Es gibt eine Tendenz, den Ursprung von Verfallsgeschichten früher und früher anzusetzen. Thomas Mann hat in seinem Roman "Doktor Faustus" mit Chaim Breisacher eine Figur geschaffen, die das reaktionäre Denken satirisch auf die Spitze treibt. Die perspektivische Malerei? Ordinär! Mehrstimmige Musik? Barbarei! Die Propheten des Alten Testaments? "Heruntergekommene Repräsentanten einer verblasenen Spät-Theologie"!
Ganz so weit gehen die Theologen und Philosophen, die sich als "postliberal" verstehen, nicht. Für sie sind die mittelalterlichen Philosophen Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham verantwortlich für alle geistigen Fehlentwicklungen der Moderne.
So spricht der britische Theologe und Philosoph John Milbank, Mitbegründer der Radical Orthodoxy-Bewegung, von den "Scotistischen und Ockhamitischen Revolutionen" in der Geschichte der Metaphysik (Beyond Secular Order. The Representation of Being and the Representation of the People, Hoboken 2013, 58). Welche theologischen und philosophischen Abwege sind hier gemeint?
Bei Scotus geht es um seine ontologische Theorie, genauer seine Lehre von der "Univozität des Seins", die im Gegensatz zu Thomas von Aquins Doktrin der "Analogie des Seins" stand. Mit der "Univozität des Seins" vertrat Scotus die Ansicht, dass es einen allgemeinen Begriff des Seins gibt, unter den sowohl Gott als auch alles Kreatürliche fallen. Damit aber, so nun die Sorge der Kritik, werde die unendliche Differenz zwischen Gott und der Welt, die noch von Thomas von Aquin mit Nachdruck betont worden war, aufgelöst. Gott drohe zu einem Seienden unter anderen zu werden, womit das moderne Schreckgespenst des Pantheismus à la Spinoza oder Hegel am Horizont aufscheint.
Von Ockham zu Foucault?
Und Ockham? Der gilt vielen als Hauptvertreter des Nominalismus. Das ist jene philosophische Position, die die reale, außergeistige Existenz von sogenannten Universalien, also Allgemeinbegriffen, bestreitet. Was zunächst nach einer rein akademischen Quisquilie klingen mag, hat in der Tat radikale Auswirkungen auf die gesamte Wirklichkeitsauffassung. Was der Nominalismus damit nämlich zu leugnen scheint, ist, dass unsere Sprache und Gedanken, unsere Begriffe und Konzepte die Realität adäquat abbilden können. Die Realität besteht aus lauter singulären Dingen, die wir mit unserem verallgemeinernden sprachlich-gedanklichen Zugriff bloß in selbstgefertigte Schubladen stecken können. Statt das Wesen der Dinge zu erfassen, konstruieren wir die scheinbare Ordnung der Realität selbst.
So gesehen ist es dann nur ein Steinwurf von Ockhams Nominalismus zu Judith Butlers Entkopplung von Sex und Gender oder zu Michel Foucaults Konstruktivismus, der die "Ordnung der Dinge" (so der deutsche Titel von "Les mots et les choses" von 1966) als Resultat historisch bedingter Diskurspraktiken sieht.
Konstruktion und Realität
Nun ist ironischerweise gerade diese Sicht auf die Philosophiegeschichte selbst eine Konstruktion, die mit der Realität nur bedingt zu tun hat.
Unabhängig von der Frage, ob sich der scotistische Ansatz stringent durchführen lässt, bestand die Absicht von Scotus jedenfalls nicht darin, die Differenz zwischen Gott und Geschöpf einzuebnen.
Richtig ist, dass Duns Scotus sich mit seiner Univozitätsthese gegen Thomas von Aquin wendet; für Thomas lassen Gott und die Geschöpfe nur in einem analogen, nicht aber in einem univoken Sinne als "seiend" bezeichnen. Zwar kennt auch Thomas ein "gemeinsames Sein" (ens commune), aber das ist nur ein abstrakter Begriff für das Sein alles Geschöpflichen – Gott als unendliches, mit seinem Sein identisches Wesen ist die Ursache des gemeinsamen Seins und nicht Teil davon.
Nun ist aber auch das univoke Sein bei Duns Scotus nur ein abstrakter logischer Begriff, der sich – wie er ausdrücklich betont – neutral gegenüber der metaphysischen Frage verhält, ob es sich um ein unendliches Sein (Gott) oder ein endliches Sein handelt: "[A]lso ist der Begriff des Seins (conceptus entis) in Bezug auf Gott ein anderer als dieser oder jener Begriff [das heißt: des endlichen oder unendlichen Seins, S.O.], und daher ist er in sich neutral (neuter ex se) und in jenen beiden Begriffen enthalten; folglich ist er univok" (Ordinatio I, distinctio 3, quaestio 2, n. 27).
Unabhängig von der Frage, ob sich der scotistische Ansatz stringent durchführen lässt, bestand die Absicht von Scotus jedenfalls nicht darin, die Differenz zwischen Gott und Geschöpf einzuebnen. Seine Philosophie und Theologie sind vielmehr der Versuch, unter Wahrung dieser alles entscheidenden metaphysischen Differenz einen einheitlichen logisch-sprachlichen Zugang zu Gott und der Welt zu finden.
Noch deutlicher als Duns Scotus muss Wilhelm von Ockham freigesprochen werden. Der Vorwurf, Ockham vertrete einen modernen Konstruktivismus avant la lettre, ist nicht haltbar. Die beiden Ockham-Spezialisten Philotheus Böhner OFM und Erich Hochstetter haben schon in den 1940er-Jahren philologisch kenntnisreich und ideengeschichtlich sauber nachgewiesen, dass das Etikett des Nominalismus Ockham zu Unrecht angeheftet wird.
Diese Einsicht hat sich sogar schon im "Historischen Wörterbuch der Philosophie" niedergeschlagen, ohne die falsche Verknüpfung von "Ockham" und "Nominalismus" im Bewusstsein selbst von Fachphilosophen ganz auslöschen zu können. Böhner weist bei Ockham einen "realistischen Konzeptualismus" nach, der inhaltlich durch die folgenden beiden Thesen gekennzeichnet sei: Erstens sei nach Ockham der Inhalt unserer Begriffe das Begreifen der Realität; und zweitens stehe der Inhalt unseres Denkens in einem Ähnlichkeitsverhältnis zur Realität (vgl. The Realistic Conceptualism of William Ockham, in: Collected Articles on Ockham, St. Bonaventure, N. Y. 1958, 156–174, 159; 161).
Sicher, Ockham ist kein Universalien-Realist, der denkt, "Menschsein" oder "Weißsein" existiert unabhängig von unserem Denken. Das Allgemeine der Begriffe existiert nur im Bewusstsein, in der Realität nur das Einzelne; das Einzelne aber ist Ockham zufolge die natürliche Ursache für unsere Begriffe. Die Einzelheiten der komplexen Begriffstheorie Ockhams, die überdies im Laufe seines Schaffens einigen Entwicklungen unterlag, brauchen hier nicht weiter zu interessieren. Um den Vorwurf des Nominalismus abzuwehren, genügt es, an den Grundsatz Ockhams zu erinnern:
"Numquam potest esse distinctio conceptuum nisi propter aliquam distinctionem a parte rei" – "Es kann niemals eine Unterscheidung von Begriffen geben, es sei denn aufgrund einer Unterscheidung in der Sache selbst" (In IV Sent. Prol. q. 2).
Interessanterweise ist in Sachen Universalien die Position von Thomas von Aquin nur um Nuancen realistischer als jene Ockhams. Das Allgemeine existiert Thomas zufolge nämlich auch nicht als solches, aber im Gegensatz zu Ockham immerhin in individualisierter Form in den Einzeldingen. Das Allgemeine als solches – das Menschsein, Weißsein und so weiter – gibt es auch Thomas zufolge nur im Intellekt dank dessen Abstraktionsleistung. Und Duns Scotus wiederum vertritt sogar noch eine realistischere Position als Thomas. Denn Scotus postuliert auch noch eine reale natura communis, eine den verschiedenen Individuen einer Art gemeinsame Natur, die als etwas Allgemeines in diesen Individuen existiert.
Sekundäre Realitäten
Wenn die Realitätserdung unserer Begriffe und unseres Denkens die Zeichen eines metaphysisch robusten Vormodernismus sind, dann wäre man zumindest in diesem Punkt mit Scotus vor modernen subjektivistischen Irrungen sicherer als mit dem in puncto Universalien halbherzigeren Realisten Thomas.
Mit dem Gesagten soll gar nicht bestritten werden, dass es im Laufe der Geschichte der Philosophie eine Bewegung, ja vielleicht sogar einen umsturzhaften Wandel gab: weg von einem Denken, das sich aus dem Verhältnis zu Gott als letztem, unergründbaren Grund des Denkens speist, hin zu in sich geschlossenen, freischwebenden Realitätsentwürfen, "sekundären Realitäten", wie sie Eric Voegelin genannt hat. Und es mag sein, dass auch Scotus und Ockham ihre Rolle dabei gespielt haben.
Es wäre aber gerade Ausdruck jenes selbstreferenziellen Denkens, das man überwinden möchte, sich nur mit den eigenen Projektionen und Vorurteilen, statt mit diesen Denkern selbst zu befassen.