In modernen Interpretationen wird Franz von Assisi oft als früher Ökologe dargestellt, als ein Heiliger, der die Harmonie zwischen Mensch und Umwelt verkörpert. Doch diese Darstellung, so reizvoll sie auch sein mag, ist nur eine partielle Annäherung an seine Bedeutung. Wer Franziskus wirklich verstehen will, muss seine Sicht auf die Schöpfung in den breiteren Kontext seines Lebens, seiner Bekehrung und vor allem seiner Beziehung zu Gott als Schöpfer stellen. Nur aus diesem Zusammenhang heraus wird deutlich, was sein Denken und Handeln im Innersten antreibt.
Historischer Kontext und Interpretation von Franziskus
Franziskus wurde am Ende des 12. Jahrhunderts geboren, einer Zeit, in der sich Europa in einer Phase tiefgreifender Veränderungen befand. Der Aufstieg der Städte und des Handels brachte neue Formen von Reichtum und Ungleichheit mit sich. Alte Strukturen gerieten unter Druck, und neue soziale Dynamiken entstanden. Die Kirche spielte dabei eine komplexe Rolle: Einerseits war sie eine spirituelle Autorität, andererseits eine institutionelle Macht, die selbst Teil dieser Veränderungen war. In diesem Kontext entstand ein wachsendes Bedürfnis nach religiöser Erneuerung, nach Formen der Glaubensausübung, die näher am Evangelium und am täglichen Leben der Menschen waren.
Bekehrung und neuer Blick auf die Wirklichkeit
In dieser Welt entdeckt Franziskus seine Berufung. Als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns hatte er zunächst Zugang zu einem Leben voller Komfort und Perspektiven. Doch sein Lebensweg nimmt eine radikale Wendung, als er eine innere Umkehr durchlebt. Diese Bekehrung bildet das Fundament seiner späteren Sicht auf die Schöpfung. In seinem Testament beschreibt er, wie er eine tiefe Abneigung gegen Leprakranke empfand, die zu seiner Zeit ein Symbol für alles waren, was man fürchtete und mied. Dennoch wird er gerade zu ihnen geführt. In der Begegnung mit ihnen geschieht etwas Grundlegendes: Was zuvor bitter war, wird süß. Diese Erfahrung verändert nicht nur seine Haltung gegenüber anderen, sondern auch seine gesamte Sichtweise auf die Wirklichkeit.
Die Bekehrung des Franziskus ist keine bloße moralische Besserung, sondern eine radikale Neuausrichtung seines Daseins. Er lernt, die Welt nicht länger nach seinen eigenen Vorlieben und Abneigungen zu beurteilen, sondern sie stets als einen Ort zu sehen, an dem Gott überall gegenwärtig ist. Diese Entdeckung hat weitreichende Folgen. Sie bedeutet, dass nichts in der Schöpfung von vornherein ausgeschlossen oder verachtet werden darf. Alles kann Träger der Gegenwart Gottes sein.
Der Mensch als Mitgeschöpf Gottes
Aus dieser Erfahrung heraus entwickelt Franziskus eine Sicht auf die Schöpfung, die grundlegend relational ist. Die Welt ist keine Ansammlung einzelner Objekte, sondern ein Geflecht von Beziehungen. Alles, was existiert, steht in Beziehung zu Gott als Schöpfer und zueinander als Geschöpf. Der Mensch nimmt in diesem Ganzen einen besonderen Platz ein, aber nicht als Herrscher, der über dem Rest steht. Im Gegenteil, Franziskus erlebt gerade die gemeinsame Geschaffenheit von allem, was existiert. Ich sehe daher in seinem Denken und Handeln vor allem ein Selbstbewusstsein als „Mitgeschöpf Gottes“.
Dieser Begriff veranschaulicht Franziskus’ Durchbruch eines hierarchischen Denkens, in dem sich der Mensch über die Natur stellt und sie nach seinem Willen formt. Stattdessen entsteht eine Vision, in der der Mensch Teil eines größeren Ganzen ist. Er ist mit den Tieren, den Pflanzen und den Elementen verbunden, nicht nur biologisch, sondern auch theologisch. Alles entspringt derselben Quelle und ist auf dasselbe Ziel ausgerichtet.
Armut und Abhängigkeit als Lebenshaltung
Diese Überzeugung nimmt in der Lebensweise, für die sich Franziskus entscheidet, konkrete Gestalt an. Er distanziert sich von Besitz und Sicherheit und entscheidet sich für ein Leben in radikaler Armut. Zusammen mit seinen Brüdern zieht er ohne Geld, ohne Vorräte und ohne Schutz durch die Welt. Sie vertrauen auf die Vorsehung Gottes und auf die Gastfreundschaft anderer. Diese Lebensweise ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um sich von der Abhängigkeit von materiellen Dingen zu befreien und sich ganz auf Gott auszurichten.
Die Armut des Franziskus hat auch eine ökologische Dimension, auch wenn er diesen Begriff selbst nicht verwenden würde. Indem er nichts besitzt, erkennt er an, dass die Welt kein Eigentum, sondern ein Geschenk ist. Er weigert sich, die Schöpfung auf ein Mittel für eigene Zwecke zu reduzieren. Stattdessen lernt er, sie anzunehmen und zu respektieren.
Der Sonnengesang und das Lob der Schöpfung
Diese Haltung kommt vielleicht am treffendsten im Sonnengesang zum Ausdruck. In diesem Lied besingt Franziskus Gott durch seine Geschöpfe. Er spricht von „Bruder Sonne“, „Schwester Mond“, „Bruder Wind“, „Schwester Wasser“ und „Schwester Mutter Erde“. Diese Bezeichnungen drücken eine tiefe Verbundenheit aus. Die Schöpfung wird als eine Familie dargestellt, in der alles miteinander verbunden ist.
Die Verwendung familiärer Bindungen ist kein Zufall. Sie zeigt, dass die Beziehung zwischen Mensch und Schöpfung nicht instrumentell, sondern persönlich und wechselseitig ist.
Man muss sich bewusst machen, dass diese Verbundenheit nicht losgelöst von Gott ist. Im Sonnengesang ist es letztlich Gott, der gepriesen wird. Die Geschöpfe sind keine eigenständigen Objekte der Verehrung, sondern verweisen auf ihren Ursprung. Sie sind Zeichen der Güte Gottes und Mittel, ihn zu ehren. Der Lobgesang des Franziskus ist daher theozentrisch: Gott steht im Mittelpunkt.
Ökologische Umkehr und heutige Bedeutung
Ohne die Beziehung zu Gott droht sein Umgang mit der Schöpfung auf eine Form der Naturverehrung reduziert zu werden. Doch für Franziskus ist die Schöpfung gerade deshalb wertvoll, weil sie von Gott stammt. Seine Liebe zur Natur wurzelt in seiner Liebe zum Schöpfer.
Darin liegt auch der Grund, warum moderne Interpretationen von Franziskus als „Ökologe“ problematisch sein können. Obwohl sein Leben und seine Worte mit heutigen ökologischen Sensibilitäten übereinstimmen, ist seine Motivation grundlegend anders. Er strebt nicht in erster Linie nach der Erhaltung der Natur um ihrer selbst willen, sondern nach einem Leben, das im Einklang mit Gottes Willen steht. Die Sorge um die Schöpfung ist eine Folge davon.
Das bedeutet jedoch nicht, dass seine Vision für unsere säkularisierte Zeit keine Bedeutung hat. Im Gegenteil: Gerade durch ihre theologische Tiefe kann sie einen wertvollen Beitrag zu aktuellen Diskussionen über Ökologie und Nachhaltigkeit leisten. Franziskus lädt uns ein, über technische Lösungen und wirtschaftliche Interessen hinauszuschauen. Er fordert einen Perspektivwechsel, das, was man als „spirituelle Umkehr“ beziehungsweise mit den Worten von Papst Franziskus als „ökologische Umkehr“ bezeichnet.
Umkehr ist bei und für Franziskus keine oberflächliche Verhaltensänderung, sondern eine tiefgreifende Verwandlung des Herzens. Sie beginnt mit der Erkenntnis, dass der Mensch Teil der Schöpfung ist und dass er seinen Platz darin neu überdenken muss. Sie erfordert Demut, das Loslassen von Kontrolle und das Anerkennen von Abhängigkeit.
Diese Bekehrung ist eng mit der Nachfolge Christi verbunden. Für Franziskus ist Christus das Vorbild schlechthin dafür, wie man leben soll. In Christus sieht er den vollkommenen Ausdruck von Gottes Liebe und Demut. Die Inkarnation, also die Tatsache, dass Gott Mensch wird, bestätigt den Wert der Schöpfung. Sie zeigt, dass die materielle Welt nicht minderwertig ist, sondern von Gott selbst umarmt wird.
Indem er Christus nachfolgt, lernt Franziskus, wie er sich zur Schöpfung verhalten soll. Er lernt, zu dienen statt zu herrschen, zu teilen statt zu besitzen und zu danken statt zu fordern. Diese Haltung bildet die Grundlage seiner Spiritualität.
Ein besonderer Aspekt seiner Sichtweise ist sein Umgang mit Leid und Tod. Auch diese Realitäten werden im Sonnengesang thematisiert. Franziskus bezeichnet den Tod als „Schwester“. Dies zeugt von einem tiefen Vertrauen in Gott. Selbst das, was als negativ empfunden wird, ist Teil eines größeren Ganzen, das letztlich auf Gott ausgerichtet ist.
Dieser umfassende Ansatz bedeutet, dass die Wirklichkeit nicht in gut und böse, wertvoll und wertlos aufgeteilt wird, sondern dass alles einen Platz in Gottes Plan hat. Dies erfordert eine Haltung der Akzeptanz und des Vertrauens.
Gleichzeitig bedeutet dies nicht, dass Franziskus blind für das Böse oder das Leiden ist. Im Gegenteil, sein Leben ist geprägt von der Anteilnahme am Leiden anderer. Seine Fürsorge für Aussätzige und Arme zeigt, dass seine Spiritualität konkret und praktisch ist. Im Gegenteil, sein Leben ist geprägt von der Anteilnahme am Leiden anderer. Seine Fürsorge für Aussätzige und Arme zeigt, dass seine Spiritualität konkret und praktisch ist. Er sucht nicht nach einer abstrakten Harmonie, sondern nach einem Weg, in der alltäglichen Realität seiner Berufung treu zu bleiben.
In unserer Zeit, in der die Schöpfung durch menschliche Aktivitäten unter Druck steht, kann die Vision des Franziskus eine wichtige Inspirationsquelle sein. Er erinnert uns daran, dass die Beziehung zwischen Mensch und Natur nicht auf technologische, politische oder pragmatische Fragen reduziert werden kann. Sie ist im tiefsten Sinne eine moralische und spirituelle Beziehung.
Sein Beispiel zeigt, dass echte Veränderung mit einer inneren Umkehr beginnt. Ohne eine Änderung der Haltung bleiben Maßnahmen oberflächlich. Ökologische Umkehr erfordert eine neue Sichtweise, eine Neubewertung dessen, was wirklich wichtig ist.
Diese Neubewertung hat auch soziale Implikationen. Franziskus’ Entscheidung für Armut und Einfachheit ist nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern auch eine Kritik an einer Gesellschaft, die von Besitz und Macht getrieben wird.
Das Bild von Franziskus als „Mitgeschöpf Gottes“ bietet eine kraftvolle Alternative zu vorherrschenden Vorstellungen vom Menschen. Es betont Verbundenheit statt Dominanz, Verantwortung statt Ausbeutung und Demut statt Arroganz. Es lädt dazu ein, unseren Platz in der Welt zu überdenken.
Letztendlich ist Franziskus’ Sicht auf die Schöpfung eine Sicht der Lobpreisung. Die Welt ist für ihn kein neutraler Raum, sondern ein Ort, an dem Gott sich offenbart. Jedes Element der Schöpfung trägt zu einem großen Ganzen bei, das auf Gott ausgerichtet ist. Der Mensch wird eingeladen, an diesem Lobgesang teilzunehmen.
Diese Einladung ist auch heute noch relevant. Sie fordert uns auf, innezuhalten und die Welt um uns herum zu betrachten, sie nicht nur zu nutzen, sondern auch zu schätzen. Sie lädt uns ein, neu sehen zu lernen – nicht mit einem Blick der Kontrolle, sondern mit einem Blick des Staunens.
Wer diesen Weg geht, wird entdecken, dass die Schöpfung mehr ist als eine Ansammlung von Dingen. Sie ist eine Gemeinschaft, ein Netzwerk von Beziehungen, in dem alles miteinander verbunden ist. Und im Zentrum dieser Gemeinschaft steht Gott, der Schöpfer, der alles trägt und zur Vollendung führt.
So bleibt Franziskus, Jahrhunderte nach seinem Tod, ein Wegweiser für alle, die nach einer anderen Lebensweise suchen. Seine Sicht auf die Schöpfung ist kein nostalgisches Ideal, sondern eine lebendige Herausforderung. Sie lädt zur Umkehr, zur Veränderung und zum Engagement ein. Und sie erinnert uns daran, dass wir, genau wie er, Mitgeschöpfe Gottes sind, berufen, in Verbundenheit mit allem, was existiert, zu leben.
Fazit
Franz von Assisi entwickelt ausgehend von seiner Bekehrung eine Sicht auf die Schöpfung, in der alles, was existiert, in Beziehung zu Gott steht und in der der Mensch nicht über der Schöpfung steht, sondern als Mitgeschöpf innerhalb der Schöpfung. Seine Lebensweise der Armut, der Verbundenheit und des Lobpreises, wie sie vor allem im Sonnengesang zum Ausdruck kommt, zeigt, dass die Liebe zur Schöpfung aus der Liebe zum Schöpfer entspringt. Diese Sichtweise bleibt aktuell, weil sie zu einer ökologischen Bekehrung aufruft: einer inneren Wandlung, in der der Mensch lernt, die Welt als Geschenk zu sehen und in Demut und Verantwortung mit ihr umzugehen.
Krijn Pansters