Wer am Morgen des Ostermontags des vergangenen Jahres am 21. April aufwachte, den traf ein Schock: Papst Franziskus, der am Ostersonntag noch mit gebrochener Stimme von der mittleren Loggia der Petersbasilika den Segen urbi et orbi erteilte und sich dann mit letzter Kraftanstrengung mit dem Papamobil durch die Menge von tausenden Pilgern fahren ließ, war tot.
Der Schock und die Trauer war an den folgenden Tagen noch unzähligen Pilgern anzumerken, die trotz gleißender Sonne stundenlang ausharrten, um in die Peterskirche zu kommen und dort dem aufgebahrten Papst die letzte Ehre zu erweisen und ein stilles Gebet zu verrichten. Die Trauer war echt, denn die Menschen hatten das Gespür, einen Fürsprecher der kleinen und ärmeren Leute verloren zu haben, der sich gerne unter die Leute mengte. Er war ein im wahrsten Sinne des Wortes außergewöhnlicher und doch sympathischer Papst, immer wieder für spontane überraschende Worte und Gesten gut, die ihm manche übelnahmen, die viele andere aber schätzten.
Franziskus wollte das Petrusamt in einem den Menschen nahen, außerordentlichen Stil ausüben. Schon beim ersten Auftritt auf der mittleren Loggia, der sogenannten Segens-Loggia der Petersbasilika, am Abend des 13. März 2013 stellte er sich vor als einer, der vom anderen Ende der Erde kommt. In der Tat war er der erste Papst nicht aus Europa, sondern von weit außerhalb der Grenzen des alten römischen Reiches. Er war auch der erste Jesuit, der nun auf dem Papstthron Platz nahm, dabei aber eigentlich gar nicht thronen, sondern unterwegs sein wollte. Er trug nicht die reich bestickte Papst-Stola und die rote, mit weißem Hermelin gesäumte Mozetta. Sein Gruß war ein schlichtes buona sera, "Guten Abend". Doch als er dann vor dem Päpstlichen Segen die Menge auf dem Petersplatz bat, in Stille zuerst für ihn, den neu erwählten Papst zu beten, damit Gott ihn segne, da wurde sein Verständnis der wechselseitigen Beziehung zwischen dem Gottesvolk und seinem Hirten deutlich.
In der Tradition des Konzils
Schon die überraschende Namenswahl, die an den Poverello von Assisi erinnerte, machte ein Grundthema des Pontifikats deutsch: die Sorge für die Armen, Unterdrückten, Vernachlässigten und Ausgeschlossenen. Dies alles waren auch Themen des Schlussdokuments der letzten Generalversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrats in Aparecida (2007), an dem er selbst aktiv mitgewirkt hatte. Nicht umsonst führte seine erste Reise auf die Insel Lampedusa südlich des italienischen Stiefels, auf der nach gefährlicher Überfahrt über das Mittelmeer viele Migranten ankamen. Er plädierte für eine arme Kirche für die Armen. Das gefiel nicht allen, wurzelte aber in vielen pastoralen Erfahrungen sowie in der spezifisch argentinischen Richtung der lateinamerikanischen "Theologie der Befreiung", die nicht marxismusverdächtig vom Konflikt zwischen gesellschaftlichen Klassen, sondern von der gemeinsamen Kultur eines Volkes ausging, um von dorther mit teils harten Worten Gerechtigkeit einzuklagen.
Evangelisierung wurde zum Grundthema des Pontifikats. Damit meinte Franziskus nicht allein eine wissensmäßige Glaubensvermittlung, sondern ebenso ein vom Geist des Evangeliums geleitetes Reformprogramm, das er als eine tiefe spirituelle Konversion verstand.
Damit stand er grundsätzlich auf der Linie der Pastoralkonstitution Gaudium et spes des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65). "Freude und Hoffnung" klang in vielen seiner Predigten und Ansprachen immer wieder durch. Woher Papst Franziskus die Kraft dazu nahm, machte er in seinem ersten Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium (2013) klar. Es war das Grundthema, man könnte auch sagen die Grundmelodie, die bereits Johannes XXIII. dem Zweiten Vatikanischen Konzil vorgab und die sein Nachfolger Paul VI. nach dem Konzil in Evangelii nuntiandi (1975) mit der These in die Mitte rückte: "Die Kirche ist da, um zu evangelisieren. Das ist ihre einzige Daseinsberechtigung." Die folgenden Päpste – Johannes Paul II. und Benedikt XVI. – haben dieses Programm aufgegriffen und weitergeführt. Für Franziskus wurde es zum Aufruf zu einem gemeinsamen Aufbruch, zu einer neuen Etappe der Evangelisierung, die nicht von niederdrückendem Pessimismus und Trauer, vielmehr von ansteckender Freude und Begeisterung geleitet ist.
Evangelisierung wurde so zum Grundthema des Pontifikats. Damit meinte Franziskus nicht allein eine wissensmäßige Glaubensvermittlung, sondern ebenso ein vom Geist des Evangeliums geleitetes Reformprogramm, das er als eine tiefe spirituelle Konversion verstand: Keine auf sich selbst bezogene Kirche, sondern eine Kirche im missionarischen Aufbruch an die Peripherien, eine Kirche, welche den Schrei der Armen hört und in der Option für die Amen die Botschaft Jesu von der Barmherzigkeit Gottes verkündet und lebt, welche die Einheit der Kirche als Einheit in der Vielfalt versteht und für heilsame Dezentralisierung sowie für eine Neuausrichtung des Papsttums offen ist.
Man kann Papst Franziskus nur dann recht verstehen, wenn man beachtet, dass es ihm darum ging, Prozesse in Gang zu bringen statt Räume und Positionen zu besetzen. Er wollte Fenster und Türen öffnen und wusste besser als manche ihn kritisierenden Hitzköpfe um den langen Atem, der bei der Evangelisierung notwendig ist.
Prozesse initiieren, statt Räume zu besetzen
Gleichzeitig warnte er eindringlich vor der Gefahr spiritueller Verweltlichung. Er war sich der Bedeutung der Frauen in der Kirche bewusst, stellte aber deren Teilnahme am sakramentalen Priesteramt nicht zur Diskussion. Das alles hat verständlicherweise große und hohe Erwartungen geweckt, bei anderen auch Befürchtungen und Kritik ausgelöst. Man kann Papst Franziskus nur dann recht verstehen, wenn man beachtet, dass es ihm darum ging, Prozesse in Gang zu bringen, statt Räume und Positionen zu besetzen. Er wollte Fenster und Türen öffnen und wusste besser als manche ihn kritisierenden Hitzköpfe um den langen Atem, der bei der Evangelisierung notwendig ist.
Dieselbe Intention zeigt sich wieder in dem nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia, "Freude der Liebe" (2016): Es fasst das Ergebnis von zwei Bischofssynoden zum Thema Ehe und Familie (2014 und 2015) zusammen. Dabei geht Franziskus sehr einfühlsam auf die konkreten Lebensfragen von Menschen ein. In der Auslegung des Hohen Lieds über die Liebe (1 Kor 13) ist dem Papst inhaltlich und sprachlich ein pastorales Meisterwerk gelungen. Theologisch wichtig war ihm vor allem, immer wieder die Bedeutung des persönlichen Gewissens herauszustellen. Er sagte, die Kirche kann und soll das Gewissen informieren, aber sie darf sich nicht an die Stelle des Gewissens setzen. Da konnte man die Position John Henry Newmans (+1890), einer der Väter der theologischen Erneuerung des 20. Jahrhunderts heraushören, den er später heiliggesprochen (2019) hat. Papst Leo XVI. ernannte ihn zum Kirchenlehrer (2025).
So hat Franziskus jeweils die Lehre der Kirche mit einfachen Worten dargestellt und dann ein eigenes achtes Kapitel über die praktische Hermeneutik der Gebote und Prinzipien in oft komplexen Situationen beigefügt, die in der Tradition bestens begründet ist und sich u.a. auf keinen Geringeren als auf Thomas von Aquin berufen kann.
Moral und Pastoral im Horizont der Liebe
Der Vorwurf, Papst Franziskus habe die Antwort auf die Frage der wiederverheiratet Geschiedenen nur in einer Anmerkung versteckt, ist kompletter Unsinn. Er hat weit mehr getan als in einer Einzelfrage eine kasuistische Entscheidung zu treffen. Er hat die Tür für ein grundsätzliches Verständnis der Moral und der Pastoral im Horizont der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes geöffnet. Dafür können wir ihm nur dankbar sein.
Ich kann in diesem Zusammenhang nicht auf alle weiteren beachtenswerten Dokumente des vergangenen Pontifikats eingehen. Dazu gehört auf jeden Fall die Enzyklika Laudato si' (2015) zur Bewahrung der Schöpfung und die Mahnung zu einem schöpfungsgerechten einfachen Lebensstil. Viele werden sich an die eindrucksvolle Rede des Papstes erinnern, die er während der Corona-Pandemie am Abend des 22. März 2020 bei strömendem Regen auf dem dunklen, menschenleeren Petersplatz hielt, um Worte des Trostes und der Ermutigung zu sprechen und in aller Stille den Segen urbi et orbi zu erteilen.
Das Dokument von Abu Dhabi ist ein Meilenstein für den interreligiösen Dialog und der Dialogkultur mit dem Islam, der immerhin nach dem Christentum die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in der Welt ist.
Weniger bekannt, aber nicht weniger wichtig ist das Dokument von Abu Dhabi (2019) zum interreligiösen Dialog insbesondere mit dem Islam, das der Papst zusammen mit dem Groß-Iman Sheikh Amend al-Tayeb, dem Rektor der im Islam bedeutsamen Al-Azhar-Universität in Kairo unterschrieb. Dass Vertreter des katholischen Konservatismus nichts Besseres eingefallen ist, als das Dokument vor allem wegen eines missverständlichen, aber wenn man will auch richtig verstehbaren Halbsatzes über die von Gott gewollte Vielfalt der Religionen zu verurteilen, steht auf einem anderen Blatt. Nach einem der besten Islamkenner, Felix Körner, ist es ein Meilenstein für den interreligiösen Dialog und der Dialogkultur mit dem Islam, der immerhin nach dem Christentum die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in der Welt ist. Breit ausgeführt finden sich diese Ideen wieder in der Enzyklika Fratelli tutti, über die Brüderlichkeit (im Deutschen sagen wir lieber Geschwisterlichkeit) aller Menschen (2020).
"Todos, todos, todos" und Synodalität
Dem Thema der christlichen Spiritualität hat die vierte und letzte, leider nur noch wenig rezipierten Enzyklika Dilexit nos, "Er hat uns geliebt" (2024) zugewendet. Schon beim Weltjugendtreffen in Lissabon (2023) hat Franziskus die Jugendlichen aufgefordert, das spanische Wort für "alle" "todos, todos, todos" gemeinsam zu skandieren. Auch da hat es, obwohl die Aussage als solche gut biblisch ist (1 Tim 2,4-6), Kritik gegeben.
Abschließend möchte ich auf die wohl wichtigste Hinterlassenschaft von Papst Franziskus eingehen: den Prozess zu einer synodalen Kirche. Bei der Feier des 50-Jahr-Jubiläums der Bischofssynode am 17. Oktober 2015 hat Papst Franziskus überraschend seine Vision der Kirche im dritten Jahrtausend formuliert und damit seine Antwort auf die Zeichen der Zeit gegeben. Die Welt, in der wir leben, so sagte er, verlangt von der Kirche eine Steigerung ihres Zusammenwirkens in allen Bereichen ihrer Sendung. Synodalität ist genau das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet.
Das Ende der Bischofssynode bedeutet nicht das Ende des synodalen Prozesses. Sie war nur der Anfang eines Anfangs des synodalen Prozesses. Sein Nachfolger hat die Aufgabe aufgegriffen und will sie weiterführen.
Danach ging es Schlag auf Schlag: Am 15. September 2018 erließ Papst Franziskus die Apostolische Konstitution Episcopalis communio ("Die Gemeinschaft der Bischöfe"), in welcher er die Bischofssynode neu ordnete und Grundlagen für den weiteren Prozess legte. Die Internationale Theologenkommission leistete mit dem Text Die Synodalität in Leben und Sendung der Kirche (2018) die notwendige theologische Vorarbeit. Am 9./10. Oktober 2021 wurde in Rom der weltkirchliche synodale Prozess unter dem Titel Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung feierlich und am folgenden 17. Oktober in jeder Teilkirche eröffnet. Eine grundlegende Etappe war die durch die gleichberechtigte Teilnahme von Laien, Frauen und Männern erweiterte Feier der XVI. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode im Oktober 2023.
Gemeinschaft als Einheit in Vielfalt
In der zweiten Sitzung vom 2. bis 27. Oktober 2024 wurde dann das endgültige Dokument veröffentlicht, das Papst Franziskus umgehend bestätigt und als Dokument des ordentlichen Lehramts bezeichnet hat. So konnte Papst Franziskus noch vor seinem Tod eine erste wichtige Phase abschließen. Jetzt folgt zunächst die Phase der Umsetzung, an der wiederum die Teilkirchen beteiligt sind. Das Ende der Bischofssynode bedeutet nicht das Ende des synodalen Prozesses. Sie war nur der Anfang eines Anfangs des synodalen Prozesses. Sein Nachfolger hat im Konsistorium der Kardinäle am 7.-8. Januar 2026 die Aufgabe aufgegriffen und will sie weiterführen.
Noch viele Fragen sind zu klären. Wir wissen, was eine Synode ist, Synodalität ist jedoch ein abstrakter neuer Begriff, der unterschiedlich verstanden wird und begrifflich wie institutionell noch genauer geklärt werden muss. Es geht nicht um eine Demokratisierung der Kirche. Im Grunde geht es darum, die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils von der Kirche als einer in der Taufe begründeten und in der Eucharistie gefeierten, vom Geist Gottes getragenen communio aller Getauften, als Einheit in Vielfalt der Geistgaben im Leben der Kirche konkret zu verwirklichen.
Das Wesen der Kirche und ihre bischöfliche Struktur sollen nicht verändert werden, vielmehr soll unter den heutigen sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen das Zusammenwirken des ganzen Volkes Gottes konkret ausgestaltet werden. Das ist nicht nur ein organisatorisches, sondern vielmehr ein spirituelles Problem, das von allen Gliedern, von Bischöfen, Priestern, Laien und Ordenschristen im Hören auf den Geist Gottes eine synodale Konversion voraussetzt. Vor allem an dieser Stelle wird sich entscheiden, wie der deutsche Synodale Weg in den weltkirchlichen synodalen Prozess einfließen kann.
Erbe in guten Händen
Fassen wir zusammen: Papst Franziskus hat in den zwölf Jahren seines Pontifikats ein reiches Erbe hinterlassen. Doch auch ein Papst ist ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Kein Mensch - auch kein Papst - kann alle Wünsche befriedigen. Das gilt zumal in eine Zeit, welche, wie er selbst oft gesagt hat, in der wir nicht nur in einer Zeit des Wandels und der Krise leben, sondern in einem Wandel und einer Krise der Zeit und des Zeitalters, einer Zeit tiefgreifender Transformation, welche nicht ohne Schmerzen, Mühen und Konflikte vonstattengehen kann. Auch Paulus spricht von Leiden und Seufzen der Kreatur, die der Erfüllung und Vollendung ihrer Hoffnung erst sehnsüchtig entgegengeht (Röm 8,18-30).
Bei Papst Leo XIV. ist das Erbe von Papst Franziskus in guten Händen. Er führt es weiter, und er tut das in seiner Weise und völlig selbstverständlich mit seinen eigenen Akzenten.
So sind vor allem gegen Ende des Pontifikats, wie übrigens ebenfalls bei allen unmittelbar vorangehenden Pontifikaten, offene und kritische Fragen gestellt worden. Manchen war Franziskus zu wenig ein großer Theologe, wie Benedikt XVI. es zweifellos war und wie es in der langen Liste der Päpste bei weitem auch nicht die Regel ist. Anderen traf er oft sehr spontane Entscheidungen, bei denen er sich zu wenig um deren institutionelle, kanonistische und auch politische Aspekte sorgte. Doch das kann man auch vom Apostel Petrus sagen, in dessen Fußstapfen Franziskus synodal, d.h. mit auf dem Weg war. Für Franziskus war der Glaube kein System, sondern gut biblisch ein mitunter steiler und steiniger Weg auf der eschatologischen Pilgerreise der Kirche.
Bei Papst Leo XIV. ist das Erbe von Papst Franziskus in guten Händen. Er führt es weiter, und er tut das in seiner Weise und völlig selbstverständlich mit seinen eigenen Akzenten. Doch auch wenn manche am Ende bei Franziskus manches kritisch sahen: beim Tod und besonders angesichts des bescheidenen Grabmals in seiner römischen Lieblingskirche S. Maria Maggiore wurde deutlich, dass Papst Franziskus in den Herzen unzähliger Menschen in der Kirche wie außerhalb der katholischen Kirche angekommen ist. Wir haben allen Grund, ihm ein dankbares Andenken zu bewahren.