Kurzanspiel I: In der Schule
Erzähler*in: In einer dritten Klasse schreibt die Lehrerin die Hausaufgaben an die Tafel. Währenddessen fragt Tim noch einmal nach, weil er die Aufgabe nicht verstanden hat:
Tim: Frau Müller, was sollen wir bei Mathe genau machen?
Erzähler*in: Die Lehrerin verdreht die Augen und sagt laut vor der ganzen Klasse:
Lehrerin: Na, Tim, du bist aber wieder besonders unaufmerksam heute! Vielleicht solltest du mal besser zuhören, dann musst du nicht immer alles doppelt fragen.
Erzähler*in: Einige Kinder kichern, und Tim fühlt sich bloßgestellt und schämt sich.
Kurzanspiel II: In der Schule
Erzähler*in: Im Kunstunterricht bittet der Lehrer die Kinder, ihre gemalten Bilder vorne zu zeigen. Anna hat ihr Bild besonders bunt gemalt, aber die Proportionen stimmen nicht ganz. Als Anna ihr Bild zeigt, sagt der Lehrer schmunzelnd:
Lehrer: Na, Anna, sieht dein Hund immer so aus, als hätte er Beine wie ein Elefant?
Erzähler*in: Die Klasse lacht laut, und Anna wird rot und senkt den Kopf.
Kurzanspiel III: In der Schule
Erzähler*in: Im Sportunterricht sollen die Kinder einen Ball so weit wie möglich werfen. Max ist eher schüchtern und nicht besonders sportlich. Als er an der Reihe ist, fliegt sein Ball nur ein paar Meter weit. Der Sportlehrer ruft lachend:
Sportlehrer: Na Max, hast du heute Morgen zu wenig gefrühstückt oder warum ist der Ball zu schwer für dich?
Erzähler*in: Einige Kinder grinsen, und Max fühlt sich unwohl und ausgelacht.
Kurzanspiel IV: Bei einer Familienfeier
Erzähler*in: Die Familie hat Besuch. Während alle am Tisch sitzen, beginnt Papa lachend zu erzählen:
Papa: Wisst ihr noch, wie der kleine Paul letztes Jahr beim Einkaufen plötzlich ganz laut im Supermarkt gerufen hat: ›Papa, warum hat der Mann so einen dicken Bauch?‹ Ich bin fast im Boden versunken!
Erzähler*in: Paul wird ganz rot, die Geschichte ist ihm total peinlich.
Kurzanspiel V: Bei einer Familienfeier
Erzähler*in: Die Familie ist bei Freunden eingeladen. Die Erwachsenen sitzen gut gelaunt auf der Terrasse, die Kinder rennen begeistert durch den hinteren Teil des Gartens und spielen Ball. Plötzlich hört man ein leises Weinen. Der kleine Hund der Freunde – Luna – hat Mia liebevoll angestupst. Mia hat Angst vor dem kleinen Hund. Sie beruhigt sich aber schnell. Die Erwachsenen kommen deshalb gar nicht nachschauen. Beim Grillen nachher erzählt ihr großer Bruder Sven ganz laut.
Sven: Meine kleine Schwester ist so peinlich. Als die kleine Luna sie freundlich angestupst hat, fing sie sofort an zu weinen und hat sich hinter mir versteckt. Echt albern, vor so einem kleinen und lieben Hund Angst zu haben.
Erzähler*in: Mia ist das total peinlich. Sie geht schnell weg, damit ihr Bruder nicht sehen kann, dass sie weint.
Katechese
Liebe Kinder, vermutlich habt ihr ähnliche Peinlichkeiten auch schon mal erlebt. Lehrer oder Lehrerinnen stellen einen bloß, die Eltern erzählen peinliche Geschichten von einem, der große Bruder oder die große Schwester macht sich dauernd über einen lustig. So etwas tut weh. Man ärgert sich und hat plötzlich ganz viel Wut im Bauch. Ähnlich ging es wohl auch dem Josef, als er merkte, dass Maria ein Kind erwartete, das nicht von ihm sein konnte. Er war vermutlich total sauer, verletzt, wütend. Aber dann machte er etwas, wovon wir viel lernen können. Er atmete nicht nur tief durch und zählte bis 30, bevor er reagierte. Josef schlief erst einmal eine Nacht darüber. Ihm war wichtig, dass er Maria nicht bloßstellen wollte. Er suchte nach einem anderen Weg. Er wollte nicht, dass andere Maria verurteilen oder schlecht über sie reden.
Ich glaube er hätte auch bei den Beispielen, die wir gerade gehört haben, anders reagiert. Er hätte weder Tim bei seiner Frage nach den Hausaufgaben bloßgestellt, er hätte nicht über das Bild von Anna gelästert, er hätte keine dumme Bemerkung über die Sportlichkeit von Max gemacht, hätte nicht die peinliche Geschichte von Paul erzählt und er hätte auch nicht hämisch die Geschichte von Mia und ihrer Angst vor Luna weitererzählt. Wenn jemand lästert oder andere bloßstellt, sag das vor allem etwas über denjenigen oder diejenige aus, die über andere herzieht. Deshalb finde ich Josef so sympathisch: Da ist jemand, der sich nicht zu wichtig nimmt. Da ist jemand, der zu den anderen steht. Da ist jemand, der ein tiefes Vertrauen in Gott hat. Dies schenkt ihm viel Liebe zu den anderen Menschen. Wie schön wäre es doch, Eltern, Freundinnen und Freunde, Lehrerinnen und Lehrer oder Geschwister wie Josef zu haben. Amen.
Carsten Roeger