Georg Cremer nimmt die aktuelle deutsche Sozialstaatsdebatte beim Wort und zerlegt ihre gängigen Erzählungen in „Mythen, Halbwahrheiten und Fakten“. Ausgangspunkt ist seine Diagnose einer gefährlichen Entkopplung von sozialer Realität und öffentlicher Wahrnehmung: Dramatisierende Narrative („Mitte schrumpft“, „Armut explodiert“, „Sozialstaat kaputtgespart“) prägen die öffentliche Debatte und blockieren Reformen.
Der Autor argumentiert konsequent empirisch: Der Sozialstaat ist nicht abgebaut, sondern groß; 2024 machen Sozialleistungen rund 31 Prozent der Wirtschaftsleistung aus; nominal stiegen sie auf 1345 Milliarden Euro. Zugleich zeigt er, warum Erwartungen politisch unerfüllbar werden (Leistungen rauf, Abgaben runter) und Prioritätenkonflikte in der „Zeitenwende“ offen ausgetragen werden müssen. Die Perspektive ist pragmatisch: Nicht die eine große Systemlösung, sondern gezielte, oft kleinteilige und differenzierte Reformschritte (etwa gegen verdeckte Armut, mehr Fairness für den unteren Rand der Mitte, mehr Prävention und Befähigung) sollen Wirksamkeit und Legitimität sichern – ohne neue Schuldenberge.
Cremer arbeitet mit klaren Kenngrößen und zeigt exemplarisch, inwiefern die Explosionsrhethorik irreführt – ohne die Finanzierungsprobleme kleinzureden. Das zwingt zur Frage nach Wirksamkeit statt Ritualempörung. Die „Mythen“ treffen, was Menschen umtreibt, die Auswahl der Narrative ist politisch klug: Fairnessgefühle, Abstiegsangst, Misstrauen („die Falschen profitieren“) – also genau die Motive, die öffentliche Stimmung und Wahlverhalten prägen. Zudem macht Cremer Zielkonflikte (Gießkanne versus Zielgenauigkeit; Leistungsversprechen versus Entlastungswünsche; Ausweitung versus Schuldenbremse/Zeitenwende-Prioritäten) transparent. Gerade diese Konfliktaufklärung ist ein Gewinn für eine erwachsen gewordene Sozialstaatsdebatte.
Cremer hat ein exzellentes Buch vorgelegt, das durch empirische Präzision, differenzierte Kenntnisse der Sozialstaatsstrukturen und einen klaren Blick auf sozialen Fortschritt überzeugt. Die Lektüre stellt für alle mit der Thematik Befassten einen großen Gewinn dar. Ursula Nothelle-Wildfeuer