Als Luciano Romoli, der Großmeister der Gran Loggia d’Italia degli A.L.A.M., sich am 22. April 2025 der weltweiten Trauer um den Tod von Papst Franziskus öffentlich anschloss und das Werk von Franziskus als "von einer tiefen Verbundenheit mit den Prinzipien der Freimaurerei geprägt" deutete, befeuerte er nolens volens zahlreiche Diskussionen und Stellungnahmen in den sozialen Medien und einschlägigen Blogs. Die einen zeigten sich entsetzt über die vermeintliche freimaurerische Unterwanderung der Katholischen Kirche durch das liberale Pontifikat Franziskus, die anderen vernahmen euphorisch den demokratisch-aufklärerischen Impuls der Freimaurerei in den Enzykliken "Laudato si" und "Fratelli tutti" und priesen die synodale Kirche im Sinne Franziskus als Wegbereiter einer kosmopolitischen Zivilgesellschaft.
Die Frage nach dem Einfluss der Freimaurerei auf die katholische Kirche erhitzt die Gemüter und führt immer wieder zu leidenschaftlichen Diskussionen. Doch wie steht es um den Einfluss der Freimaurerei auf das Denken und Wirken von Papst Franziskus? Auf diese Frage gab es bislang keine fundierte Antwort, was erstaunlich ist: Denn in der Tat lässt sich anhand einer der wohl kuriosesten Rezeptionsgeschichten der modernen Philosophie ein bedeutsamer Einfluss der regulären Johannismaurerei nicht nur auf Denken und Wirken von Papst Franziskus, sondern auch auf die Theologie der Befreiung plausibilisieren.
Karl Christian Friedrich Krause und seine Schrift "Das Urbild der Menschheit"
Ihren Anfang nimmt diese Rezeptionsgeschichte am 5. April 1805 in Altenburg mit drei starken Schlägen an die Tür der Loge "Zu den drei Reißbrettern". Dort steht der junge Karl Christian Friedrich Krause (1781–1832), bittet um Aufnahme in die Bruderkette und wird am selben Tag in den Lehrlingsgrad initiiert.
Krause war von der Freimaurerei angetan, arbeitete zügig am "rauhen Stein" und wurde am 31. Oktober 1805 der Dresdener Loge "Zu den drei Schwertern und wahren Freunden" affiliiert. Dort wurde er im Sommer 1806 in den Gesellenstand befördert. Im Jahr 1807 wurde Krause in den Meistergrad erhoben, 1808 zum Redner seiner Loge gewählt und zusätzlich in den in Dresden ansässigen "Großen Bund der szientifischen Maurer" aufgenommen.
Krauses Begeisterung für die reguläre Freimaurerei wurzelte darin, dass er in ihr das Ideal wahren Menschseins und wahrer menschlicher Geselligkeit angelegt sah, gewissermaßen die Keimzelle einer kosmopolitischen Zivilgesellschaft. Daher widmete er, der über Herder und Lessing sagt, dass sie als seine Vorgänger in der Freimaurerei anzusehen sind, einen Großteil seiner Schaffenskraft der Erforschung der Geschichte der Freimaurerei und ihrer rituell verdichteten Menschheitsphilosophie.
Die Ergebnisse seiner historisch-kritischen Exegese freimaurerischer Literatur veröffentlichte Krause 1810 unter dem Titel "Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft" zwar nur für Brüder Freimaurer; da ihm allerdings auch daran gelegen war, seine Interpretation der Königlichen Kunst und ihrer Philosophie allen Menschen vorzulegen, publizierte er kurz darauf im Jahre 1811 sein Werk Das Urbild der Menschheit. Dieses Werk, dessen Erstausgabe noch den Zusatz "Vorzüglich für Freimaurer" trägt, komplementiert die "Kunsturkunden" und kann zusammen mit diesem Werk als das Gründungsdokument der humanistischen Freimaurerei in Deutschland bezeichnet werden: Das Urbild der Menschheit enthält aus allgemeinphilosophischer Perspektive Krauses Deutung der philosophischen Tiefengrammatik der regulären Freimaurerei, ohne dabei auf den diese Deutung tragenden Symbolkosmos der Freimaurerei zu rekurrieren.
Von Krause zum krausismo
Der zweite Schritt unserer Rezeptionsgeschichte bringt Spanien ins Spiel. Julián Sanz del Río (1814–1869), seines Zeichens Philosoph, Pädagoge und Jurist, wurde 1843 von Pedro Gómez de la Serna, dem damaligen Innenminister Spaniens, für ein zweijähriges Studium nach Deutschland geschickt, um sich über die hiesigen philosophischen Debatten zu informieren.
Nach Stationen in Paris und Brüssel traf Sanz del Río in Heidelberg ein und kam dort in engen Kontakt mit der ersten Generation der Krause-Schüler um Hermann von Leonhardi, Heinrich Ahrens und Karl David August Röder. Sanz del Río war von Krauses Philosophie sofort derart angetan, dass er, schon lange wieder zurück in Spanien, 1860 eine Schrift mit dem Titel Ideal de la Humanidad para la Vida veröffentlichte.
Das Ideal de la Humanidad para la Vida, so Sanz del Río, war eine Adaption des Urbildes der Menschheit von Krause. Obwohl dieses Buch im Jahr 1865, wie auch die Arbeiten des Krausisten Guillaume Tiberghien (1819–1901), kirchlicherseits rasch verboten und im index librorum prohibitorum aufgenommen wurde, traf es die im liberalen Spanien vorherrschenden kulturellen wie philosophischen Bedürfnisse nach einem harmonischen Rationalismus menschlichen Zusammenlebens ins Mark und wurde das Gründungsdokument des spanischen krausismo. Dieser war bis zur Zeit Francos eine der dominierenden kulturellen Kräfte Spaniens und beeinflusste unter anderem die Philosophie von José Ortega y Gasset (1883–1955) stark.
Nun ist allerdings, wie der Jesuit Enrique M. Ureña im Jahr 1988 nachweisen konnte, das Ideal de la Humanidad para la Vida von Sanz del Río keineswegs eine spanische Adaption oder Interpretation von Krauses Urbild der Menschheit, sondern eine wortgetreue Übersetzung von Teilen dieses Werkes und dessen Vorarbeiten. Damit geht der spanische krausismo ideengeschichtlich unmittelbar auf das Werk Krauses und somit auch auf seine Deutung der Johannismaurerei zurück.
Über den Atlantik: Argentinien, die Theologie der Befreiung und Lucio Gera
Es dauerte nicht lange und der krausismo fand seinen Weg über den Atlantik nach Lateinamerika, wo sich Einflüsse in Mexiko, Brasilien, Kolumbien, Guatemala, Ecuador, Uruguay, Peru und Argentinien nachweisen lassen.
Für die hier nachgezeichnete Rezeptionsgeschichte steht im Folgenden Argentinien im Mittelpunkt: An vorderster Front des argentinischen krausismo stand Wenceslao Escalante (1852–1912), der als Ministerpräsident nicht nur Sozialreformen im Sinne Krauses durchführte, sondern auch den Weg für Hipólito Yrigoyen (1852–1933) ebnete, dem zweimaligen Präsidenten Argentiniens, der den krausismo schließlich ins Programm der Partei Unión Cívica Radical schrieb. Selbst Raúl Alfonsín (1927–2009), demokratisch gewählter argentinischer Präsident von 1983 bis 1989, bezeichnete sich öffentlich als krausista.
Wenn all diese Entwicklungen zusammengenommen werden, dann fällt es nicht schwer, den krausismo in der Tat als eine der wichtigsten kulturellen und philosophischen Strömungen im Argentinien des 19. und 20. Jahrhunderts zu bezeichnen.
Genau in diesem durch den krausismo geprägten kulturellen Umfeld steht nun aber Lucio Gera (1924–2012), einer der Väter der Theologie der Befreiung und theologischer Lehrer von Jorge Mario Bergoglio SJ, dem späteren Papst Franziskus, sodass ein starker Einfluss der Philosophie Krauses auf Papst Franziskus, vermittelt durch Lucio Gera, anzunehmen ist. Wie Walter Kardinal Kasper es ausführlich formuliert:
"Die argentinische Art der Befreiungstheologie hat durch den maßgebenden Einfluss von Lucio Gera […] ihren eigenen Weg genommen und ein eigenes Profil entwickelt. […] Sie geht aus von einer geschichtlichen Analyse der Kultur des Volkes, das von einem gemeinsamen Ethos geeint wird. Sie ist eine Theologie des Volkes und der Kultur. Dabei will sie das Volk nicht belehren, sondern auf die Weisheit des Volkes hören. […] Natürlich übersieht diese Theologie des Volkes nicht die bestehenden sozialen Gegensätze, aber sie ist nicht von der Idee des Klassenkampfes, sondern vom Gedanken der Harmonie, des Friedens und der Versöhnung geleitet. Dieses Anliegen leuchtet bei Papst Franziskus in seinen Stellungnahmen zu Konfliktsituationen immer wieder auf, etwa bei der eindrucksvollen Vigil für den Frieden im Nahen Osten am 7. September 2013 auf dem Petersplatz, als er von der Welt als Schöpfung Gottes spricht, als Haus der Harmonie und des Friedens, in dem jeder seinen Platz findet und sich zu Hause fühlen kann. Dieses Verständnis des Volkes entspricht dem Geist der demokratischen Romantik, welche in Argentinien am Ende des 19. Jahrhunderts Einzug hielt und die vorhergehende europäisch aufgeklärte Kulturpolitik ablöste. Das geschah unter dem Einfluss der Philosophie des deutschen Denkers Karl Christian Friedrich Krause." (Papst Franziskus. Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe. Theologische Wurzeln und pastorale Perspektiven, Stuttgart 2015, 25 ff.)
Laudato Si und Fratelli Tutti
Der letzte Schritt der hier nachgezeichneten Rezeptionsgeschichte endet bei den Enzykliken Laudato Si und Fratelli Tutti. Für Kenner des Krause'schen Œuvres fällt unmittelbar ins Auge, wie sehr die beiden Enzykliken den Geist der Philosophie Krauses atmen. In Bezug auf Laudato Si schreibt beispielsweise der Krause-Spezialist Claus Dierksmeier von der Universität Tübingen Folgendes:
"Wenn man die Philosophie Krauses mit den Schriften des Papstes vergleicht, so bemerkt man sogleich große Übereinstimmungen beider Denker. Diese treten besonders klar hervor in ihrer jeweiligen kosmopolitischen Ausrichtung auf das Ziel einer aus verantwortlicher individueller wie institutioneller Freiheit zu bewirkenden Befriedung der natürlichen wie sozialen Lebensverhältnisse" (Umwelt als Mitwelt. Die päpstliche Enzyklika Laudato si und der argentinische krausismo, in: Kirche und Gesellschaft, Nr. 428 [2016], 5).
Aber auch Fratelli tutti liest sich oft wie ein Exzerpt aus Krauses Rechtsphilosophie, besonders dort, wo Franziskus das Ideal einer kosmopolitischen Zivilgesellschaft skizziert und sich ausspricht für die positiven Rechte aller Menschen auf ein menschenwürdiges Leben als Teil einer vielgestaltigen (polyèdre, polifaceticamente) Menschheit: Krauses Begriff des Menscheitbundes scheint hier subkutan die Feder geführt zu haben.
Freimaurerei, krausismo, Papst Franziskus und die katholische Kirche
Kommen wir zum Anfang zurück: Dass das Werk von Franziskus "von einer tiefen Verbundenheit mit den Prinzipien der Freimaurerei geprägt ist", wie Luciano Romoli vermutete, konnte durch die hier skizzierte Rezeptionsgeschichte der Philosophie Karl Christian Friedrich Krauses ideengeschichtlich untermauert werden: Krauses Deutung der humanistischen Philosophie der regulären Freimaurerei wurde durch Winkelzüge des Schicksals nicht nur zur Initialzündung des krausismo, sondern dadurch vermittelt auch zur Tiefengrammatik der argentinischen Befreiungstheologie und des kosmopolitisch ausgerichteten Pontifikats von Franziskus.
Dieser Befund macht Franziskus freilich nicht zum Freimaurer: Er erleichtert aber vielleicht den Weg zur Aussöhnung von katholischer Kirche und regulärer Freimaurerei. Nicht nur die Buchreihe Liberalismo, krausismo y Masonería. Investigación histórica y sistemática sobre los fundamentos liberales, krausistas y masónicos de las sociedades de derecho der in Madrid ansässigen Universidad Pontificia Comillas, sondern auch die jüngsten Werke von Monsignore Michael H. Weninger, ehemaliges Mitglied des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, liefern dafür wichtige Impulse.