Während Papst Leo XIV. in den ersten acht Monaten seines Pontifikats noch weitgehend mit Aufgaben wie zum Beispiel dem gerade zu Ende gegangenen Heiligen Jahr beschäftigt war, die ihm sein Vorgänger hinterlassen hat, wartet die katholische Kirche nun auf inhaltliche Richtungsanzeigen für die kommenden Jahre. Erste Hinweise dazu sind seiner Ansprache beim traditionellen Neujahrsempfang für die Mitglieder des am Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps zu entnehmen, wobei fünf Aspekte besonders bedeutsam erscheinen.
Die Gegenwart mit Augustinus gelesen
Ein erster Punkt ist insofern eng mit der Biografie des Papstes, der von 2001 bis 2013 Leiter des Augustinerordens war, verbunden, als Leo versucht, die gegenwärtige Zeitsituation unter Bezugnahme auf jene spätantiken Überlegungen zu deuten, die der heilige Augustinus in seinem wohl einflussreichsten Werk De Civitate Dei entfaltet hat.
Obwohl die Prozesse, die schließlich zur sukzessiven Auflösung der Ordnungsstrukturen des römischen Reiches geführt haben, nur bedingt mit den vielfältigen Krisen der Gegenwart vergleichbar seien und der augustinische Gottesstaat kein "politisches Programm" enthalte, das einfach übernommen werden könnte, bieten seine Reflexionen Leo zufolge doch "wertvolle Überlegungen zu grundlegenden Fragen des gesellschaftlichen und politischen Lebens, wie beispielsweise die Suche nach einem gerechteren und friedlicheren Zusammenleben der Völker". Angesichts "tiefgehender Änderungen des geopolitischen Gleichgewichts und der kulturellen Paradigmen" befänden wir uns nicht einfach nur "in einer Epoche des Wandels, sondern in einem Epochenwandel". Unter diesen Umständen bestehe die Aufgabe der Christen darin, "die christliche Ethik, die von der Heiligen Schrift inspiriert ist, auf die weltliche Regierung anzuwenden".
Statt sich also entweder privatistisch von der Welt der Politik abzukapseln oder sich unkritisch den Scheinplausibilitäten einer säkularen Gesellschaft anzugleichen, komme es darauf an, die konstruktive Kraft des christlichen Glaubens zur Abwehr jener "schwerwiegenden Gefahren für das politische Leben [zu mobilisieren], die sich aus falschen Darstellungen der Geschichte, übertriebenem Nationalismus und der Verzerrung des Ideals eines Staatsmanns ergeben". Man braucht wenig Fantasie, um zu erahnen, auf welche Figuren im zeitgenössischen Politikbetrieb sich diese Mahnungen beziehen.
Krieg und Frieden
Ein zweites Thema, auf das Leo mehrfach zu sprechen kommt, betrifft den Frieden, den er durch die aktuelle Schwäche des Multilateralismus in vielfacher Weise bedroht sieht. Eine "Diplomatie, die den Dialog fördert und den Konsens aller sucht", werde immer öfter durch eine "Diplomatie der Stärke" ersetzt, sodass Kriege immer mehr zur neuen Normalität werden.
Mit deutlichen Worten – wenn auch ohne explizite Erwähnung Putins und Netanjahus – geißelt der Papst den Bruch des Gewaltverbots und die schwindende Bedeutung des humanitären Völkerrechts, das vor allem in der Ukraine und im Gaza-Streifen massiv verletzt werde.
Es reicht nicht, den Frieden als eschatologisches "Endgut" zu beschwören und vor einem drohenden atomaren Wettrüsten zu warnen, solange Akteure wie Putin keinerlei Interesse an einer Beendigung ihrer völkerrechtswidrigen Aggressionen erkennen lassen und internationale Organisationen zu schwach sind, um eine regelbasierte Ordnung faktisch durchzusetzen.
Trotz der Klarheit der Diagnose bleiben die Aussagen zur Konfliktlösung allerdings noch relativ vage. Es reicht nicht, in der gegenwärtigen Situation den Frieden als eschatologisches "Endgut" zu beschwören und vor einem drohenden atomaren Wettrüsten zu warnen, solange Akteure wie Putin keinerlei Interesse an einer Beendigung ihrer völkerrechtswidrigen Aggressionen erkennen lassen und internationale Organisationen zu schwach sind, um eine regelbasierte Ordnung faktisch durchzusetzen.
Der "Kurzschluss" der Menschenrechte
Besondere Beachtung verdienen drittens die Ausführungen zur Krise der Menschenrechte. So sei es "bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist".
Ebenso bedenklich sei die Lage bei der Gewissens- und Religionsfreiheit: Sowohl bei der "Verweigerung des Militärdienstes im Namen der Gewaltfreiheit" als auch bei der "Ablehnung von Praktiken wie Abtreibung oder Euthanasie durch Ärzte und medizinisches Personal" gerierten Betroffene immer stärker unter Druck. Zudem erinnert der Papst daran, "dass die Verfolgung von Christen nach wie vor eine der größten menschenrechtlichen Krisen unserer Zeit ist, von der weltweit über 380 Millionen Gläubige betroffen sind, die aufgrund ihres Glaubens in erheblichem oder extremem Maße Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt sind".
Auch um das elementare "Recht auf Leben" ist es dem Pontifex zufolge schlecht bestellt, was umso besorgniserregender sei, als "der Schutz des Rechts auf Leben die unverzichtbare Grundlage für alle anderen Menschenrechte bildet". Aufgrund dieser vielfachen Krisensituation befürchtet Leo, "dass es im gegenwärtigen Kontext zu einem regelrechten 'Kurzschluss' der Menschenrechte kommt".
Tatsächlich werde nämlich das "Recht auf Meinungsfreiheit, auf Gewissensfreiheit, auf Religionsfreiheit und sogar auf Leben … im Namen anderer sogenannter neuer Rechte eingeschränkt, was dazu führt, dass das System der Menschenrechte selbst an Kraft verliert und Raum für Gewalt und Unterdrückung öffnet".
Diese wichtige Einsicht sollten sich all diejenigen selbsternannten Reformkräfte vor Augen führen, die mit fünfzigjähriger Verspätung in völliger Verkennung der Zeichen der Zeit noch immer meinen, dass die weitere Ausbreitung einer entgrenzten Selbstbestimmungsideologie das theologische Gebot der Stunde ist.
Diese eigentümliche Dialektik, bei der eine emanzipativ auftretende, ideologisch motivierte Menschenrechtsrhetorik zur Verschleierung partikularer Interessen am Ende genau jenen Kern der Menschenrechte unterminiert, zu deren Schutz die Menschenrechtsbewegung ursprünglich einmal angetreten war, ist Leo zufolge leicht zu erklären: "Dies geschieht dann, wenn jedes einzelne Recht selbstreferenziell wird und insbesondere dann, wenn es seine Verbindung mit der Wirklichkeit der Dinge, mit deren Natur und mit der Wahrheit verliert."
Diese wichtige Einsicht sollten sich all diejenigen selbsternannten Reformkräfte vor Augen führen, die mit fünfzigjähriger Verspätung in völliger Verkennung der Zeichen der Zeit noch immer meinen, dass die weitere Ausbreitung einer entgrenzten Selbstbestimmungsideologie das theologische Gebot der Stunde ist.
Die Familie in der Krise
Der vierte wichtige Themenkomplex betrifft die "unterschätzte Familie": Trotz ihrer zentralen Bedeutung stehe die Familie heutzutage vor einer doppelten Herausforderung.
Einerseits sei "im internationalen System eine besorgniserregende Tendenz zu beobachten, ihre grundlegende soziale Rolle zu vernachlässigen und zu unterschätzen, was zu ihrer fortschreitenden institutionellen Marginalisierung führt". Andererseits lasse "sich die zunehmende und schmerzhafte Wirklichkeit fragiler, zerrütteter und leidender Familien nicht leugnen, die unter inneren Schwierigkeiten und besorgniserregenden Phänomenen leiden". Die Palette der Probleme ist lang und reicht bekanntlich von scheiternden Beziehungen über häusliche Gewalt bis hin zu erschreckend hohen Abtreibungszahlen.
Obwohl Leo mit der Sorge um die Familien eines der zentralen Anliegen seines Vorgängers aufgreift, dem dieser bekanntlich zwei Bischofssynoden und das in Deutschland weitgehend missverstandene – weil auf eine Fußnote zum Kommunionempfang geschiedener Wiederverheirateter verkürzte – Postsynodale Schreiben Amoris laetitia gewidmet hatte, setzt er im Blick auf die vielschichtigen Schwangerschaftskonflikte insofern einen wohltuend anderen Akzent, als er alle politischen Akteure an die "eine grundlegende ethische Verpflichtung" erinnert, "Familien in die Lage zu versetzen, werdendes Leben anzunehmen und sich umfassend um es zu kümmern".
Statt also die geordnete Reproduktion zur Privatsache der Schwangeren zu erklären und die betroffenen Ärzte als "Auftragsmörder" zu diffamieren, geht es hier um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch weitreichende sozial- und familienpolitische Implikationen hat.
Überblickt man diese wichtige Ansprache Leos als ganze, dann kann man mit Fug und Recht sagen, dass sie sich in der Identifikation von Problemen und Herausforderungen nicht nur durch ein hohes Maß an zeitdiagnostischer Schärfe, sondern auch durch eine Vielzahl konstruktiver Hinweise auf mögliche Problemlösungen auszeichnet.
Der Verlust der Transzendenz
Der fünfte und letzte hier einschlägige Themenbereich besteht in der "Gefahr fehlender Transzendenz". Die augustinische Balance zwischen der civitas Dei und der civitas terrena drohe sich Leo zufolge im Zuge einer sich ausbreitenden Säkularisierung zur reinen Diesseitigkeit aufzulösen. Das aber sei gefährlich. Denn: "Wenn eine transzendente und objektive Grundlage fehlt, herrscht allein die Selbstliebe bis hin zur Gleichgültigkeit gegenüber Gott, welche die irdische Stadt regiert".
An dieser Stelle wäre aus moraltheologischer Perspektive eine Differenzierung einzutragen: Das christliche Ethos ist eine mehrstufige Größe, deren jeweilige Gehalte begründungstheoretisch unterschiedlich zu behandeln sind. Gerechtigkeitsethische Minimalforderungen sind in bester naturrechtlicher Tradition rein vernunftbasiert zu begründen, um ihre universale normative Geltung zu sichern. Demgegenüber bedürfen hochethische Weisungen, die sich auf eine ganz bestimmte Sicht des "guten Lebens" beziehen, spezifisch religiöser Gründe, die praeter rationem situiert sind. Diese systematische Ergänzung ist unverzichtbar, um nicht in eine Vorstellung von Theonomie zurückzufallen, die der Erfahrung der Selbstaufgegebenheit und Selbstverantwortung des Menschen als Träger praktischer Vernunft und seiner spezifisch moralischen Beanspruchung nicht gerecht wird.
Überblickt man diese wichtige Ansprache Leos als ganze, dann kann man mit Fug und Recht sagen, dass sie sich in der Identifikation von Problemen und Herausforderungen nicht nur durch ein hohes Maß an zeitdiagnostischer Schärfe, sondern auch durch eine Vielzahl konstruktiver Hinweise auf mögliche Problemlösungen auszeichnet, die weiter ausgearbeitet werden sollten. Man darf daher auf die nächsten Schritte gespannt sein.