Alle zwei Jahre bietet der deutsche Katholikentag die Chance, in zwei Großgottesdiensten mit mehreren tausend Mitfeiernden unter freiem Himmel und einer noch größeren Zahl an den Bildschirmen zu Hause Liturgie zu gestalten und zu feiern. Mit über zwei Jahren Vorlauf, vielen Mitwirkenden und vielfältigen Ressourcen werden dabei ganz besondere Gottesdienste gefeiert, bei denen vieles neu und bewusst gedacht und gestaltet werden muss. Nicht zuletzt erfordert der fehlende Kirchenraum hinsichtlich der Platzgestaltung eine Offenheit und kreative Freiheit in der Planung.
Die Liturgiegestaltung darf und soll offen, kreativ und vom Sinngehalt der Liturgie her gedacht und konzipiert werden. So ist der Auftrag an die entsprechende Arbeitsgruppe formuliert – und so ist zumindest auch der Anspruch, an den in dieser langen Vorbereitungszeit immer wieder erinnert wird. In der Umsetzung zeigt sich sehr schnell, dass viele Interessen unterschiedlicher Verantwortungsebenen sowie formale, technische und nicht zuletzt mediale Gegebenheiten die Liturgiegestaltung mitbestimmen, der Kreativität Grenzen setzen und die liturgische Stringenz beeinflussen.
Manchmal sind diese Prozesse positiv und lassen im gemeinsamen Ringen über die lange Vorbereitungszeit hinweg die eine oder andere Idee sich entwickeln und reifen. Gerade die mediale Perspektive und die Erfahrung der Vertreter der Rundfunkanstalten sind durchaus hilfreich und mitunter positiv korrigierend. Manche Ideen fallen aber auch den unterschiedlichen Interessen zum Opfer und bleiben auf den Wegen durch die Verantwortungsinstanzen auf der Strecke.
Verbindender Parkourlauf
Für beide Großgottesdienste beim diesjährigen 104. Deutschen Katholikentag war von Anfang an wichtig, sie zusammen zu denken, zu planen und zu gestalten. Das biblische Leitwort „Hab Mut, steh auf!“ (nach Mk 10,49) sollte den „roten Faden“ bilden und den Eröffnungsteil der Messfeier an Christi Himmelfahrt sowie den Segens- und Sendungsteil der Schlussmesse besonders hervorheben.
Die Messe am Donnerstag begann deshalb mit einem Video, das einen Parkourläufer zeigt, der sich durch Würzburg bewegt. Dem Impuls „Hab Mut, steh auf!“ folgend, lief und kletterte er über besondere Orte der Stadt, um schließlich den Residenzplatz zu erreichen. Einige Szenen dieses Parkourlaufs waren bereits in den Werbetrailer für den Katholikentag eingebaut. Auf dem Platz wurde das Video dann Realität, als vier Läufer den Impuls übernahmen. Vom Frankoniabrunnen kommend, aktivierten diese das gottesdienstliche Geschehen. Sie stießen die liturgischen Dienste sowie den Chor an und mündeten mit ihrem Lauf über den Platz im Kreuzzeichen. Im Schlussgottesdienst waren die obligatorischen Einladungen zu den nächsten Kirchen- und Katholikentagen und die Impulse durch die ZdK-Präsidentin und den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden als Sendungsimpuls konzipiert.
Feier inmitten der Gemeinde
Ein zweiter wesentlicher Faktor für die Umsetzung des Leitwortes war die Platzwahl und -gestaltung. Die Eucharistie von ihrem Sinngehalt her zu gestalten, war der leitende Anspruch für den Arbeitskreis. Dies hatte eine bewusste Anordnung der liturgischen Orte zur Folge, die nur durch wenige weitere Zeichen und Gestaltungselemente ergänzt wurden. Von Anfang an präferierte der Arbeitskreis den Residenzplatz aufgrund seiner Größe, seiner Lage in der Mitte der Stadt und seiner Kulisse. Dabei war mit Bedacht entschieden worden, dass als Hintergrund hinter dem Altar die Innenstadt zu sehen war und nicht die barocke Residenz. Ein Impuls in den Katholikentag hinein (Donnerstag) und aus dem Katholikentag in den Alltag (Sonntag) bedurfte dieser zentralen Nähe zu den übrigen Veranstaltungsorten der fünf Tage. Kombiniert mit dem Sinngehalt der Messe war dies auch der Grund für die Verortung der liturgischen Handlungsorte in der Mitte des Platzes.
Altar und Ambo lagen sich gegenüber, ebenso wie die Sedilien als Ort des Vorbetens sowie das Taufbecken mit der Osterkerze. Das Taufbecken als Arbeit einer unterfränkischen Fassbüttnerei stellte einen Bezug zum nahe gelegenen Residenzkeller dar, der neben anderen fränkischen Weingütern von dieser Büttnerei betreut wird.
Zwischen den liturgischen Funktionsorten waren an vier Stellen die Sprechorte für die thematischen Texte (einschließlich der Homilie) mit den vier Begriffen des Leitwortes angeordnet. Insgesamt entstand so ein großer Kreis mit viel Platz für Bewegung und Dynamik. Es hatte längere Verhandlungen gekostet, die liturgischen Orte so in die Mitte setzen zu dürfen, ohne den Blick auf die Residenz als Weltkulturerbe zu stark zu verstellen. Dem Arbeitskreis war es allerdings für die Konzeption wichtig, dass sich die Gemeinde um das liturgische Geschehen herum versammeln konnte. Abstriche mussten dann freilich bei der Höhe und Sichtbarkeit der Orte zugunsten deren Verortung in der Mitte gemacht werden.
Musik zwischen Tradition und Innovation
Ein dritter Faktor war die Musik. Beteiligung der Gemeinde, unterschiedliche musikalische Stilrichtungen, Innovation und Tradition, Professionalität und Volkstümlichkeit – all dies sind Faktoren, die bei der musikalischen Gestaltung berücksichtigt werden sollen. War der Donnerstag mit einem klassischen Orchester und Chor besetzt, übernahm am Sonntag ein Jazz-Oktett die instrumentale Begleitung von Chor und Gemeinde. Dennoch waren in beiden Gottesdiensten die musikalischen Elemente ein Wechsel von Gemeindeliedern, Chorstücken und Instrumentalmusik.
Dabei war auch hier durchgehend in der Kombination von traditionell und innovativ, liturgisch gesetzt und experimentell, vertraut und ungewohnt das Leitwort maßgebend. So begann der Parkourlauf am Donnerstag mit einem elektronischen Klangteppich, der über den gregorianischen Introitus Viri Galilaei in den eingängigen deutschen Wechselgesang des Gloria mündete. Weitere besondere thematische Akzente waren der Antwortpsalm am Donnerstag in der Vertonung von John Rutter und der Chorsatz „Mache dich auf, werde licht“ aus dem Mendelssohn‘schen Oratorium „Paulus“ (op. 36) in einer Jazzbearbeitung als Schluss- und Sendungsstück am Sonntag.
Das Leitwort in der Verkündigung
Ein vierter wichtiger Punkt war das Anliegen, auch die von der Liturgie vorgesehenen Schriftlesungen dem Leitwort entsprechend einzuordnen. Am Donnerstag führten kurze Impulse vor den Lesungen auf die Spur des Leitworts. Am Sonntag fielen diese Impulse wesentlich länger aus. Sie waren ursprünglich als Auslegung konzipiert, mussten dann aber als Hinführungen umgewidmet werden. Beide Impulse, verfasst und vorgetragen von der Direktorin des Katholischen Bibelwerkes, Dr. Katrin Brockmöller, am Sonntag und die Homilie des Vorstehers, Bischof Dr. Heiner Wilmer, waren für sich sehr wertvolle Elemente der Verkündigung. Im konkreten Erleben der Feier zeigte sich jedoch, dass eine bessere Ausgewogenheit im Zueinander der drei Elemente wünschenswert gewesen wäre.
Viele Beteiligte – viele Interessen
Schließlich lag in der Vorbereitung auch ein besonderer Akzent auf der Auswahl der handelnden und sprechenden Personen. Dieser Aspekt der Vorbereitung zeigte sich als recht interessengeladen. Galt es am Anfang noch, möglichst viele Ehrenamtliche zu integrieren, verschoben sich die Auswahlkriterien im Laufe der zwei Jahre. Gerade die Katholikentagsleitung legte besonderen Wert auf die Berücksichtigung von Frauen und anderen Konfessionen. So waren in den Feiern tatsächlich an der Wortverkündigung der Lesungen und den dazugehörigen Impulsen nur Frauen beteiligt: Ehrenamtliche aus dem Bistum Würzburg, eine Ordensschwester, die Bevollmächtigte der EKD bei der Bundesregierung und die alt-katholische Generalvikarin. Die mediale Stichwortwolke zu den Fürbitten am Sonntag moderierte der ACK-Vorsitzende Würzburgs und Pfarrer einer freikirchlichen Gemeinde. Das letzte Wort bei den Sendungsimpulsen am Sonntag gehörte dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster. Auch die Konzelebranten am Altar bedurften einer längeren Diskussionsphase. Dass neben dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz und dem gastgebenden Bischof, Dr. Franz Jung, auch Vertreter der Partnerbistümer Würzburgs und mit Pfarrer Burkhard Hose ein Mitinitiator der am Katholikentag so erfolgreichen „Demokratiekirche“ am Altar standen, war als weiteres Zeichen des Leitwortes gedacht.
Aufgrund der vielen Implikationen und Interessen unterschiedlicher Verantwortungsebenen wird es zu den Großgottesdiensten immer Kritikpunkte und Verbesserungswünsche geben (vgl. Gd 14–15/2026, S. 153–156). Die Möglichkeiten, die Freiheiten und die Ressourcen aber, die sich für die beiden Feiern ergeben, lassen sowohl die Vorbereitung als auch die Feier selbst zu einer Chance kreativen und sinngerechten Umgangs mit der Liturgie der Kirche werden und zu einem Erlebnis, das hoffentlich nicht nur für die Verantwortlichen in Vorbereitung und Durchführung noch lange nachklingen wird.