Vor 90 Jahren wurde Karl Lehmann geborenWas bleibt?

Bis heute beeindruckt der Charismatiker Kardinal Karl Lehmann. Bis heute verstört der Bischof, der wider besseres Wissen Missbrauchstäter geschützt und Taten verschleiert hat. Er ist damit kein Einzelfall im katholischen Missbrauchssystem, sondern ihr Emblem.

Porträt von Gregor Maria Hoff, ernst
© Privat

Der Kardinal: Umstandslos wie der Titel einer einschlägigen Biografie wurde Karl Lehmann über Jahrzehnte als die Repräsentationsfigur der katholischen Kirche in Deutschland wahrgenommen. Karl Rahner hat ihn als seinen Meisterschüler bezeichnet. Die deutschen Bischöfe haben den 1983 zum Bischof von Mainz ernannten Dogmatiker schon vier Jahre später zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Eine Überraschung. Schließlich hatte man nach dem Tod des Kölner Kardinals Joseph Höffner mit dem Amtsortswechel nach München gerechnet. Aber nicht Kardinal Friedrich Wetter, sondern Bischof Lehmann gab ab jetzt die episkopale Richtung vor. Er stand für eine Kirche offener Katholizität, was zu Spannungen mit Rom führte. Dort leitete mit Joseph Ratzinger ein anderer deutscher Kardinal die Glaubenskongregation. Die lehramtlichen Machtverhältnisse waren damit festgelegt. Ausnahmsweiser Kommunionzugang für wiederverheiratete Geschiedene? Kirchliche Beteiligung bei der Schwangerenkonfliktberatung? Pastoraler Aufweichung der reinen Lehre stand Ratzingers römisches Nein entgegen. Der fürchtete eine Beschädigung des kirchlichen Glaubenszeugnisses – eine Warnung, die angesichts des katholischen Missbrauchsskandals längst ganz andere Resonanzwellen erzeugt.

Das gespannte Verhältnis der beiden ehemaligen Dogmatikprofessoren ließ sich beobachten, als Lehmann zum Kardinal und Ratzinger zum Papst aufgestiegen war. Lange hatte Johannes Paul II. den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz übergangen. Dabei bewies Lehmann katholische Loyalität bis an den Rand der Selbstverleugnung. Er war Germaniker und blieb Römer ein Leben lang. Kirchenärger und kurialen Frust konnte aber auch Lehmann nicht verbergen. Nach der Wahl Benedikts XVI. traten die deutschen Kardinäle vor die Fernsehkameras. Während der Kölner Papstwähler Joachim Meisner schier verzückt war, wirkte die Habemus-papam-Freude Karl Lehmanns verhalten. In ihrem theologischem Ansatz und ihren kirchlichen Perspektiven unterschieden sich der neue Papst und der Kardinal zu sehr, als dass dies nicht von der Öffentlichkeit bemerkt worden wäre. Auf seiner Deutschlandreise im Jahr 2011 machte Papst Benedikt in Freiburg Halt, wo Karl Lehmann lange gelehrt hatte. Als der Kardinal das Konzerthaus betrat, wurde er mit Standing Ovations empfangen – ein unmissverständliches Signal vor dem Auftritt des deutschen Papstes. Die folgende Entweltlichungsrede Benedikt XVI. war dann kaum nach dem Geschmack Lehmanns. Als er zwei Jahre später den Nachfolger Benedikts mitwählen durfte, zeigte sich Lehmann doch noch papstbegeistert. Der offene Stil des Charismatikers Franziskus passte zum jovialen Kirchenfürsten, der Lehmann auch nach seinem Abschied als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz blieb.  

Zunehmend begleiteten ihn gesundheitliche Probleme, auch wenn seine intellektuelle Spannkraft nicht nachließ. Der umfassend gebildete Vielleser Karl Lehmann war weiterhin als Gesprächspartner gefragt, nicht nur kirchlich. Doch hatten sich zum Ende seiner kirchlichen Verantwortungsagenden schon ganz andere Schatten auf sein Wirken gelegt. Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche erreichte 2010 mit weltkirchlichlicher Verspätung und umso größerer Wucht die deutschen Bischöfe. Entschiedene Aufklärung hatte der Kardinal in Aussicht gestellt. Seit dem Bericht über die Tätigkeit der Mainzer Bischöfe weiß man, dass Lehmann das Gegenteil betrieben hat. Täter- statt Opferschutz – auch Karl Lehmann zählt zu den Bischöfen, die versagt haben. Der menschenfreundliche, pastoral zugewandte Bischof blendete das Leid der Menschen aus, die von Missbrauch betroffen waren.

Der jüngste Nachfolger Lehmanns als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, Heiner Willmer, hat einmal davon gesprochen, der Missbrauch liege in der DNA der katholischen Kirche. Auch wenn er diese scharfe Aussage nicht mehr öffentlich wiederholt hat, legt der Fall Lehmann ihre Triftigkeit nahe. Das systemische Moment des katholischen Missbrauchs haftet an priesterlicher Sonderstellung. Pastorale Leitungsmacht bezieht ihre Energie aus der Sakralisierung des Amtes. Als Stand gefasst, wirken in ihm repräsentative Anlage und sakramentale Aura selbstverstärkend. Die Ungeniertheit, mit der Kleriker ihre Taten religiös ummanteln, hallt im kirchlichen Schutzraum nach. Church first – diese Regel befolgte auch Karl Lehmann. Sein Umgang mit Missbrauch führt an den Rand der kirchlichen Schizophrenie. Der Kardinal ist insofern kein Einzelfall im katholischen Missbrauchssystem, sondern sein Emblem.

Doris Reisinger hat von „gefährlichen Theologien“ gesprochen und damit einen ideologiekritischen Vorbehalt angemeldet, dem sich auch der Autor dieser Zeilen nicht entziehen kann. Karl Lehmann hat 2014 den Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen erhalten, deren Obmann ich damals war. Bis heute denke ich gerne an Begegnungen mit ihm. Bis heute verstört mich der Karl Lehmann, der wider besseres Wissen Missbrauchstäter geschützt und Taten verschleiert hat. Vor neunzig Jahren, am 16. Mai 1936, wurde Karl Lehmann geboren. Ein halbes Jahr bevor die MHG-Studie veröffentlicht wurde, starb der Kardinal. Was von ihm bleibt, ist neben gelehrten theologischen Texten und wegweisenden kirchlichen Perspektiven der Widerspruch seines Lebens und bischöflicher Kirchenexistenz.
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