Mehr als 4.700 Journalistinnen und Journalisten waren beim Vatikan akkreditiert, um nach dem Tod von Papst Franziskus über dessen Beisetzung und vor allem die Wahl seines Nachfolgers zu berichten. Unzählige TV-Teams, Online-Redakteure, Agenturen und Fotografinnen und -fotografen sowie Pressevertreter berichteten live und rund um die Uhr aus der Ewigen Stadt. Täglich stand Vatikansprecher Matteo Bruni bei den Presse-Briefings in der Sala Stampa Rede und Antwort. Es wurde gestreamt, gepostet, analysiert und reportiert. Vieles davon über die Vatikan-eigenen Kanäle. Kurz: Der Vatikan ist heute eine Medienmacht. Er versteht das Spiel mit "den Medien" und versteht es, die Aufmerksamkeitsökonomie zu den eigenen Gunsten zu nutzen.
Ist doch selbstverständlich für einen Weltkonzern wie die Katholische Kirche, möchte man da sagen. Doch so selbstverständlich ist das alles nicht. Davon zeugt ein Blick zurück in die Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils, das in diesen Tagen vor 60 Jahren endete. Es war nicht nur ein kirchliches Weltereignis, sondern von Anfang an auch ein Medienereignis der Extraklasse: 2.500 Journalisten, Medien und Agenturen verfolgten bereits damals die Beratungen der Bischöfe, auch gab es teils enge Kontakte zwischen Kirchenvätern und Medienschaffenden bis hin zu abendlichen Tischrunden und Empfängen, bei denen sich Journalisten und Konzilsväter zum Austausch trafen. Mit dem Konzil, so legt es die 2024 erschienene umfangreiche Studie "The Second Vatican Council and the Media" nahe, kam die Kirche nicht nur theologisch und im Blick auf ihr ekklesiologisches Selbstverständnis in der Welt an - sie wurde auch zum Player in der medialen Öffentlichkeit.
Ein Konzil der Medien?
Dies alles nährte den von Papst Benedikt 2013 ins Wort gebrachten Verdacht, dass es letztlich zwei Konzilien gegeben habe: ein "Konzil der Väter, das wirkliche Konzil" und ein "Konzil der Medien". Dieses habe "den Kategorien der Medien von heute gehorcht, außerhalb des Glaubens, mit einem anderen Verstehensschlüssel", so Benedikt XVI. in einer Rede an den Klerus der Diözese Rom. Es sei ein "politischer Schlüssel" angewandt worden – "der Machtkampf zwischen verschiedenen kirchlichen Flügeln" – und es habe letztlich zu einer "Banalisierung der Idee des Konzils" geführt.
Nicht nur die Medien brauchten ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Konzilsvätern – auch das Konzil "brauchte" die Medien: als Lautverstärker, um die Bedeutung der eigenen Beratungen coram publico aufzuzeigen; nicht selten auch, um Positionen durch gezielte Publizität durchzusetzen; und schließlich als kritisches Korrektiv.
Doch ist es wirklich so einfach? Oder besteht nicht doch eine engere Verflechtung und kritische Durchdringung von Medien und Kirche, die man bereits beim Konzil erleben konnte? Schließlich brauchten nicht nur die Medien ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Konzilsvätern und den Verantwortlichen im entstehenden Pressebüro und Generalsekretariat des Konzils – auch das Konzil "brauchte" die Medien: als Lautverstärker, um die Bedeutung der eigenen Beratungen coram publico aufzuzeigen; nicht selten auch, um Positionen durch gezielte Publizität ("leaks") durchzusetzen; und schließlich als kritisches Korrektiv, wie es die teils dramatischen Debatten in der letzten Konzilsphase um die Erklärungen zur Religionsfreiheit und das Verhältnis zum Judentum zeigten.
Freier Zugang statt Geheimhaltung
Eine zentrale Rolle im Ringen des Konzils mit den Medien spielte der Wiener Erzbischof und Kardinal König. Im "Konzilsarchiv" der Kathpress findet sich die Passage eines Interviews mit Kardinal König aus dem November 1963, in der dieser zu Protokoll gab, dass er es "für außerordentlich wertvoll und klug" hielt, "dass die Presse seit Beginn der zweiten Sitzungsperiode einen mehr oder weniger freien Zugang zu den Konzilsdiskussionen hat. Dadurch kann sie verhältnismäßig mehr und auch zuverlässiger berichten als während der ersten Session." König berief sich dabei auf ein historisches Vorbild, nämlich den britischen Abt des Klosters Downside, Cuthbert Butler. Dieser hatte als Geschichtsschreiber das Erste Vatikanische Konzil (1869/70) verfolgt und die damals eingeführte Schweigepflicht der Konzilsväter mit dem Hinweis kritisiert, dass eben diese Schweigepflicht zu einer "Atmosphäre von Argwohn und Verdächtigungen" geführt habe. "Ein künftiges Konzil", so schloss Butler, "würde sich viele Aufregungen ersparen, wenn es seine Verhandlungen der Welt direkt bekannt gibt".
Diesen grundsätzlich positiven Zugang zur medialen Berichterstattung über das Konzil und einen unverkrampften Umgang mit Medienschaffenden sollte sich König durch die gesamte Konzilszeit hindurch bewahren. Dabei zeichnet Díaz-Dorronsoros Studie nicht das Bild eines naiven Konzilsvaters - vielmehr erscheint König wie ein klug abwägender Stratege, der die Medien weder als eine "elektronische Kanzel" bzw. den verlängerten Arm vatikanischer Kommunikationsphantasien verstand, noch als einen "Gegenspieler", zu dem nicht wenige der älteren, medial ungeübten Konzilsväter das stark expandierende Presse- und Medienwesen der Zeit stilisierten.
Diesem Ruf entsprach wohl auch, dass - wie die Studie erstmals anhand von Akteneinsichten aufzeigte - König auf Wunsch des Kardinalskollegiums dem 1963 zur Verbesserung der Medienkoordination neu gegründeten "Council's Communication Coordination Center" (Konzilspressekomitee) hätte vorstehen sollen - "was aber nicht geschah - und wir wissen nicht, warum nicht", so Díaz-Dorronsoro. Letztlich übernahm Bischof Martin J. O'Connor die Leitung der Kommission, die für Bewegtbild, Radio und Fernsehen verantwortlich zeichnete.
"Manchmal genügt eine Schlagzeile ..."
Bei einer Journalistentagung 1965 in Assisi - kurz vor Ende des Konzils - sagte König, dass das Konzil nicht nur durch die "öffentliche Meinung", also die publizistische Tätigkeit der Journalisten, auf die Öffentlichkeit gewirkt habe, sondern dass diese "öffentliche Meinung" wiederum "auf das Konzil zurückgewirkt" habe. Davon zeugte auch ein Tagebucheintrag des Konzilsvaters, Erzbischof Helder Camara, der abgeklärt und durchaus selbstbewusst notierte: "Es gibt 'Indiskretionen', die dem Konzil helfen. Manchmal genügt eine Schlagzeile in der Presse, um einige Türen zu öffnen."
Die Atmosphäre wurde giftiger, Bischof Felici bezeichnete auf einer Pressekonferenz die Journalisten gar als "Parasiten des Konzils", kurz: Das Konzil, das doch die Türen öffnen wollte, schloss sich medial zur Wagenburg.
Beispiele für solche Rückkopplungseffekte bietet die Studie zuhauf. So etwa im Blick auf einen Protestbrief von drei amerikanischen Journalisten gegen die ersten durchgesickerten Entwürfe des Dekrets "Inter Mirifica" über die sozialen Kommunikationsmittel. Dies sei "hoffnungslos abstrakt" und verfehle sein Ziel einer zeitgemäßen Neubestimmung des Verhältnisses von Kirche und moderner Kultur. Der an Papst Paul VI. adressierte Brief, über den in Folge breit berichtet wurde, machte schließlich so großen Eindruck auf die Konzilsväter, dass diese mit 503 Stimmen gegen den ersten Entwurf stimmten. Die Folge: Die Geheimhaltungspflicht wurde verschärft, keine Dokumente durften die Konzilsaula mehr verlassen. Die Atmosphäre wurde giftiger, Bischof Felici bezeichnete auf einer Pressekonferenz die Journalisten gar als "Parasiten des Konzils", kurz: Das Konzil, das doch die Türen öffnen wollte, schloss sich medial zur Wagenburg.
Ähnliches wiederholte sich in weitaus größerem Stil und – wie sich schon bald herausstellte – selbstverschuldet rund um die geplanten Erklärungen zur Religionsfreiheit und zum Judentum: In zwei Briefen informierte der Generalsekretär des Konzils, Bischof Felici, darüber, dass es "höhere Weisungen" gebe, die vorliegenden Texte nicht nur zu überarbeiten, sondern – wie es "Il Messagero" berichtete – die geplante Erklärung zum Judentum auf einen Abschnitt im Kirchenschema zu reduzieren und die Deklaration über die Religionsfreiheit von einer neuen Kommission völlig überarbeiten zu lassen; einer Kommission, der u.a. der bekannt erzkonservative und das Konzil später grosso modo ablehnende Erzbischof Marcel Lefebvre angehören sollte.
Über diese Entwicklung sowie einen Protestbrief, unterzeichnet von 16 Kardinälen – darunter Kardinal König –, berichteten mehrere große Zeitungen, darunter "Le Monde" und "La Croix" sowie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Zu diesen Presseberichten, die eine enorme Kraft entfalten sollten und letztlich zum stillschweigenden Rückzug der von Felici versendeten "höheren Weisung" führte, führten laut Recherchen von Díaz-Dorronsoro Hinweise des deutschen Theologen Hans Küng und ein "Leak" des Leiters des lateinischen Informationszentrums beim Konzil (Celam), Bischof Gaston Cruzat. "Damit begann der Sturm in der Presse", notierte Kathpress am 13. Oktober 1964. Es folgte eine Überarbeitung der Dokumente, die schließlich zu den heute als wegweisend erachteten Dokumenten "Nostra aetate" und "Dignitatis humanae" führten. Sollte es je ein "Konzil der Medien" gegeben haben – hier hat es nachhaltig für eine kirchliche Selbstkorrektur gesorgt, an die auch nach 60 Jahren erinnert werden sollte.
Ein Sprecher für den Papst
Jenseits dieser Gefechte stellte sich schließlich immer häufiger die Frage, ob das Konzil und eigentlich der Vatikan nicht einen Sprecher benötigen - wie alle anderen großen Organisationen auch. Und auch hier war es Kardinal König, der diese Idee entwickelte:
"Das heißt, so wichtig einerseits ein offizieller Sprecher des Vatikans ist, ebenso wichtig ist aber auch die Mitarbeit und die Verantwortung der katholischen Journalisten sowohl in katholischen wie nicht katholischen Zeitungen. Ihnen obliegt es in Freiheit und eigener Verantwortung katholische Nachrichten in der Sprache ihrer Zeit und in der Sprache ihrer Leser zu übermitteln."
Es sollte allerdings noch fast 20 Jahre - bis 1984 - dauern, bis Papst Johannes Paul II. mit Joaquín Navarro-Valls tatsächlich einen Sprecher des Heiligen Stuhls berief.