Es könnte so schön sein! Bei einer feierlichen Zeremonie wurden in Madrid wie jedes Jahr wieder Tiere gesegnet. Hunde und Katzen, Meerschweinchen und Schildkröten – und sogar eine Weinbergschnecke durfte sich über einen Spritzer Weihwasser freuen. Gott sah, dass es gut war, und der Mensch kann nur zustimmen: Was für eine schöne, bunte, vielseitige Gesellschaft, in und mit der wir als Menschen leben dürfen! Jedes Tier, das da schwimmt, läuft, kreucht oder fleucht, ist auf seine Weise ein Wunder. Aber sobald diese erste Euphorie verflogen ist, stellen sich Fragen: Diese eine Schnecke wird gesegnet, aber was ist mit ihren zahllosen Geschwistern, die als Schädlinge bekämpft werden? Oder mit jenen, die andernorts als Delikatesse im Ofen landen? Und: Fühlt sich eine Schnecke – ein Tier, das im Allgemeinen als sehr standorttreu gilt, – wirklich wertgeschätzt, wenn sie in einem Marmeladenglas durch die Gegend getragen wird?
In diesem Heft soll es darum gehen, wie wir mit unseren tierischen Mitgeschöpfen zusammenleben. Dirk Müller stellt die Frage, warum wir so streng zwischen Haus- und Nutztier unterscheiden. Wieso wir die einen verhätscheln und trotzdem meist kein Problem damit haben, die anderen für Fleisch und Milch „auszubeuten“. Können vegetarische Pfarrfeste hier ein Schritt in eine richtige Richtung sein? Annette Jantzen untersucht die biblischen Passagen, die im zeitlichen Kontext ihrer Entstehung das Zusammenleben von Mensch und Tier regeln. Versteht man die Bilder der Heiligen Schrift besser, wenn man weiß, dass die allermeisten Menschen damals eng mit Tieren zusammenlebten – und dass Angriffe durch Schlangen, Löwen und andere Wildtiere reale, alltägliche Bedrohungen waren? Der Theologe und Ethiker Martin M. Lintner geht im Interview schließlich einer spirituellen Frage nach: Wie steht es um die Seele der Tiere?