Vor 130 Jahren wurde COMMUNIO-Mitbegründer Henri de Lubac geboren. Seine Einsicht, dass Christus selbst Inhalt und Ereignis der Offenbarung ist, prägte das Zweite Vatikanische Konzil – mit Folgen für Exegese, Ekklesiologie und das Verständnis der Religionen.

Zu den von Henri de Lubac am meisten zitierten Worten der frühchristlichen Literatur gehört ein Passus aus dem vierten Buch von "Adversus haereses" des Irenäus von Lyon (gest. 202). Die Gnostiker, die das Alte Testament abstoßen wollen, mögen vielleicht spotten und sagen: Wozu braucht es noch das Neue Testament, wenn das Alte schon so gut ist? Ihnen hält der Bischof von Lyon entgegen: Omnem novitatem attulit, semetipsum afferens, qui fuerat annuntiatus (alle Neuheit hat er gebracht, indem er, der Angekündigte, sich selbst brachte) (Haer. IV, 20, FC 8/4, 278 f.).

Das Neue am Neuen Testament sind nicht neue Lehren oder irgendwelche neuen Erkenntnisse über Gott, sondern dass Gott selbst in Jesus Christus unter uns als Mensch in der Einheit von Gott und Mensch erschienen ist. Diese Einsicht prägt alle Dimensionen des christlichen Glaubens und seiner Praxis. De Lubac macht sich Guardinis "geglückte Formulierung" zu Eigen:

"Es gibt keine Lehre, kein Grundgefüge sittlicher Werte, keine religiöse Haltung und Lebensordnung, die von der Person Christi abgelöst, und von denen dann gesagt werden könnte, sie seien das Christliche. Das Christliche ist Er selbst; das, was durch Ihn zum Menschen kommt und das Verhältnis, das der Mensch durch Ihn zu Gott haben kann. Ein Lehrgehalt ist christlich, sofern er aus Seinem Munde kommt. Das Dasein ist christlich, sofern seine Bewegung durch Ihn bestimmt ist. In allem, was christlich sein soll, muss Er mitgegeben sein. Die Person Jesu Christi in ihrer geschichtlichen Einmaligkeit ist selbst die Kategorie, welche Sein, Tun und Lehre des Christlichen bestimmt." (Romano Guardini, Das Wesen des Christentums, Mainz/Paderborn 71991, 68, zitiert von De Lubac, Die christliche Offenbarung, Freiburg 2001, 136-137)

Offenbarung als geschichtliches Ereignis

Diese (auch von anderen Theologen gefundene) Einsicht trug wesentlich zur Neuformulierung der Lehre von der Offenbarung durch die Konstitution Dei Verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils bei. In der nachfolgenden Lehrverkündigung der Päpste findet sie reichen Widerhall, vor allem bei Benedikt XVI. und jetzt auch in der stark christozentrisch geprägten Verkündigung Papst Leos XIV.

De Lubac war es, der in seinem Kommentar zur Offenbarungskonstitution aus dem Jahr 1966 früh den Beitrag von Kardinal Frings (und damit Joseph Ratzingers) zur Überwindung eines instruktionstheoretischen zugunsten des kommunikationstheoretischen Offenbarungsverständnisses würdigte: Schrift und Tradition sind nicht selbst Quellen der Offenbarung, sondern Medien ihrer Weitergabe durch die glaubende Kirche. Die eine wahre Quelle ist das geschichtliche Ereignis, das in Christus kulminiert.

Offenbarung und Schriftauslegung

Schrift und Offenbarung sind nicht identisch. Das hat enorme Konsequenzen für die Auslegung. Wenn die Heilige Schrift nicht selbst Offenbarung ist, sondern deren geschichtliches, vom Glauben der Kirche getragenes Zeugnis, dann ist die historische Exegese ein Erfordernis des christlichen Selbstverständnisses. Sie braucht nicht nur nolens volens akzeptiert werden, sondern muss als erster notwendiger Schritt im Prozess der Auslegung angesehen werden.

Aber auch ein neuer Blick auf die Tradition tut sich auf. De Lubac kommt das große Verdienst zu, mit der Wiederentdeckung der Lehre vom "Vierfachen Schriftsinn"1 eine synthetische Theorie vorgestellt zu haben, mit der die Einsichten der historischen Kritik verbunden werden können mit der Glaubensbotschaft und der darin gründenden existenziellen Handlungs- und Hoffnungsdimension. 

De Lubac war mit seinen Studien zur Geschichte der Bibelhermeneutik, die vor allem die zentrale Bedeutung der christologisch vermittelten Einheit von Altem und Neuem Testament herausstellte, der Zeit weit voraus. Mittlerweile sprechen selbst lutherische Exegeten vom Wahrheitsgehalt der Lehre vom Vierfachen Schriftsinn (vgl. Typologie, Allegorie, Geistiger Sinn, Freiburg 1999, 42023).

Kirche – Corpus Christi

Ebenso große Verdienste hat sich Henri de Lubac erworben mit seinen Studien zur Geschichte der Ekklesiologie. Auch hier ist die Neuheit Christi leitendes Erkenntnisprinzip. Das Wesen der Kirche ist nicht von der Übertragung soziologischer oder anderer weltlicher Kategorien her zu bestimmen, sondern nur aus den eigenen Glaubensvoraussetzungen.

Ziel der begriffsgeschichtlichen Studie über Corpus Christi mysticum/verum (Corpus mysticum, Paris 1944/49) ist die Neuformulierung der eucharistischen Ekklesiologie der Alten Kirche, wonach die Kirche zuerst und wesenhaft ein Netz aus Eucharistiegemeinschaften ist. De Lubacs prägnante Formulierung "L'Église fait l’Eucharistie. L'Eucharistie fait l'Église" (Méditation sur l’Église, Paris 1953, 110, 116, 287, dt.: Die Kirche, 117), die das gegenseitige Begründungsverhältnis von Kirche und Eucharistie benennt, hat auf dem Zweiten Vatikanum großen Einfluss ausgeübt. Art. 1 der Kirchenkonstitution Lumen gentium wendet vor dem Hintergrund dieser eucharistischen Ekklesiologie den Begriff des Sakramentes auf die Kirche selbst an:

"Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit."

Religionen

Die Neuheit Christi führt auch zur Einsicht in seine religionsgeschichtliche Unvergleichlichkeit. Von anderen "Religionsstiftern", insbesondere von Mohammed, unterscheidet er sich dadurch, dass er nicht nur Überbringer einer Botschaft ist oder deren Sprachrohr, sondern deren zentraler Inhalt. Die religionspluralistische Position, die die Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit Christi bestreitet, führt dann konsequent dazu, dass dem Ratschlag eines muslimischen Gelehrten, die Christen hätten sich vor 1700 Jahren besser an Arius gehalten, nichts mehr entgegengehalten werden kann.

Mit dem Buddhismus hat de Lubac sich sehr intensiv befasst und drei Werke darüber veröffentlicht. De Lubac bekennt in seinem Schriftenrückblick, dass die Erkenntnis des unvergleichlich Neuen, das mit Christus in die Welt gekommen sei, durch seine religionsgeschichtlichen Studien nicht etwa gemindert, sondern noch vertieft wurde.

Bei aller äußerlichen Ähnlichkeit von buddhistischer und christlicher Nächstenliebe zeigt sich bei näherer Betrachtung doch ein fundamentaler Unterschied. Die fernöstliche Weisheit denkt nicht personal, eine liebende Selbstverschenkung an ein Du ist nicht möglich, allenfalls die Selbstaufgabe und ein Aufgehen in einem apersonalen Ganzen:

"In dem, was sie als Bestes zu bieten hat, ähnelt [...] die buddhistische Nächstenliebe der christlichen Liebe wie ein Traum der Wirklichkeit" (Buddhistische Nächstenliebe, Freiburg 2026, 72).

Wie aktuell und wenig selbstverständlich die Einsichten de Lubacs auch heute sind, zeigt die Beschreibung des großangelegten Forschungsprojektes "Ecclesiae" über die Anfänge und schnelle Ausbreitung des Christentums durch dessen Leiter Jan Rüggemeier in der ZEIT vom 5. Februar 2026 "Der Erfolg des Christentums bleibt ein Mysterium". Statt anzuerkennen, dass sich Gott selbst in Jesus offenbart hat, ignoriert man die religionsgeschichtliche Einmaligkeit des Offenbarungsgeschehens.

Niemand behauptet im Übrigen, dass Jesus sich selbst in den christologischen Hoheitstiteln vorgestellt hat. Diese gehören zur Glaubensantwort der Kirche auf ein überwältigendes Ereignis, das nach den Worten Romano Guardinis von den Aposteln in seiner Fülle niemals erschöpfend eingeholt werden konnte. Über das christologische Bekenntnis der Kirche gibt es eben doch einen Zugang zum historischen Jesus.

Henri de Lubac hatte schon 1969 in seinem Vortrag "Krise zum Heil?" in diesem Zusammenhang mit Recht festgehalten:

"Es bedarf eines seltsamen Argwohns jeder Wahrscheinlichkeit gegenüber, um anzunehmen, dass diese Gestalt aus der reinen Vorstellungkraft irgendeiner Gemeinschaft oder irgendeines einzelnen Redaktors entstehen konnte. Wäre die ruhige Geradlinigkeit des Weges, der Jesus in seinen Untergang führte, eine nachträgliche Konstruktion seiner Jünger, so hätten diese über ein religiöses Genie verfügt, welches so übermenschlich wäre, dass es bei weitem das des Vorbildes überträfe" (Krise zum Heil?, Berlin ²2002, 63).

Eine aphoristische Zusammenfassung seiner Theologie der Neuheit Christi bietet de Lubac selbst in seinen "Glaubensparadoxen":

"Das Christentum hat dies und das und noch jenes vom Judentum übernommen. Es hat dies und das und noch jenes vom Hellenismus entliehen. Oder von den Essenern. Alles an ihm ist von Geburt an mit Hypotheken belastet. Ist man so einfältig, noch bevor man etwas im Einzelnen erforscht hat, zu meinen, das Übernatürliche schließe alle irdischen Verwurzelungen und menschliche Herkunft aus? Doch man kann die Augen noch gründlicher verschließen und fragen: Woher hat das Christentum sich Jesus Christus ausgeliehen? Aber 'indem Christus sich brachte, hat er alle Neuheit gebracht'" (Nouveaux Paradoxes, 170-171/Glaubensparadoxe, 97-98).
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