Juan de la CruzGeliebter, unerklärbarer Gott

Das Buch „Johannes vom Kreuz – Leben und Mystik“ befreit das Bild des Kirchenlehrers von allerlei Verklärung.

Die eindrücklichsten Gedichte des spanischen Karmeliten und Mystikers Johannes vom Kreuz (1542–1591) können in ihrer Tiefe und Schönheit sprachlos machen, und dies allein schon in der deutschen Übersetzung. Wie müssen für Spanischkundige erst die Originale klingen? Die Vielschichtigkeit und Zärtlichkeit seiner Lyrik wurde in der Literatur sehr oft beschrieben, doch die Intensität und Präzision, mit der sich die beiden Autoren des aktuellen Werks Johannes vom Kreuz – Leben und Mystik (Herder, 2025) dem großen Mystiker nähern, macht die Lektüre zu einem besonderen Genuss und Erkenntnisgewinn. Elisabeth Peeters (Karmel St. Therese, Kirchzarten) und Ulrich Bobhan (Provinzial der Unbeschuhten Karmeliten in Deutschland sowie Prior in Würzburg) stehen als Karmeliten selbst in Juan de la Cruz’ Nachfolge. Ihre zweibändige, insgesamt knapp 2000 Seiten starke Gesamtausgabe Johannes vom Kreuz – Poesie und Prosa ist im Herbst 2024 erschienen. Nicht nur haben sie dort alle seine Werke neu ins Deutsche übersetzt, sondern zugleich seine Person anhand aktueller Forschung von den Bildern befreit und entzerrt, die über Jahrhunderte allzu verklärende Hagiographien lieferten. Die Frage, warum das Autorenduo nach dem Mammutwerk nochmals nachgelegt hat, lässt sich gut beantworten: In dem neuen, mit rund 300 Seiten fast kompakten Buch begegnen wir dem großen Kirchenlehrer noch einmal auf eine andere Art als Mensch und Wegbereiter einer mystischen Poesie, die einerseits Nachahmer fand, andererseits absolut einzigartig blieb.

Das Buch erzählt detailreich vom Weg des als Juan de Yepes Geborenen von seiner ärmlichen Kindheit in Kastilien über den Eintritt ins Karmelitenkloster Santa Ana und die erste Begegnung mit Teresa von Ávila (1515–1582). Es führt uns durch die politischen Wirrungen seiner Zeit, die ihn in eine grausame, neunmonatige Kerkerhaft zwangen, bevor er bei den Karmelitinnen von Toledo Zuflucht fand. Es beschreibt weiter das Leben des Unbeschuhten in oft ungewollter Wanderschaft, die zugewandte Pädagogik und Begleitung seiner Brüder und Schwestern ebenso wie immer neue Herausforderungen und herbe Rückschläge.

Dabei wurde gerade das lichtlose Kerkerverließ zur Quelle einiger seiner schönsten und tiefsten Gedichte. Hier entstehen unter anderem Geistiger Gesang und Die dunkle Nacht der Seele, sein wohl bekanntestes Werk. Darin beschreibt er einen inneren Prozess des verzweifelten Suchens, der oft als Depression gedeutet wurde, und zugleich eine radikale Transzendenz Gottes, die sich ihm gerade in den dunkelsten Stunden offenbarte.

Johannes vom Kreuz wird als so tief „in Gott verliebt“ beschrieben, dass wir nichts Vergleichbares finden. Sein einziges Thema ist Gott, im Gespräch, seiner Prosa, seinen Kommentaren und seiner mystischen Liebeslyrik voller Bilder und Anklänge aus dem biblischen Hohelied. In fast erotischen Sprachbildern lesen wir, dass er Gott als einen innigst Liebenden und Geliebten begreift, der sich finden lassen will, zugleich aber das absolut Unerklärbare ist, das alle menschliche Vorstellungskraft unendlich Übersteigende.

Als Johannes vom Kreuz 1591 im Alter von 49 Jahren an den Folgen einer Sepsis stirbt, „war er zu einer spirituellen Reife und Fülle gelangt, die nur sehr wenige Menschen erreichen“ – so beschreiben es die Autoren, denen es gelingt, sich dem Mystiker in einer zugleich wissenschaftlich-objektiven, chronologisch berichtenden wie auch wohlwollenden, geradezu zarten Art und Weise zu nähern. Das Leben und Lebenswerk dieses Heiligen so dicht und authentisch zu beschreiben, schafft beim Lesen Nähe und Vertrauen.

Das innere Gebet des Johannes vom Kreuz und der Teresa von Ávila steht im Mittelpunkt von Schwester Elisabeth Peeters’ jüngstem Werk Die göttliche Quelle im Innern entdecken. Es versteht sich als Orientierungshilfe zum kontemplativen Beten, ganz unabhängig von der eigenen Vorerfahrung. Das Buch enthält viele Anregungen, authentisch zu sein und uns Gott so anzuvertrauen, wie wir sind. Viele Zitate verdeutlichen, wie Teresa von Ávila, Johannes vom Kreuz und andere Karmeliten inneres Beten verstanden und praktizierten. Das Buch will keine bestimmte Methode vermitteln, sondern dazu einladen, den eigenen Weg zu Gott weiter zu entfalten.

Kontemplation wird hier nicht verstanden als aktive Handlung, sondern als ein Empfangen, das sich nicht erzwingen lässt: Sie ist „in karmelitanischer Tradition eine Selbstmitteilung Gottes, die Gott uns ohne unser eigenes Zutun oder Verdienst auf je umfassendere und unmittelbarere Weise schenkt“, schreibt die Autorin. Absichtslose Begegnung, authentisch und ohne Druck beten, ohne ein Nichtdenken erzwingen oder ein Abschweifen mit aller Macht unterbinden zu wollen, sind einige weitere Aspekte, die im Buch ausführlich zur Sprache kommen.

Gemäß dem Titel Die göttliche Quelle im Innern entdecken geht es um ein Beten „nach innen“, um Gott in seiner Wohnung zu finden, die sich im tiefsten Grund unserer Seele befindet. Nur dort können wir heil werden. „Du selbst“, sagt Johannes vom Kreuz, „bist das Gemach, wo er wohnt, oder das Kämmerchen und Versteck, wo er verborgen ist.“ So lässt sich Gott von uns finden, wie wir uns von ihm finden lassen.

 

ELISABETH PEETERS UND ULRICH BOBHAN

Johannes vom Kreuz – Leben und Mystik

Herder Verlag, Freiburg 2025, 304 Seiten, 28 €

 

ELISABETH PEETERS

Die göttliche Quelle im Innern entdecken

Herder Verlag, Freiburg 2026, 280 Seiten, 26 €

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