Täternetzwerk?Kardinal Degenhardt hat wahrscheinlich keine Kinder missbraucht

Er hat nachweislich vertuscht. Aber wurde er auch selbst zum Täter? Das steckt hinter den Vorwürfen gegen den vormaligen Erzbischof von Paderborn.

Schatten
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Die Nachricht ging durch alle großen Medien, von "Bild" bis "Tagesschau": Kardinal Johannes Joachim Degenhardt, von 1974 bis 2002 Erzbischof von Paderborn, soll nicht nur Missbrauchsfälle vertuscht und Täter geschützt haben, sondern er soll auch selbst Kinder missbraucht haben.

Aus der soeben veröffentlichten historischen Studie, die im Auftrag des Erzbistums erstellt wurde, geht das allerdings nicht hervor. Die Studie belastet Degenhardt zwar massiv wegen seines Umgangs mit Missbrauchsfällen, liefert aber keine konkreten Hinweise darauf, dass er selbst Täter gewesen sei. Vielmehr war es der Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, Reinhold Harnisch, der im Vorfeld der Veröffentlichung eine entsprechende Anschuldigung publik machte.

Laut dem Sprecher soll Degenhardt Teil eines pädokriminellen Netzwerks gewesen sein, in dessen Rahmen sich die Täter gegenseitig minderjährige Jungen zugeführt hätten. Die Kinder seien mit einem Fahrdienst zu den Geistlichen nach Hause gebracht worden. Die Betroffenenvertretung halte die Angaben, die ihr seit Ende 2025 vorlägen, für glaubwürdig, so der Sprecher.

Rituelle Gewalt?

Der Vorwurf erinnert in seinen Einzelheiten sehr an Anschuldigungen gegen Degenhardt und zahlreiche weitere Bischöfe, die in einem Untersuchungsbericht der Kölner Kanzlei "Feigen Graf" vom Oktober 2025 behandelt werden. Die Juristen hatten sich im Auftrag der Bistümer Münster, Köln und Essen mit "Vorwürfen Ritueller Gewalt" beschäftigt.

Betroffene von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche können im Rahmen des kirchlichen "Verfahrens zur Anerkennung des Leids" eine Geldzahlung und die Erstattung von Therapiekosten beantragen. Dafür ist kein Nachweis der entsprechenden Taten nötig, es wird aber eine Plausibilitätsprüfung vorgenommen.

Im Rahmen dieses Verfahrens, so ist in dem Untersuchungsbericht zu lesen, gingen in den letzten Jahren vermehrt Anträge ein, die einem bestimmten Muster folgen. Die Betroffenen berichten über große Netzwerke von Missbrauchstätern, denen zahlreiche bedeutende katholische Geistliche angehört hätten. Im Bericht heißt es:

"Die jeweiligen Anträge haben im Kern gemeinsam, dass sie den Vorwurf erheben, hohe kirchliche Würdenträger hätten die Betroffenen als Mitglieder von organisierten Täternetzwerken rituell missbraucht und in diesem Kontext schwerste Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sowie Leib und Leben verübt. Konkret beschuldigt werden Franz Kardinal Hengsbach, Joseph Kardinal Höffner, Joachim Kardinal Meisner und Johannes Kardinal Degenhardt, Bischof Reinhard Lettmann, Bischof Heinrich Maria Janssen, Bischof Josef Homeyer sowie Bischof Heinrich Tenhumberg und die Weihbischöfe Friedrich Ostermann, Alfons Demming, Franz Grave und Heinrich Janssen. Neben diesen hohen kirchlichen Würdenträgern wurden – teils mit, teils ohne Namensnennung – auch eine Vielzahl von Priestern und Pfarrern beschuldigt, ebenfalls Täter bzw. Mitglieder der Netzwerke gewesen zu sein."

Dem Dokument zufolge erheben drei Personen Vorwürfe gegen Degenhardt. Eine Frau gibt an, dass Degenhardt neben anderen Bischöfen als "Kunde" an sogenannten "Prostitutionstreffen" teilgenommen habe, zu denen sie und andere Kinder von Fahrern ("Zuhältern") gebracht worden seien. Die Taten sollen sich unter anderem in der Krypta und in Kellerräumen des Essener Doms abgespielt haben. Auch der Ehemann der Frau erhebt Anschuldigungen gegen Degenhardt und andere Bischöfe. Er berichtet über Missbrauchserfahrungen am Bischofssitz in Münster durch Degenhardt sowie die Bischöfe Tenhumberg (Münster) und Janssen (Hildesheim). Ein weiterer Mann schildert, Weihbischof Grave (Essen) habe ihm Kardinal Degenhart als "neuen Freund aus Paderborn" vorgestellt; anschließend sei er regelmäßig über eine längere Strecke zu einem anderen Ort gefahren und dort von Degenhardt missbraucht worden.

Die Schilderungen sind extrem und bestialisch: Unter anderem ist von herausgeschnittenen und verspeisten Herzen und in Weihwasser ertränkten Kleinkindern die Rede.

Juristen: Es gab kein Netzwerk

Die Häufung der Meldungen habe das Bistum Münster veranlasst, untersuchen zu lassen, ob es "tatsächliche Anhaltspunkte für Täternetzwerke gibt, in denen in den vergangenen Jahren/Jahrzehnten unter Einbeziehung höchster kirchlicher Würdenträger ein organisierter ritueller Missbrauch stattgefunden hat", so der Untersuchungsbericht.

Um es kurz zu machen: Die Antwort lautet: nein. Die Autoren schreiben:

"Es spricht nichts dafür, dass hohe kirchliche Würdenträger in den Bistümern Münster und Essen sowie dem Erzbistum Köln die ihnen vorgeworfenen Taten Ritueller Gewalt begangen haben könnten. Gleiches gilt für die Würdenträger aus Hildesheim und Paderborn sowie die Vielzahl von beschuldigten Priestern und Pfarrern."

Die beauftragten Juristen haben Unterlagen gesichtet, mit zahlreichen Betroffenen gesprochen und ein aussagepsychologisches Gutachten in Auftrag gegeben. Sämtliche Vorwürfe stünden "im Zusammenhang mit einer seit Jahrzehnten unter dem Stichwort 'Rituelle Gewalt' geführten Diskussion um die Existenz oder Nichtexistenz von spezifischen Täternetzwerken", schreiben sie.

Hinter dem Begriff "Rituelle Gewalt" steht die Annahme, dass es Netzwerke von Tätern mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität gibt, in denen an Kindern regelmäßig schwerste Gewalttaten verübt werden. Zur Geheimhaltung der Taten und der Strukturen, in deren Kontext sie verübt werden, würden bei den Opfern gezielt "Persönlichkeitsspaltungen" hervorgerufen, meinen die Vertreter der Theorie, um die Opfer bis ins Erwachsenenalter "programmieren" und "steuern" zu können. Aufgrund der sich daraus ergebenden schweren psychischen Probleme begäben sich die Betroffenen irgendwann in psychotherapeutische Behandlung, in deren Rahmen die verdrängten traumatisierenden Erinnerungen an das erlebte Grauen nach und nach "wiedergewonnen" würden.

Tatsächlich beruhen die Vorwürfe gegen Degenhardt sowie nahezu alle anderen Vorwürfe gegen hochrangige Geistliche, die in dem Untersuchungsbericht behandelt werden, auf im Rahmen einer Therapie "wiedergewonnenen Erinnerungen".

Die "Rituelle Gewalt"-Theorie entstand in den Achtzigerjahren in den USA und verbreitete sich von dort in die englischsprachige Welt und schließlich in weitere europäische Länder. Im Jahr 1990 titelte die "Bild"-Zeitung: "Psychotherapeut enthüllt: Satanssekten opfern jährlich 10.000 Kinder".

Gegen die Theorie spricht, so die Autoren des Berichts, dass es trotz der jahrzehntelangen Diskussion gänzlich an kriminalistischen Nachweisen für die geschilderten Phänomene fehle, dass es keine wissenschaftliche Grundlage für die beschriebenen psychologischen Manipulationen bei den Opfern gebe, dass die Verteidiger der Theorie auf unbeweisbare Verschwörungsnarrative zurückgreifen würden – und dass es eine plausible Alternativerklärung gebe: die Suggestion von Scheinerinnerungen im Therapiekontext.

Memory Wars

Tatsächlich hatte schon die Debatte der Achtzigerjahre Psychologen auf den Plan gerufen, die sich mit der Zuverlässigkeit menschlicher Erinnerungen beschäftigten. Bei Strafprozessen in den USA waren Personen nur auf der Basis von Aussagen der Kläger wegen sexuellen Missbrauchs hinter Gitter gekommen – zu Unrecht, wie sich später teilweise herausstellte. Die Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus vermutete fragwürdige Therapiemethoden als Auslöser. So seien Patienten etwa im Rahmen von Hypnose hochgradig beeinflussbar. In Experimenten gelang es Loftus, Probanden falsche Kindheitserinnerungen einzureden – sogenannte false memories. Die Forscherin gelangte zu der Überzeugung: Erinnerungen können täuschen. Menschen können sich lebhaft an Ereignisse erinnern, die nie stattgefunden haben.

Die Erkenntnisse dieser Forschungen gingen in die sogenannte Aussagepsychologie ein, die sich mit der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen beschäftigt. Aus deren Sicht zeichnet sich eine glaubhafte Aussage durch detailreiche und sinnliche Schilderungen, ein individuelles Gepräge, innere logische Konsistenz sowie einen über die Zeit stabilen Kern der Erzählung aus. Zudem muss sie mit objektiven Tatsachen vereinbar sein.

Widerspruch kommt von Vertretern der sogenannten Psychotraumatologie. Sie argumentieren: Die Psyche von Personen, die traumatische Erfahrungen erlitten hätten, würde das Erlebte "vergraben", um sich vor dem Grauen zu schützen. Betroffene hätten häufig keine stabile Erinnerung an das Geschehen, sondern würden "Flashbacks" erleben, schlaglichtartige Bilder, die nicht immer leicht zuzuordnen seien. Ihre Erinnerungen seien oft bruchstückhaft.

Kritiker wenden dagegen wiederum ein, dass für die Existenz von Verdrängung, Flashbacks und weiteren Konzepten der Traumatologie die empirischen Nachweise fehlten. Viele bestreiten die Annahme der Traumatologen, dass Erinnerungen tatsächlich vollständig verloren gehen und später wiedergefunden werden können.

Die Debatte ging als memory wars in die Geschichte der Psychologie ein.

Kritische Medienberichte in Deutschland und der Schweiz über Traumatherapeuten und ihre Methoden sorgten 2022 und 2023 für ein erneutes Aufflammen der Diskussion.

Hotspot Münster

Dass die "Rituelle Gewalt"-Theorie in Deutschland weiterhin als plausible Erklärung für das Leid von psychisch Kranken gilt und für Therapeuten handlungsleitend ist – dafür ist auch die katholische Kirche selbst verantwortlich. Wie in dem Bericht zu lesen ist, machte die Mitarbeiterin einer Fachstelle des Bistums Münster das Thema "Rituelle Gewalt" ab dem Jahr 2000 zu einem Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Sie organisierte entsprechende Fachtagungen, gründete eine Arbeitsgruppe, vernetzte und beriet Betroffene und trat als Expertin für das Thema in den Medien auf. Nachdem die Person das Rentenalter erreicht hatte, gründete das Bistum eine "Beratungsstelle organisierte sexuelle und rituelle Gewalt" unter dem Dach der kirchlichen Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Die Beratungsstelle vermittelte Ärzte und Therapeuten und war im ganzen deutschsprachigen Raum vernetzt.

Im März 2023 wurde die Beratungsstelle vom Bistum Münster geschlossen. Der damalige Beauftragte für Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Antonius Hamers, ließ sich dazu wie folgt zitieren:

"Sicher ist, dass es organisierte sexualisierte Gewalt gibt, etwa im Zusammenhang mit Kinderpornographie. In der Fachwelt, sowohl in der psychotherapeutischen als auch in der juristischen, ist jedoch der professionelle Umgang mit dem Thema rituelle Gewalt umstritten. Es stehen hier Aussagen über die Existenz ritueller Netzwerke auf der einen Seite Aussagen der Nicht-Beweisbarkeit ritueller Gewalt auf der anderen Seite gegenüber. Es sind weder Theorien über rituelle Netzwerke belegt noch konnte ritueller Missbrauch durch angeblich im Verborgenen organisierte Täterorganisationen nachgewiesen werden. Die Fortführung der Beratungsstelle ist vor diesem Hintergrund nicht mehr länger vertretbar. Darüber hinaus gab es Kritik an der Art der Beratung."

Anderthalb Jahre später erschien der Untersuchungsbericht der Kanzlei "Feigen Graf", in dem die Vorwürfe gegen Degenhardt als "weder glaubhaft noch plausibel" bewertet werden. So seien die Angaben der beiden Eheleute erkennbar im Therapiekontext entstanden: Sie seien im Laufe der Zeit immer umfangreicher und extremer geworden, blieben dabei gleichzeitig auffällig detailarm. Neue "Erinnerungsschübe" seien oftmals im Zusammenhang mit Medienberichten zum Thema aufgetreten. Der Schilderung von Misshandlungen im Säuglingsalter würden wissenschaftliche Erkenntnisse über die "infantile Amnesie" widersprechen. Überdies gebe es für die Darstellung von Hunderten rituellen Vergewaltigungen und zahlreichen Morden über Jahrzehnte hinweg keinerlei kriminalistische Spuren oder Zeugen. Im Falle eines weiteren Betroffenen, der Degenhardt als Täter nennt, kommen die Juristen zu einem ähnlichen Urteil.

Nachricht ohne Kontext

Kritik an dem Bericht kam vom Sprecher der Paderborner Betroffenenvertretung. Reinhold Harnisch sagte im Oktober, er halte es für "ausgeschlossen", dass zahlreiche Psychotherapeuten bei Betroffenen "an unterschiedlichen Orten unabhängig voneinander falsche Erinnerungen platzieren" würden. Die Betroffenenvertretungen hätten "verdichtete Hinweise auf Täternetzwerke, bei denen die Kinder von Täter zu Täter gefahren wurden". 

Im Vorfeld der Veröffentlichung der Paderborner Missbrauchsstudie hat der Betroffenensprecher diese Überzeugung erneut geäußert und Kardinal Degenhardt in diesem Zusammenhang als Beschuldigten benannt. Zahlreiche Medien haben das aufgegriffen, ohne den Kontext der Äußerungen und die dahinterstehende Debatte zu thematisieren.

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