Es war Johann Baptist Metz, der spätestens in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die Theodizeefrage zu der zentralen Frage der Theologie überhaupt erklärte. Metz hielt an einem Gott fest, der noch etwas vermag. Insofern war er konservativ, dem klassischen Allmachtsgott in seinem Denken verpflichtet. Gleichzeitig verwahrte er sich gegen ein Christentum, dem narzisstisch auf sich selbst konzentriert die Welt gleichgültig ist zugunsten des eigenen privaten Glücks. Gegen ein sich selbst am Lobpreis Gottes ergötzenden Christentum forderte er eine „Mystik der offenen Augen“. Nur der Blick auf die Benachteiligten, Gequälten oder gar Gemordeten der Geschichte werde dem Geist des Juden Jesu gerecht.
Angesichts der unzähligen Krisen der Gegenwart, der medial präsenten Kriege wie dem in der Ukraine oder jetzt im Iran, von den anderen in der breiten Öffentlichkeit wenig registrierten teils sehr blutigen Auseinandersetzungen ganz zu schweigen, haben die mahnenden Worte von Metz nichts an Aktualität verloren. Aber sie offenbaren auch die ganze Sprachlosigkeit der Theologie. Bittgebete schaden nicht, nur: Es wäre vermessen zu behaupten, sie hätten je einen Krieg beendet. Gleichzeitig ist derzeit zu beobachten, wie das nach 1945 nach und nach wirksam gewordene Völkerrecht wieder demontiert wird. Die allermeisten Völkerrechtler sind sich einig in der Einschätzung, dass, vom Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ganz zu schweigen, der Angriff Israels und der USA auf den Iran durch das normative Ansprüche erhebende Regelwerk des geltenden Völkerrechts nicht gerechtfertigt werden kann. Dabei wurde dieses Recht doch gerade deshalb etabliert, weil man die Notwendigkeit eines international akzeptierten Regelwerks einsah. Nicht, dass der Krieg grundsätzlich durch das Völkerrecht ausgeschlossen würde. Doch es setzt strenge Regeln. Es waren historische Erfahrungen, die hier griffen, nicht zuletzt die aus der Nazi-Barbarei. Und wie steht es mit einer Gesinnungsethik?
Wie viele unschuldige Zivilisten im Nahen Osten im Rahmen der jetzigen kriegerischen Auseinandersetzungen bereits ihr Leben ließen, ist nicht klar. Es geht in die Tausende. Gleichzeitig ist nicht zu bestreiten, dass die politische Elite des Iran zur Stabilisierung der eigenen Macht mit äußerster Härte gegen eine auf grundlegende Menschenrechte pochende Bevölkerung vorgeht. Proteste werden brutal unterdrückt, zuletzt im Januar; in den Gefängnissen fristen unzählige Menschen ihr Leben, sie vegetieren unter schlimmsten Bedingungen und es wird gefoltert und hingerichtet. Wer einen ethischen Universalismus im Anschluss an Immanuel Kant oder in der Gegenwart eines Omri Boehm vertritt, dem droht das, was die in der Kantischen Philosophie bestens Informierten der Frankfurter Schule, von Max Horkheimer über Theodor W. Adorno bis hin zum gerade verstorbenen Jürgen Habermas immer wieder beschrieben haben: die Erfahrung einer abgründigen Melancholie bis hin zu der einer Verzweiflung.
Wer auf die Einhaltung des Völkerrechts pocht, kann nicht davor die Augen verschließen, dass es Terrorregime gibt, die gnadenlos gegen politisch Andersdenkende und Minderheiten vorgehen. Ganz abgesehen davon, dass Frauenrechte in diesen Staaten zumeist überhaupt nicht gelten. Wer sich aus ethischen Gründen legitimiert sieht, das Völkerrecht zu brechen, gefährdet wiederum dessen Geltung. Ganz abgesehen davon wird man den Verdacht nicht los, dass es weder dem israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu noch dem US-amerikanischen Präsident Donald Trump überhaupt um Ethik geht, sondern vielmehr um handfeste entweder innenpolitische oder ökonomische Interessen. Am überzeugendsten ist da noch das Argument, dass das Mullah-Regime im Iran auf keinen Fall in den Besitz einer Atombombe kommen darf. Doch dass es ethische Dilemmata-Situationen gibt, ist augenscheinlich.
Seit meinen Studienzeiten begleitet mich das Wort von Metz von der „Mystik der offenen Augen“. Es ist durch biblische Traditionen gedeckt, und nicht nur dies: Es verbindet sich leicht mit einer gegenüber letzten Fragen agnostisch bleibenden Philosophie, die ihr ethisch-normatives Fundament in dem Grundsatz nimmt, dass allen Menschen eine unveräußerbare Menschenwürde zukommen soll. Man muss wollen, dass dieser Grundsatz gilt, wenn er gelten soll. Nur wird, wer dann mit offenen Augen auf die ganze Abgründigkeit der Geschichte schaut, dabei an seine Grenzen geführt. Die Toten bleiben tot, wenn es keinen rettenden Gott gibt. Und da in Konfliktsituationen entschieden werden muss und es häufig keine ethisch eindeutigen Entscheidungen gibt, lädt der Mensch unausweichlich Schuld auf sich.
Die Theologie sollte deshalb einen Kernsatz des Credos – „der kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten“ – nicht leichtfertig verabschieden. Es ist ein hoffender Vers, insofern hoffend, als er darauf setzt, dass die Geschichte nicht abgeschlossen ist. Nur ist auch bestens nachvollziehbar, dass er gerade ethisch sensiblen Menschen, die die permanente Verschwiegenheit Gottes angesichts des Weltgeschehens registrieren, nicht mehr über die Lippen kommen mag. Zumal ohnehin niemand wissen kann, ob dieser Gott überhaupt existiert. Oder um es im Anschluss an Rainer Forst, auch einem Frankfurter zu sagen: Dass nur der Glaube Vernunft für sich beanspruchen kann, der darum weiß, dass er ein Glaube ist. Eine Hoffnung ins Ungewisse hinein.