Jan-Heiner Tück: Herr Kardinal, Sie hatten bereits als Bischof von Regensburg in den Jahren 2002 bis 2012 mit der Piusbruderschaft zu tun. Das Internationale Herz-Jesu-Seminar Zaitzkofen liegt innerhalb der Bistumsgrenzen. Während Ihrer Zeit als Bischof sind dort ohne entsprechende Erlaubnis Diakone und Priester geweiht worden – wie haben Sie als Ortsordinarius darauf reagiert?
Kardinal Gerhard Ludwig Müller: Der Konflikt um die unerlaubten Priester- und Diakonweihen in Zaitzkofen spitzte sich zu, als nach der Aufhebung der Exkommunikation der von Erzbischof Lefebvre unerlaubt geweihten vier Bischöfe im Jahr 2009 die Holocaust-Leugnung von einem von ihnen, nämlich Bischof Richard Williamson, öffentlich bekannt wurde. Es gab Anfragen in der Presse und auch vonseiten der jüdischen Gemeinde, ob diese skandalöse Meinung in der katholischen Kirche geduldet würde. Deshalb musste ich als zuständiger Bischof erklären, dass die Piusbruderschaft nicht für die katholische Kirche sprechen kann, da sie sich in einem schismatischen Zustand befindet. Dies gilt, auch wenn der Papst mit der Aufhebung der Exkommunikation einen Prozess ihrer Wiederversöhnung mit der katholischen Kirche einleiten wollte. Die Piusbruderschaft selbst hat sich dann später auch von Bischof Williamson getrennt. Indem in Zaitzkofen aber fortwährend die Heiligen Weihen gespendet werden ohne die Erlaubnis des Ortsbischofs und des Heiligen Stuhles, war die schismatische Absicht dieser Gruppierung offensichtlich. Den kirchenkritischen Medien wurde durch Verlegung des Termins der Weihen in Zaitzkofen auf den gleichen Tag der Priesterweihe im Regensburger Dom (Entfernung 25 Kilometer) die Gelegenheit zur Schadenfreude über eine vermeintliche katholische Uneinigkeit frei Haus geliefert – zum Ärgernis unter den Gläubigen.
"Als das in Geist und Freiheit der Person natürlich verankerte Recht jedes Menschen, sich vor staatlichen Eingriffen in seinem Gewissen zur Wehr zu setzten, hatte schon Bischof Wilhelm von Ketteler im Kulturkampf die Religionsfreiheit ebenso dargestellt wie das Zweite Vatikanum in der Erklärung Dignitatis humanae."
Tück: Sie haben dann im Auftrag der Päpste Benedikt XVI. und Franziskus als Präfekt der Glaubenskongregation die Gespräche mit der Piusbruderschaft auf oberster Ebene letztverantwortlich geführt. Es ging um die Klärung doktrinaler Differenzen. Welche Probleme standen – neben einem ungeschichtlichen Traditionsbegriff – vor allem im Raum?
Müller: Das eigentliche Problem liegt nicht in der Liturgie, d. h. in der klassischen (nachtridentinischen) und erneuerten (nachvatikanischen) rituellen Form, sondern in der Glaubenslehre, die sie aber auch in der erneuerten Liturgie beeinträchtigt sehen. Einigen Formulierungen des Zweiten Vatikanums werden zweifelhafte Interpretationen unterstellt, etwa dass die Muslime wie die Christen und Juden in der Tradition Abrahams den Schöpfer anerkennen und mit uns den einen Gott anbeten. Darin sehen sie einen religionsgeschichtlichen Relativismus, der jenseits der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus eine gemeinsame Menschheitsreligion annimmt. Vergessen wird dabei die klassische katholische Lehre, dass die menschliche Vernunft prinzipiell in der Lage ist, die Existenz und die Einheit Gottes zu erkennen, während die Mysterien der Trinität und der Inkarnation nur im übernatürlichen Glauben offenbar sind (Thomas von Aquin, Summa contra gentiles I, 2. u. 6; I. Vatikanum, Dogmatische Konstitution Dei Filius, Canon I, 1: DH 3026). In Anerkennung des ehrlichen Strebens nach der Wahrheit Gottes können alle das ewige Heil erreichen, wenn sie ohne eigene Schuld nicht zur Erkenntnis des Evangeliums Christi und seiner Kirche gelangen, aber sich von der Gnade Gottes leiten lassen und nach dem Guten und Wahren streben, was immer eine Vorbereitung für das Evangelium ist (vgl. Lumen gentium, Art. 16). Wenn man die von den Piusbrüdern monierten Aussagen des Zweiten Vatikanums im Horizont der gesamten Tradition der Kirche liest, dann ist eine relativistische Interpretation ausgeschlossen. Das gilt ebenso für sogenannte Progressisten, die die Offenbarung in die allgemeine Religionsgeschichte einebnen und ihre Übernatürlichkeit und die Einzigkeit Christi als Erlöser der Welt in Abrede stellen. Auch in Bezug auf die Ökumene mit nichtkatholischen Christen, christlichen Gemeinschaften und den orthodoxen Kirchen hat das Konzil keineswegs die Heilsnotwendigkeit der katholischen Kirche und ihre volle Identität mit der Kirche der Apostel infrage gestellt. Und wenn es um die Religionsfreiheit geht, ist festzustellen, dass die Kirche inhaltlich ihre Position nicht verändert hat, wenn man nur den jeweiligen Kontext bedenkt, in dem der nicht eindeutige Begriff in verschiedenen Zusammenhängen und im Gegenüber zu wem auch immer gebraucht wurde. Als das in Geist und Freiheit der Person natürlich verankerte Recht jedes Menschen, sich vor staatlichen Eingriffen in seinem Gewissen zur Wehr zu setzten, hatte schon Bischof Wilhelm von Ketteler im Kulturkampf die Religionsfreiheit ebenso dargestellt wie das Zweite Vatikanum in der Erklärung Dignitatis humanae (Rede in der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Freiburg i. Br. am 1.9. 1875). Das eine ist das Recht jeder Person, ohne äußeren Zwang und innere Manipulation, ihrem Gewissen gemäß, ihre Religion zu wählen und auszuüben, und das andere ist auf übernatürlicher Ebene der Anruf Gottes im Wort seiner Offenbarung in Jesus Christus, dem mithilfe der Gnade und im Licht des Heiligen Geistes der Gehorsam des Glaubens mit Verstand und freiem Willen zu leisten ist (Dei verbum, Art. 5).
Katholischer als Rom?
Tück: Papst Benedikt XVI. ist der Piusbruderschaft 2007 durch "Summorum Pontificum" und 2009 durch die Rücknahme der Exkommunikation der vier traditionalistischen Bischöfe, die Sie bereits erwähnt haben, weit entgegengekommen. Es stand seinerzeit die Erwartung im Raum, man könne sich nun auch in den strittigen Fragen der Lehre einigen. Wie haben Sie die theologischen Argumente der Theologen der Bruderschaft wahrgenommen?
Müller: Die Piusbrüder haben Papst Benedikt XVI., der sich mit seinem Großmut sogar Verleumdungskampagnen von entgegengesetzten Extremisten ausgesetzt hatte, dieses Entgegenkommen leider nicht gedankt. Um des höheren Gutes der Einheit willen wurde ihnen die Feier der Sakramente in der alten Liturgie zugestanden, was durchaus legitim ist und Vorbilder in historischen Wiedervereinigungen von getrennten Kirchen mit Rom hat. In Fragen der Lehre handelt es sich meines Erachtens um vorgeschobene Argumente, um sich nicht der Autorität des Papstes voll zu unterstellen, die sie in der Theorie aber im Sinne des vom Ersten Vatikanum definierten Lehr- und Jurisdiktionsprimates anerkennen müssen, wenn ihr Anspruch, besser katholisch zu sein als Rom, überhaupt einen Sinn hat. Gerade wenn sich die Piusbrüder auf die Tradition der Kirche berufen, dann ist sie auch in ihrer Gänze und in ihrem geschichtlichen Wachstum als Antwort auf neue Herausforderungen als Grundlage der katholischen Theologie zu berücksichtigen. Es ist auch zu unterscheiden zwischen der Apostolischen Tradition als Quelle und Prinzip der Theologie und den kirchlichen Traditionen und bloßen zeitbedingten Gewohnheiten und auch Stilen der liturgischen Kleidung.
"In meinem Wahrheitsgewissen vermag ich keinen Bruch in der Lehrkontinuität oder gar die Negation oder auch nur Verminderung eines Glaubensartikels festzustellen, wie er in der Heiligen Schrift grundgelegt, in der apostolischen und kirchlichen Tradition entfaltet und vom Lehramt mir um meines Heiles willen fest und unverbrüchlich zu glauben vorgelegt wurde und wird."
Tück: Die Piusbrüder stehen für eine Hermeneutik des Bruchs oder der Diskontinuität. Das Zweite Vatikanische Konzil habe mit der Lehrtradition der Kirche gebrochen, es sei "das größte Unglück der Kirchengeschichte", meinte der Gründer der Piusbruderschaft, Marcel Lefebvre). Warum ist diese Lesart problematisch?
Müller: Ich persönlich bewege mich seit 60 Jahren in der wissenschaftlichen Theologie. Lebensgeschichtlich kann ich deshalb auch die Lehre des Glaubens in meiner Kindheit und Jugend mit dem Zweiten Vatikanum und der folgenden rechtgläubigen Theologie vergleichen. In meinem Wahrheitsgewissen vermag ich keinen Bruch in der Lehrkontinuität oder gar die Negation oder auch nur Verminderung eines Glaubensartikels festzustellen, wie er in der Heiligen Schrift grundgelegt, in der apostolischen und kirchlichen Tradition entfaltet und vom Lehramt mir um meines Heiles willen fest und unverbrüchlich zu glauben vorgelegt wurde und wird. Deshalb habe ich in den Gesprächen mit der Piusbruderschaft darauf bestanden, dass ihre Kritik an einigen Aussagen des Zweiten Vatikanums nur dann berechtigt wäre, wenn das Konzil tatsächlich das gelehrt hätte, was sie ihm unterstellen. Aber nicht das Wort "Auch Konzilien können irren", das Luther gegenüber Johannes Eck bei der Leipziger Disputation 1519 äußerte und damit den Bruch mit der katholischen Kirche vollzog, ist für einen Katholiken ein mögliches Verhältnis zum Lehramt. Vielmehr irren sich diejenigen, die dem legitimen Zweiten Vatikanischen Konzil schwerwiegende Irrtümer im Glauben andichten, entgegen der bewährten katholischen Hermeneutik, die schon der Kirchenlehrer Irenäus von Lyon ausführlich gegen die Gnostiker entwickelt hat. Bei vielen Konzilien gab es Auseinandersetzungen um die rechtgläubige Interpretation von einzelnen Termini und Argumenten, wenn Sie z. B. an das Homoousios von Nizäa (325), den Theotokos-Titel für Maria von Ephesus (431) oder die hypostatische Union des Konzils von Chalzedon (451) – Konzilsentscheidungen, welche die Abspaltungen der Arianer, der Nestorianer und Monophysiten hervorbrachten. Aber es wurde auch deutlich, dass es letzten Endes der römische Papst als Nachfolger des heiligen Petrus ist, dem die Feststellung der Gültigkeit der Konzilien und ihre authentische Interpretation obliegt (z. B. Papst Pelagius I, Brief Relegentes autem: DH 447). Es können nicht die Donatisten in Nordafrika sein (die pars Donati), die über den Glauben der universalen Kirche letztlich entscheiden, und auch nicht die Altkatholiken, die mit einer abenteuerlichen Sukzessionskette eines jansenistischen Bischofs die alte katholische Kirche bewahren gegenüber einer, wie Ignaz von Döllinger meinte, vom Ersten Vatikanum neu geschaffenen Kirche. Dass die universale Kirche nicht irren und eine kleine Gruppe keineswegs gegen die Gesamtkirche Recht behalten kann, war ein Motiv, das John Henry Newman zur katholischen Kirche führte. Nicht Rom hat sich von England getrennt, sondern die Kirche von England von der universalen Kirche, die in Rom das Prinzip ihrer Einheit hat: Securus iudicat orbis terrarum – rief der hl. Augustinus den Donatisten zu (Contra epistulam Parmeniani III, 4). Allen, die daran Zweifel haben, sei ein Besuch der Kirche Santa Maria in Trastevere zu Rom empfohlen. Die Grabinschrift des großen Kontroverstheologen gegen den Protestantismus, Kardinal Stanislaus Hosius (1504–1579), spricht jedem Spaltgeist ins Gewissen: "Catholicus non est, qui a Romana ecclesia in fidei doctrina discordat – Der ist kein Katholik, der von der römischen Kirche in der Glaubenslehre abweicht." Oder, mit einem Satz gesagt, der dem heiligen Ambrosius zugeschrieben wird: Ubi Petrus, ibi Ecclesia – Wo Petrus ist, da ist die Kirche.
Die Piusbruderschaft im Schmollwinkel
Tück: Die lehrmäßige Präambel, die der Priesterbruderschaft St. Pius X. vorgelegt wurde, um eine Einigung in Lehrfragen zu erreichen, ist am Ende des Gesprächsprozesses durch den Generaloberen, Bischof Bernard Fellay, nicht unterzeichnet worden. Warum eigentlich nicht?
Müller: Die Piusbruderschaft hielt ihre Einwände gegen die Religionsfreiheit, die Ökumene und das Verhältnis der Kirche zu anderen Religionen in den entsprechenden konziliaren Dokumenten für das Maß des Katholischen und verlangte von der Kirche mit allen ihren Bischöfen und dem Papst als Nachfolger Petri das Eingeständnis, dass das Konzil falsche und zweideutige Lehren vorgetragen hat und die höchste Lehrautorität sich in der Glaubens- und Sittenlehre geirrt habe und damit absichtlich oder fahrlässig die Gläubigen getäuscht und in ihrem Heil gefährdet worden seien. Dies einzuräumen wäre nicht nur inhaltlich falsch, sondern auch die hermeneutische Selbstzerstörung der "Kirche als Säule und Fundament der Wahrheit" (1 Tim 3, 15). Die Verwirrungen, die durch Irrlehren oder sittlichen Verfall im Laufe der Jahrhunderte immer wieder über die Kirche hereingebrochen sind, haben ein Athanasius, ein Augustinus, ein Bernhard von Clairvaux, eine Katharina von Siena, ein Robert Bellarmin, ein John Henry Newman, ein Hans Urs von Balthasar und ein Joseph Ratzinger von innen her überwunden und nicht durch den Rückzug in den Schmollwinkel einer "Kirche der Reinen", in ein letztes Bollwerk der Orthodoxie, die bei jeden Versuch ihrer vollen Wiedereingliederung in die katholische Kirche die Bekehrung der Kirche zu ihrem Konventikel erzwingen will.
Tück: Papst Franziskus hat im "Jahr der Barmherzigkeit" 2015 eine pastorale Strategie verfolgt. Ohne weiter auf eine lehrmäßige Einigung zu drängen, hat er den Klerikern der Piusbruderschaft die Lizenz gewährt, das Sakrament der Beichte zu spenden, 2017 hat er dann die Bischöfe der Weltkirche gebeten, auch traditionalistische Priester mit der Eheassistenz zu betrauen. Wie beurteilen Sie rückblickend dieses Entgegenkommen?
Müller: Wenn die Grundsatzfragen nicht geklärt sind, hilft auch ein Entgegenkommen auf persönlich-freundschaftlicher Ebene nicht aus der Klemme. Es ging Papst Franziskus mit diesen Lizenzen um einzelne Gläubige in ihrer Gewissensnot. Es kann nicht sein, dass eine Ehe ungültig ist, nur weil die kanonische Form nicht voll eingehalten wird (hier aus Mangel an Einsicht einzelner gläubiger Katholiken). Er war nicht der Meinung, mit seiner Jovialität die Distanz der Piusbruderschaft zur katholischen Kirche überbrücken zu können.
Konzil zu reduzierten Preisen?
Tück: In den letzten Jahren waren wiederholt Stimmen zu hören, das Zweite Vatikanum sei ein "Pastoralkonzil" gewesen, das keine Dogmen definiert habe. Anders als die Dogmatischen Konstitutionen hätten die Dekrete und Erklärungen nur einen geringen Verbindlichkeitsgrad – um des lieben Friedens willen könne man der Piusbruderschaft doch die Anerkennung von Nostra Aetate und Dignitatis humanae erlassen. Wie beurteilen Sie eine solche Konzilshermeneutik?
Müller: Das mit dem angeblichen Pastoralkonzil ist mehr eine publizistische Charakterisierung und ist dogmatisch ohne jede Bedeutung. Ein Ökumenisches Konzil ist die höchste Autorität in der katholischen Kirche in Fragen des Glaubens und auch der Disziplin. Und die Lehre des Glaubens ist kein Theoriegebäude jenseits der Pastoral, in der die Hirten der Kirche die Gläubigen auf die Weide des Wortes und der Gnade Christi hinführen. Christus als Lehrer der Wahrheit und der gute Hirt, der sein Leben für die Schafe hingibt, damit wir Gottes Leben in Fülle empfangen, ist ein und dieselbe Person. Natürlich gibt es eine Hierarchie der Wahrheiten, von dem heilsnotwendigen Glauben an die Trinität und Inkarnation angefangen bis am Ende zur Legitimität der Bilderverehrung, die aber nicht heilsnotwendig ist, aber sehr wohl die Frömmigkeit fördert. Was die Kirche uns zu glauben vorlegt, muss in seiner gestuften Autorität jeweils vom Zusammenhang der Lehre und von der Aussageintention der Bischöfe und des Papstes ermittelt werden. Nostra aetate ist von der literarischen Gattung her zwar nur eine Erklärung, aber die Aussagen dieses konziliaren Dokumentes sind verbindlich wie ein Dogma, wenn z. B. gesagt wird, dass alle Völker eine einzige Gemeinschaft bilden und in Gott ihren Ursprung und ihr Ziel haben (NA 1). Wenn das Konzil generisch auf die Zwistigkeiten zwischen Christen und Muslimen hinweist, stellt es nur ein historisches Faktum dar, ohne dass der einzelne Christ auf eine lehramtliche Deutung der Geschichtsschreibung verpflichtet werden könnte. Dass Christen und Juden denselben Gott anbeten, ist verbindliche Glaubenslehre und mit der anti-markionitischen Entscheidung schon seit dem 2. Jahrhundert verbindliche Glaubenslehre der Kirche. Dass Gott der Urheber des Alten und Neuen Testaments ist, betonte auch das Konzil von Trient, das somit nicht gegen das Zweite Vatikanum ins Feld geführt werden kann. Eine sittliche Mahnung leitet das Konzil in Bezug auf die Verantwortung für den Tod Christi ab, dass es nämlich der Wahrheit des christlichen Glaubens widerspricht, wenn irgendjemand die Juden insgesamt und einzelne heute lebende Juden einer Mitschuld zeihen und sich damit vor Gott versündigen würde. Das Konzil muss mit seiner ganzen Lehre von jedem Katholiken angenommen werden, und zwar jeweils entsprechend der Aussageabsicht als Darlegung der dogmatischen Wahrheit, der sittlichen Weisung oder als Hinweis auf heute notwendige Maßnahme, etwa den Dialog mit Menschen anderen Glaubens, die zeitentsprechende Bildung und Erziehung von Kindern und Erwachsenen, die Aufgabe der Theologie in Auseinandersetzung mit den modernen Philosophien und ihren Menschenbildern und den Naturwissenschaften und der Technologie – etwa der Künstlichen Intelligenz – und den sich daraus ergebenden Lebensverhältnissen der Menschen in der modernen Welt. Nur dem geoffenbarten Glauben ist die unbedingte Zustimmung zu geben, nicht den kulturellen, politischen, weltbildlichen Konstellationen, in denen sich die Kirche vorfand und auf deren wechselnde Bedingungen sie reagieren muss, um den Menschen aller Zeiten und Zonen das Evangelium Christi zu verkünden.
"Die Piusbruderschaft hat alles Recht, liturgische Missstände und dogmatische Irrtümer anzuprangern, aber alles bleibt unfruchtbare Kritik, wenn nur vom moralischen Podest der Selbstgerechtigkeit heruntergepredigt wird."
Tück: Die katholische Kirche in Westeuropa steht in einer Krise, die Piusbruderschaft hingegen wächst. Spiegelt die Kritik der Traditionalisten Ihrer Meinung nach auch Defizite in der Konzilsrezeption?
Müller: Die katholische Kirche steht nur dort in der Krise, wo die Verantwortlichen – Bischöfe, Gemeindepfarrer, Theologieprofessoren, Religionslehrer und Katecheten und in der Öffentlichkeit führende Laien – den Menschen Steine agnostischer Ideologien geben, anstatt ihnen das Brot des Wortes Gottes und der Gnade der Sakramente zu reichen. Wo man in Soziologie und Psychologie herumdilettiert, und von Jesus als dem einzigen Retter der Welt, auf den wir uns im Leben und Sterben ganz verlassen dürfen, schweigt, da kann man nicht auf Relevanz hoffen. Wo aber die existenziellen Fragen im Licht Christi beantwortet werden, da entsteht Interesse, da wächst mithilfe der Gnade, um die wir jeden Tag inständig bitten, das Leben Gottes in uns, dort kommen Menschen zur Taufe und lau gewordene Katholiken entdecken neu die verwandelnde Macht der Liturgie, wenn diese wirklich Gottesverehrung ist und nicht eine billige Unterhaltung, wie etwa Fastnachtsmessen oder atheistische Regenbogenfahnen im Altarraum, die den Blick auf den für uns gekreuzigten Herrn verdecken. Die Piusbruderschaft hat alles Recht, solche liturgischen Missstände und dogmatischen Irrtümer anzuprangern, aber alles bleibt unfruchtbare Kritik, wenn nur vom moralischen Podest der Selbstgerechtigkeit heruntergepredigt wird. Lieber sich von den kirchlichen Autoritäten auch ungerecht behandeln lassen, als die Heils-Gemeinschaft verlassen – das war die Devise der heiligen Hildegard von Bingen, die wir heute als Kirchenlehrerin verehren.
"Die Exkommunikation wegen dieser schweren Straftat gegen die Einheit der sichtbaren Kirche bedeutet als Todsünde auch den Ausschluss vom Gnadenleben und der Gemeinschaft mit Gott und von der Anwartschaft auf das ewige Leben. Hoffentlich ist sich der Obere der Piusbruderschaft mit dem Kreis seiner Mitverantwortlichen dieses Zusammenhanges bewusst."
Tück: Im Februar hat der Generalobere der Bruderschaft, Davide Pagliarani, angekündigt, am 1. Juli notfalls auch ohne päpstliches Mandat Bischöfe zu weihen. Das hat umgehend zu Reaktionen der römischen Kurie geführt. Das Angebot von Kardinal Fernández, die Gespräche über die doktrinalen Differenzen wieder aufzunehmen und über unterschiedliche Grade der Bindung der Konzilsdokumente zu beraten, die Bischofsweihen aber zu sistieren, wurde vom Generalrat der Bruderschaft überraschend schnell abgelehnt. Besteht nun die Gefahr eines Schismas?
Müller: Die Rede von einer graduellen Zustimmung zum Konzil ist etwas problematisch. Gemeint sein kann nur die objektive Zustimmung im Sinne der klassischen Lehre von den theologischen Gewissheitsgraden und nicht, dass ein Einzelner oder eine Gruppe sich nach subjektiven Kriterien aussucht, was man annehmen will oder nicht, sodass nicht mehr das Lehramt letztgültig entscheidet, was katholisch oder häretisch ist. Niemand kann vom Papst verlangen, dass er in Einheit mit ihm und seinen Gesinnungsgenossen lebt. Vielmehr ist es umgekehrt: Ein wahrer Katholik lebt in Einheit mit dem Papst und den Bischöfen in hierarchischer und sakramentaler Gemeinschaft mit ihm. Ins Schisma begibt sich jeder selbst durch die freie Entscheidung, die Autorität des Papstes theoretisch und praktisch nicht anzuerkennen. Der kanonische Ungehorsam wird nicht besser, wenn man beteuert, sich nicht gegen den Papst zu stellen, wenn man um des Heiles der Seelen willen Bischöfe weihen müsse. Das hat auch nichts mit der rechten Intention zu tun, die zur gültigen Sakramentenspendung erforderlich ist. Denn das eine ist die Intention eines gültig geweihten Bischofs, einem geeigneten Kandidaten die Bischofsweihe spenden zu wollen, die – antidonatistisch formuliert – gültig ist und (ex opere operato) wirksam die Gnade im Geweihten erwirkt. Aber das andere ist die Tatsache, dass hier gegen den Gemeinschaftscharakter der bischöflichen Vollmacht gesündigt wird, die vom Papst als immerwährendes Prinzip und Fundament der Einheit der katholischen Kirche gewährleistet wird. Die Exkommunikation wegen dieser schweren Straftat gegen die Einheit der sichtbaren Kirche bedeutet als Todsünde auch den Ausschluss vom Gnadenleben und der Gemeinschaft mit Gott und von der Anwartschaft auf das ewige Leben. Hoffentlich ist sich der Obere der Piusbruderschaft mit dem Kreis seiner Mitverantwortlichen dieses Zusammenhanges bewusst. Auf einen Notstand können sie sich vor Gott nicht herausreden, weil keiner ihrer Anhänger der heilsnotwendigen Sakramente der Taufe und der Buße beraubt wird. Es ist dagegen kein Notstand, dass ohne illegal geweihte Bischöfe ihre Priestergemeinschaft keine Fortdauer hätte. Denn die Fortdauer der Kirche bis zum Ende der Geschichte hat Jesus Christus nur der universalen Kirche verheißen, die er auf den Felsen Petrus baut, dem er auch die Schlüssel des Himmelreiches überreicht hat und mit den anderen Aposteln zusammen die Binde- und Lösegewalt. Was Gott den Piusbrüdern angesichts des fortgeschrittenen Alters ihrer beiden verbliebenen Bischöfe sagen will, ist dies, von dem falschen Weg der Distanzierung zur Kirche und der Selbstisolierung im Kreis der Gleichgesinnten umzukehren und sich vertrauensvoll den Dispositionen des Nachfolgers Petri anzuvertrauen, dem der Herr der Kirche persönlich die Leitung seiner Herde übertragen hat. Und ganz persönlich und mitbrüderlich gesagt: Mit Papst Leo XIV. wird man gewiss eine gute und gerechte, aber auch dogmatisch tragfähige Lösung finden.
Die Legitimität des Konzils
Tück: In der aufgeheizten Lage melden sich nun vereinzelt Sympathisanten der Piusbruderschaft, die die angekündigte Bischofsweihe nicht als schismatischen Akt betrachten. Mit einem Quäntchen Polemik hat jüngst Dom Alcuin Reid jene als "Vatican II fundamentalists" bezeichnet, die der Piusbruderschaft die rückhaltlose Anerkennung des Zweiten Vatikanums abverlangen – als sei das Textkorpus des Konzils ein "Superdogma". Was halten Sie davon?
Müller: Das sind jene kirchenpolitischen Spielchen und Sophistereien, die der katholischen Theologie jeden Ernst nehmen. Es gibt weder die Figur des Konzilsfundamentalismus noch Über- und Unterdogmen, als ob die Lehre des Glaubens von psychologischen Prädispositionen ihrer Vertreter abhängen würde. Das Zweite Vatikanische Konzil war legitim im Heiligen Geist versammelt. Seine Lehren sind keine anderen als die des katholischen Glaubens seit 2000 Jahren, wie er in den Heiligen Schrift und der Apostolischen Tradition grundgelegt und von allen vorangehenden Konzilien verbindlich dargestellt und von allen Kirchenlehrern begrifflich klar ausgelegt wird. Verschieden ist nur die Art und Weise der Verkündigung und neu ist die Absicht, dass der Mensch von heute nach der Aufklärung, der Religionskritik, den atheistischen Polit-Ideologien und den agnostischen und säkularistischen Anthropologien angesprochen und auf Gott als Ursprung, Sinn und Ziel des Lebens hingewiesen wird, der allen Menschen in der Kirche Jesu Christi seine Wahrheit und sein Leben vermittelt.
"Die Einheit der Kirche kann nicht um den Preis der Wahrheit mit bloß diplomatischer Geschicklichkeit erkauft werden."
Tück: Papst Leo XIV., dem als römischem Pontifex die Sorge um die Einheit der Kirche aufgetragen ist, steht nun unter erheblichem Druck. Kann er angesichts unüberbrückbar scheinender Differenzen noch Brücken schlagen? Welche Spielräume hat er, die Entstehung einer bischöflich verfassten Parallelkirche abzuwenden, damit am Ende nicht Altar gegen Altar steht?
Müller: Die Einheit der Kirche kann nicht um den Preis der Wahrheit mit bloß diplomatischer Geschicklichkeit erkauft werden. Es ist nicht mehr zu verlangen, was für die Einheit der Kirche dogmatisch unerlässlich ist. Auf keinen Fall kann sich die Kirche die Fehlinterpretation des Zweiten Vatikanums aufdrängen oder abringen lassen, mit der die Piusbruderschaft ihren faktischen Ungehorsam gegenüber dem Nachfolger Petri zu rechtfertigen versucht. Eine Bischofsweihe ohne ausdrückliche Erlaubnis des Papstes oder in offensichtlicher Negation seiner Autorität als von Christus eingesetzter und vom Heiligen Geist geführter Nachfolger Petri, ist vor Gott und den Menschen mit nichts und von niemandem zu rechtfertigen. Wer die Bischofsweihe unerlaubt spendet und empfängt, ist zwar gültig geweiht, aber der Heilige Geist zeugt gegen ihn, weil er nicht aus Liebe, sondern nach eigenem Gutdünken handelt. Wo Altar gegen Altar gestellt wird, ist das ein Ärgernis für das Volk Gottes. Aber wehe denen, die dafür verantwortlich sind. Mögen sich in dieser Stunde der Prüfung des Gewissens vor dem lebendigen Gott, alle Beteiligten das Wort des Heiligen Augustinus gesagt sein lassen: "Wer die Einheit der Kirche nicht liebt, ist nicht im Besitz des Heiligen Geistes. Aus diesem Grunde wird zu Recht gesagt: Nur in der katholischen Kirche wird der Heilige Geist empfangen." (De baptismo 3, 16).