I.
"Wir mögen uns ja wundern," schreibt Rudolf Bultmann 1927, "aber die konkrete Situation ist doch für den konkreten Verkündiger einfach die, dass, wenn er auf die Kanzel steigt, ein gedrucktes Buch vor ihm liegt, auf Grund dessen er verkündigen soll; wie ‚vom Himmel gefallen‘, gewiss: denn seine historisch-kritisch zu ergründende Entstehung geht ihn offenbar in diesem Momente nichts an."1
Über solche Sätze kann sich nur wundern, wer bestenfalls eine oberflächliche Kenntnis der Werke Bultmanns besitzt, der 1884 im oldenburgischen Wiefelstede geboren wurde und vor 50 Jahren am 31. Juli 1976 in Marburg verstorben ist. Auf den ersten Blick scheint es, als würden durch Bultmann alle heute gängigen Vorurteile gegenüber einer wissenschaftlichen, historisch-kritischen Exegese und ihrer vermeintlichen Irrelevanz für die kirchliche Praxis bestätigt.
Verwunderlich scheint nur zu sein, dass ausgerechnet Bultmann, der doch in manchen kirchlichen Kreisen bis heute als Vertreter einer den Glauben bedrohenden historisch-kritischen Exegese gilt, derart fromm klingende Töne anschlägt. Bultmann bestimmt jedoch die Aufgabe historisch-kritischer Forschung grundlegend anders, als es der Historismus und die sogenannte liberale Theologie des 19. Jahrhunderts getan haben.
Theologie ist für Bultmann eine praktische Wissenschaft. Ihr praktischer Charakter besteht freilich nicht in ihrem unmittelbaren Bezug auf kirchliches Handeln, sondern in ihrem Lebensbezug, dem "lebensmäßigen Verhältnis" zu den biblischen Texten und ihrem Gegenstand, der die "Möglichkeit zum Praktisch-werden" enthält.2 Und praktisch wird die Theologie nicht, indem sie die Einsichten historisch-kritischer Exegese irgendwann hinter sich lässt, sondern sie ist es oder ist es nicht im Vollzug historisch-kritischer Auslegung.
Bultmann bestimmt das Wesen aller christlichen Theologie von der Exegese aus. Letztlich fallen Exegese und Systematische Theologie bei ihm zusammen. Letztere ist für ihn nichts anderes als "konsequente Exegese" (Eberhard Jüngel), wobei der Gegenstand der Theologie, ihre Sache, wie Bultmann sagt, in den vergangenen und gegenwärtigen Gestalten christlicher Verkündigung präsent ist. Selbst in der vermeintlich rein historischen Beschäftigung mit antiken Quellen und Texten des Christentums und seiner Umwelt denkt Bultmann, der auch, obwohl nicht ordiniert, regelmäßig gepredigt hat, von der Verkündigung her und auf Verkündigung hin.
II.
Christlicher Glaube ist nach Bultmann intentional auf Gott bezogen, also nicht lediglich als ein psychologisches Phänomen zu fassen. Das Befremdliche des Christentums besteht in dem Paradox, von einem historischen Ereignis zu reden, "das zugleich das eschatologische Ereignis ist, d. h. das Ereignis, das das Ende der Welt und ihrer Geschichte bedeutet"3. Als eschatologisches ist dieses Ereignis keine Vergangenheit, sondern stets gegenwärtig, und zwar in der christlichen "Verkündigung und in dem ihr antwortenden Glauben und Unglauben"4.
Der Inhalt der Verkündigung aber ist keine allgemeine Wahrheit oder Idee, sondern der je und je für den Einzelnen Ereignis werdende Zuspruch der Gnade Gottes. Verkündigung ist also keine Mitteilung oder Instruktion, sondern Anrede, die eines Verstehens bedarf, "und zwar muss der Hörer verstehen, als wer und woraufhin er angeredet wird. Mit anderen Worten: Sie bedarf des Selbstverständnisses unter der Anrede"5. Der Gott aber, der auf paradoxe Weise im Menschwort christlicher Verkündigung gegenwärtig ist, kann nach Bultmann "immer nur ein auf mich zukommender Gott sein", der sich somit jeder metaphysischen Fixierung entzieht.
Bultmann wendet sich gegen die Auffassung, Gott und sein Handeln ließen sich in der Natur oder in der Geschichte erkennen. Mit seiner strikten Orientierung am Wort Gottes, das auf paradoxe Weise im Menschenwort vernehmbar wird, hebt Bultmann zugleich "die Bedeutung der Kirche als Ort eschatologischer Verkündigung hervor" (Christine Axt-Piscalar). Theologie, die im Sinne Bultmanns von Verkündigung her und auf diese hin denkt, denkt also, recht verstanden, auch von Kirche her und auf Kirche hin, ohne dass eine solche Theologie mit einer klerikal verengten Theologie zu verwechseln wäre.
III.
Theologische Exegese ist nach Bultmann Schriftinterpretation des Glaubens, "d.h. eine solche, die im Glauben als der Beziehung zum Gegenstand, zur Offenbarung klarstellt, was die Schrift sagt"6.
Gläubige Schriftauslegung ist nun aber weder eine besondere Methode der Exegese, z.B. eine von der historisch-kritischen Exegese unterschiedene "geistliche Schriftauslegung", wie sie einerseits in der lehramtlichen katholischen Dogmatik, andererseits von neupietistischen oder fundamentalistischen Kreisen gefordert wird, noch erschöpft sie sich darin, den Glauben oder eine besondere Form der Inspiration zur Prämisse der Auslegung zu erklären.
Die einzige Vorbedingung einer theologischen Interpretation, d.h. einer auf Gott und die durch ihn bestimmte menschliche Existenz als Gegenstand der biblischen Texte bezogenen Interpretation, besteht nach Bultmann darin, dass wir "die Neutralität dem Text gegenüber" aufgeben, so dass "die Wahrheitsfrage" – wir können auch sagen: die Geltungsfrage – "die Exegese beherrscht"7.
Es gibt aber gegenüber den biblischen Texten nach Bultmann in Wahrheit niemals Neutralität, sondern nur eine Verweigerung oder aber Öffnung gegenüber dem von ihnen erhobene Anspruch. Wo die Haltung vermeintlicher Objektivität, d.h. die bloße Beobachterperspektive eingenommen wird, handelt es sich de facto um die Haltung des Unglaubens.
Umgekehrt ist der Glaube nicht eine von den Texten unabhängige Prämisse, sondern eine bestimmte Weise, sie zu verstehen, indem sich der Interpret durch den Text und vor demselben selbst neu verstehen lernt. Was Bultmann Glauben nennt, ist also weder die bloße Prämisse der Interpretation, noch das von ihr ablösbare Resultat, sondern deren im bestimmter Weise qualifizierte Vollzug selbst.
IV.
Für das Verhältnis zu historisch-kritischen Exegese bedeutet dies: "Theologie ist eigentlich und immer historische Theologie. Die Rückwendung der Theologie zur Geschichte ist dabei keine grundsätzlich andere als in jeder Geschichtswissenschaft, d.h. sie ist die unter dem in der Gegenwart vernommenen Anspruch der Zukunft erfolgende kritische [!] Rückwendung zur eigenen Geschichte. Zum Glauben wird [!] diese Rückwendung, wenn sie den Anspruch dieses geschichtlichen Faktums (Faktums meiner Geschichte), der Schrift anerkennt, was nicht als Voraussetzung von der Interpretation erledigt sein kann, sondern sich nur in ihr vollzieht."8
Von hier aus bestimmt sich nun die Leistungsfähigkeit historisch-kritischer Exegese. Das Diktum Barths, wonach ihm die Historisch-Kritischen kritischer sein müssten, gilt auch – wenngleich in ganz anderer Weise – für Bultmann. Was er der liberalen Theologie und ihrem Verständnis von Theologie als historischer Wissenschaft vorwirft, ist nicht ihre Methode als solche, sondern die Verwechslung von Historie mit neutraler Beobachtung der Vergangenheit.
Nicht dass sie sich um Objektivität bemüht, sondern was sie darunter versteht, macht Bultmann ihr zum Vorwurf. Was er ihr vorhält, ist die Selbsttäuschung, als könne es auf dem Feld der Exegese wie auf demjenigen der Geschichte überhaupt eine bloße Beobachterposition geben.
Unser Verhältnis zur Geschichte und zu den Texten der Bibel ist nach Bultmann immer ein solches der Teilnahme, sei es im Einverständnis, sei es im Widerspruch. Daher ist "die einzige Garantie für die ‚Objektivität‘ der Exegese, bzw. dafür, dass in ihr die Wirklichkeit der Geschichte zu Worte kommt, [...] eben die, dass der Text auf den Exegeten selbst als Wirklichkeit wirkt."9
Geschichtsauslegung ist immer zugleich Selbstauslegung, und je klare dies ist, "umso deutlicher ist es auch, dass die Exegese ausdrücklich von der Frage der Selbstauslegung geleitet sein muss, wenn sie nicht dem Subjektivismus verfallen will."10
V.
Bultmanns Einsichten haben auch 50 Jahre nach seinem Tod an Bedeutung nicht verloren. Die Aufgabe der Predigt ist es, Gott zur Sprache zu bringen und Gott selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Predigt soll, indem sie das tut, den Glauben der Hörerinnen und Hörer an Gott stärken, ihn wecken und Menschen in ihrem Glauben vergewissern, wobei Glauben heißt, Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen (Martin Luther). Die Predigt ist Glaubensrede (assertio), auch dort, wo sie von eigenen Zweifeln des Predigers, der Fraglichkeit und Unselbstverständlichkeit des Glaubens und von der Strittigkeit Gottes spricht. Sie soll eine Antwort auf die Frage geben, was unser einziger Trost im Leben und im Sterben ist.
Als Glaubensrede soll die Predigt – so verstehe ich ihre Aufgabe – Antwort auf folgende Fragen geben: Was hat Gott uns, den zum Gottesdienst Versammelten, hier und jetzt zu sagen? Was will er uns Menschen sagen? Was will Gott für uns (Evangelium), und was will er von uns (Gesetz)? Was fordert und erbittet er von uns?
Sodann: Was hat Gott laut biblischem Zeugnis und dem Zeugnis der vorangegangenen Generationen von Glaubenden vormals zu Menschen gesagt? Wie haben sie ihn verstanden? Wie können wir ihr Glaubenszeugnis heute verstehen, und inwiefern hilft es uns, Gott heute zu verstehen? Wohlgemerkt geht es nicht etwas nur um das Verstehen von menschlichen Gottesgedanken und Gottesvorstellungen, sondern darum, Gott selbst reden zu hören und zu verstehen.
Diese Fragen muss der Prediger, die Predigerin zunächst für sich und andere persönlich beantworten: Wie verstehe ich das Glaubenszeugnis der biblischen Überlieferung, konkret: das Glaubenszeugnis des biblischen Textes, über den ich jetzt zu predigen habe? Die Frage stellt sich auch dann, wenn es sich um eine Themenpredigt handelt, ist doch auch für sie zumindest mittelbar ein Bezug auf das biblische Gesamtzeugnis und somit Schriftgebundenheit zu fordern.
Weiter gefragt: Was gibt mir der Bibeltext im Blick auf die zuvor formulierten Fragen zu verstehen? Um es konkret zu machen: Die Frage lautet nicht: Was sagt Paulus? Sondern: Wie verstehe ich ihn? Wie habe ich ihn verstanden? Wie verstehe ich, was er über Gott sagt bzw. gesagt hat? Was gibt er mir über Gott und von Gott zu verstehen, und wie kann ich mich nun selbst vor Gott verstehen?
"Von Gott", so hat Bultmanns Lehrer Wilhelm Herrmann gesagt, "können wir nur sagen, was er an uns tut." Dieser Satz blieb für Bultmann auch nach seiner Wendung zur Dialektischen Theologie bestimmend, nun allerdings auf das rechtfertigungstheologisch interpretierte Wort Gottes bezogen. Die Frage für die Predigt lautet also: Was tut Gott an uns und für uns? Was hat er an uns und für uns getan? Was hat er nach biblischem Zeugnis für die und an den Menschen vor uns getan?
Letztlich zielen diese Fragen direkt oder indirekt auf Gottes Offenbarung und Handeln in Jesus Christus. Eben darum sind die Fragen der Christologie gerade heute besonders drängend und neu in den Fokus des theologischen Nachdenkens zu rücken. Alle Predigt in der Kirche ist oder soll sein: christliche Rede von Gott, Christuszeugnis. In diesem Sinne verstehe ich die Aufgabe der Predigt im Kontext einer Theologie des Wortes Gottes, die zugleich hermeneutische Theologie ist. Dieser Aufgabe haben sich Predigerinnen und Prediger im Konflikt der Interpretation immer wieder aufs Neue zu stellen.