißt: von außen, zu erzeugen. Das musste scheitern, weil es ja der alte Adam war, der den neuen Menschen entwarf. Und so falsch wie das Ziel war auch das Mittel. Das Innere des Menschen durch Zwang ändern zu wollen, gelingt nur durch Gehirnwäsche, also dadurch, dass man ihm sein Mensch-Sein raubt.

Die Wahrheit, die aus der Befangenheit in sein eigenes Ich befreit, befreit auch vom Bösen.

Und wie hängen nun Wahrheit, Freiheit und Sünde zusammen? Jesus, der ganz aus und in der Wahrheit lebt, wird als frei von Sünde dargestellt. Die Wahrheit, die aus der Befangenheit in sein eigenes Ich befreit, befreit also auch vom Bösen. Dieses kann dann nur im Festhalten am Ich bestehen, ein Festhalten, das von dem Irrglauben geleitet ist, das Eigene sei schon das Gute. Welcher Täuschung man da erliegt, bezeugt der Zustand der Welt. Dieser ist aber nicht Schicksal. Die Freiheit, von der im Johannes-Evangelium die Rede ist, ist immer auch die Freiheit der Wahl.

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