Predigt am 14. Dezember 2025Selig sind die Verrückten!

3. Sonntag im Advent: Lk 3,(1-2)3-14(15-17)18(19-20)

(Hinweis: der Autor verwendet als Grundlage seines Beitrages die Bibelübersetzung nach der BasisBibel.)

Hatten Sie ein Poesiealbum? Und haben Sie gerne dort hineingeschrieben? Es gab da natürlich die einfachen Fragen: Welches ist deine Lieblingsfarbe? Welches dein Lieblingstier? Was isst du gerne? Aber es gab auch oft eine Frage, die ich besonders schwierig finde: Oft wurde man dort nach Vorbildern gefragt.
„Wer ist dein größtes Idol?“ oder „Wen bewunderst du am meisten?“ Oder, noch komplizierter: „Gibt es jemanden, der dich inspiriert oder dessen Lebensweg du bewunderst?“
Ich finde die Frage schwierig, weil ich immer von mir behaupte, keine Vorbilder zu haben. Mich nach niemandem zu richten. Niemandem nachzueifern, sondern ein ganz freier und unabhängiger Mensch zu sein. Und gleichzeitig weiß ich ja auch, dass ich beeinflusst bin von vielen Menschen, und dass ich mir vieles abgeschaut habe und noch abschaue. Und manchmal wäre ich auch gerne ein bisschen mehr wie der oder die.
Wer war Ihr großes Vorbild früher? Wer ist es jetzt? Die allermeisten von uns hatten und haben doch jemanden, an dem sie sich orientierten. So schön, so erfolgreich, so witzig, so selbstbewusst wie diese eine Person wollte man sein. So bescheiden vielleicht auch, so viel Wissen haben – es gibt vieles, was wir an anderen bewundern können. Und dann gibt es meistens eben: Das eine große Idol.
Mutter Theresa. Kurt Cobain. Lionel Messi. Diese und ganz andere kann man in ein Poesiealbum schreiben. Wenn Sie heute eines bekämen: Wen würden Sie notieren? Vielleicht gibt es auch ab und zu Menschen, die Jesus hineinschreiben würden. Und vielleicht denken Sie, dass diese Predigt darauf zuläuft, dass ich Ihnen Jesus als Vorbild schmackhaft machen will – damit Sie beim nächsten Poesiealbumeintrag bei der Frage nach dem Idol „Jesus“ hinschreiben. Aber so ist es nicht. Ich frage mich etwas ganz anderes: Wenn Jesus in ein Poesiealbum schreiben würde, wen würde er denn dort nennen? Sich selbst? Eher nicht. Aber bestimmt einen anderen Mann:

„Es war im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. Pontius Pilatus war römischer Statthalter in Judäa. Herodes regierte als Landesfürst in Galiläa, sein Bruder Philippus als Landesfürst in Ituräa und Trachonitis. Und Lysanias war Landesfürst in Abilene. Die Hohepriester waren Hannas und Kaiphas. Da rief Gott Johannes in seinen Dienst.
Johannes war der Sohn des Zacharias und lebte in der Wüste. Nun zog er durch die ganze Gegend am Jordan und verkündete den Menschen: »Lasst euch taufen und ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.« So steht es im Buch des Propheten Jesaja: »Eine Stimme ruft in der Wüste: ›Macht den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße. Jede Schlucht soll aufgefüllt werden und jeder Berg und jeder Hügel abgetragen. Was krumm ist, muss gerade werden und die unebenen Wege eben. Alle Welt soll sehen, dass Gott die Rettung bringt.‹«
Die Menschen kamen in Scharen zu Johannes heraus, um sich von ihm taufen zu lassen. Er sagte zu ihnen: »Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch auf den Gedanken gebracht, dass ihr dem bevorstehenden Gericht Gottes entgeht? Zeigt durch euer Verhalten, dass ihr euer Leben wirklich ändern wollt! Redet euch nicht ein: ›Abraham ist unser Vater!‹ Denn ich sage euch: Gott kann diese Steine hier zu Kindern Abrahams machen. Die Axt ist schon an die Baumwurzel gesetzt: Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.« Die Leute fragten Johannes: »Was sollen wir denn tun?« Er antwortete: »Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat. Wer etwas zu essen hat, soll auf die gleiche Weise handeln.«
Es kamen aber auch Zolleinnehmer, um sich taufen zu lassen. Die fragten Johannes: »Lehrer, was sollen wir tun?« Er antwortete: »Verlangt nicht mehr, als in euren Vorschriften steht!«
Es fragten ihn aber auch Soldaten: »Und wir, was sollen wir tun?« Er antwortete: »Misshandelt und erpresst niemanden, sondern gebt euch mit eurem Sold zufrieden!«
Das Volk setzte große Erwartungen in Johannes. Alle fragten sich: »Ist er vielleicht der Christus?«
Johannes erklärte ihnen: »Ich taufe euch mit Wasser. Aber es kommt einer, der ist mächtiger als ich. Ich bin es nicht einmal wert, ihm die Riemen seiner Sandalen aufzuschnüren. Er wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen. Er hat die Worfschaufel in seiner Hand. Damit wird er sein Getreide gründlich aussieben. Den Weizen wird er in seine Scheune bringen. Aber das Stroh wird er in einem Feuer verbrennen, das nicht ausgeht.«
Mit diesen und vielen anderen Worten rüttelte Johannes das Volk auf. So verkündete er die Gute Nachricht. Johannes tadelte auch den Landesfürsten Herodes. Denn Herodes hatte Herodias geheiratet, die Frau seines Bruders, und darüber hinaus viel Unrecht getan. Zusätzlich zu all dem Unrecht ließ Herodes auch noch Johannes ins Gefängnis werfen.“
Wenn Jesus in ein Poesiealbum schreiben würde, und wenn er nach seinem Vorbild gefragt werden würde – ich denke, er hätte Johannes den Täufer genannt. Als junger Mann hat er sich diesem Täufer angeschlossen, hat vielleicht eine Zeit lang mit ihm gelebt, hat jedenfalls seine Botschaft geglaubt und ist hingegangen zum Jordan, um sich taufen zu lassen von Johannes. Der Stifter der Taufe hat sich zuerst taufen lassen von diesem Menschen. Bevor er aufgetreten ist und die frohe Botschaft verkündet hat, hat er die frohe Botschaft von Johannes gehört. Ich bin mir sicher: Wenn Jesus ein Vorbild benennen müsste, dann wäre es Johannes. Was für ein Vorbild ist das aber?
Man könnte vielleicht sagen, dass Johannes ein Außenseiter war. Aber das wäre eine reichliche Untertreibung. Schön sein Äußeres fällt aus dem Rahmen: Einen Kamelhaarmantel trägt er, der von einem Ledergürtel zusammengehalten wird. Als Nahrung hat er wohl Heuschrecken und Honig bevorzugt. Doch selbst wenn man das Äußere und die Ernährungsweise nicht wichtig nimmt: Ein entspannter Typ war Johannes nicht. Schlangenbrut nennt er seine Mitmenschen, und seine frohe Botschaft besteht darin, zunächst einmal das Gericht anzukündigen! Er sagt eben nicht: Ihr seid alle gut so, wie ihr seid. Er sagt nicht: Gott liebt dich genau so, wie du bist. Sondern er sagt: Wenn du dich nicht änderst, und zwar bald, dann wirst du im ewigen Feuer verbrennen, und von dir wird nichts übrigbleiben. Gott wird alle bestrafen, die sich nicht bekehren und taufen lassen, das ist die frohe Botschaft des Täufers, der im Kamelhaarmantel am Jordan steht. Gott ist uns nahe, das wird bei Johannes zu einer Drohung und zu einer Aufforderung, das Leben entsprechend zu ändern! Sonst vergeht die schuldige Schlangenbrut durch den Zorn Gottes.
Und dieser Mann hat Jesus also fasziniert. Hier hat Jesus eine Wahrheit über Gott, über die Menschen und über sich wahrgenommen, auch wenn er hinterher diese Botschaft verändert und erweitert hat. Und doch lässt er sie gelten und bringt sie zu ihrem eigenen Recht, indem er sich Johannes wenigstens eine Weile anschließt, und indem er sich von Johannes taufen lässt, und indem er die Taufe als Zeichen seiner eigenen Bewegung übernimmt. Dieser Johannes war das große Vorbild Jesu; und würde er in ein Album schreiben, dann würde er auf die Frage „Wer ist dein größtes Vorbild?“ vielleicht tatsächlich hinschreiben: Johannes der Täufer.

Jetzt stehen wir vielleicht ein bisschen vor einem Problem. Denn wenn dieser Mann das Vorbild Jesu war, und wenn wir Christen uns ja auf Jesus berufen, müsste dann der Täufer auch ein Vorbild für uns sein? Kamelhaarmantel an, Heuschrecken und Honig auf den Tisch – und dann den Menschen vom Gericht Gottes erzählen und sie Schlangenbrut nennen. Jesus selbst hat es anders gemacht als sein Vorbild, er hat anders gesprochen, er hat die Botschaft etwas verändert und war dann ja selbst auch die Botschaft mit seinem Auftreten und Wirken und mit seinem Tod. Dennoch denke ich, dass der Täufer als Vorbild Jesu uns etwas sagen kann.
Jesus hat Johannes als Vorbild erkannt. Obwohl Johannes sich nun wirklich ganz gründlich am Rand der Gesellschaft bewegt hat – vielleicht war er auch, ehrlich gesagt, schon über den Rand hinaus. Er hat die anderen Menschen beschimpft, er hat sich merkwürdig gekleidet, er hatte eine eigentümliche Ernährungsweise. Ich glaube nicht, dass man mit ihm eine gute, unbeschwerte Zeit hatte, sondern andersherum: Dass er einem das Leben und die gemeinsame Zeit ordentlich schwer und anstrengend gemacht hat. Aber gerade in diesem Menschen hat Jesus sein Vorbild gefunden. Bei ihm hat er etwas gelernt – über Gott, über die Menschen und über sich selbst. Wenn wir jemanden sehen, den wir für ganz weit abseits der Norm halten: Sind wir bereit, dort etwas lernen zu können – über uns und über Gott? Das ist für mich die Erkenntnis aus dieser Geschichte heute, dass wir viel zu schnell die abschreiben, die am Rand der Gesellschaft taumeln und darüber hinaus sind. Die in den Fußgängerzonen Dinge erzählen, die für uns nur wirr und abenteuerlich sind. Die am Bahnhof sitzen und um die wir lieber einen weiten Bogen machen. Die in unseren Familien, die immer schon nicht ernst genommen worden sind. Wir müssen ganz sicher nicht alles glauben und für wahr halten, was sie sagen. Wir können und sollen ganz sicher auch vieles anders sehen und anders machen – aber die Verbindung Jesu zu Johannes zeigt eben, dass am Rand der Gesellschaft und darüber hinaus Menschen zu finden sind, die auf ihre eigene merkwürdige Weise Wahrheiten über uns, die Menschen und über Gott ausdrücken. Die Frage ist nur, ob wir ein bisschen von dem Mut Jesu aufbringen und hingehen, zuhören, eine Weile dabei sind und dann versuchen, daraus zu lernen.
Ganz so wie es in Reinhard Meys Lied heißt: „Selig sind die Verrückten“.
Die Alte tanzt mit ihrem steinalten, unförmigen Hund
vor der Pommes-Bude rum und spricht dich zahnlos an,
ob du ihr vielleicht eine oder auch fünf Mark geben kannst,
nein, nicht für sie – damit sie ihrem Hund ‘ne Wurst kaufen kann.
Der räud‘ge Köter ist ihr Freund und ihr ganzes Kapital.
Für’n Menschen gibt keiner was, für den Hund schon manchmal.
Der sieht dann zu, wie sie sich seine Gage einverleibt
und kriegt, was auf dem Pappteller noch übrigbleibt.
Und macht Männchen für den allerletzten Tropfen Bier,
und sie weiß, was sie an ihm hat und er an ihr.

Selig, die Abgebrochenen,
die Verwirrten, die in sich Verkrochenen,
die Ausgegrenzten, die Gebückten,
die an die Wand Gedrückten.
Selig sind die Verrückten!

Gebet:
Gott, nah und fern ist die Weihnacht. So nah dran, wenn wir nicht wissen, wie wir alles noch in der Zeit bis zum Heiligen Abend schaffen sollen. So fern noch, wenn unsere Sehnsucht nach dem Frieden und der Ruhe in uns lebendig ist.
Gott, nah und fern ist uns deine Botschaft. Nah, wenn wir sie verstehen können, wenn sie uns zu Herzen geht, wenn wir uns angesprochen fühlen. Fern ist sie uns aber auch, wenn du uns ein Rätsel bist – und die, die dich verkündigen. Dann fällt es uns schwer, etwas von dir zu verstehen und zu spüren.
Deswegen bitten wir dich heute: Sei uns nah und nicht fern. Gib uns ein Ohr für dein Wort und ein Wort für unser Ohr, damit wir dich verstehen. Und damit schon etwas vom nahen fernen Weihnachtsfest auf unseren Advent strahlt.

Fürbitten anhand des Liedes von Reinhard Mey:
Guter Gott, wir bitten dich für die Einsamen, dass sie jemanden an die Seite gestellt bekommen, der bei ihnen ist. Der die Zeit mit ihnen genießt. Der für sie da ist.
Für die Menschen unter uns, die für verrückt erklärt werden; dass sie das Gefühl haben können, in Ordnung zu sein. Dass sie die Unterstützung bekommen, die sie wirklich brauchen.
Für die im Stich gelassenen, dass sie Auswege und Chancen auf ihrem Weg finden. Dass sie sich nicht verkaufen müssen.
Für die Menschen ohne Wohnung, dass sie Wärme spüren können, körperlich und seelisch. Dass sie nicht hungern und dursten müssen in unserem reichen Land.
Für alle, die sich verloren und verlassen fühlen, dass sie nicht am Leben verzweifeln, sondern ihren Wert in sich finden können. Dass sie dich spüren und du ihnen Schutz bist vor schlechten Entscheidungen.
Für uns, dass wir den Menschen am Rand und darüber hinaus zuhören. Das wir den Mut haben, zu ihnen zu gehen. Dass wir es bei ihnen aushalten, auch wenn es schwer ist. Und dass wir erkennen, wo sie eine Wahrheit mit sich tragen über uns, über die Menschen und über dich.

Psalmvorschlag: Lukas 1,68–79
Evangelium: Lukas 3,1–20
Lesung: Jesaja 40,1–11
Liedvorschläge:
EG 1 (Macht hoch die Tür)
EG 11,1–4 (Wie soll ich dich empfangen)
EG 428 (Komm in unsre stolze Welt)
EG 13 (Tochter Zion)
EG 9 (Nun jauchzet, all ihr Frommen)
Nach der Predigt kann das Lied „Selig sind die Verrückten“ von Reinhard Mey gespielt werden.

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