Ein Jahr Leo XIV.Diplomatische Mission

Hätte jemand einen Bewerbungsbogen für den neuen Papst schreiben müssen, kein Lebenslauf hätte besser als gepasst als seiner: Vor einem Jahr trat Robert Francis Prevost das erste Mal als Papst Leo XIV. auf die Benediktionsloggia. Was ist seitdem passiert?

Porträtfoto Thomas Söding
© privat

Schon nach dem vierten Wahlgang war es so weit: Weißer Rauch stieg aus der Sixtinischen Kapelle auf. Die katholische Kirche hatte einen neuen Papst. Am Ostermontag war Papst Franziskus gestorben. Er hatte die katholische Kirche aufgerüttelt: Synodal müsse sie sein, politisch wach, engagiert im Dialog der Weltreligionen und entschieden im Kampf gegen die Klimakrise. Durchgeschüttelt hatte Papst Franziskus die Kirche auch. Vor allem die Kurie musste sich harsche Kritik gefallen lassen: Spiritueller Alzheimer, existenzielle Schizophrenie, Karrierismus – 15 Krankheiten listete er in der Weihnachtsansprache 2014 auf. Hat die Diagnose zur Therapie beigetragen?

Als es Franziskus schon schlecht ging, schossen die Spekulationen ins Kraut. Es werde einen Rollback geben, zurück hinter die synodalen Reformen. Es werde zu einer langen Vakanz kommen, weil das Kardinalskollegium, von Franziskus bunt durcheinandergewürfelt, sich nicht kenne. Nichts davon ist eingetreten. 2023 und 2024 hatten sich viele Kardinale jeweils einen Monat zur Weltsynode in Rom getroffen und sich in einer Intensität wie selten mit Anderen über den kommenden Kurs der Kirche ausgetauscht. Zweierlei war klar: Papst würde ein aktives Mitglied der Weltsynode werden, und er würde den Reformkurs von Franziskus fortsetzen.

So ist es gekommen. Hätte jemand einen Bewerbungsbogen schreiben müssen: Kein Lebenslauf hätte besser als der von Robert Francis Prevost gepasst. Geboren in den Vereinigten Staaten, hat er seine entscheidende Prägung in Peru erfahren. Prevost ist Ordensmann, wie Franziskus, allerdings nicht Jesuit, sondern Augustiner (wie vor mehr als 500 Jahren Martin Luther). Als Chef des Ordens hat er Leitungserfahrung in Rom sammeln können. Seine kirchenrechtliche Dissertation hat die Arbeit an der Spitze des Ordens reflektiert und in die Entwicklung der Ekklesiologie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingezeichnet. Als Bischof der peruanischen Diözese Chiclayo hat er erlebt, wie Armut durch die Klimakrise verschärft wird und wie reaktionäre Kreise versuchen, die katholische Kirche auf einen identitären Kurs zu bringen. Beide Herausforderungen hat er gemeistert.

Es war ein Coup im besten Sinne des Wortes, dass Franziskus ihn, den einfachen Bischof einer vergleichsweise kleinen Diözese, an eine Schlüsselstellung in der Kurie gebracht hat. Dort hat der Augustiner seine Aufgabe kompetent und informiert wahrgenommen. Er hat auch während der Weltsynode über Synodalität klar gesprochen: für ein starkes Bischofsamt, das synodal stark eingebunden ist. Auch politisch hat er Flagge gezeigt: „JD Vance is wrong“, lautet ein cooler Post, der den kruden Rekurs des US-Vizepräsidenten auf den ordo amoris Augustins zurückweist, mit dem eine harsche Migrationspolitik gerechtfertigt werden sollte.

Als Papst äußert sich Robert Prevost nicht anders als früher – nur mit mehr Verantwortung und Reichweite. Die Wahl seines Namens ist Programm: Leo XIII. war der Papst der Industrialisierung, der die Soziale Frage betonte: Leo XIV. sieht sich als Papst des KI-Zeitalters, der die kulturelle Revolution der Weltgesellschaft mitgestalten will. Seine erste Enzyklika, angekündigt für den 15. Mai, wird sich diesem Thema widmen.

Die Kommentare haben sich auf sein Äußeres konzentriert: Die traditionelle Mozzetta bei der Präsentation auf dem Balkon des Petersdomes löste bei einigen Konservativen Jubelstürme aus – verfrüht, wie sich zeigt. Tatsächlich ist Leo XIV. ein Papst auf diplomatischer Mission.

Auf der weltpolitischen Bühne hat der Papst einen Lauf. Er findet die richtigen Worte. Er reist nach Afrika, um den von vielen vergessenen Kontinent ins Bewusstsein zu heben. Vor allem bleibt er bei seiner Kritik an der US-amerikanischen Migrations- und Kriegspolitik. Ihn als Anti-Trump zu charakterisieren, ist eine Nummer zu klein. Er ist derzeit die einzige Stimme der aufgeklärten Vernunft und der universalen Ethik, die weltweit zu hören ist. Die Attacken, die Trump gegen ihn reitet, richten sich gegen sich selbst. Wer nach der friedenspolitischen Rolle der Religion und nach der weltlichen Verantwortung des Papstes fragt, ist bei Leo XIV. an der richtigen Adresse.

Innerkirchlich hat Leo XIV. vieles normalisiert, einschließlich der Kleidung, der Wohnung im Apostolischen Palast und der Besuche in der Sommerresidenz Castel Gandolfo. Entscheidend ist, dass er mit ruhiger Hand den synodalen Reformkurs weiterführt. Bislang ist Leo XIV. äußerst zurückhaltend, was die (Neu-)Besetzung vatikanischer Spitzenpositionen angeht. Dadurch herrscht in der Kurie Unsicherheit – so warme Worte Leo auch für die Männer und Frauen findet, die dort arbeiten. Leo hält sich noch vieles offen.

Das gilt auch für die „heißen Eisen“: die Ordination von Frauen, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, die Entwicklung synodaler Beteiligungsrechte und Verantwortungsstrukturen – manchmal scheint es, Leo XIV. spiele auf Zeit. Zur Klugheit seines Pontifikatjahres gehört, dass er nicht auf Eskalation setzt. Auf Dauer wird es aber nicht möglich sein, Entscheidungen zu vertagen.

Einfach werden sie nicht. Die katholische Kirche ist eine Weltkirche, die alle kulturellen Auseinandersetzungen um sex and gender wie alle anderen Weltorganisationen auch kennt. Sie will aber zusammenhalten. Dafür hat sie den Papst. Während der Weltsynode hat der damalige Bischofspräfekt erklärt, die Einheit der Kirche mache sich auch heute dort fest, wo sie anfangs gebildet worden sei: an der „Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ (Apg 2,42). Diese Konzentration würde guttun. Sie würde relativeren, was in der Tradition nie so aufgeladen wurde, aber heute Debatten zu beherrschen droht: geschlechtliche Identität, sexuelle Praxis, traditionelle Rollenmuster.

Leo XIV. steht am Anfang. Er findet breite Zustimmung in der Kirche. Die Welt hört ihm zu. Er hat noch kein Feuer der Begeisterung entfacht – das freilich schnell verglüht. Dass er in seiner besonnenen Art vermitteln kann, wie befreiend es ist, an Gott zu glauben: das ist ihm zu wünschen. Und nicht nur ihm.
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