Joseph Ratzingers Denken ist von der Überzeugung getragen, dass Theologie niemals ein rein abstraktes Unternehmen ist, sondern aus konkreten Lebenszusammenhängen erwächst und auf sie zurückwirkt. Biografische Erfahrungen, geistliche Prägungen und geschichtliche Umbrüche bilden bei ihm keinen bloßen Hintergrund, sondern gehören konstitutiv zum theologischen Fragen und Antworten. Wer sein Werk verstehen will, muss daher auch den Weg in den Blick nehmen, auf dem es entstanden ist – einen Weg, der von frühen Glaubenserfahrungen, von Erschütterungen durch Totalitarismus und Krieg, von religiösen Umbrüchen ebenso geprägt ist wie von einem stetigen Ringen um Wahrheit, Verantwortung und geistliche Orientierung.
Diese enge Verschränkung von Leben und Denken bildet zugleich den Schlüssel zum Verständnis der nun vorliegenden Gesamtausgabe seiner Schriften. Gerade dort, wo Joseph Ratzinger selbst biografisch spricht oder auf prägende Wegstationen zurückblickt, wird sichtbar, wie sehr seine Theologie aus konkreten Erfahrungen hervorgegangen ist und sich an ihnen bewährt hat.
Kurz vor seinem Tod schrieb Ratzinger noch das Nachwort
Mit dem Erscheinen von Band 15 der Reihe "Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften" ist die Edition der vor dem Pontifikat Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. entstandenen Beiträge abgeschlossen. Ein weiterer Band mit den Schriften aus der Zeit nach dem Amtsverzicht des Papstes sowie ein Registerband sind noch in Vorbereitung.
Die Gesamtausgabe erhält durch den Band 15 insofern eine Abrundung, als die darin dokumentierten autobiografischen Schriften einen wichtigen Schlüssel für das Verständnis des gesamten Werkes des späteren Papstes liefern.
Das in zwei Teilbände gegliederte Werk mit dem Titel "Aus meinem Leben. Ereignisse – Persönlichkeiten – Themen" verdient schon deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil es ein Nachwort des emeritierten Papstes zur gesamten Reihe enthält, das dieser noch wenige Wochen vor seinem Tod verfasst hat. Er geht darin sowohl auf den besonderen Charakter der von ihrer Entstehung und der literarischen Gattung her sehr heterogenen Schriften ein, als auch auf deren mögliche Bedeutung in der gegenwärtigen Situation der Kirche, deren Dramatik er mit jener zur Zeit der Auseinandersetzung mit dem Arianismus vergleicht. Die Gesamtausgabe erhält durch den Band 15 auch insofern eine Abrundung, als die darin dokumentierten autobiografischen Schriften einen wichtigen Schlüssel für das Verständnis des gesamten Werkes des späteren Papstes liefern.
Heimat und Wurzeln
Wie eng bei Joseph Ratzinger Leben und Werk miteinander verbunden sind und einander erhellen, vermittelt bereits ein erster Blick auf die Schriften in Teil A mit direkt autobiografischem Charakter. Zu diesen gehören neben der im Jahr 1998 erstmals erschienenen Autobiografie "Aus meinem Leben" auch verschiedene Beiträge und Interviews, die in direkter Weise auf seinen Lebenslauf und auf Personen seiner Herkunftsfamilie Bezug nehmen. In ihnen wird die tiefe Verwurzelung in der Gläubigkeit seines Elternhauses und in der vom Katholizismus geprägten Kultur seiner bayerischen Heimat sichtbar, die ihm zeit seines Lebens ein fester Rückhalt und eine Quelle der Inspiration geblieben sind.
Ratzinger erlebte, wie der Glaube einfacher Menschen sich als Bollwerk gegen die ideologische Verführung bewährte.
Bereits als Kind hat er aber auch durch seinen Vater, der aus seiner Ablehnung des Nationalsozialismus keinen Hehl gemacht hat, die Bedrohung durch den herannahenden Totalitarismus mitbekommen. Zugleich erlebte er, wie der Glaube einfacher Menschen sich als Bollwerk gegen die ideologische Verführung bewährte. Die Erfahrung der Absurdität des Krieges, in den er als Jugendlicher mit der Einberufung zum Reichsarbeits- und Militärdienst auch direkt hineingezogen wurde, sowie des Zusammenbruchs des pseudoreligiösen Systems hat ihn nicht nur in seiner Entscheidung für den Weg zum Priestertum bestärkt, sondern auch das Interesse für das Studium der Theologie geweckt. Dieses hat er nach wiedererlangter Freiheit auch in der Hoffnung aufgenommen, zu einem Neuaufbruch in Kirche und Gesellschaft beitragen zu können. Alle diese Erfahrungen haben auch die Art und Weise geprägt, wie er sich später den Fragen der Zeit gestellt und in den Auseinandersetzungen in Gesellschaft, Kirche und Theologie positioniert hat.
Stationen
In den Schilderungen seiner Laufbahn in der wissenschaftlichen Theologie springt vor allem ins Auge, wie sehr diese nicht nach Plan verlaufen, sondern immer wieder durch unvorhergesehene Ereignisse positiver wie negativer Art durchkreuzt worden ist.
Der Begeisterung für den im Zweiten Vatikanischen Konzils erfolgten Aufbruch, zu dem er einen nicht geringen Beitrag leisten durfte, folgte bald die Ernüchterung angesichts der nachkonziliaren Entwicklung.
Das Drama der fast zum Scheitern gebrachten Habilitation und die dabei empfundene Demütigung deutet er als eine notwendige und heilsame Grenzerfahrung, in der er nicht nur eine "höhere Logik" am Werk sah, sondern die auch wegweisend war für die Art seines späteren Umgangs mit den ihm anvertrauten Studierenden (vgl. 104).
Der Begeisterung für den im Zweiten Vatikanischen Konzils erfolgten Aufbruch, zu dem er einen nicht geringen Beitrag leisten durfte, folgte bald die Ernüchterung angesichts der nachkonziliaren Entwicklung und der gesellschaftlichen Umbrüche Ende der Sechzigerjahre, die für ihn immer mehr auch Anlass zu mahnenden Stellungnahmen waren.
Am Höhepunkt seines akademischen Wirkens, als er den Zeitpunkt für gekommen hielt, seine eigene Vision von Theologie ins Werk zu setzen, erreichte ihn der Ruf auf den erzbischöflichen Stuhl von München und Freising. Er nahm ihn schweren Herzens an, auch im Vertrauen darauf, dass ein Anderer ihn führen würde. Knapp fünf Jahre später wurde er an die Glaubenskongregation in Rom berufen. Diese Berufung deutete er im Lichte der Legende vom Bären des heiligen Korbinian, der auf dem Weg des Heiligen nach Rom dessen Lasttier getötet haben soll, dann aber von jenem dazu genötigt wurde, sein Reisegepäck in die ewige Stadt zu tragen. Im bepackten Bären erkennt er ein Bild seiner Beziehung zu Jesus Christus und er bekennt: "Ein Packesel bin ich für dich geworden, und gerade so bin ich ganz und immer bei dir."(139)
Als der Präfekt der Glaubenskongregation dann nach über zwanzig Jahren hoffen durfte, endlich, von der Last seiner Aufgaben befreit, sich noch einmal ganz dem theologischen Schaffen widmen zu können, wurde dieser sein Plan abermals durchkreuzt. Die Wahl in das Amt des Nachfolgers Petri empfand er bekanntlich als "herabstürzendes Fallbeil". Dabei bestärkte und tröstete ihn die Einsicht, dass die Wege des Herrn zwar nicht bequem sind, wir aber ja "nicht für die Bequemlichkeit, sondern für das Große, für das Gute geschaffen" sind (Ansprache von Benedikt XVI. an die Pilger aus Deutschland am 25.04.2005).
Die vielfältigen Wendepunkte in seinem Leben waren für Joseph Ratzinger sicherlich auch Zeiten intensiven spirituellen Ringens. Ob und in welcher Weise dieses in seinem theologischen Denken auch Spuren inhaltlicher Art hinterlassen hat, darüber gibt er selbst nur spärlich Auskunft. Die Lebensnähe und Lebendigkeit seiner Theologie lassen jedoch eine enge Verbindung von persönlichem Ringen und dem Weg seiner theologischen Reflexion erahnen. Die jetzt vorliegenden Texte bieten aber insofern eine im direkten Sinne theologische Autobiografie, als sie den Leser daran teilnehmen lassen, wie die je neuen Lebenssituationen und Aufgabenbereiche zu veränderten Fragen geführt und ein vertieftes Nachdenken und neue Antworten erforderlich gemacht haben.
Der Teil B des ersten Teilbandes enthält Ansprachen, Predigten und Interviews zu wichtigen "Stationen des Lebens" seit dem Kriegsende, die das Autobiografische durch Details ergänzen, vertiefen und illustrieren. Hier finden sich sowohl Dokumente, die an den entscheidenden Wendepunkten – etwa anlässlich der Übernahme seines Amtes als Erzbischof von München und Freising oder seiner Berufung an die Glaubenskongregation in Rom – entstanden sind, als auch Ansprachen zu Jubiläen oder ihm zuteilgewordenen Ehrungen.
Personen und Beziehungen
Im 2. Teilband stehen im Mittelpunkt Personen, mit denen Joseph Ratzinger bis zu seiner Wahl zum Bischof von Rom zu tun hatte. Dem äußeren Eindruck nach schien er ja ein weitgehend zurückgezogenes und allein der theologischen Arbeit gewidmetes Leben zu führen. Umso mehr erstaunt es, mit wie vielen Menschen er in fachlicher und auch freundschaftlicher Beziehung stand, deren Bedeutung für seinen Lebensweg und für sein theologisches Schaffen nicht zu unterschätzen ist.
Dabei geht es (Teil C) zum einen um – vor allem priesterliche – "Wegbegleiter" seit seiner Zeit im Traunsteiner Studienseminar, zum anderen um Gesprächspartner, die seinen theologischen Werdegang in besonderer Weise geprägt oder ihn auf dem Gebiet von Kirche, Ökumene, Kunst und Literatur inspiriert und auch freundschaftlich begleitet haben.
Die Beiträge umfassen wiederum Predigten und Gedenkreden zu unterschiedlichen Anlässen, aber auch Briefe, in denen gemeinsame Erinnerungen neu belebt werden. Unter den Persönlichkeiten finden sich zum einen bedeutsame Theologen wie Gottlieb Söhngen, Henri de Lubac, Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar, Ulrich Wickert und Eberhard Jüngel, aber auch die Schriftstellerin Ida Friederike Görres, die Künstlerin Christine Stadler oder der Intendant August Everding.
Der Teil D ist verschiedenen "Amtsträgern" gewidmet, mit denen Joseph Ratzinger als Erzbischof von München und dann als Präfekt der Glaubenskongregation durch sein Amt und darüber hinaus vielfach auch in persönlicher Freundschaft verbunden war. Allen voran sind es die Päpste, in deren Pontifikat seine Amtszeit als Münchener Erzbischof und Kardinalpräfekt fällt. Die Textsammlung enthält neben Erinnerungen an die Päpste Paul VI. und Johannes Paul I. vorwiegend Grußworte zu Jubiläen, aber auch Geleit- und Vorworte zu Schriften von und über Papst Johannes Paul II. Sie endet mit der Homilie des Kardinaldekans in der "Missa pro eligendo Romano Pontifice", die seine letzte in dieser Funktion sein sollte und so gleichsam das Bindeglied zum eigenen Pontifikat bildet.
Den Zeugnissen über die Päpste folgen noch jene über Mitbrüder im Bischofsamt. Neben Gedenkpredigten zu Todestagen finden sich wiederum zu verschiedenen Anlässen entstandene Würdigungen von Bischöfen und Kardinälen, denen er sich in besonderer Weise verbunden fühlte. Hier mögen einzelne Namen und Beiträge durchaus überraschen.
Die Sammlung führt vor Augen, wie sehr sein Leben auf sein Werk ausgerichtet war und dieses umgekehrt durch die Lebensumstände entscheidende Impulse empfangen hat.
Die jetzt vorliegende Sammlung von bisher vielfach nur verstreut zugänglichen Schriften vermittelt insgesamt einen kaleidoskopartigen, umfassenden Querschnitt durch das Leben und Wirken von Joseph Ratzinger. Sie führt vor Augen, wie sehr sein Leben auf sein Werk ausgerichtet war und dieses umgekehrt durch die Lebensumstände entscheidende Impulse empfangen hat. In beidem, Leben und Werk, lässt sich aber auch das verborgene Wirken dessen erahnen, dem er gedient hat und von dem er sich geleitet und getragen wusste.