Am Hochfest des heiligen Liudger, dem ersten Bischof in Münster und Gründer von Stadt und Bistum, wurde bekannt, dass der bisherige Bischof von Hildesheim, Dr. Heiner Wilmer, dem heiligen Ludgerus als 77. Nachfolger folgen soll. Bei dieser Gelegenheit entwarf der designierte Neubischof seine Vision für das Bistum Münster, die er entlang dreier Seligen- und Heiligengestalten entwickelte.
Ein Koordinatensystem
Wenn Wilmer über sie spricht, kann man seine ehrliche Faszination, seine aufrichtige Anteilnahme an dem Leben dieser Frauen und Männer spüren, die sich in besonderer Weise in der Nachfolge Jesu Christi ausgezeichnet haben. Hier gewinnt etwas Gestalt, das sich als eine Art Regierungserklärung, als ein Koordinatensystem bezeichnen lässt, in dem Wilmer kirchliches Wirken in unserer Zeit verortet wissen will.
An diesem Tag spricht der frisch gewählte Vorsitzende der Bischofskonferenz zuerst über den heiligen Ludgerus, den Patron von Stadt und Bistum. Ihm fühlt er sich von Beginn seines Lebens an verbunden, denn schon Wilmers Heimatgemeinde in Schapen im Emsland an der Grenze zu Westfalen trug sein Patronat.
Um 742 bei Utrecht in eine christliche Familie adliger Friesen hineingeboren, wurde Liudger an der dortigen Domschule, dem Martinsstift, und später bei dem Hochgelehrten Alkuin in York ausgebildet. Nachdem er wegen anhaltender Konflikte zwischen Angeln und Friesen England verlassen musste, wurde er am 7. Juli 777 in Köln zum Priester geweiht. Nach ersten Missionsjahren im Friesischen hat er seine Tätigkeit aufgrund der Sachsenerhebung unter Widukind 784 vorerst eingestellt und pilgerte nach Rom und Montecassino, wo er einige Jahre blieb. Tätliche Auseinandersetzungen lagen dem friedliebenden Gottesmann nicht nahe; er suchte vielmehr die Macht des Wortes und Gebetes. Karl der Große ernannte ihn 787 zum Missionsleiter für Friesland, später auch für Sachsen.
Das große Vertrauen, das der römisch-deutsche Kaiser in Liudger setzte, ist bemerkenswert, da dieser – ganz anders als Karl, der die Zwangsmission mit Feuer und Schwert betrieb – auf Gespräch und Predigt sowie die Vorbildwirkung eines heiligmäßigen Lebens setzte.
Wilmer stellt sich seinen ersten Vorgänger in Münster als besonnenen und ruhigen Verkünder des Glaubens vor, der Menschen nicht überzeugen, sondern gewinnen wollte; als einen bedächtigen Brückenbauer, der zwischen Franken und Sachsen vermittelt hat; als einen, der auf Menschen gesetzt hat, die bleiben. Schon Liudger habe erkannt, dass Glaube und Vernunft keine Gegensätze sind, dass die Hinwendung zu Gott und die Anstrengung um das bessere Argument sich nicht ausschließen, sondern sich vielmehr ergänzen.
Wilmer meint: Von Ludgerus kann man Geduld und Beständigkeit, den Vorrang von Nähe und Beziehung, die Wichtigkeit von Bildung und Ausbildung lernen.
Wohl inspiriert von den Erfahrungen in Montecassino strebte Liudger eine eigene Klostergründung an, die ihm im Jahre 800 in Werden an der Ruhr glückte. Am 30. März 805 wurde der heilige Glaubensbote vom Kölner Erzbischof Hildebold zum ersten Bischof von Münster geweiht, von wo aus er seit Jahren seine Missionstätigkeit koordinierte. Als der Heilige am 26. März 809 in Billerbeck verstarb, entschied Karl der Große, dass seine Gebeine zur Werdener Eigengründung zu bringen seien. Denn es war der ausdrückliche Wunsch Liudgers, dort bestattet zu werden, wo ihm die Memoria, das immerwährende Gebet seiner Mitbrüder sicher sein konnte. Hierin kommt jene österliche Zuversicht, jener Glaube an die Kraft des Gebetes und die frohe Botschaft zum Ausdruck, die er den Menschen verkündete.
Wilmer meint: Von Ludgerus kann man Geduld und Beständigkeit, den Vorrang von Nähe und Beziehung, die Wichtigkeit von Bildung und Ausbildung lernen. Liudger ging es um den Sinn für die Größe des Menschen, die Schönheit dieser Welt und die Herrlichkeit Gottes. Noch heute wird der Schrein mit den Gebeinen des zu den Altären erhobenen "Apostels der Friesen und Sachsen" nach einer Festmesse in einer Prozession jedes Jahr durch den Ort getragen. Vor zwei Jahren stand Wilmer den Festlichkeiten schon selbst als Zelebrant vor.
Die zweite Gestalt, an der Wilmer Orientierung sucht, ist der selige Kardinal Clemens August Graf von Galen, der Münsters Bischof in der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges war. Von Galen entstammte einer alteingesessenen westfälischen Adelsfamilie. Nachdem er bei einer Italienreise 1898 eine Privataudienz bei Papst Leo XIII. in Rom erhielt, festigte sich sein Wunsch, Priester zu werden, was sich 1904 erfüllte. Es folgten verschiedene Tätigkeiten in Berlin, wo er sich mit Nuntius Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., anfreundete. Reich an Erfahrung in der weitgehend säkularisierten Gesellschaft der Berliner Diaspora wirkte er seit 1929 in Münster als Pfarrer an St. Lamberti am Prinzipalmarkt. 1933 spendete ihm der Kölner Erzbischof Karl Joseph Kardinal Schulte die Bischofsweihe.
Auch von Galen war bisweilen Gefangener seiner Zeit. Aber seine Courage im Einsatz für das Lebensrecht aller Menschen und sein öffentlichkeitswirksames, mutiges Festhalten an den Lehren der Kirche im Angesicht einer menschenverachtenden Diktatur sind von zeitloser Vorbildhaftigkeit. Von hierher rührt sein Beiname als "Löwe von Münster", den die Menschen ihm zusprachen.
An diese Standhaftigkeit erinnert Heiner Wilmer, denn sein Vorgänger sei in dunkler Zeit nicht im Vertrauen auf sich selbst, sondern im göttlichen Grund seiner Seele fest verankert geblieben.
Der neue Bischof von Münster will sich an von Galens Beständigkeit orientieren, die, wie er sagt, nicht von Starrheit, sondern von verwuzeltem Vertrauen geprägt gewesen sei.
In Predigten und Hirtenbriefen kritisierte er NS-Ideologie und Rassenwahn, in denen er ein gespenstisches Neuheidentum erkannte. Bischof von Galen erinnerte bei dieser Gelegenheit häufig an die Aktualität des Martyriums, denn die Gefährlichkeit der Situation für die deutschen Katholiken stand ihm stets vor Augen. Dennoch positionierte er sich auch intern kritisch gegenüber der zurückhaltenden und vorsichtigen Haltung der Bischofskonferenz gegenüber dem Regime und warb für öffentliche Kritik. Wohl war er an der Erarbeitung der Enzyklika "Mit brennender Sorge" von Papst Pius XI. beteiligt, die er – trotz der heftigen Reaktionen der Machthaber – massiv verbreiten ließ. Als zutiefst schrift- und lehramtstreuer Christ erkannte und benannte er, dass ein Regime, das grundlegende Menschenrechte verletzt, die Berechtigung seiner göttlichen Einsetzung verwirkt hat, da die Obrigkeit Dienerin der Menschenwürde sein müsse. Die Verbrüderung mit dem politischen Zeitgeist war ihm zuwider, nur Christus und die Lehre der Kirche waren ihm Maßstab. Der neue Bischof von Münster will sich an von Galens Beständigkeit orientieren, die, wie er sagt, nicht von Starrheit, sondern von verwuzeltem Vertrauen geprägt gewesen sei.
Zuletzt redet Wilmer über Schwester Maria Euthymia, die er den "Engel von Münster" nennt. Seine Ergriffenheit ist echt, als er berichtet, wie er noch in der vorherigen Nacht mit Dompropst Hans-Bernd Köppen und Dr. Klaus Winterkamp zum Grab der seligen Schwester auf dem Zentralfriedhof in Münster gegangen ist, um bei ihr eine Kerze anzustecken.
In ärmlichen Verhältnissen groß geworden, litt die als Emma Üffing geborene seit ihrem 18. Lebensjahr an Rachitis. Das kränkliche und geschwächte Mädchen bat 1934 um Aufnahme bei den Clemensschwestern, wo sie nach der Zeit als Postulantin mit der Einkleidung ihr Noviziat begann und 1936 die zeitlichen Gelübde ablegte. Von nun an trug sie den von ihr gewünschten Namen Maria Euthymia, nach der liebgewonnenen Oberin des Anna-Krankenhauses in Hopsten, wo sie schon 1931 eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin absolviert hatte. Als Hilfskrankenschwester kümmerte sie sich im St.-Vinzenz-Hospital in Dinslaken um die isolierten Hochansteckenden. 1939 zur Krankenschwester qualifiziert, legte sie ein Jahr später die ewigen Gelübde ab. Ab 1943 pflegte sie liebevoll und bis zur Entbehrung stark infektiöse Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die ihr den Namen "Engel der Liebe" gaben.
Nach Kriegsende beugte sie sich ihrer Versetzung in verschiedene Wäschereibetriebe des Ordens, wobei ihr der Kontakt mit den Kranken sehr fehlte. Schon 1955 erlag sie schwerkrank und elend einem Krebsleiden.
Maria Euthymia ist für den designierten Bischof von Münster eine Inspiration und Sinnbild einer Kirche, die nicht herrscht, nicht Unrecht tut, sondern dient.
Ihr Leben, so Wilmer, steht für eine radikale Menschenfreundlichkeit, die heute mehr denn je gefordert sei. Schwester Euthymia habe noch im Feind das Antlitz Gottes erkennen können. Heiligkeit beginne dort, wo ein Mensch für den anderen gut ist, sei dort erfahrbar, wo die Kirche einen Blick für die Wunden der Menschen haben müsse, besonders für die jene mit einem verwundeten Herzen. Die tiefe Verehrung für die Ordensfrau prägte Wilmers Leben und das seiner ganzen Familie. Von Kindesbeinen an führt es ihn wenigstens einmal im Jahr zur Grabkapelle der Seligen. Maria Euthymia ist für den designierten Bischof von Münster eine Inspiration und Sinnbild einer Kirche, die nicht herrscht, nicht Unrecht tut, sondern dient.
Grund zur Zuversicht
Der neue Bischof von Münster hat sich ein anspruchsvolles Ziel gesteckt: das gefahrenreiche Wanderleben eines gelehrten frühmittelalterlichen Missionsbischofs, Mut und Glaubenstreue eines widerständigen Hirten in der Zeit des Nationalsozialismus und die entbehrungsreiche Selbstlosigkeit und Aufopferung für die Verlorenen und Vergessenen durch eine fromme Ordensfrau wählt sich Heiner Wilmer zum Proprium seiner Amtszeit.
Nimmt der neue Bischof wirklich Maß an den Leben dieser Heiligen und Seligen, die so eng mit seinem neuen Bistum verbunden sind, erhebt er sie tatsächlich zum spirituellen, pastoralen und politischen Koordinatensystem seines bischöflichen Handelns, kann die Kirche in Münster mit Zuversicht und Freude in die Zukunft blicken.