Hesychasmus ist nicht nur eine weltabgewandte mystisch-asketische Gebetspraxis der Ostkirche, sondern dient auch als Kampfbegriff gegen die säkulare Kultur des „kollektiven Westens“ und der westlichen Moderne. Antimoderne Denker wie Pavel Florenskij und Aleksej Losev sowie politische Akteure wie Aleksandr Dugin sehen im Hesychasmus ein zentrales Merkmal des integralen Kulturtypus des christlichen Mittelalters, der sich in idealer Weise in Byzanz und in der Moskauer Rus’ ausgeprägt habe und in diametralem Gegensatz zur sogenannten Renaissance-Kultur des Westens stehe. Wie der Historiker und Slawist Michael Hagemeister zeigt, wird der Hesychasmus im aktuellen russischen Kulturkampf gegen den Westen instrumentalisiert als Teil einer eschatologischen Mission, die Russland als Drittes Rom und Aufhalter des Antichrist versteht.
Von Michael Hagemeister