Papst Leo XIV. hat sich in dem Apostolischen Schreiben zum sechzigsten Jahrestag des Konzilsdokumentes Gravissimum educationis für „Neue Landkarten der Hoffnungen“ in der „komplexen, fragmentierten und digitalisierten“ Bildungslandschaft ausgesprochen. Er fügt den Überlegungen seines Vorgängers Franziskus zu einem „globalen Bildungspakt“ drei Prioritäten hinzu: 1. Die Sorge um das Innenleben der Jugendlichen in der Erfahrung von Tiefe und Stille; 2. den Umgang mit den neuen Technologien: „Kein Algorithmus kann das ersetzen, was Poesie, Ironie, Zuwendung, Kunst, Fantasie, die Freude am Entdecken und auch die Erziehung zu Fehlern als Chance der Entwicklung“ beitragen; 3. die Erziehung zu gewaltfreier Kommunikation und Versöhnung. Bildung, so der Papst, ist „eine der höchsten Ausdrucksformen christlicher Nächstenliebe“. Da kann man aus der schulpraktischen Erfahrung heraus nur zustimmend nicken.
Der Beitrag der Kirche in Deutschland zu den „neuen Landkarten der Hoffnung“ ist nach wie vor bemerkenswert, von Kitas und Grundschulen bis hin zu Berufsschulen, Fachhochschulen und gymnasialer Bildung. Oft liegen die historischen Wurzeln der kirchlichen Bildungsinstitutionen in der Gründung durch die Orden. Über Bildung ermöglichten sie für breite Schichten einen nachhaltig wirkenden sozialen Aufstieg, insbesondere in der Mädchenbildung. Heute werden viele dieser Einrichtungen von den Diözesen getragen. Engagierte Lehr- und Erziehungskräfte – oft schlechter bezahlt als die verbeamteten Kolleginnen und Kollegen im staatlichen Dienst – sorgen dafür, dass kirchliche Bildung nach wie vor ein hohes Ansehen in der Gesellschaft genießen. Das zeigt nicht zuletzt die Nachfrage. Nirgendwo ist Kirche so stark nachgefragt wie im Bildungssektor. Und nirgendwo wird Kirche zu ihrem eigenen Nutzen so sehr inhaltlich herausgefordert wie in den Schulen – durch die Lebenslagen der Kinder, der Jugendlichen und ihrer Eltern, durch die Kooperation mit dem öffentlichen Schulsystem, durch die gesellschaftlichen Konflikte, die meist, lange bevor sie in den Medien und Aktivistengruppen ankommen, in den Schulen aufkommen.
Gerade weil in dem Thema Bildung so viele Chancen für Seelsorge und Teilhabe an gesellschaftlicher Mitverantwortung liegen, schmerzen jüngere Trends in der Kirche zum Rückzug aus dem Bildungssektor. Das ist vermutlich die traurige Frucht einer Entwicklung, in der der Sinn für Bildung von anderen kirchlichen und gesellschaftspolitischen Interessen verdrängt wurde, die ihre legitimen Zwecke haben mögen, aber eher auf schnellen, sichtbaren und messbaren Erfolg setzen. In den letzten Jahren schlossen mehrere Diözesen Schulen oder kündigten Rückzüge aus Schulen an. Die Deutsche Bischofskonferenz löste die Kommission VII (Schule und Bildung) als eigene Kommission auf. Der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED) wurde kürzlich mitgeteilt, dass die Zuschüsse für den Bundesverband zum nächsten Jahr zu einhundert Prozent gestrichen werden. Und so weiter. Keine gute Perspektive für die zukünftigen „Landkarten der Hoffnung“ und auch nicht für die „Bildungsallianz“ zwischen Familie, Kirche und Staat, auf die Leo in seinem neuen Schreiben ebenfalls drängt.
Klar: Bildung kostet Geld – viel Geld. Und: Der Erfolg von Bildung zahlt sich nur langfristig aus. Das gilt sogar für den monetären Aspekt. Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte am Endes des Jahres eine Studie. Kernaussage: Das Bruttoinlandsprodukt würde sich erheblich steigern, wenn mehr Schüler die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik erreichten. Insbesondere in denjenigen Ländern würde sich die positive Wirkung zeigen, in denen gegenwärtig besonders viele Schüler an Mindeststandards scheitern. Man darf wohl hinzufügen: Dasselbe gilt für Demokratiefähigkeit und -willigkeit, für Resilienz gegenüber Populisten, religiösen Fanatikern und Antisemitismus, für die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und für vieles andere mehr. Aber eben: langfristig. Es fängt, um noch einmal auf Leo XIV. hinzuweisen, mit Stille und Tiefe an, mit Freude an Poesie und Raum für Entdecken und Staunen, und mit der Einübung gewaltfreier Kommunikation im Schulalltag, ermöglicht von einer Institution, die selbst nicht vor der Gewalt kapituliert. Im Schnellverfahren kann auch Bildung keine aktuellen Probleme lösen, die in jahrzehntelanger Bildungsvernachlässigung gründen. Das ist die Schwäche von Bildung, ohne die sie ihre Stärke nicht entfalten kann.
Geld ist nicht alles. Am Anfang steht die Begeisterung für Bildung. Wo der Kontakt zum Schulalltag verloren geht, geht auch die Bildungsbegeisterung zurück. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Umso mehr lohnt sich der Blick auf die aktuelle „Landkarte der Hoffnung“, auf der nachzulesen ist, was wo in diesem Land noch lebt. Dort können die Neuaufbrüche beginnen, die mitten in einer Zeit epochalen Wandels anstehen, angefangen im Kleinen und mit den Kleinen. Der Trend wird von unten gewendet werden oder eben gar nicht.