Ein Denker, der fehlen wirdZum Tod von Jürgen Habermas

Wer Antworten auf die politischen, gesellschaftlichen und moralischen Herausforderungen der späten Moderne sucht, kommt an einer Auseinandersetzung mit Habermas nicht vorbei.

Bücher
© Pixabay

Jürgen Habermas ist gestorben. Sein Tod bewegt weit über die Philosophie – und auch weit über Deutschland – hinaus. Denn mit ihm ist nicht nur ein Meisterdenker, ein international geachteter Wissenschaftler, ein scharfsinniger und oft auch scharfzüngiger, ein streitbarer und kontroverser Zeitdiagnostiker, ein öffentlicher Intellektueller, von uns gegangen. Mit ihm verschwindet eine ganze Generation. Eine Epoche kommt an ihr Ende. Nun endet auch in der Republic of Letters die Nachkriegszeit.

Zahlreiche Denker dieser Zeit versuchten, in steter Auseinandersetzung mit den Menschheitskatastrophen und -verbrechen des 20. Jahrhunderts der Vernunft und Freiheit des Menschen Gehör zu verschaffen. Habermas war ein maßgeblicher, immer wieder um das rechte, vernünftige Maß bemühter und immer wieder Maßstäbe setzender Vertreter dieser von Krieg, Krisen und Katastrophen geprägten Generation.

Man hat sie, die Generation der 1945er, aufgrund ihrer "späten Geburt" befreit von eigenen Kriegserfahrungen und von persönlicher Schuld, gelegentlich mit Helmut Schelsky als "skeptisch" bezeichnet. Doch trifft diese Kennzeichnung nur einen Aspekt dieser Generation. Sie war, in der Tat, zutiefst skeptisch – gegenüber falschen Propheten, ideologischen Heilsversprechen und politischen Totalitarismen. Aber diese Skepsis bedeutete nicht, dass sie alles ironisch oder gar zynisch infrage gestellt hätte. Das Zeitalter der Ironie und eines wohlfeilen Zynismus sollte erst später anbrechen – und gehört in Zeiten neuer Herausforderungen und Krisen längst wieder der Vergangenheit an. Denn die Generation der in den späten 1920er und frühen 1930er Jahre Geborenen – unzählige für die Geschichte der Bundesrepublik, Europas und der Welt, für Staat und Gesellschaft, für Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Religion wichtige Namen ließen sich nennen – hat Aufbauarbeit geleistet. Sie hat neue Fundamente gelegt und dabei immer wieder gefragt, was denn tragen könnte – um des Menschen, seiner Würde und seiner unveräußerlichen Rechte willen.

Diese Generation konnte nicht anders als anzupacken. Sie musste sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, mit der historischen Schuld Deutschlands, mit dem Versagen vieler Intellektueller und mit den tieferen Gründen und Voraussetzungen für die Diktatur des Unrechts in jüngster Vergangenheit und, auch dies, in der Gegenwart. Sie musste eine immer komplexer werdende Gegenwart zu deuten helfen und Antworten auf die Globalisierung, auf neue soziale Spannungen, auf zuvor ungeahnte Herausforderungen in Wissenschaft und Technik, auf die ökologische Krise oder auf die Legitimationskrisen des Rechtsstaates finden. Und sie musste – last not least – menschliche Wege in die Zukunft weisen, ohne den Verführungen eines naiven Fortschrittsglaubens oder einer pessimistischen Untergangsrhetorik zu erliegen. Keine leichten Aufgaben waren das.

Im Rückblick auf einen Giganten des Denkens, auf einen beeindruckenden Vertreter dieser Generation, kann das erste Wort nur ein Wort des Dankes sein.

Aber wir alle – die noch später Geborenen – stehen in ihrer Schuld. Daher kann im Rückblick auf einen Giganten des Denkens, auf einen beeindruckenden Vertreter dieser Generation, das erste Wort nur ein Wort des Dankes sein.

Diskurs und Moderne

Für Habermas lag der Kern dieser vielfältigen Aufgaben in dem Bemühen, die Moderne zu verstehen, an ihr mitzuwirken und sie zu verteidigen. Er wusste – geschult von Adorno und Horkheimer – um die Schattenseiten, die Dialektik der Aufklärung. Doch hätte das für ihn nie bedeuten können, das Projekt der Moderne gänzlich infrage zu stellen. Die Moderne war für ihn nicht "am Ende", sondern ein "unvollendetes Projekt", das auf Fortführung und Weiterentwicklung angewiesen war – in teils expliziter, teils impliziter kritischer Auseinandersetzung mit jenen, die restaurativ hinter oder vor sie zurückwollten und die Erkenntnisse moderner Rationalität gering achteten, wie auch mit jenen, die, vor allem in Frankreich, in postmodernem Überschwang, mit Nietzsche und dem späten Heidegger an ihrer Seite, über sie hinauswollten, als könne die Moderne so einfach zu Grabe getragen werden. Äußerst kritisch begegnete er auch jenen, die die problematischen Aspekte der Neuzeit nicht sehen konnten oder wollten und einer enthemmten Modernität das Wort sprachen, oder jenen, die die vielen "-Ismen", die ideologischen Verzerrungen der Gegenwart geistig befeuerten. 

Habermas schrieb die Moderne fort durch grundlegende, weltweit rezipierte Bemühungen in der Sprach- und Sozialphilosophie, in Soziologie und Gesellschaftstheorie, in politischer Philosophie, Moral- und Rechtsphilosophie. Er war ein Brückenbauer zur englischsprachigen analytischen und politischen Philosophie und Wortführer und oft Initiator grundlegender Diskussionen und "Streite" zu zentralen Fragen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Unüberschaubar sind die Beiträge, die Habermas zu Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens, zur Kritischen Theorie, zum Marxismus und auch zur Hermeneutik, zur Kommunikation und zum Verstehen, zur Theorie der Erkenntnis und des Wissens, zur Evolution des sozialen Lebens, zu den Grenzen des Positivismus und des Funktionalismus, zum Universalismus der Menschenrechte, zum spannungsvollen Verhältnis von Wissenschaft, Ökonomie und moderner Lebenswelt, zur Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit oder zur Genealogie der Moderne und ihrem Verhältnis zu Glauben und Religion geleistet hat und die Debatten weit über Philosophie und Soziologie hinaus angeregt haben.

Was von seinem Werk bleiben wird, wird sich in der Zukunft entscheiden. Daran aber, dass vieles bleiben wird, und zwar nicht nur aus historischen Gründen, also weil es einmal wichtig gewesen ist, kann kein Zweifel bestehen. Denn auch wer kein Habermas-Forscher im engeren Sinne ist, wer sich mit den Grundfragen des Menschseins in der späten Moderne beschäftigt, kann von der Auseinandersetzung mit seinem Werk profitieren.

Eine rein äußerliche oder eine blinde Gefolgschaft, ein Denken bloß mit ihm – also jeder "Habermasianismus" – wäre alles andere als in seinem Sinne.

In seiner Rezension von Heideggers 1953 erschienener Vorlesung Einführung in die Metaphysik aus dem Jahr 1935 forderte Habermas schon im Titel: "Mit und gegen Heidegger denken". Das gilt auch für den Umgang mit seinem eigenen Werk – und ist auch ganz in seinem Sinne. Denn eine rein äußerliche oder eine blinde Gefolgschaft, ein Denken bloß mit ihm – also jeder "Habermasianismus" – wäre alles andere als in seinem Sinne. Habermas' Vernunftverständnis setzt nämlich das Paradigma des modernen Freiheitsdenkens voraus. Er kritisierte genau aus diesem Grund Macht-, Herrschafts- und Autoritätsansprüche, setzte sich für Emanzipation, Befreiung und Gleichberechtigung ein und appellierte an die Freiheit seines Gegenübers und suchte immer auch den Einspruch, den Widerspruch, um dadurch – im gemeinsamen Diskurs – zum besseren Argument zu kommen.

Dass man daher vielem, was Habermas dachte, auch kritisch begegnen kann, liegt in der Natur der Sache. Die Philosophie ist ein kontroverses Geschäft und bedarf des kritischen Fragens. Hat er nicht – zumindest lange Zeit – die Rolle des Emotionalen oder dessen, was prinzipiell nicht in die Sprache der Vernunft übersetzbar ist, zu wenig beachtet und zu schnell der Logik eines philosophischen Seminars, dem Hin und Her von Argument und Gegenargument einen Primat eingeräumt? Gibt es nicht Voraussetzungen von Diskursivität und liberaler Rechtsstaatlichkeit, die sich selbst nicht diskursiv oder prozedural einholen lassen und die also eine andere Hermeneutik als die von ihm entwickelte Zugangsweise verlangen? Ist sein Denken tatsächlich so "nachmetaphysisch", kann es überhaupt so "nachmetaphysisch" sein, wie er nahelegte? Dies sind einige der Fragen, die sein Werk anregt – und die dazu auffordern, mit ihm und auch gegen ihn, in kritischer Auseinandersetzung mit ihm weiterzudenken. Denn es sind Fragen von bleibender Relevanz.

Anspruch und Engagement

Seinen Lesern hat Habermas es trotz seiner diskursiven Orientierung nicht einfach gemacht. Sein Denken setzte die Mühe des Begriffs voraus. Habermas hat sich dabei nicht stilisiert – wie manch andere Denker, die sich um Verständlichkeit nicht sonderlich bemühen, ja, die in einer obskuren, hermetischen Sprache sogar ein besonderes Qualitätsmerkmal erblicken.

Habermas' wissenschaftlicher Stil ist ganz im Gegenteil, wenn man genau liest, von großer Nüchternheit gekennzeichnet, von Besonnenheit und Sachlichkeit. Doch gerade, weil es ihm um die Sache selbst ging, konnte sein Stil, wo ihm eine andere Position verfehlt erschien, nicht nur kritisch, scharf oder sogar beißend werden, sondern auch anspruchsvoll und kompliziert. Weil das, worum es ihm jeweils ging – eben auch kompliziert war.

Ich erinnere mich an eine Tagung zur Diskursethik, an der ich 1993, zu Beginn meines Studiums, teilgenommen habe. Ein Jahr zuvor war Habermas' Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, seine Grundlegung der Rechtsphilosophie erschienen, ein Buch, dessen Bedeutung im historischen Kontext der Wiedervereinigung und vor dem Hintergrund der kontrovers diskutierten Frage um die Legitimation des Rechtsstaates von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. Als einer der Referenten auf der Tagung – ausgewiesener Experte für die Diskursethik und für Habermas‘ Werk – zu Beginn seines Vortrags zugestand, er könne noch nicht kritisch über dieses Werk sprechen, da es äußerst anspruchsvoll sei, sondern werde sich auf eine Zusammenfassung beschränken, die über Grundfragen orientiere, spürte man im Raum – Erleichterung. Für diese dann sehr gelungene Einführung in dieses Werk waren alle Anwesenden dankbar. Schnell wurde deutlich, dass es sich lohnte, noch tiefer in die Materie einzudringen, dass es aber mühsam sein würde.

Als ich dann Jahre später Habermas anlässlich eines Workshops in Washington persönlich begegnete, war ich beeindruckt, wie sehr er versuchte, sich auch in englischer Sprache verständlich zu machen, seine schwierigen Gedanken zu erläutern und zu illustrieren, auf Einsprüche zu reagieren und die Teilnehmer zu überzeugen. Jede Eitelkeit war ihm fern. Mit unglaublicher Geduld wandte er sich – ganz im wörtlichen Sinne: unermüdlich – den kritischen Anfragen zu und bemühte sich um gelungene, um nicht-hegemoniale, herrschaftsfreie und nur dem besseren Argument verpflichtete Kommunikation.

Sein akademisches Leben, so zeigte sich, entsprach seiner Philosophie. Praxis und Theorie fielen nicht auseinander. Er – nicht nur in der Tradition Kants und Hegels, sondern auch in der Tradition des Sokrates stehend – wollte andere Menschen überzeugen – im philosophischen Seminar, aber auch darüber hinaus.

Er wollte nicht nur über die Öffentlichkeit und ihre Bedeutung in modernen Gesellschaften nachdenken, sondern sie selbst gestalten.

Aus diesem Grund betrieb Habermas die Philosophie nicht im Elfenbeinturm. Auch wenn er sich leicht auf den Olymp abstrakter Rationalität hätte zurückziehen können, war ihm klar, dass er sich nicht allein auf ein wissenschaftliches, nur der Fachwelt zugängliches Werk beschränken durfte. Immer wieder hat er – als Intellektueller, der das öffentliche Wort, Kontroversen und auch Kritik an seinen Ansichten nicht scheute, und auch als Bürger, der seine gesellschaftliche und politische Verantwortung ernst nahm – in unzähligen Zeitungsbeiträgen, kürzeren Essays, Interviews, Vorträgen oder Reden sich zur Situation der Zeit geäußert. Er wollte nicht nur über die Öffentlichkeit und ihre Bedeutung in modernen Gesellschaften nachdenken, sondern sie selbst gestalten.

Wer versucht, die Gegenwart zu verstehen und sie auf den Begriff zu bringen, wer über den Westen, die Erschütterungen Europas, den Krieg gegen die Ukraine, die Krise der USA oder überhaupt die inneren und äußeren Bedrohungen des liberalen Rechtsstaates oder über die Rolle Deutschlands in der Welt nachdenkt, wer Antworten auf viele andere politische, gesellschaftliche und moralische Herausforderungen der späten Moderne sucht, kommt an einer Auseinandersetzung mit seinen Stellungnahmen nicht vorbei.

Habermas war ein engagierter Intellektueller, der sich immer wieder auf das Gespräch mit anderen großen Denkern seiner Zeit einließ. Bekannt sind nicht nur seine zahlreichen Aufsätze zur Philosophie der Gegenwart, seine Gespräche mit anderen Denkern, seine Antwort auf Peter Sloterdijks Anti-Humanismus oder seine Auseinandersetzung mit Jacques Derrida über Krieg und Terror.

Habermas, der sich selbst religiös als unmusikalisch bezeichnete, zeigte sich in den letzten Jahrzehnten, ohne dass er selbst religiös geworden wäre, zunehmend offen für das komplexe Verhältnis von Glauben und Wissen.

Berühmt geworden ist auch seine Begegnung mit dem nur zwei Jahre älteren Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., die bei allen Differenzen im Detail nicht nur großen Respekt voreinander, sondern auch gemeinsame Anliegen – und gemeinsame Sorgen angesichts der Situation der Welt – deutlich machte. Habermas, der sich selbst religiös als unmusikalisch bezeichnete, zeigte sich in den letzten Jahrzehnten, ohne dass er selbst religiös geworden wäre, zunehmend offen für das komplexe Verhältnis von Glauben und Wissen, für religiöse Traditionen und ihr bleibendes Erbe, für die geschichtlichen und gegenwärtigen Beiträge des Christentums in Philosophie, Politik und Gesellschaft, für das, was fehlt, wenn Gott fehlt.

Ein Bedürfnis nach dem, der fehlen wird

In Nachrufen kann man oft lesen, dass die Stimme des Verstorbenen fehlen werde. Das ist oft so dahingeschrieben, ein Topos, der zum Genre gehört, der Respekt, Bewunderung und auch Trauer anzeigt. Als die Nachricht vom Tod von Habermas bekannt wurde, konnte man dies in den ersten offiziellen Nachrufen, aber auch in persönlichen Stellungnahmen in den sozialen Medien immer wieder so lesen. Doch vielleicht ist dies im Fall von Habermas mehr als ein Stereotyp, das man, dem Genus geschuldet, am Ende eines Nachrufs noch unterbringt. Denn gerade als Verteidiger der Moderne – und das heißt: als Verteidiger der Vernunft, der Freiheit und der Würde des Menschen – wird Habermas heute und in Zukunft fehlen.

Der liberale, der Freiheit des einzelnen Menschen dienende demokratische Rechtsstaat, um dessen theoretische Begründung, Grundlegung und Gestaltung sich Habermas mit denkerischer Kraft wie nur wenige andere bemüht hat, ist in einer zuvor für kaum möglich gehaltenen Krise.

Denn die Moderne ist wieder und radikaler als seit Langem herausgefordert. Neben den Herausforderungen in den Bio-, Informations- und Waffentechnologien stehen politische und gesellschaftliche Herausforderungen. Der liberale, der Freiheit des einzelnen Menschen dienende demokratische Rechtsstaat, um dessen theoretische Begründung, Grundlegung und Gestaltung sich Habermas mit denkerischer Kraft wie nur wenige andere bemüht hat, ist in einer zuvor für kaum möglich gehaltenen Krise. Europa könnte von außen gespalten werden oder innerlich implodieren. Fundamentalismen der einen oder anderen Art machen sich breit. Gespenster der Vergangenheit sind zurückgekommen. Neue Gespenster der Zukunft werden am Horizont sichtbar.

In einer solchen Situation wäre es zynisch, ihn und seine Anliegen abzuschreiben. Er war nicht, wie man gelegentlich lesen kann, der Denker einer bereits vergangenen oder untergegangenen Welt. Er bleibt, weil er in seiner eigenen Biografie den Zivilisationsbruch, radikale Gefährdungen von Vernunft und Freiheit, Angriffe auf die Würde des Menschen und das Versagen gesellschaftlicher und staatlicher Institutionen deutlich erfahren und darauf zu antworten versucht hat, weil er auch in schwierigen Zeiten dem Fatalismus und Zynismus widerstand, weil er ein Denker der Humanität, des Menschlichen war, ein wichtiger Impulsgeber. Wie sehr seine Stimme fehlen wird, kann noch gar nicht abgeschätzt werden. Aber – so viel lässt sich mit guten Gründen vermuten – es wird sich noch zeigen, dass wir seiner bedürfen, seiner Stimme, seiner Vernunft, seinen engagierten Beiträgen zu öffentlichen Debatten.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen