Mein Bruder ist Physiker. Hin und wieder überkommt ihn eine regelrechte Euphorie: Er erklärt mir seine neuesten Erkenntnisse oder zeichnet Skizzen von Zügen und Lichtstrahlen, um mir Lichtgeschwindigkeit und Relativität der Zeit nahezubringen. Jede Lerneinheit beginnt mit den Worten: "Das ist ganz einfach" – doch ich verstehe wahrlich nichts davon. Spätestens aber, wenn junge Physikstudenten mein MacBook wieder zum Laufen bringen oder mein Bruder an einer Photovoltaikanlage bastelt, erschließt sich mir die Alltagsrelevanz dieses Wissens.
Wenn ich über Psalmenexegese ins Schwärmen gerate oder ein großer Lektürestapel auf meinem Schreibtisch liegt, zieht sich mein Bruder erleichtert wieder in die Welt der Formeln zurück. Wissen, das im Alltag weiterhilft. Wie steht es in dieser Hinsicht um die Theologie? Für "Insider" ist die Sache klar: Wenn es Gott gibt, ist die Frage nach ihm nicht die alles entscheidende? Wir fragen nach dem letzten Grund, dem "unbewegten Beweger", versuchen uns mithilfe der Vernunft denkerisch dem Mysterium Gottes anzunähern und gehen der Frage nach den Bedingungen eines gelingenden und sinnerfüllten Lebens nach. Und doch erlebe ich immer wieder, dass viele – selbst engagierte Gläubige – mit den Fragen akademischer Theologie wenig anfangen können. Ein wiederkehrendes "Pass auf, dass du deinen Glauben nicht verlierst!" begleitete den Beginn meines Theologiestudiums. Woher rührt diese Skepsis?
Wie lässt sich die Brücke von der Theologie zum Glaubensleben schlagen?
Die Theologie ringt sichtbar mit ihrer Lebens- und Glaubensrelevanz. Dort, wo sie sich den konkreten Herausforderungen des Lebens stellt, scheint sie bisweilen Gott aus ihrem Vokabular zu streichen – sehr zum Unbehagen vieler Gläubiger. Niemand hat dieses Problem prägnanter formuliert als Søren Kierkegaard in seinem Tagebuch:
"Es geht den meisten Systematikern im Verhältnis zu ihren Systemen, wie wenn ein Mann ein ungeheures Schloss baut und selber daneben in einer Scheune wohnt: Sie leben selber nicht in dem systematischen Gebäude. Aber in den Verhältnissen des Geistes ist und bleibt das ein entscheidender Einwand. Geistig verstanden müssen eines Mannes Gedanken das Gebäude sein, worin er wohnt – sonst ist es verkehrt."
Mich treibt die Frage um: Welches Ethos der Theologie müssen wir hochhalten, wenn wir unsere Weise zu denken und zu leben in eine authentische Einheit bringen wollen? Wie lässt sich eine Brücke von akademischer Theologie zum konkreten Glaubensleben schlagen?
Auf diese Spannung reagiert auch Johannes Hartl. Das von ihm gegründete Gebetshaus Augsburg verfolgt eine einfache Mission: Gebet. Was in einem Wohnzimmer begann, hat inzwischen eine Strahlkraft entwickelt, an der sich die Geister scheiden.
Wo von Spiritualität, Lobpreis und persönlicher Nachfolge die Rede ist, sind die Kritiker einer "Emotionalisierung" des Glaubens nicht fern. Umso mehr gilt es aber zu würdigen, dass beim diesjährigen "MEHR Glaubensfestival" wieder ein theologisches Forum veranstaltet wurde.
Unbestritten ist, dass die Ermutigung zu einem geistlichen Leben und zu authentisch gelebtem Glauben im deutschsprachigen Raum auf enorme Resonanz stößt. Unter dem Motto "The sound of joy" folgten vom dritten bis zum sechsten Januar wieder 11 000 Christen unterschiedlicher Konfessionen der Einladung des Gebetshauses zum "MEHR Glaubensfestival". Auf dem Programm standen Vorträge, Interviews, gemeinsamer Lobpreis, Gottesdienste und – im Sinne des diesjährigen Mottos – auch ein wenig Unterhaltungsprogramm.
Wo von Spiritualität, Lobpreis und persönlicher Nachfolge die Rede ist, sind die Kritiker einer "Emotionalisierung" des Glaubens nicht fern. Umso mehr gilt es aber zu würdigen, dass beim diesjährigen "MEHR Glaubensfestival" wieder ein theologisches Forum veranstaltet wurde.
Die geladenen Sprecher waren allesamt Professoren der katholischen Theologie: Neben Ursula Schumacher und Ludger Schwienhorst-Schönberger, die Mitherausgeber der Zeitschrift COMMUNIO sind, waren Gregor Emmenegger, Thomas Schumacher, Gudrun Nassauer und Benedikt Paul Göcke zu Gast.
"Unsere ganze Menschlichkeit möchte in das Heilsgeschehen mit hineingenommen werden, und dazu gehört ganz wesentlich das Denken", sagte Johannes Hartl im Rahmen der Begrüßung. Im Anschluss an Jana Ringwald, Cyberstaatsanwältin und Sprecherin auf der MEHR, verwies er auf das Fundament des westlichen Wertesystems: die Würde des Menschen. Ein revolutionärer Gedanke des Christentums, der uns in die Pflicht nehme, wenn der Mensch zur Ware wird. Hartl appellierte an ein gemeinsames Ringen um die Werte unserer Gesellschaft: durch Nachdenken, das Einbringen in gesellschaftliche Debatten, die Lektüre von guten Büchern und durch Vertiefung in Theologie und Philosophie.
Was ist der Mensch?
Anschließend führte Oliver Dürr, Direktor des Zentrums für Glaube und Gesellschaft der Universität Fribourg, als Moderator durch das Forum. Der evangelische Theologe stellte eine Frage in den Raum, die sich in Zeiten der Digitalisierung und des Transhumanismus in besonderer Weise stelle: "Mensch, wohin geht die Reise?" Seine These: In keiner Zeit wurde die Politik in vergleichbarem Maße auf die Idee der Menschenwürde gegründet.
Gleichzeitig herrschte nie eine derartige Verwirrung über die Frage, was der Mensch ist. Es brauche Antworten ohne vorschnelle Vereinfachung. "Der Mensch ist ein Geheimnis, das sich weigert, zum Problem herabgewürdigt zu werden", zitierte Dürr den französischen Theologen Jean Mouroux.
Schöpfung und Menschenwerdung Gottes
Ludger Schwienhorst-Schönberger, emeritierter Professor für Altes Testament, sprach in seinem Kurzvortrag über den ersten Schöpfungsbericht im Buch Genesis, dem ersten Buch der Bibel. Der hebräische Text spreche wörtlich vom Menschen als 'Statue Gottes'. Jeder Mensch sei von seinem Ursprung her eine Gottesstatue, die dazu gemacht ist, die Gottheit zu repräsentieren. Daraus folge, "dass die Schöpfung von ihrem Ursprung her ein Heiligtum ist", so Schwienhorst-Schönberger.
Von der Schöpfung spannte sich der Bogen bis zur Menschwerdung Gottes bei diesem Glaubensfestival in der Weihnachtszeit. Wie kann es sein, dass wir 2000 Jahre später immer noch sagen, dass mit der Geburt dieses einen Kindes "etwas geschehen ist, in dessen Licht alles in der Welt anders ist als vorher"? Mit dieser Frage eröffnete Ursula Schumacher, Professorin für Dogmatik, ihren Vortrag und gab drei Gedankenanstöße: Erstens: Wenn es wirklich Gott ist, der in Jesus Christus Mensch wurde, lautet die Konsequenz: Es gibt kein Leid mehr, das ihm verschlossen wäre. Zweitens: "Der Mensch ist der Grammatik einer möglichen Selbstaussage Gottes." (Karl Rahner) Gott erschafft den Menschen als Geschöpf des Sich-Überschreitens auf eine Weise, die bereits die Grundlage dafür bereiten soll, dass Gott Mensch werden kann. Drittens: Das, was in Jesus Christus geschieht, ist Mittel- und Höhepunkt der Geschichte. "Es ergibt sich aus dem Christusereignis eine unendliche Befreiung. Dass hier in der Menschheitsgeschichte, wo dieser eine Mensch ganz und gar mit Gott verbunden war, Menschsein einmalig gelingt, ist der Grund dafür, dass wir alle hoffen dürfen. Wenn Menschsein ans Ziel kommt, dann wegen diesem Einen."
Theologie und Philosophie
Der Sohn ist eines Wesens mit dem Vater – das ist eine zentrale Aussage im Glaubensbekenntnis des Konzils von Nizäa, dessen 1700-Jahr-Feier kürzlich begangen wurde. Daran schloss der Vortrag des Kirchenhistorikers Gregor Emmenegger über das Konzil von Nizäa an, der unter anderem die umstrittene Rolle des Kaisers Konstantin im christologischen Streit diskutierte. Sein Resümee lautete: "Nizäa ist kein Märchen vom Sieg der Wahrheit. Es ist ein Lehrstück, wie man Theologie treibt und auch wie nicht. Das Konzil sagt nicht alles über Gott, aber es sagt das Entscheidende: In Jesus Christus begegnet mir Gott selbst. So schafft Gott in der Welt Heil."
Der Neutestamentler Thomas Schumacher setzte bei der Kritik an, die Christologie von Nizäa hätte den biblischen Gottesbegriff theologisch verfremdet. Schumacher zeigte, wie bereits das Neue Testament die Komplementarität von Jesus als Mensch und als den von Gott Auferweckten nahebringt. Gudrun Nassauer warf einen Blick in das Lukasevangelium und arbeitete anhand literaturhistorischer Erkenntnisse die Eigenart antiker Geschichtsschreibung heraus.
Die Beiträge waren theologisch gut aufbereitet und durchaus anspruchsvoll. Auch am Interesse der Teilnehmenden mangelte es nicht: Die dreistündige Veranstaltung wurde schätzungsweise von rund eintausend Personen besucht.
Das Konzil von Nizäa steht für eine Theologie, die den Glauben auch in philosophischen Begriffen zum Ausdruck bringt. Zur Frage "Was bringt die Philosophie dem Glauben?" kam der Philosoph Benedikt Paul Göcke zu Wort. Göcke erklärte das Grundanliegen der Metaphysik, "die vom Ganzen der Wirklichkeit motiviert die Frage nach dem Sein stellt, damit wir uns in dieser Welt orientieren können." Angesichts der existenziellen Frage jedes Menschen nach seinem letztgültigen Schicksal gelange die Metaphysik jedoch an ihre Grenzen und die Theologie komme ins Spiel: Sie fragt nach der Hoffnung meiner individuellen Existenz und lässt das Individuum nicht als bloß "einen von vielen" zurück.
Die Beiträge waren theologisch gut aufbereitet und durchaus anspruchsvoll. Auch am Interesse der Teilnehmenden mangelte es nicht: Die dreistündige Veranstaltung wurde schätzungsweise von rund eintausend Personen besucht. In den letzten 15 Minuten gab es Raum für Fragen aus dem Publikum. Diese reichten von "Wie sähe unser Christusbild heute ohne Kaiser Konstantin aus?" bis zu "Welches Werk eignet sich als Einstieg in Rahners Theologie?". Da sich die Fragen jeweils an einen konkreten Referenten richteten, blieb ein Austausch zwischen den Beteiligten – und damit interdisziplinärer Blick auf die vorgestellten Themen – allerdings aus.
Mehr Debatte bitte!
Oliver Dürr verglich das Forum mit einem Buffet und ermutigte dazu, jeweils das mitzunehmen, was einen persönlich anspreche – als Einladung zum Weiterdenken. Tatsächlich präsentierte sich die Veranstaltung als reich gedeckter Tisch theologisch differenzierter Perspektiven. Was jedoch fehlte, war die Debatte. Im gegenseitigen Hinterfragen, Diskutieren und Weiterdenken sowie im Aufstellen und gemeinsamen Überprüfen mutiger Thesen wird Theologie für mich lebendig.
Bei "MEHRdenken" teilten sich hoch qualifizierte Theologen eine Bühne, die ihr wissenschaftliches Handwerk zweifelsohne beherrschen. Gerade im Rahmen eines Glaubensfestivals hätte eine Debatte die Chance geboten, gemeinsam den Brückenschlag von der Theologie zum gelebten Glauben zu wagen. In diesem Sinne bin ich gespannt auf das nächste theologische Forum im Rahmen des "MEHR Glaubensfestivals".