Eskalation oder Dialog?Piusbruderschaft am Scheideweg

Mit der Ankündigung neuer Bischofsweihen setzte die Piusbruderschaft den Papst unter Druck. Nun steht sie selbst vor der Wahl: Gespräche mit dem Ziel einer Anerkennung von Konzil und kirchlicher Autorität – oder erneute Exkommunikation.

Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X.
Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X.© Philip Frowein/KNA

Eine der eigentümlichsten Neuerungen der Kirchengeschichte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Entstehung der "Priesterbruderschaft Sankt Pius X." Gegründet vom emeritierten Erzbischof Marcel Lefebvre, bemühte sich die Priestergemeinschaft vordergründig um den Erhalt der überlieferten Liturgie und der traditionellen Disziplin in der Priesterausbildung – und um die Seelsorge entsprechend orientierter Gläubiger. Zugleich verschrieben sich Lefebvre und seine Anhänger einer extrem kritischen Haltung gegenüber "dem Konzil", dem sie rhetorisch das "ewige Rom" entgegenhielten. Sie kritisieren die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Ökumene und das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, insbesondere aber die Lehre über die Gewissens- und Religionsfreiheit. Bis heute hält die Piusbruderschaft an der Idee eines "katholischen Staates" als normativem Ideal fest.

Ironischerweise ermöglichte es der spanische "Franco-Staat" mit Staatskatholizismus den Bischöfen, traditionalistische Tendenzen wirkungsvoll zu unterdrücken.

In der Praxis bedeutete das: Dauerkonflikt auf allen Ebenen. Vor allem in seinem Heimatland Frankreich konnte Lefebvre Anhänger aus einflussreichen Kreisen hinter sich sammeln, aber auch in Italien, Deutschland und den USA. Hier entstand eine "Kirche von unten" mit eigenen Kirchen, Kapellen, Seminaren und Schulen. Einzig in Spanien tat er sich schwer. Ironischerweise ermöglichte es der dortige "Franco-Staat" mit Staatskatholizismus den Bischöfen, traditionalistische Tendenzen wirkungsvoll zu unterdrücken.

Die Weihe von immer mehr Priestern führte zu Konflikten mit dem Vatikan. 1976 erfolgte daher die Suspension Marcel Lefebvres. In der Folge wurde der Konflikt um den ehemaligen Apostolischen Delegaten für das französischsprachige Afrika immer heftiger. Und "die Bruderschaft" immer abgeschlossener in ihrer Welt: Endlose Regalmeter an Kleinschriften über "Religionsfreiheit", "Neue Messe" oder die "Freimaurer in der Kirche" zeugen davon.

Der Höhepunkt des Konflikts waren die unerlaubten Bischofsweihen im Jahr 1988, durch die sich die Beteiligten die Exkommunikation zuzogen. Benedikt XVI. kam der Piusbruderschaft im Jahr 2005 entgegen, indem er die Exkommunikationen der vier damals geweihten Bischöfe aufhob. Papst Franziskus erteilte den Priestern der Piusbruderschaft pauschal die Beichtvollmacht und ermöglichte die Eheassistenz.

Doch nachdem die Piusbruderschaft mit Bernard Fellay und Alfonso de Galarreta inzwischen nur noch über zwei Bischöfe verfügt, die beide Ende 60 sind, kündigte der Generalobere der Gemeinschaft, Davide Pagliarani, am 2. Februar 2026 öffentlich an, man wolle im Sommer neue Bischöfe weihen. Eine erneute Exkommunikation wäre die zwangsläufige Folge.

Fernández stellt die Rute ins Fenster

Wenn nun Kardinal Víctor Manuel Fernández, der Präfekt des Glaubensdikasteriums, Gespräche einleitet, um eine erneute Eskalation zu vermeiden, dann entspricht das einerseits einer seit langem gepflegten vatikanischen Linie des Dialogs. Andererseits stellt Fernández die Rute ins Fenster, wenn er die Gespräche an die Absage der Bischofsweihen knüpft, die für den 1. Juli angesetzt sind.

Die vatikanische Reaktion bringt die Leitung der Bruderschaft in Schwierigkeiten. In den letzten Jahren sind die von den Piusbrüdern betreuten Gemeinden beispielsweise im deutschsprachigen Raum relativ stark gewachsen. Diesen Gläubigen sind die Konflikte der Vergangenheit weitgehend fremd: Nicht wenige waren auf der Suche nach klarer Verkündigung, Seelsorge und der traditionellen Form des Gottesdienstes: nach Kirche, nicht nach Sekte. Zugleich haben einige Priester der Bruderschaft engere Bindungen zu Bischöfen und in den Klerus der Diözesen geknüpft. Diese dürften sich durch das dem Vernehmen nach abrupte Vorgehen der Leitung der Bruderschaft bezüglich der Bischofsweihen in ihrer kirchlichen Haltung düpiert sehen.

Dass man laut der offiziellen Mitteilung von Fernandez auch über die "unterschiedlichen Grade der Verbindlichkeit" der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils diskutieren will, dürfte insbesondere unter Theologen für Irritationen sorgen.

Was bei den anstehenden Gesprächen diskutiert werden dürfte, ist bereits in vergangenen Gesprächsrunden umzirkelt worden. Dass man laut der offiziellen Mitteilung von Fernandez auch über die "unterschiedlichen Grade der Verbindlichkeit" der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils diskutieren will, dürfte insbesondere unter Theologen für Irritationen sorgen. Vertreter einer Aussöhnung mit der Piusbruderschaft hatten in der Vergangenheit gelegentlich darauf verwiesen, dass sich die von den Lefebvre-Leuten beanstandeten Konzilsaussagen vor allem in den "Dekreten" und "Erklärungen" des Konzils finden, nicht aber in den höherrangigen "Dogmatischen Konstitutionen". Kritiker eines solchen Ansatzes warnen vor einer Aushöhlung und Relativierung des Konzils.

Ob die Piusbruderschaft sich auf einen "Formelkompromiss" auf dieser Basis überhaupt einlassen würde, ist aber fraglich – hieße es doch in jedem Fall, dass sie ihre zuweilen formal vorgetragene pauschale Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und des nachkonziliaren Lehramts aufgeben müsste.

Was tut Bernard Fellay?

Und sie müsste eine kanonische Stellung akzeptieren. Bislang changiert sie zwischen einer Priestergemeinschaft und einer Art Teilkirche. Einerseits bestreiten die "Weihbischöfe" der Piusbrüder, echte Jurisdiktion zu beanspruchen, andererseits wenden sich die "Distriktsoberen" mit "Hirtenbriefen" an "ihre Gläubigen" – die im besten Fall aber die Diözesanen ihrer legitimen Ortsbischöfe sind.

Wenn Fellay sich dem Ansinnen der Bruderschaftsleitung nach baldigen Bischofsweihen angesichts der Möglichkeit neuer Gesprächsrunden entzieht, dann dürfte das Unternehmen auf längere Sicht vom Tisch sein.

Beobachter schauen nun gespannt auf die Reaktion der Leitung der Piusbrüder. Vor allem dürften sich die Blicke auf den 1988 von Lefebvre geweihten, jüngsten Weihbischof richten, den Schweizer Bernard Fellay. Er war vom Heiligen Stuhl mehrfach in Disziplinarfällen zum Richter bestellt worden, gilt als konzilianter Gesprächspartner. Wenn Fellay sich dem Ansinnen der Ordensleitung nach baldigen Bischofsweihen angesichts der Möglichkeit neuer Gesprächsrunden entzieht, dann dürfte das Unternehmen auf längere Sicht vom Tisch sein. Oder aber die Bruderschaft riskierte ein Zerbrechen an ihrer Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Autorität?

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