Es war ein denkwürdiges Ereignis, als die Bundestagspräsidentin und Katholikin Julia Klöckner beim Evangelischen Kirchentag 2025 in Hannover ihre Kritik an der zunehmenden Politisierung der Kirche bekräftigte:
"Der Markenkern ist klasse, den wir als Kirche und als Christentum haben. Es kommt aber anscheinend so nicht mehr an."
Zwar teile sie das Engagement der Kirche für die Bewahrung der Schöpfung. Kirche müsse jedoch über das hinausweisen, was auch Parteien leisten.
Mit der Reduktion des Evangeliums auf politische Stellungnahmen und moralische Appelle ist eines der zentralen Probleme gegenwärtiger kirchlicher Verkündigung benannt. Eine wesentliche Ursache dieser Entwicklung liegt in der aus dem Gleichgewicht geratenen Verhältnisbestimmung von Natur und Gnade.
Dies mag zunächst sehr abstrakt klingen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es sich keineswegs um eine lebensferne Spezialfrage der Dogmatik handelt, sondern um einen zentralen theologischen Ort, an dem zahlreiche problematische Entwicklungen der kirchlichen Pastoral sichtbar werden.
Das Wirken Gottes
Worum geht es bei dem Begriffspaar "Natur und Gnade"? Gemäß dem auf Aristoteles und Thomas von Aquin zurückgehenden Naturbegriff bezeichnet Natur das Wesen eines Seienden, wie es ihm von seinem Ursprung her zukommt. "Natürlich" ist demnach alles, was zu einem geschaffenen Wesen gehört – entweder als konstitutiver Bestandteil oder als daraus hervorgehende Eigenschaft. Zur Natur des Menschen gehört konstitutiv – als vernunftbegabtes und sterbliches Wesen – die Einheit von Leib und Geistseele. Daraus folgen seine natürlichen Vermögen wie Denken und Wollen.
Gnade hingegen bezeichnet das, was nicht zur Natur gehört und diese absolut übersteigt. Sie ist eine übernatürliche und unverdiente Gabe Gottes – in der bekannten lateinischen Wendung der Scholastik formuliert: gratia est donum Dei gratis datum ("Gnade ist ein unentgeltlich gegebenes Geschenk Gottes").
Dabei wirkt die göttliche Gnade in die menschliche Wirklichkeit hinein. Sie prägt den Menschen innerlich, befreit ihn zum Glauben, zur Liebe, zu Mut und Geduld. Gnade ist niemals Frucht menschlicher Leistung, sondern reines Geschenk Gottes, ein Ergriffensein durch ihn. Das Ziel der Gnade ist nach Thomas von Aquin die Gemeinschaft mit Gott in Christus. Dieses Ziel kann der Mensch nicht durch die rein natürlichen Kräfte erreichen. Vielmehr muss er von Gott gnadenhaft über sich selbst hinausgehoben und auf das übernatürliche Ziel hin ausgerichtet werden.
Festzuhalten ist: Natur und Gnade bilden verschiedene Ordnungen, die nicht einfach nebeneinanderstehen, sondern hierarchisch aufeinander bezogen sind. Die Gnade übersteigt die Natur real, setzt sie aber zugleich voraus. Zwar ist die menschliche Natur offen für das Wirken Gottes, doch reichen ihre eigenen Kräfte nicht aus, um das übernatürliche Ziel der Gottesgemeinschaft zu erreichen.
In den Worten des heiligen Thomas:
"Wenn auch der Mensch von Natur aus dem letzten Ziel zugeneigt ist, kann er es dennoch nicht auf natürliche Weise erreichen, sondern nur durch die Gnade." (In Boethium de Trinitate, questio 6, articulus 4, ad 5.)
Wo diese Ordnung verdunkelt wird, verschiebt sich zwangsläufig auch der Inhalt kirchlicher Verkündigung.
Die übernatürlichen Heilswirklichkeiten geraten aus dem Blick
Gegenwärtig konzentriert sich die Kirche vielfach auf moralische und politische Themen: soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Verantwortung, Haltung und Engagement. Im Vordergrund stehen natürliche Tugenden wie Solidarität und Mitmenschlichkeit – wichtige Dimensionen des Zusammenlebens, die jedoch auch ohne Glauben einsichtig und praktizierbar sind. Ein Mensch kann moralisch gut handeln, ohne auf das übernatürliche Ziel der Gottesgemeinschaft ausgerichtet zu sein.
Wenn sich kirchliche Verkündigung primär auf natürliche Tugenden konzentriert, geraten die übernatürlichen Heilswirklichkeiten aus dem Blick. Die Gnade erscheint nicht mehr als Erfüllung des menschlichen Verlangens nach dem Guten, sondern wird im Extremfall überflüssig. Der Mensch errichtet seine eigene Heilsordnung, die zumeist im Immanenten verbleibt.
Diese Gefahr sah bereits Joseph Ratzinger:
"Wenn aber erst einmal dem Christentum seine übernatürliche Ebene bestritten ist, dann muss seine Verheißung in den Bereich des Natürlichen, des Diesseitigen zurückgenommen werden … alle Banalitäten immanentistischer Theologien waren und sind die notwendige Folge dieses Verlustes" (Geleitwort zu: Accademia di San Tommaso e di Religione Cattolica [Hg.]: Matthias Joseph Scheeben, Teologo cattolico d'ispirazione tomista, Città del Vaticano 1988, in: Gesammelte Schriften Bd. 9/1, 363-368, 365 f.).
Nicht das gesellschaftliche Engagement der Kirche als solches ist problematisch, sondern seine Ablösung vom übernatürlichen Heilsauftrag.
Mit der Verdrängung der übernatürlichen Dimension des Glaubens verschwinden in der Verkündigungspraxis zugleich grundlegende metaphysische Themen und Fragestellungen: Wozu ist der Mensch letztlich berufen? Warum ist das Christentum mehr als Moral? Worin besteht das übernatürliche Ziel des Menschen? Was heißt es, aus der Gnade zu leben und den Weg der Heiligung zu gehen?
Ein Christentum, das in der Welt aufgeht
Die religiöse Aufladung politischer Positionen ist dabei die Kehrseite dieses gnadentheologischen Substanzverlustes kirchlicher Stellungnahmen, die sich zunehmend auf Begriffe wie "Klimagerechtigkeit", "soziale Inklusion" oder "Pluralismus und Vielfalt" konzentrieren.
Selbstverständlich gehört es zur Tradition der Kirche, gesellschaftliche Fragen im Licht des Glaubens anzusprechen und zu deuten. Doch gesellschaftliche Relevanz gewinnt die Kirche nur dann, wenn sie ihr religiös Eigenes und Unverwechselbares im Blick behält und zur Geltung bringt. Gerade dazu befähigt die klare Unterscheidung von Natur und Gnade.
Der Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke formuliert pointiert:
"Nicht wenige Zeitgenossen verstehen unter einem 'inkarnierten Christentum' die 'Bekehrung zum Diesseits'. Christen sollen nicht länger nach oben, sondern nach unten schauen; die Nächstenliebe als Gottesliebe und die Politik als Gottesdienst verstehen lernen. Daran ist … auch etwas Richtiges. Aber wahr ist ebenfalls: Ein Christentum, das den Armen Brot gibt, ohne ihnen den Leib Christi zu reichen, greift zu kurz. Christentum, das in der Welt aufgeht, hat nicht verstanden, dass Christus die Brücke der Menschheit zum Vater ist." (Inkarnation. Das Ende aller Wege Gottes, 11)
Eine Kirche, die sich in ihrer Verkündigung einseitig auf die natürliche Ordnung beschränkt, verdunkelt ihren Transzendenzbezug und verfehlt ihren übernatürlichen Auftrag. Es entsteht ein angepasster und reizloser Amtskirchenjargon, der alles vermeidet, was in einer säkularen Gesellschaft Anstoß erregen könnte. Damit aber verliert die Kirche – wie Julia Klöckner zutreffend betont – ihren Markenkern und untergräbt letztlich ihre eigene geistliche Relevanz. Wo die Kirche ihre übernatürliche Dimension wiedergewinnen will, wird sie sich neutestamentlich vergegenwärtigen müssen, "die Gnade Gottes zu entfachen", die ihr geschenkt ist (vgl. 2 Tim 1,6).