Ostersonntag (5.4.2026)
Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1,18)
Es scheint, als hätte er das Lied erst gestern geschrieben (Konstantin Wecker: Stürmische Zeiten, mein Schatz, 1994): „Unruhige Zeiten, wo doch alles so klar war, vierzig Jahre geregeltes Sein … und jetzt bricht dieses Weltgebäude so kläglich ein.“ Konstantin Wecker findet darin den passenden Ton. Angesichts von rechtsradikalen Anschlägen auf Asylbewerberunterkünfte in den 1990er-Jahren kritisiert er den Sündenbockreflex der damaligen Gesellschaft: „Schuld sind wie immer die anderen.“ Ihr Fett weg bekommen auch all die Politiker, die nur auf den eigenen Vorteil und Machtzuwachs schielen.
Hintergrund unseres Wochenspruchs ist die Verfolgung von christlichen Gemeinden um 100 nach Christus. Ob die Situation damals oder die vielen Kriegsschauplätze heute, immer wieder gibt es Anführer oder Egomanen, denen der Tod und „die Hölle“ der Menschen reichlich egal ist. Da klingt es dann schon etwas weltfern, wenn der Seher Johannes gleich im ersten Kapitel der Offenbarung nicht nur vom anscheinend unwirksamen Glauben schreibt, sondern von Jesus, der – trotz allem – lebendig ist und Leben schenkt. Er ist überzeugt: Auch in unruhigen Zeiten, wenn es um Leben und Tod geht, hat Jesus die Schlüsselgewalt, man könnte auch sagen, die Macht über Leben und Tod.
Konstantin Weckers Lied besteht aus neun Strophen mit je vier Versen, die durchgängig durch Kreuzreime verbunden sind. Auch der Wochenspruch erinnert an das Kreuz, das zu einem Schlüssel, zu einem neuen Verständnis von Tod und Hölle geführt hat. In dem Song und im Bibeltext wird die essenzialistische Liebe als treibende Kraft des Lebens gedeutet und als Halt, wenn uns das Leben ins Wanken bringt. Im Refrain wird dazu aufgefordert, Brücken über vergehende Ströme zu schlagen, denn die Vergänglichkeit gehört zum Leben.
Auch im Wochenspruch werden Tod und Hölle nicht ausgeblendet. Jesus ist der Schlüssel, der uns hoffnungsvolle Räume erschließt. Am Schluss ist nicht der Tod, sondern die Auferstehung an Ostern. Seine Auferstehung lässt nur einen Schluss zu: Steht auf gegen Unrecht und Leid. Und: Seid aufgeschlossen für Brücken der Liebe, die das einzig wirksame Mittel zur Menschlichkeit in unruhigen Zeiten ist. Für einen menschlichen Umgang im privaten Umfeld, aber auch als Halt oder Anhaltspunkt für alle Entscheidungen in Politik und Gesellschaft.
In Weckers Song geht es um „Brücken über Ströme, die vergehen.“ Das Bauen von Brücken kann nicht nur für das Aufbauen von menschlichen Verbindungen stehen, sondern zusätzlich aufzeigen, dass jeder Mensch in der Lage ist, etwas zu erreichen, zu erschaffen und damit Gutes zu tun. Denn die Humanität und letztlich die Liebe sind essenziell für den Erhalt der Menschheit und unabdingbar, um die genannten Umbrüche der Zeit nicht nur passiv hinzunehmen und isoliert zu überstehen, sondern aktiv als Teil einer Gemeinschaft mitzugestalten und sie vielleicht auch zu einer besseren Version zu bringen.
Quasimodogeniti (12.4.2026)
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1Petrus 1,3)
„Ich glaube nur, was ich sehe“, sagte kürzlich eine Konfirmandin zu mir. Mit den biblischen Wundern, aber auch mit Worten wie „Auferstehung“ oder „ewiges Leben“ könne sie jedenfalls nichts anfangen. Und schon war ich in einer Art Verteidigungshaltung. Die Liebe würde man doch auch nicht sehen – und dennoch ist sie eine starke und stärkende Kraft, so erklärte ich der 14-Jährigen. „Von der Liebe bin ich enttäuscht“, entgegnete sie und berichtete, dass ihr Freund sie kürzlich hat sitzen lassen – die Info kam über eine nüchterne WhatsApp-Message. „Und die Liebe deiner Eltern, spürst du davon nichts“, hakte ich nach. Doch auch dieser Einwand überzeugte sie in diesem Moment wenig.
„Ich glaube nur, was ich sehe“, unterstreicht der Apostel Thomas, nachdem ihm seine Freunde erzählen, dass Jesus auferstanden ist. Er will die Wunden an seinen Händen sehen und seine Finger in die Nägel-Male und in seine Seite legen – „sonst werde ich das nicht glauben“, fügt der „Ungläubige“ hinzu. Acht Tage später liefert Jesus ihm den Beweis und fordert Thomas dazu auf, seine Wunden zu berühren. Tatsächlich ist der Jünger überwältigt und ruft: „Mein Herr und Gott!“ Er ist damit der Erste, der erkennt, dass sich in Jesus Himmel und Erde berühren.
Auch heute nennt man einen Skeptiker gern „ungläubigen Thomas“ und befördert Menschen, die es genau wissen wollen, die nachhaken und nachforschen, rasch ins Ausseits.
Spannend, wie Jesus mit skeptischen Fragen umgeht. Er nimmt Thomas ernst, verurteilt ihn nicht, fügt aber hinzu: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Man könnte das Wort auch mit „glückselig“ oder „reich beschenkt“ übersetzen. Schon das ist ein Hinweis darauf, dass Glaube ein Geschenk ist. Wer das Ölbild „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio kennt, weiß, dass hier Jesus selbst die Hand des Thomas zu seinen Wunden führt.
Auch ich bin oft ein kritischer Rationalist, frage nach Beweisen und logischen Erklärungen. Als typischer Vernunftmensch freut es mich, dass Jesus den Zweiflern und Skeptikern nicht ausweicht, sondern ihnen buchstäblich zur Hand geht und sich anfassen lässt. Nur so bekommt seine Botschaft vom Reich Gottes in dieser Welt Hand und Fuß und kann andere berühren. Mittlerweile, als Yogalehrer und Anleiter von Atemübungen, bin ich auch ein Freund der körperlichen Erfahrung. Der direkte Kontakt mit der Wirklichkeit Gottes, die Menschen unter die Haut gehen kann, habe ich erlebt. Und dass wir als Christen den Finger in die Wunden legen sollen, ist für mich auch ein gesellschaftlicher Auftrag. Ich habe Thomas früher immer bemitleidet. Der „arme Ungläubige“ ist nicht dabei, als der Auferstandene seinen Freunden erscheint, dachte ich. Sein Glaube wirkt schwach und wirkungslos. Heute sehe ich auch die andere Seite. Thomas tritt selbstbewusst auf. Er lässt sich nicht abspeisen mit Erlebnissen aus zweiter Hand. Tod und Leid kann man nicht wegwischen und schönreden. Thomas will berühren, um berührt zu sein.
Er will nicht über „Auferstehung“ diskutieren, sondern sie erfahren. In einer Welt mit Wunden und Narben, unschuldigen Opfern und unheilvollen Verstrickungen helfen keine Sätze wie: „Alles wird gut.“ Thomas bohrt nach, möchte die himmlische Kraft spüren und neues Vertrauen schöpfen. Und Jesus zeigt ihm, dass das möglich ist: Osterspuren in der Welt zu entdecken und selbst zu hinterlassen.
Misericordias Domini (19.4.2026)
Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Johannes 10,11a.27–28a)
Sobald sie irgendwo auftauchen, sorgen sie für Aufsehen. Manche halten mit dem Auto am Wegrand an, um den Hirten mit seinem langen Mantel, die unzähligen Schafe und den Schäferhund, der die Herde immer wieder zusammentreibt, zu fotografieren. Es geht eine große Faszination aus von dem „guten Hirten“, der sich um seine Tiere kümmert. Sie erkennen seine Stimme von Weitem. Gemeinsam trotzen sie Wind und Wetter. Auch ich halte regelmäßig an, um die kleinen Lämmer zu beobachten, die da tapsig und schutzbedürftig unterwegs sind.
Bei einer Reise nach Rom habe ich das Fresco des Guten Hirten in der Priscilla-Katakombe bewundert. Der fürsorgliche Mann trägt hier ein Lamm auf den Schultern. Vielleicht hat es sich verletzt oder einfach nur verlaufen. Kraft, Zuversicht und Geborgenheit gehen von der fast jugendlich wirkenden Gestalt aus. Wie hat Jesus immer wieder betont: „Ich bin der gute Hirte. Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich!“
Er weiß also von den Schwächen und Ängsten der Seinen. Er macht sich Sorgen und sorgt für sie. Ihm ist bewusst, was sie brauchen. Und wenn sich ein Schaf verirrt, dann „geht er dem Verlorenen nach, bis er es gefunden hat“. Ja noch mehr, dieser gute Hirte „gibt sein Leben hin für die Schafe“ – er tut alles, auch das Äußerste.
Mitunter wünsche ich mir das: einen, der für mich sorgt, der mir den rechten Weg zeigt und mich unbeschadet durch Gefahren führt; einen, der meinen Durst nach Leben stillt und nach mir sucht, wenn ich verloren gehe. Hirte sein, Verantwortung übernehmen für andere, dabei auch an Grenzen gehen – daran sind auch heutige Leitungspersonen zu messen. Schon damals wurde das Hirtenamt auf Herrscher und politisch Führende übertragen. „Weiden“ kann auch „regieren“ meinen. Die wichtigste Aufgabe eines gerechten Herrschers – damals und heute – ist der Schutz der Schwachen. Schon in den biblischen Texten wurde jedoch gewarnt vor schlechten Hirten, die nur an ihr eigenes Wohl denken, bei Gefahr davonlaufen und das Schwache nicht stärken.
Ob Hirten von einst oder Volksvertreter von heute: Menschen, die Verantwortung übernehmen für andere – das würde für Aufsehen sorgen. Ich jedenfalls bin dankbar für Männer und Frauen, die es nicht kalt lässt, wenn andere wegen ihrer Hautfarbe angefeindet werden. Ich bin dankbar für Menschen, die sich nicht damit abfinden, wenn andere in Armut leben und sich vielleicht bei der Tafel engagieren. Ich bin dankbar für Menschen, die sich nicht damit zufriedengeben, dass Krieg und Terror weite Teile der Welt bestimmen und sich für Frieden und Versöhnung einsetzen.
Ebenso habe ich Respekt vor denen, die im Blick auf die Zukunft unserer Erde klimabewusst leben und andere sensibilisieren. Ich bin froh, dass es in unseren Kirchengemeinden Engagierte gibt, die dem Glauben eine gute Zukunft geben. Denn jede übernommene Verantwortung, im Großen und im Kleinen, ist eine Gute-Hirten-Tat. Jesus stellt sich in diese Tradition und veranschaulicht dieses Bild durch sein Leben. Das Vorbild Jesu als guter Hirte ermutigt dazu, in seine Spur zu treten, Verantwortung zu übernehmen und füreinander da zu sein.
Jubilate (26.4.2026)
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2Korinther 5,17)
„Ich will das Alte einfach mal hinter mir lassen“, verrät mir eine Kollegin, die soeben ihren Antrag auf ein Sabbatjahr abgegeben hat. Zwölf Monate ohne Zeitdruck, Termine und nervige Besprechungen, betont sie. Mit Wohnmobil will sie die Welt erkunden und das bisherige Leben ausblenden. Ohne Planung starten und stoppen, ganz nach Bauchgefühl. Auf bisherige Gewohnheiten verzichten und neue Erfahrungen sammeln. Ich gebe zu, dass mir bei dieser Euphorie ein kritisches Gedicht von Wilhelm Busch einfällt: „Der Ort ist gut, die Lage neu; der alte Lump ist auch dabei.“ Auch Martin Luther kommt mir in den Sinn: „Ich dachte, den alten Adam ersäuft zu haben; aber das Biest kann schwimmen.“ Ich halte mich jedoch zurück, um meiner Kollegin nicht die Illusion zu rauben.
Klar, ein Leben ohne Veränderungen gibt es nicht. Mein Sohn hat seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert und will nun mit einem Online-Geschäft sein Glück versuchen. Einer meiner Freunde hat sich kürzlich bei einem Fitnessstudio angemeldet und schwelgt von seinen sportlichen Erfolgen, als handle es sich um eine Neugeburt. „Der ist ein völlig anderer Mensch geworden“, behaupten die, die ihn gut kennen. Und dann lese ich den Wochenspruch, der uns an diesem Wochenende zum Jubeln anregt. Auch hier geht es um eine „neue Kreatur“ – das Alte ist jedenfalls vergangen, und Neues ist geworden. Handelt es sich auch hier um eine Ermutigung dafür, das Leben einer Bestandsaufnahme zu unterziehen, Kassensturz zu machen und alles infrage oder gar auf den Kopf zu stellen?
Ich denke, Paulus geht es um mehr. „Im Glauben erleben wir, dass Neues entstehen kann und unser Leben sich verändert“, unterstreicht er. Seit dem Ostermorgen steht uns dieser Neustart klar vor Augen.
Das „In-Christus-Sein“ führt nicht nur zu einer anderen Identität und Realität, sondern zu einem neuen Fundament, das uns zukünftig trägt und in Gang bringt. Wir sind neu, weil wir zu Christus gehören und weil Gott uns eine neue Sicht auf unsere Existenz geschenkt hat. Doch was zeichnet dieses „neue Sein“ aus? Was verändert sich bei jemandem, der Christus nachfolgt? Was geschieht auf diesem Weg? Drei Anmerkungen oder Impulse:
- Wer von Gott geliebt ist, der blickt positiv auf diese Welt. Statt Misstrauen oder Geiz bestimmen Großzügigkeit, Vertrauen und Vergebung ihr oder sein Handeln.
- Unsere Neu-Schöpfung oder Verwandlung ist spürbar, steckt andere an und beGEISTert sie. Gegenüber Streit und Krieg werden wir zu „Botschaftern des Friedens“.
- Die neue Kreatur verspricht ein Neuwerden, das wir nicht selbst machen können. Das Neue ist Gottes Werk – seine neue Schöpfung. Dass Gott alles neu machen wird, ist eine Hoffnung, aus der Christen leben.
Ohne diese wäre das Leben mitunter unerträglich. So haben wir ein neues Ziel und einen neuen Sinn, der uns motiviert und inspiriert.
Ein Sabbatjahr, eine Auszeit, Oasentage für die innere Einkehr, Zeit für sich selbst oder „Me Time“, wie das die Jugend nennt, ist durchaus gesund. Wer sich seiner selbst bewusst ist, kann selbstbewusst aktuelle Probleme ansehen und angehen. Ob Ausland, Fränkische Schweiz oder eine kleine Kapelle am Wegrand – himmlische Inspirationen sind weder zeit- noch ortsgebunden. Gottes Zusage gilt immer: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“