Vom 29. bis zum 31. Januar fand in der Alten Reithalle in Stuttgart die sechste und somit letzte Versammlung des Synodalen Wegs statt. Nach vielen Jahren der „Pflicht“ folgte nun quasi die „Kür“: Auf dem Programm standen vor allem die Evaluation der Umsetzung bisher gefasster Beschlüsse, der aktuelle Stand der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, eine Conversatio in spiritu sowie die Vorbereitung der Wahl der 27 „Weiteren Gläubigen“ (neben Vertretern von DBK und ZdK) für die geplante Synodalkonferenz. Man einigte sich dabei auf eine Quote, wonach mindestens 13 Frauen, mindestens fünf unter 30-Jährige und mindestens drei Vertreter der muttersprachlichen Gemeinden dem Gremium angehören sollten. Am Ende wurde mit großer Mehrheit die Erklärung „Für eine Welt, die Zukunft hat – mit einer Kirche, die Hoffnung macht“ verabschiedet. Wie haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die letzte Versammlung erlebt? Was ist ihr ganz persönliches Fazit? Wir haben ein paar Stimmen für Sie eingefangen.
Von 2019 bis 2026 – das war eine Langstrecke und trotzdem sind wir nicht am Ziel, wir übergeben einen Staffelstab. Der Synodale Weg entfaltet Wirkung und er geht weiter.
Denn Synodalität ist das Zukunftsmerkmal der Kirche – weltweit und in Deutschland. Ich bin dankbar für das, was in Rom mit der Weltsynode angestoßen wurde, das sind wertvolle Impulse. Ich bin froh und dankbar, dass die beiden synodalen Prozesse – der römische Weg und unser Weg – mittlerweile gut ineinandergreifen. Es gibt kein Gegenüber mehr, Kirche ist ein Miteinander aller Getauften. Und Formen synodal getragener Verantwortung werden die Zukunft der Kirche prägen. Daran werden wir uns künftig messen lassen. Und das haben wir in den zurückliegenden Jahren eingeübt. Dabei konnten wir lernen, dass Spannungen und unterschiedliche Auffassungen zu einem solchen Prozess dazugehören. Das mussten wir aushalten und konstruktiv gestalten, um nicht im Stillstand zu verharren, sondern um Lösungen zu finden.
Wir teilen in der Kirche die Sorgen der Menschen dieser Welt. Wir betreiben mit dem Synodalen Weg keine nur innerkirchliche Nabelschau oder kreisen um unseren eigenen Kirchturm. Die künftige Synodalkonferenz wird zu welt- und gesellschaftspolitischen Themen Stellung beziehen – Bischöfe und weitere Gläubige gemeinsam. Das ist eine kraftvolle Allianz, mit der wir öffentlich wahrnehmbar sein können. Unser Beitrag in allen Diskussionen gründet im Glauben an den dreifaltigen Gott und seine Lebenskraft. So wollen wir Zeugnis geben vom Evangelium unseres Herrn Jesus Christus, das für alle Menschen guten Willens eine Einladung zum „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) bereithält. Uns selbst ruft das Evangelium stets zu Umkehr und Erneuerung auf. Und das soll auch die Richtschnur unseres Handelns sein. Ich gehe gestärkt durch die Erfahrungen des Synodalen Weges weiter. Hoffnung und Trost, das ist es vor allem, was Menschen von der Kirche erwarten dürfen. Mit vielen anderen will ich weiter dafür einstehen.
Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof von Limburg
Die sechste Synodalversammlung ist zu Ende. Nicht zu Ende ist der Weg, der für die vereinbarten Ziele noch zu gehen ist. Ja, wir haben ein wichtiges Etappenziel erreicht. Doch unsere Ziele verlangen noch sehr viel Arbeit. Als 2018 der Missbrauchsskandal in seiner ganzen grauenvollen Dimension aufgedeckt wurde, haben die deutschen Bischöfe und das ZdK sich darauf verständigt, die strukturellen Ursachen zu analysieren und Maßnahmen zu ergreifen, dass solches sich in dieser Dimension nie mehr wiederholen kann. Unser Ziel war es, Partizipation, Transparenz und Rechenschaft zu sichern, Diskriminierung zu bekämpfen und Geschlechtergerechtigkeit zu fördern. Hinter keines dieser Ziele können wir ein Häkchen setzen. Die Widerstände und Spannungen waren groß und Federn mussten alle lassen. Doch die katholische Kirche in Deutschland ist nicht mehr dieselbe. Wir wissen, dass wir gerade jetzt eine Verpflichtung für die Zukunft haben. Menschenwürde und Demokratie sind in Gefahr. Solidarische Gesellschaften sind weltweit unter massivem Druck von Autokraten und Anti-Demokraten. Gerade jetzt sagen wir damit: Menschenwürde und Teilhabe, Solidarität und Verlässlichkeit des Rechts dürfen nicht auf dem Altar der Macht geopfert werden. Wie aber sollen Menschen unserem politischen Engagement trauen, wenn die katholische Kirche in ihrer Verfassung nicht bereit ist, Macht zu teilen? Über die Kirchenmitglieder sollte sich niemand Illusionen machen: deren Erwartungen sind mehrheitlich überdeutlich.
Irme Stetter-Karp, Präsidentin des ZdK
Ich freue mich über das, was wir erreicht haben, auch wenn ich mir vor allem im Hinblick auf die Umsetzung der Beschlüsse mehr gewünscht hätte. Ich bin dankbar, dass wir den Opfern von Missbrauch zumindest ansatzweise gerecht werden konnten und einiges auf den Weg gebracht haben, um die systemischen Ursachen dieser Verbrechen zu beseitigen. Wir haben damit einen wichtigen Perspektivwechsel in Gang gesetzt. Und es war mir eine Freude, im Synodalen Weg so vielen wertvollen, glaubensstarken Menschen und hoch engagierten Menschen zu begegnen und in wachsendem Vertrauen zusammenzuarbeiten. Mein besonderer Dank gilt Bischof Georg Bätzing und Frau Dr. Irme Stetter-Karp für ihren unermüdlichen und leidenschaftlichen Einsatz. Wir durften auf vielen Ebenen einen Kulturwandel erleben. Wie sagte Klaus Mertes doch erst kürzlich so richtig: „Der Geist, der aus der Flasche ist, wird nicht mehr in sie zurückkehren.“ Das gilt für alle Fragen, die noch nicht geklärt werden konnten, allen voran für die Frage nach der Verteilung, Begrenzung und Kontrolle der Macht und nach dem Zugang aller Geschlechter zu den Weiheämtern. Deshalb gilt es, nicht müde zu werden und unverdrossen weiterzumachen auf dem Weg der Umkehr und Erneuerung. Wir haben auch Verletzungen, Zwietracht, ja sogar Spaltung erlebt. Es ist uns nicht gelungen, die Einheit mit allen zu bewahren. Es ist uns leider auch nur begrenzt gelungen, unsere uns so bedrängenden Anliegen überall gleichermaßen verständlich zu machen, und das, obwohl uns aus aller Welt Signale erreichten, wie stark die Hoffnungsimpulse, die von unserem Synodalen Weg ausgingen, für viele Menschen waren. Es bleibt also viel zu tun. „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder“, heißt es im Evangelium. Ich denke, diesen Aufruf Jesu müssen wir hören im Blick auf die kommende Synodalkonferenz.
Sr. Philippa Rath, Benediktinerin, ZdK-Mitglied, Herausgeberin des Buches „Weil Gott es so will“
Kirche ist für mich entscheidend Begegnung von Mensch zu Mensch und Erzählgemeinschaft. Beides habe ich sehr stark beim Synodalen Weg erlebt. In Stuttgart war meine eigene gesundheitliche Situation nach der Krebsdiagnose Anlass zu sehr persönlichen Gesprächen, in denen wir verschiedene Grenzerfahrungen miteinander geteilt haben. Das waren alles andere als „Nebenschauplätze“ abseits der offiziellen Tagesordnung. Hier zeigt sich eine wesentliche Dimension von Synodalität. Ähnliches habe ich in allen Synodalversammlungen erlebt: Ich war an einer Vielzahl von Gesprächen mit Betroffenen sexualisierter Gewalt, queeren Menschen oder solchen, die die Frage nach Gleichberechtigung und Partizipation existenziell umtreibt, beteiligt. Besonders wertvoll sind mir dabei jene Kontakte, die zunächst durchaus konfliktiv waren, dann aber sehr persönlich und vertraulich wurden. Kritische Themen verbanden sich so im Laufe der Zeit mit Gesichtern und Biografien. Gerade das ist Synodalität, wie sie sich beim „Gespräch im Geist“ oder in einer „Begegnung am Rande“ zeigen kann: Menschen mit sehr verschiedener Prägung und Verantwortung bringen miteinander ihre jeweilige Perspektive in Berührung. Das hilft, gemeinsam tiefer die Wirklichkeit zu begreifen, in die Gott uns hineingestellt hat, um entschieden konkrete Schritte zu gehen. Was ich zuletzt in Stuttgart an Begegnung erlebt habe, hätte ich mir so vor sechs Jahren noch nicht vorstellen können. Für mich ein Indikator: Wenn auch holprig, aber dieser Weg ist es wert, gegangen zu werden.
Michael Gerber, Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof von Fulda
Das dominierende Gefühl nach der sechsten und letzten Synodalversammlung in Stuttgart ist Müdigkeit – ich bin müde, ein ums andere Mal auf die Risikofaktoren für Machtmissbrauch in der römisch-katholischen Kirche hinzuweisen. Ich bin müde, immer wieder auf diejenigen Menschen aufmerksam zu machen, die durch die Lehren der Kirchen einfach oder mehrfach marginalisiert oder diskriminiert werden. Ich bin müde, Verantwortliche für die kleinsten Schritte zu loben, in der Hoffnung, dass sie noch einen Nanometer in Richtung Reformen vorangehen. Und nicht verschreckt stehen bleiben oder gar zurückweichen, wenn leise Kritik an ihrem Handeln laut wird.
Die Diskussionen und Abstimmungen auf der letzten Synodalversammlung haben mir nochmal eindrücklich vor Augen geführt, wie wenig einzelne Verantwortliche in unserer Kirche verstanden haben von dem, was wir nun sechs Jahre ausführlich diskutiert haben. Im Themenbereich „Macht und Gewaltenteilung“ haben wir beispielsweise einen großartigen Grundtext und umsetzbare Handlungstexte verabschiedet. Und auch der Synodale Prozess auf Weltebene hat sich für eine Rechenschaftspflicht ausgesprochen. Wir alle könnten von der geteilten Verantwortung profitieren – nicht zuletzt die Bischöfe, die dadurch erheblich entlastet würden. Das nahezu monarchisch-autoritäre Trotzen einiger Bischöfe, die ein Monitoring zur Umsetzung der Beschlüsse des Synodalen Weges in ihren Bistümern rundherum ablehnten, ist für mich rational nicht nachvollziehbar.
Viola Kohlberger, Doktorandin, ZdK-Mitglied
Bei dieser letzten Synodalversammlung haben wir etwas eingeübt, was ich für die Kirche sehr wichtig finde: Wir haben Rechenschaft abgelegt, wie weit wir mit der Umsetzung der Beschlüsse des Synodalen Weges gekommen sind. Mit unserer Monitoring-Kommission hatten wir hierfür alle 27 Bistümer, das ZdK und die Deutsche Bischofskonferenz um Rückmeldungen gebeten. Wir haben erhoben, was genau umgesetzt wurde, haben Beispiele bewährter Praxis zusammentragen und nachgefragt, wo Hindernisse lagen. Die Ergebnisse haben Bischof Franz Jung und ich im Namen unserer Kommission in Stuttgart vorgestellt. Die Aussprache dazu war dann sehr kontrovers: Einigen gingen die Umsetzungsschritte viel zu langsam und nicht weit genug, andere berichteten von Überforderung im Alltag und der Notwendigkeit, Prioritäten zu setzen.
Letztlich glaube ich, dass uns mit diesen Beratungen etwas Wichtiges gelungen ist: Wir haben Verantwortung für unsere Entscheidungen übernommen, wir haben sorgfältig und ehrlich ausgewertet und Handlungsschritte für die Zukunft besprochen. Wir haben uns als lernende Organisation verstanden! Alle Bistümer haben jetzt den Auftrag, an dem weiterzuarbeiten, was noch nicht erfüllt ist. Und es liegt eine Chance darin, das, was bereits gelungen ist, noch mehr zu kommunizieren. Wir sind auf dem Weg und ein Kulturwandel hat bereits begonnen.
Birgit Mock, Leitung des Synodalforums „Leben in gelingenden Beziehungen“, Vorsitzende der Kommission II für Monitoring & Evaluation und ehemalige Vorsitzende des Synodalforums IV
Es war ein guter Plan, nicht nur die fünf großen Synodalversammlungen in Frankfurt zu organisieren, sondern nach einem Sicherheitsabstand von drei Jahren eine sechste Vollversammlung folgen zu lassen. In der Zwischenzeit hatte der Synodale Ausschuss die Satzung einer bundesweiten Synodalkonferenz erarbeitet. In vielen Bistümern sind neue Beratungs- und Entscheidungsgremien entstanden – aber nicht in allen. Die Beteiligung des Kirchenvolkes bei Bischofsbestellungen, der Umgang mit „laisierten“ Priestern, die Öffnung von Führungsaufgaben für Frauen, die Segensfeiern für Paare, die sich lieben: All das ist möglich und nötig – und noch viel mehr. Vielerorts läuft es. Aber immer wieder hakt es – teils aus Unwillen, teils aus Überforderung, teils wegen echter Umsetzungsschwierigkeiten.
Die sechste Synodalversammlung sollte offen und ehrlich eine Zwischenbilanz ziehen. Das hat sie getan. Es ging nicht ohne Emotionen ab – weil es um die Glaubwürdigkeit der Kirche geht. Es gab viel Kritik – aber weniger am Synodalen Weg selbst als an der Reaktion auf ihn bei manchen Bischöfen und in Rom (auch wenn sich dort manches getan hat). Es gab aber vor allem eine gemeinsame Besinnung auf den Anfang und auf die Fortsetzung. Es bleibt wichtig, Missbrauchsprävention systemisch werden zu lassen: durch transparente Beratungs- und Entscheidungsprozesse. Es ist gut, nicht auseinanderzugehen, sondern zusammenzubleiben. Und die Kirche voranzubringen. Was das heißt? Die Zukunft wird es zeigen.
Thomas Söding, Professor für Theologie, Vizepräsident des ZdK
Der Synodale Weg ist mit der sechsten Synodalversammlung in Stuttgart an einem Einschnitt angekommen – nicht an einem Ende. Auslöser dieses Prozesses waren der Missbrauchsskandal und seine systemischen Ursachen; an dieser Messlatte muss er sich messen lassen. Die vorgestellte Evaluation der Katholischen Universität Eichstätt zeichnet ein gemischtes Bild: Aus Sicht der befragten Synodalen hat der Synodale Weg bislang nur einen geringen Beitrag zur Behebung systemischer Ursachen sexualisierter Gewalt und zur Wiedergewinnung verlorenen Vertrauens geleistet, aber einen großen Beitrag zur Enttabuisierung von Themen und zur Anerkennung diskriminierter Gruppen. Als Betroffener teile ich diese ambivalente Bilanz ausdrücklich: Noch immer bestehen erhebliche Defizite in der Missbrauchsaufarbeitung, der Intervention und in der Anerkennung des Leids.
Gleichzeitig sehe ich Fortschritte: Dass wir heute offen über Macht und Gewaltenteilung, über Geschlechtergerechtigkeit, über die Sexuallehre der Kirche und die Lebensform des Klerus sprechen, war vor wenigen Jahren kaum vorstellbar. In der Prävention wurden tausende Menschen geschult, Betroffenenbeirat, Sachverständigenrat und unabhängige Aufarbeitungskommissionen sind etabliert. Der Weg zu einer wirklich betroffenenorientierten inneren Haltung der Kirche bleibt trotz allem sehr weit – für Klerus wie Laien gleichermaßen, das hat der Synodale Weg deutlich gemacht.
Es ist aber auch gelungen, den aus der Missbrauchskrise national entstandenen Weg in die Weltkirche und hier in die Ergebnisse der Weltsynode einzugliedern. Aus meiner Sicht ist das Glas also nicht leer, aber bei weitem nicht voll: Der Synodale Weg hat Türen geöffnet, Strukturen geschaffen und Synodalität mit der Synodalkonferenz auf Dauer gestellt. Entscheidend wird sein, ob seine Beschlüsse jetzt konsequent in allen Bistümern umgesetzt, Betroffene dauerhaft auf Augenhöhe beteiligt und die Satzung der Synodalkonferenz von der Bischofskonferenz beschlossen und durch Rom akzeptiert wird. Nur dann kann aus diesem Weg ein wirklicher Neuanfang werden.
Johannes Norpoth, Betroffenenbeirat bei der DBK, ZdK-Mitglied
Ich werde nach besonderen Momenten während der 6. Synodalversammlung gefragt. Noch vor Beginn teile ich den Weg bis in unsere Synodenaula mit dem Beobachter aus Luxemburg. Er sagt: „Was ihr hier erarbeitet, brauchen wir! Bitte macht weiter!“ Wenig später erlebe ich die erste Runde Conversatio in spiritu. Diese Methode war bei der Weltsynode wichtig, spät, aber gern übernehmen wir sie auf unserem Synodalen Weg. Je acht Menschen finden sich zusammen und üben, einander zuzuhören. Meine Gruppe ergibt eine abenteuerliche Mischung und ich bin tief beeindruckt: Wir lernen, was es heißt, „die Meinung des oder der anderen zu retten“. Am Abend spricht der belgische Diakon Geert de Cupper, Delegierter der Weltsynode, und ermutigt uns: „Synodalität braucht synodale Erfahrung.“ Dieser Satz wird für mich zur zentralen Erkenntnis. Synodalität kann nur gelingen, wenn man sich darauf einlässt. Sie ist kein Zauberwort, sondern ein Übungsfeld. Diejenigen, die im Synodalen Ausschuss waren, sind etwas trainierter als die, die drei Jahre Pause hatten. Doch alle sind Teil eines Kulturwandels. Er geht leise vonstatten und fordert eine ganze Menge Geduld. Aber er ist spürbar. Trotzdem – oder gerade deshalb – brauchen wir das Votum, das kurz vor Ende der Versammlung noch gefasst werden kann: Die Umsetzung der Beschlüsse muss an Fahrt gewinnen. Die Geschwindigkeit passt nicht. Wenn etwas als gut erkannt und beschlossen wurde, dann darf es auch beherzt getan werden. Zuhören ist nur der Anfang.
Martina Kreidler-Kos, Beraterin im Forum IV, Mitglied im Synodalen Ausschuss und der Kommission II „Monitoring und Evaluation“
Meine persönliche Bilanz fällt ambivalent aus. Einerseits bin ich mit meinem Engagement auf dem Synodalen Weg im Reinen. Gerade im Blick auf die Kolleg:innen in der Pastoral, für die ich mein Mandat wahrgenommen habe, ist Wichtiges erreicht worden. Am spürbarsten durch die neue Grundordnung, die arbeitsrechtliche Standards für die Kirche eingeholt hat. Aber auch mit deutlichen Positionierungen für eine nicht mehr diskriminierende kirchliche Lehre in Bezug auf Geschlechter und sexuelle Orientierungen. Darauf kann sich eine erneuerte Pastoral berufen. Die Einrichtung der Synodalkonferenz ist ein echter Erfolg. Die Erfahrungen, die wir in Synodalität gesammelt haben, und der Freimut, Probleme klar zu benennen, sind sehr wertvoll. Die – teilweise sogar hasserfüllte – Ablehnung des Synodalen Wegs schmerzt mich. Ich durfte viele Menschen kennenlernen, die aus einem tiefen Glauben für diesen Weg der Umkehr und Erneuerung eingetreten sind. Gemeinsam haben wir an der Evangelisierung gearbeitet, die zunächst Selbstevangelisierung, also ein Ausrichten des eigenen und kirchlichen Handelns an der Botschaft Jesu ist.
„Umkehr und Erneuerung“ war das Ziel des Synodalen Wegs. Das wurde in Stuttgart oft zitiert. Ja, es sind erste Schritte getan, wie es der Mentoring-Bericht des Synodalen Ausschusses dokumentiert. Er legt aber ebenso offen, wo es nur schleppend oder gar nicht vorangeht mit der Rezeption der synodal gefassten Beschlüsse. Das erfüllt mich mit großer Sorge. Im Handeln derjenigen, die Entscheidungen umsetzen, erlebe ich zu oft, dass noch immer das Wohl der Kirche über dem Wohl der einzelnen Menschen steht. Diese nicht im Herzen vollzogene Umkehr fördert weiter Machtmissbrauch in seinen unterschiedlichen Ausprägungen. Um nach außen für Menschenrechte eintreten zu können, was in unserer Gesellschaft so dringend nötig ist, braucht es eine ebenso entschiedene Haltung, Menschenrechte in der Kirche zu garantieren. Daran müssen wir uns messen lassen.
Marcus Schuck, Vorsitzender des Bundesverbandes der Pastoralreferent*innen Deutschlands
Wer schon Teil von Veränderungsprozessen war, weiß: Veränderungen brauchen Zeit. Manchmal reicht schon ein Blick auf sich selbst, um zu spüren, wie mühsam es ist, Gewohntes hinter sich zu lassen. Die Kirche weltweit will sich verändern: Sie will synodaler werden. Das wird noch viel Zeit brauchen. Zumal mehr Synodalität keine theoretisch zu klärende Frage ist, sondern nur im Erleben verstanden werden kann.
Der Synodale Weg hat keine ganz großen Veränderungen angestoßen. Vieles hätte besser, manches auch schlechter organisiert werden können. Auf jeden Fall war er ein wichtiger Schritt, um zu verstehen, wie Synodalität auf nationaler Ebene gestaltet werden kann. Zu den Themen, die hier geklärt werden müssen, gehört zentral die Frage, wie Missbrauch und seine Vertuschung in der Kirche so wenig Raum wie möglich erhalten. Entscheidend sind Bewusstsein und Veränderungswille vor Ort. Aber es wäre fatal, das Thema nicht auch auf übergeordneter Ebene anzugehen und es wäre zu wenig, wenn dies nur unter Bischöfen und in bischöflichen Kommissionen geschähe.
Vielleicht ist das der wichtigste Beitrag des Synodalen Weges: Die Kirche in Deutschland ist durch ihn ein wenig sicherer geworden – und ein wenig gerechter und inklusiver. Das reicht noch lange nicht, und an all dem muss unentwegt und auf allen Ebenen weitergearbeitet werden. Dazu kommen die wichtigen Fragen, wie kirchliche Gruppen in der Aufmerksamkeit für Nöte anderer wachsen und wie die gemeinsame Freude am Evangelium sichtbarer wird. Darin kann der Synodale Weg vor Ort als Beispiel dienen, weniger durch seine Struktur als durch seine Lernerfahrungen: Die Versammlung hat erlebt, dass nicht nur Entscheidungen zählen, sondern auch der Weg dorthin und dass möglichst viele daran beteiligt sein sollten. Auch das hätte besser laufen können. Aber auf diesem Anfang lässt sich aufbauen. Der Weg hat gezeigt: Synodalität ist mühsam und geradezu eine Zumutung – weil sie alle in die Pflicht nimmt, sich zu verändern.
Michael Berentzen, Priester des Bistums Münster
Der Synodale Weg war und bleibt vor allem ein gemeinsamer Lernweg unserer Kirche in Deutschland und weltweit. Dieser Weg war in den vergangenen sechs Jahren anstrengend und oft steinig, aber aller Mühe wert. Wir haben uns gemeinsam dem Schrecken des Missbrauchs gestellt und theologisch gut verantwortete Schlüsse daraus gezogen: zur Prävention und Aufarbeitung, zum Kirchen- und Amtsverständnis, zur Gleichberechtigung und anderem. Denn wir wissen: Nur wenn wir glaubwürdig Machtmissbrauch verhindern und eine Theologie und Moral vertreten, die dem Evangelium und den Menschen gerecht werden, können wir Vertrauen gewinnen. Es ist ärgerlich zu sehen, wie in einigen Diözesen notwendige Schritte verschleppt und vermieden werden, obwohl die Bischöfe sie selbst beschlossen haben. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“. Zurecht schauen unsere Mitglieder und schaut die Gesellschaft kritisch hin. Wer in dieser Situation meint, sich durchlavieren oder Zeit lassen zu können, wird die Quittung von den Gläubigen bekommen. Wenn auch noch viel zu tun bleibt, sehen wir zum Glück auch Fortschritte und eine sich entwickelnde Kultur der Synodalität. Ob das genügt? Viel Zeit haben wir nicht mehr, wenn es hierzulande mit unserer Kirche gut weitergehen soll. Umso wichtiger wird es sein, konsequent dranzubleiben. Ich bin froh, dabei gewesen zu sein, und entschlossen, diesen Weg mit vielen gemeinsam weiterzugehen.
Christian Hermes, Stadtdekan von Stuttgart