Gibt es hierzulande wirklich Menschen, die sich Jahr für Jahr die Oscarverleihung ansehen? Immerhin beginnt das große Filmpreisspektakel bei uns durch die Zeitverschiebung erst gegen Mitternacht und dauert dann regelmäßig bis halb vier Uhr morgens. Obwohl ich mich durchaus für Filme interessiere, habe ich diesen nächtlichen Marathon noch nie mitgemacht, sondern einfach morgens nach dem Aufstehen nachgeschaut, ob „die Richtigen“ gewonnen haben. Diesmal gab es keine ganz großen Überraschungen, außer dass die 9-fach nominierte Sportler-Tragikomödie Marty Supreme tatsächlich ganz leer ausging. Dafür habe ich mich über einen anderen Gewinner sehr gefreut: In der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ gewann Ein Nobody gegen Putin, eine einfühlsame Dokumentation über das Leben am „unteren Ende“ der russischen Propagandamaschinerie. Gerade ist der Film sogar kostenlos in der Arte-Mediathek zu sehen – absolute Empfehlung!
1 | USA. Während die Welt auf die Glitzershow in Hollywood schaute, ging eine andere Meldung fast unter: Laut dem eben veröffentlichten weltweit umfangreichsten Demokratiebericht der Forschungsgruppe Varieties of Democracy verlieren die USA ihren Status als liberale Demokratie. Die Trump-Regierung schränke Bürgerrechte ein und sei dabei, die Gewaltenteilung auszuhebeln, so die Autoren der Studie.
2 | Kuba. Zu den Ländern, die die neue Härte der US-Außenpolitik zu spüren bekommen, gehört Kuba. So verhindert Trump Öllieferungen auf den Inselstaat und hat mehrfach angegeben, das Land „übernehmen“ zu wollen. Dass Kuba sich gerade entschlossen hat, 51 Gefangene frei zu lassen, hat nach offiziellen Angaben aber weniger mit diesen politischen Drohgebärden zu tun und mehr mit Vermittlungen durch den Vatikan.
3 | Internet. Werden die USA Kuba übernehmen? Oder zumindest angreifen? So pervers es klingt: Auf all das kann man wetten. Eine Untersuchung hat jetzt gezeigt, dass der Irankrieg bereits zu einer der größten Spielwiesen für Online-Wettanbieter geworden ist – mit über 500 Millionen Dollar Einsatz und großen Gewinnen, für jene, die den Tag der Angriffe voraussagen konnten. Während Zivilisten sterben, machen andere Kasse.
4 | Vatikan. Nicht nur angesichts solcher digitaler Auswüchse hat Papst Leo XIV. am Internationalen Mathematik-Tag zu mehr Menschlichkeit im Internet aufgerufen. Die moderne Technik könne eine Chance für eine nie dagewesene weltumspannende Geschwisterlichkeit sein, wenn die „moralische Dimension dieser neuen Technologien“ erfasst würde.
5 | Belgien. Es gibt wohl auch genug Christen, die sich diese Forderung des Papstes zu Herzen nehmen sollten. Nach einem Schwall von Beschimpfungen und Drohungen per Mail und über social media wurde eine Kunstaktion im belgischen Havelange abgesagt. Unter dem Titel Madonna (non) grata wollten sich die Verantwortlichen kritisch mit dem gesellschaftlichen (und kirchlichen) Frauenbild auseinandersetzen.
6 | Deutschland. Wer sich in der Soziologie auskennt, mag bei den Worten von Leo XIV. auch an den „herrschaftsfreien Diskurs“ denken, für den Jürgen Habermas zeit seines Lebens warb. Jetzt ist der einflussreiche Philosoph im Alter von 96 Jahren gestorben. Obwohl er sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnete, betonte Habermas die wichtige Rolle der Religion für die Gesellschaft.
7 | Postweg. Ob für Habermas der Trauerfeier-Klassiker So nimm denn meine Hände gespielt wird, wissen wir nicht. Seit Kurzem ist aber eine Briefmarke zum 200. Geburtstag der deutsch-baltischen Lyrikerin Julie Hausmann im Handel, die das Lied gedichtet hat. Das verantwortliche Bundesfinanzministerium wollte mit der Sondermarke mit Blumenmuster eine passende Briefmarke für Beileidsschreiben schaffen.