Peters, Patrick: Joseph Görres. Mit spitzer Feder für die Freiheit.
Stuttgart: Kohlhammer 2025. 185 S. Kt. 26,–.
Wenige Wochen nach dem spektakulären Rheinübergang der Preußen unter Blücher bei Kaub im Januar 1814 übernahm Joseph Görres die Leitung des „Rheinischen Merkur“, um den Vormarsch gegen Napoleon propagandistisch zu unterstützen. Eine Herkulesaufgabe, die der Koblenzer fast im Alleingang stemmte; versorgt wurde er mit Neuem aus erster Hand, aus Blüchers Hauptquartier und der Denkfabrik des Reformers vom Stein, Experte in Fragen der Verfassung. Napoleon soll seine Zeitung eine cinquième puissance genannt haben, eine fünfte Macht neben Preußen, Österreich, Russland und England.
Joseph Görres gilt als Begründer der Gesinnungspresse in Deutschland, seine Schöpfung, der Rheinische Merkur, als erste große politische Zeitung. Am 25. Januar 1776 wurde der Publizist in Koblenz, damals Residenz des Trierer Kurfürsten, in die eher bildungsferne Familie eines Holzhändlers geboren. An seinem 100. Geburtstag 1876, als der Kulturkampf, die Katholikenemanzipation im protestantischen Preußen, seinen Siedepunkt erreicht hatte, wurde zu Ehren des Freiheitskämpfers die Görresgesellschaft ins Leben gerufen. In zeitgemäßer Form besteht das wissenschaftliche Netzwerk noch heute.
Der 250. Geburtstag von Görres, der 150. Jahrestag der Görresgesellschaft ist für Patrick Peters, Publizist und Prorektor der privaten Allensbach Hochschule in Konstanz, Anlass einer Biografie von Joseph Görres, dessen Leben am 28. Januar 1848 nach kurzer Krankheit im Spannungsbogen von zwei Revolutionen endete. Der Autor verfolgt die „großen Leitlinien von Görres’ Leben im Zusammenhang … des jeweiligen kulturellen und politisch-historischen Kontext“ (16). Peters illustriert mit Leseproben, dass Görres den Ruf „als einer der einflussreichsten Publizisten“ seiner Zeit genießt. Er wird oft neben Ernst Moritz Arndt genannt. Aber anders als bei ihm finden sich beim Rheinländer keine Entgleisungen gegen Juden und Franzosen.
Görres kämpfte gegen Napoleon. Der frühreife Zwölfjährige hatte, begeistert von den Idealen der Aufklärung und der Französischen Revolution, ein Spottgedicht auf den Kurstaat verfasst, gegen „Pfaffheit“ und blasierten Adel. Als aber Frankreich den Rhein zur Staatsgrenze erklärte und der Korse die Macht an sich riss, musste der Feuerkopf erkennen, dass die beglückenden Leitbilder der Revolution zu nationalistischer Machtpolitik entarteten. Görres zog sich aus der Politik zurück, wirkte als Lehrer am Koblenzer Gymnasium und an der Universität im romantischen Heidelberg mit seinen Freunden Brentano und von Arnim.
Stöbern in Literaturgeschichte war Görres ein Mittel, nationale Identität zu finden, wie Patrick Peters betont. Der Rhein wuchs ihm zur „Herzader der Nation“, der Sprachraum zur nationalen Zugehörigkeit. Den Gipfel der Beredsamkeit erklomm der Publizist des Rheinischen Merkur, als Napoleon der Politik zu entsagen schien. Görres versetzte sich so täuschend in seiner Proklamation Napoleons an die Völker Europas vor seinem Abzug auf die Insel Elba in Denkmuster des Korsen, dass manche meinten, der Diktator sei der Verfasser und lobe die Beseitigung der deutschen Kleinstaaterei als sein Verdienst.
Patrick Peters hat mit Geschick den Meinungsmacher am Beispiel des Kölner Doms beschrieben, der seit der Reformation als Bauruine verkam. Görres initiierte den Weiterbau als nationales und religiöses Denkmal, ein Anstoß, den Friedrich Wilhelm IV. 1842 endlich aufgreifen sollte. Als Görres jedoch begann, die Fürsten an ihre Versprechungen einer freiheitlichen nationalen Verfassung zu erinnern, konnte Staatskanzler Hardenberg nach russischer Intervention ein Verbot von Görres’ Sprachrohr nicht mehr abwenden.
Während der Verfolgung sogenannter Demagogen nach den Karlsbader Beschlüssen erklärte Görres wenig verhüllt den Mord an dem Russlandfreund Kotzebue in seiner Schrift „Teutschland und die Revolution“ (1819) mit Metternichs reaktionärer Politik. Der Publizist musste ins französische Elsass fliehen. Noch einmal hat Görres ein Pamphlet in die Öffentlichkeit geworfen, den „Athanasius“, als die preußische Regierung 1837 glaubte, einen Streit zwischen Staats- und Kirchenrecht um „gemischte Ehen“ autokratisch beenden zu können. Der Titel der Kampfschrift erhob den greisen Erzbischof von Köln gleichsam zu Ehren der Altäre wie Athanasius, den Kämpfer gegen den Arianismus, wie Peters in seinem Buchkapitel „Katholischer Kulturkampf mit Preußen“ eindrücklich beschreibt.
Anselm Verbeek
Justman, Leokadia: Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Hg. von Niko Hofinger und Dominik Markl SJ.
Innsbruck: Tyrolia 2025. 413 S. Gb. 29,–.
„In jenem Jahr, 1939, begann der September mit einem Farbenrausch aus Grün und Gelb und Braun. Die Sonne strahlte golden und strich mir übers dunkle Haar. Ich liebte dieses Wetter. Es sorgte dafür, dass ich mich Gott und der Natur nahe fühlte.“ Mit diesen Sätzen beginnt das Buch in Łódź zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Doch der Schrecken der schnellen Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht tritt an die Stelle von Freude über das neue Schuljahr und die geplante Auswanderung nach Australien. In den Jahren des Schreckens sind es immer wieder die Eltern von Leokadia, die neue Perspektiven suchen und Hoffnung schaffen.
Schließlich gelingt der Familie die Flucht. Diese führt Leokadia, getarnt als polnische Arbeiterin, über das Land der Eroberer bis nach Tirol. Vor allem hier trifft sie immer wieder auf Menschen, welche die Menschlichkeit über die Ideologie stellen. Überlebt die Autorin auch den Krieg und die Nachstellungen der als fast allmächtig empfundenen Gestapo, so verliert sie doch in den Jahren zuvor ihre Eltern, die in den Konzentrationslagern von Treblinka und Reichenau umgebracht wurden, der Vater erst zwei Wochen vor der deutschen Kapitulation.
Beinahe unerträglich intensiv werden die Erlebnisse geschildert: die ständige Angst vor der Zusammenstellung des nächsten Transports aus dem Gefängnis in Innsbruck, in dem Leokadia – von der Gestapo entdeckt – den Großteil ihrer Zeit in Österreich verbringt, das Leid der anderen, mit denen sie zusammenkommt, die Hoffnung, dass jene, die auch im Gefängnis in verantwortlicher Position waren und helfen wollten, nicht aufgeben. Und immer wieder bahnt sich in Leokadia das Erbe der Eltern den Weg in fast aussichtloser Situation: der Wille zum Leben. Daher gilt die Widmung des Buches den Eltern, das mit dem Dank an all jene endet, die ihr in diesen Jahren der Verfolgung halfen und die in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt sind.
In den Anmerkungen, im Buch am Rand als grün umrandeter Pfeil zu erkennen, werden von den Herausgebern Niko Hofinger und Dominik Markl SJ weitere Informationen zu Umständen und genannten Personen gegeben, die erst durch spätere Recherchen ans Licht kamen. Neben dem Personen- und Ortsregister ist die abschließende Zeittafel mit Verweis auf die Seitenzahl sehr hilfreich, um das Erlebte der Autorin auffinden und nachlesen zu können. Wer sich auf die sehr detaillierten Schilderungen der Erlebnisse von Leokadia Justman der Jahre 1939–1945 einlassen kann, wird auch mitgenommen in ihre Auseinandersetzung mit Gott: eine Beziehung, die immer wieder infrage gestellt wurde, doch trotz allen Leidens nie abbrach.
Gundolf Kraemer SJ
Müller, Christoph (Hg.): Verrat 1933. Die Zerstörung der Menschlichkeit.
Basel: Schwabe 2025, 264 S. Gb. 48,–.
Verrat an der Menschlichkeit: Der Vater des Herausgebers musste genau das im Jahr 1933 erleben. Dieser war aus der Schweiz nach Berlin gekommen, um sein Medizinstudium abzuschließen. Carl Müller, der noch in den Krisenjahren vor 1933 als Arzt des geburtshilflichen Außendienstes der Charité in den Elendsvierteln der Stadt Berlin tätig war und ohne Ansehen der Person Hilfe leistete, erlebte, wie sein Förderer und Vorgesetzter an der Charité, ein Mitglied der Zentrumspartei, 1933 widerstandslos den Schritt in die NSDAP vollzog und als Dekan alle anderen Ärzte aufforderte, es ihm gleichzutun. Der Vater von Carl Müller war am Ende des Ersten Weltkrieges von München nach Bern übergesiedelt und hatte durch seine auf Versöhnung, Frieden und Heilung ausgerichtete Persönlichkeit Vertrauen bis hinein in die Reihen der Gegner Deutschlands errungen. Dieser Geist prägte die ganze Familie. Carl Müller verließ Deutschland wieder, nachdem er durch gute Beziehungen der Familie zum Auswärtigen Amt den Fängen der Gestapo entkam, und zog zurück in die Schweiz. Dort waren nicht allein Nachrichten über die Gräuel in Deutschland Thema innerhalb der Familie, sondern vor allem das Erschrecken über die Bereitschaft bei den sog. Eliten, die Gleichschaltung ohne nennenswerten Widerstand mitzumachen und sich einem Regime unterzuordnen, dessen menschenverachtende Ideologie jenen doch klar gewesen sein musste.
Das vorliegende Buch will kein Überblickswerk über die Zeit der Weimarer Republik und des Erstarkens der NSDAP sein, skizziert so die Ereignisse der Jahre 1933/34 nur anhand einer Zeittabelle, spricht allerdings von Weimar als der chancenlosen Republik, was spätestens seit dem empfehlenswerten Buch von Volker Ullrich „Schicksalsstunden einer Demokratie“ (München 2024) fragwürdig ist. Es wendet sich mit seiner reichen und dem Anliegen angemessenen Bebilderung an geschichtlich Interessierte, beschreibt den latent vorhandenen Antisemitismus auch in der Schweiz. Deutlich wird, wie sehr absehbar das war, was in Deutschland nach 1933 geschah, was aus der vielfach bewunderten Kulturnation Deutschland wurde, die sich auch gegen ihre Künstler wie Käthe Kollwitz und Paul Klee wandte und sich dem Geist des Unmenschlichen unterwarf.
Christoph Müller schlägt den Bogen bis zur Gegenwart, fordert den Einsatz für die Menschenrechte, die Bereitschaft zur Verteidigung der Errungenschaften der letzten Jahrzehnte in Europa gegenüber der Bedrohung aus dem Osten Europas (Ukraine-Krieg). Letztlich ist sein Buch ein Appell an die Zivilcourage in Demokratien zugunsten der Menschlichkeit. Hier trifft er sich übrigens mit Volker Ullrich, der diesen Mangel an Zivilcourage ebenfalls konstatiert: eine Warnung an uns.
Gundolf Kraemer SJ
Kießling, Friedhelm: Adenauer. Dreieinhalb Leben.
Biographie. München: dtv 2025. 544 S. Gb. 30,–.
Nicht nur wegen des 150. Geburtstages von Konrad Adenauer (1876–1967), sondern auch wegen der epochalen Umwälzungen, die Europa und Deutschland gegenwärtig erleben, lohnt sich der Blick auf Adenauer. Die Richtung des neuen deutschen Rechtsextremismus zielt ja nur vordergründig gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Im Kern geht es gegen Adenauer: Westintegration, atlantisches Bündnis, Demokratie und eine Rechtsordnung, die auf der allgemeinen Menschenwürde basiert (und innenpolitisch soziale Marktwirtschaft, Rentenreform, vgl. dazu besonders 422 ff.). Diese Zielrichtung war nach 1945 keineswegs selbstverständlich, weder im rechten noch im linken Lager, und das in einer Zeit, in der für den Aufbau eines funktionierenden Staats- und Verwaltungswesens viel „dreckiges Wasser“ (Globke und andere Ex-Nazis) und nur sehr wenig reines Wasser zu Verfügung stand (397, vgl. die Ausführung zu Adenauers Dopplestrategie gegenüber Rechtsextremisten, 394–406).
Wolfgang Kießling macht deutlich, wie wenig hilfreich die Etiketten rechts-links oder konservativ-progressiv auf Adenauer und seine nachhaltige Wirkung auf die Gestalt der Bundesrepublik passen. Mag er auch einen Wahlkampf mit dem Slogan „keine Experimente“ geführt haben, so war seine Politik doch von lauter Experimenten, von „Adenauer-Momenten“ geprägt, begleitet von geschicktem, auch autoritärem und skrupellos-listigem Agieren hinter den Kulissen („Verlassen Sie sich darauf: Ich bin diktatorisch nur mit starkem demokratischem Einschlag“, 381), und von strategischer Durchsetzungskraft: „Vielleicht am überraschendsten ist, dass Adenauer ein äußerst experimentierfreudiger Politiker war … Das zeichnete ihn als Kölner Oberbürgermeister aus, als er schon kurz nach Kriegsende damit begann, die vielen großen Projekte für die Stadt Köln anzustoßen … Auch als Kanzler schreckte er bis zum Ende seiner Amtszeit nicht vor gewagten Entscheidungen zurück“ (456). Sein „riskantes Leben“ (Organisation des Stadtlebens in Köln während des Ersten Weltkrieges, Gegnerschaft zu den Nazis und zweimalige Verhaftung 1934 und 1944, Bedrohung des inneren und äußeren Friedens nach 1945), all das prägte bei Adenauer ein Selbstverständnis, das Kießling „apokalyptisch“ anmutet und jedenfalls zu einem konfrontativen Politikstil führte. Erst in den 1960er-Jahren konnte sich dieser Stil entspannen, nicht nur bei Adenauer selbst, sondern auch in der CDU (und in der SPD), und auch gesamtgesellschaftlich. Dafür steht auch der Wechsel auf den von Adenauer bis zuletzt argwöhnisch abgelehnten Ludwig Erhard.
„Was für ein Leben!“ (482) – Mit diesem Aufruf endet Kießling die Biografie: „Dreieinhalb Leben“: Späte Kaiserzeit und Erster Weltkrieg, Weimarer Republik und Zweiter Weltkrieg, Aufbau der Bundesrepublik und Kalter Krieg, und dann der schwere Abschied vom Amt. In der Tat machen die 482 Seiten Geschmack auf mehr. Kießling spricht die entscheidenden Themen hinter den Ereignissen kritisch unterscheidend an und stellt sie immer wieder in den Kontext der aktuellen Adenauerforschung: Adenauers kommunalpolitische Anfänge, die demokratischen Momente im späten Kaiserreich, seine pro-republikanische Position (nicht zuletzt auch gegen gegenläufige Tendenzen im Katholizismus), seine Enttäuschung über den Weimarer Parlamentarismus und die Folgen für sein Demokratieverständnis nach 1945, der Umgang mit der NS-Vergangenheit, die Neuausrichtung seines Verhältnisses zu Frankreich, der „christliche Personalismus“, das konfrontative Verhältnis zur SPD im Namen „staatspolitischer Verantwortung“ und vieles andere mehr. Was für ein Leben!
Klaus Mertes SJ
Samerski, Stefan / Klapczynski, Gregor / Konstantin Manthey (Hgg.): Alfred Bengsch. Ambivalenzen eines Bischofs.
Freiburg: Herder 2025. 240 S. Gb. 42,–.
Alfred Bengsch – von 1959–1961 Weihbischof mit Sitz in Ost-Berlin – folgte als Bischof/Kardinal von Berlin auf Julius Döpfner, der am 3.7.1961 nach München berufen wurde. Aus der Berliner Perspektive spielte bei der Entscheidung des Vatikans nicht zuletzt die Absicht eine Rolle, dass man den Bischofssitz nach Ost-Berlin hin frei machen wollte; der in Rom hochgeschätzte Döpfner sollte dann nicht für sein ganzes Leben „auf dem abgeschnittenen Vorposten Westberlin verbraucht werden“ (vgl. 30). Einen Monat später begann der Mauerbau, Berlin rückte definitiv in das Zentrum des Ost-West-Konfliktes und Bengsch änderte von Ost-Berlin aus die strategische Perspektive: Die Einheit des Bistums sollte erhalten, also – auch kirchlich – nicht „abgeschnitten“ werden. Als Vorsitzender der BOK (Berliner Ordinarienkonferenz) begann damit eine bis zum Tod 1979 währende Leitungszeit, die ganz besonders von dem Anliegen der inneren Einheit mitten in einer überaus komplexen Situation der katholischen Kirche in der DDR und in Berlin geprägt war.
Der Spagat zwischen Ost und West konnte nicht ohne Ambivalenzen und Verletzungen durchgehalten werden (Holzbrecher, 67–87), nicht zuletzt auch im Rückblick auf Bengschs Umgang mit Vorwürfen sexuellen Missbrauchs gegen Kleriker (Samerski, 172–234). Für West-Berlin musste eine „Kon-Kathedrale“ errichtet werden (Samerski, 133–149), die Rezeption der Liturgie-Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils musste nach hinten zeitversetzt erfolgen (Schorn, 133–149 – bei der Frage nach Mund- oder Handkommunion gibt Bengsch trotz eigener Präferenzen ebenfalls dem Anliegen der Einheit Vorrang). Bengschs Werbung um Verständnis für die besondere Situation der Kirche in der DDR fand nicht überall Gehör, auch nicht seine Einwände gegen die Ostpolitik von Paul VI./Casaroli (Cerny-Werner, 150–171), bis schließlich Johannes Paul II. einen Politikwechsel vollzog.
Mehr als das gegenüber seinem Vorgänger Julius Döpfner eher „konservativ“ geprägte theologische Profil (Mokry, 32–66) ist es Bengschs Einspruch gegen die Pastoralkonstitutionen Gaudium es spes, der besonders herausragt. Bengsch befürchtete, „dass der Missbrauch dieses Schemas von Seiten der kommunistischen Propaganda“ (90) nicht nur Verwirrung stiften, sondern dem Staat auch offene Flanken seitens der Kirche anbieten würde. Manche Aussagen von Gaudium et spes schienen ihm „fast wörtlich identisch zu sein mit den Phrasen der kommunistischen Propaganda“; insgesamt vermisste er eine „Theologie des Kreuzes“ (91). Dieses Ringen schlug auch um auf die Dresdener Pastoralsynode (1973–75, vgl. Fischer, 88–114), inklusive etwa der Versuche des Staatssekretärs für Kirchenfragen Hans Seigewasser (SED), durch Forderungen nach „mehr politischem Engagement der Kirche“ (natürlich im Sinne der SED, vgl. 99) Einfluss auf die internen Beratungs- und Entscheidungsprozesse zu nehmen.
Der vorliegende Sammelband ermöglicht einen vertieften Rückblick einerseits auf eine Zeit, deren Spuren bis heute nicht verlöscht sind, andererseits aber auch auf ein lehrreiches Ringen um die Frage nach einer situationsangemessenen Rezeption von zentral getroffenen Entscheidungen. Auch 36 Jahre nach dem Fall der Mauer bietet diese Zeit einen sehr geeigneten Resonanzraum an, um heutige Spannungen zwischen Einheit und Erneuerung einmal von einer anderen Seite zu betrachten. Kurz: Die Publikation ist nicht nur für Ost-Leser sehr lesenswert, sondern auch für West-Leser.
Klaus Mertes SJ
Schulze-Wessel, Martin: Die übersehene Nation. Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert.
München: C.H. Beck 2025. 287 S. Gb. 28,–.
Nach einer kurzen Einleitung führt der Autor seine Leser in insgesamt acht Kapiteln durch die deutsch-ukrainische Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 2020er-Jahre. Er erzählt sie über weite Strecken als Ideengeschichte: einerseits eine Geschichte dessen, wie und warum die deutsche Seite die Ukraine nicht wirklich wahrnimmt, obwohl es eine relativ intensive Beziehungsgeschichte gibt. Andererseits erzählt das Buch auch die Geschichte von den Selbst- und Fremdbildern, die den politischen Entscheidungen zugrunde gelegt wurden. Diese Bilder waren auf deutscher Seite eher selten durch fundierte Kenntnisse über die Ukraine geprägt.
Während seines Gangs durch die Geschichte hält sich der Autor nur relativ kurz bei der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg auf, weist aber darauf hin, dass die Versuche ukrainischer Emigranten, ihre Geschichte und Kultur einer deutschen Öffentlichkeit näherzubringen, wenig Erfolg hatten. Hängen blieb vor allem die Vorstellung von der „Kornkammer“. Den Mangel an ukrainespezifischem Wissen macht der Autor z. B. dafür verantwortlich, dass die deutsche Ukraine-Politik während Ersten Weltkriegs, die der Ukraine immerhin eine selbstständige Staatsbildung ermöglichte, „in hohem Maße inkohärent“ (61) war.
Während des Zweiten Weltkriegs war das Wissen zwar größer, die Bereitschaft, den Bewohnern der Ukraine weitergehende Rechte zuzugestehen, aber wesentlich geringer. Die „Rassenhierarche“ billigte ihnen keine hohe Position zu. Das lernten auch die schmerzlich, die sich in Erinnerung an den Ersten Krieg von den deutschen Besatzern Unterstützung für ihr nationales Projekt erhofft hatten. Dass die Besatzung für den allergrößten Teil der jüdischen Bevölkerung die systematische Vernichtung bedeutete, ist bekannt, trotzdem liest sich das mit konkreten Zahlen operierende Kapitel mit Beklemmung. Sorgsam diskutiert der Autor die immer wieder politisch instrumentalisierte Frage nach der Beteilung ukrainischer Gruppen an diesen Verbrechen, geht aber auch auf das Thema „Zwangsarbeit“ und die sowjetischen Repressionen gegen die Ukraine ein.
Nach dem Krieg verschwand die Ukraine wieder aus der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit, woran auch die neuen Emigranten nichts ändern konnten. Man orientierte sich eher an der russisch-imperialen Sichtweise, die der Ukraine keine Selbstständigkeit zuerkannte und die Leiden des Kriegs und schließlich den Sieg allein auf russischer Seite verbuchte. Später verstellten dann die Entspannungspolitik der Bundesrepublik und die Freundschaft der DDR mit der Sowjetunion den Blick auf die Ukraine als Nation. Sowohl die westdeutsche Ost-Politik als auch die ostdeutsche Völkerfreundschaft waren auf Russland fixiert, wobei von besonderer Tragweite ist, dass sowohl hinsichtlich der Opfer als auch des Ausmaßes der Kollaboration die russisch-sowjetischen Positionen weitgehend unbefragt übernommen wurden. Es ist ein Anliegen des Buches, diese Engführung der Erinnerung auszuweiten.
Ein weiteres Plädoyer gilt der Anerkennung der Ukraine als einer Nation, die zwar nicht durchgängig über eine Eigenstaatlichkeit verfügte, aber eine starke kulturelle Identität hat. Diese präsentiert sich heute als europäische, weshalb die Rede von der „Verteidigung Europas in der Ukraine“ ein fundamentum in re hat. Das „Nicht-Wissen über die Ukraine“ sagt der Autor zu Recht, ist durch die Ereignisse der letzten Jahre „mehr als nur ein kulturelles Versäumnis“, es ist auch „politisch brisant“ geworden (8).
Man wünscht dem Buch eine aufmerksame Leserschaft – und ganz speziell in den Kreisen, auf die Meinungsbildung und die politischen Entscheidungen Einfluss haben.
Norbert P. Franz