Glaube als ZumutungHans Urs von Balthasar liest Gregor von Nyssa

Ein frühes Buch Hans Urs von Balthasars über Gregor von Nyssa wurde neu übersetzt – und lohnt die Lektüre.

Wolken
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In einem Gespräch mit Martin Lohmann, das im gerade erschienenen Band 15 der Gesamtausgabe seiner "Gesammelten Schriften" nachzulesen ist, beschreibt Kardinal Joseph Ratzinger den christlichen Glauben mit einer lebenslangen Suche nach dem Angesicht Gottes. Als Vorbild nennt er neben Augustinus auch Gregor von Nyssa. Bei beiden würde sich zeigen, dass der Glaube nicht wie von Karl Jaspers befürchtet das Ende aller Philosophie sei, sondern der Anfang eines neuen Denkens in der Gegenwart Gottes, das nie an ein Ende komme – "ein Finden in einen unendlichen Abgrund hinein", das dem menschlichen "Suchen seine Richtung" gebe, es nicht auslösche, sondern ihm überhaupt erst "einen Sinn" verleihe (JRGS 15/1, 359).

Ganz ähnlich hat der junge Theologiestudent Hans Urs von Balthasar Mitte der 1930er in Lyon die Texte dieses Kirchenvaters aus dem 4. Jahrhundert empfunden, sie begeistert gelesen und aus seiner Begeisterung ein Buch gemacht: "Présence et Pensée" – auf Deutsch: "Gegenwart und Denken. Eine Studie über die Religionsphilosophie Gregors von Nyssa". Die Druckvorlage war bereits 1937 fertig, wurde aber aufgrund des Zweiten Weltkrieges erst 1942 ausgeliefert. Kurz vor seinem Tod stimmte Balthasar 1988 einer Neuauflage zu. Während eine englische Übersetzung in den Neunzigerjahren erschien, blieb die deutsche Fassung ein Desiderat. Seit November liegt sie nun vor und wartet darauf, entdeckt zu werden und das Denken unserer Zeit anzuregen.

Denn im Gewand einer patristischen Studie geht es um nichts anderes als die Grundfrage des Christentums: Ist der Glaube an den menschgewordenen Gott eine Wahrheit, die die "natürliche" Weltsicht des Menschen immer wieder neu herausfordert und von Grund auf umgestaltet, neue Horizonte aufreißt und "alles neu" macht? Oder ist er nur das Implement einer müde und unsicher gewordenen abendländischen Kultur, die sich beliebig anderen religiösen und nicht-religiösen Weltanschauungen angleichen kann? Balthasars riesiges Werk plädiert nachhaltig für die erste "Option":

"Das christliche Ereignis (…) stellt vor eine ganz neue Erfahrung der göttlichen Herrlichkeit. Was die Menschheit bisher als das erkannte, erhält mit diesem Neuen nicht nur eine zusätzliche Dimension; es wird von Grund auf umgewertet. Christliche Erfahrung ist nicht nur ‚Neuheitserlebnis‘, sondern Einzigkeitserlebnis" (Herrlichkeit III,1,1, 285).

Wie man hier sieht, scheut sich der Schweizer Theologe nicht, Friedrich Nietzsches gegen die christliche Moral gerichtete Forderung von der "Umwertung aller Werte" zu benutzen, um den "weltbewegenden" Charakter der christlichen Botschaft zu unterstreichen.

Kirchenväter-Auslegung und neuzeitliche Philosophie

Ähnliche Brückenschläge zwischen Kirchenväter-Auslegung und neuzeitlicher Philosophie begegnen einem in "Gegenwart und Denken" auf Schritt und Tritt. Manche Forscher wie Brian Daley haben dem Autor deshalb eine "unausgewogene Mischung aus Hegel und dem Neothomismus" vorgeworfen. Das Körnchen Wahrheit an dieser Kritik ist, dass Balthasar sich tatsächlich große Freiheiten nimmt, wenn er Gregors Gedankengänge darstellt und dabei antike Philosophie, christliche Mystik und Deutschen Idealismus gleichermaßen mit einbezieht. Doch darin liegt Methode: "Denken" und "Gegenwart" lassen sich aufeinander hin durchsichtig machen im Licht der Menschwerdung Gottes.

So ist auch sein Buch aufgebaut. Die ersten beiden Teile schildern in zuweilen existenzialistisch anmutenden Bildern die vergeblichen Versuche des Menschen, im "Denken" der Endlichkeit und Begrenztheit der eigenen Welt und Selbsterkenntnis zu entfliehen. Im dritten Teil folgt dann der große Umschwung: In Jesus Christus ist der Unendliche selbst in die Welt und das Menschsein eingetreten und hat es mit seiner "Gegenwart" erfüllt. Das lange Gesuchte ist nun zu finden, freilich in umgekehrter Richtung: nicht im intellektuellen Aufstieg und Zurücklassen der konkreten Welt, sondern im existenziellen Nachvollzug des Abstiegs Gottes in diese Welt. Dieser geschieht, wie Balthasar schlüssig herausarbeitet, für Gregor nicht anders als in der Bewegung der Liebe Jesu Christi, die allem menschlichen Dasein, Denken und Tun schon immer vorausgeht und eine nicht zu beherrschende "Zumutung" für den Menschen bleibt – aber eine heilsame.

Nouvelle théologie und Neuscholastik

Neben dieser exemplarischen Klärung des Verhältnisses von Glaube und Denken und der Aktualisierung der Philosophie Gregors von Nyssa leistet diese Studie noch etwas Drittes: einen wertvollen Einblick in die Entstehung der "Nouvelle théologie" und damit jener theologischen Erneuerungsbewegung, ohne die das Zweite Vatikanische Konzil wohl nicht stattgefunden hätte.

Der hochbegabte Balthasar, der vor seinem Eintritt in den Jesuitenorden Germanistik studiert und die säkulare Kultur in Wien und Berlin ausgiebig kennengelernt hatte, erkannte früh, dass das neuscholastische Studiensystem zu wenige Ansatzpunkte bot für das gewandelte Lebensgefühl des modernen Menschen. "Unbeweglich" nennt er es im Vorwort zu seiner Gregor-Studie; man habe Thomas von Aquin darin regelrecht "begraben". Daher sei ein Rückgriff nötig auf die Weisheit des ersten Jahrtausends, die Zeit der Kirchenväter. Dort, in der "Jugendzeit" der Kirche, lägen die sprudelnden Quellen des Glaubens und des christlichen Denkens. Aus diesen Quellen solle man schöpfen, statt abgestandenes Wasser weiterzureichen. Der christliche Glaube müsse wieder sprachfähiger werden und deutlicher machen, dass es ihm um die Mitteilung von Liebe, um die Förderung der "Kommunikation" zwischen Gott und Mensch und der Menschen untereinander gehe.

Die versteckte Polemik des jungen Theologen blieb den Vertretern der vorherrschenden Neuscholastik nicht lange verborgen. Im Jahr 1946 nimmt ein gelehrter Dominikaner Balthasars Buch aufs Korn, zählt ihn zu den Vertretern eines "neuen", modernen Denkstils, eben der "Nouvelle Théologie", und tadelt ihn wegen seiner "ästhetisierenden Theologie". Zwar erhielt er danach kein ordensinternes Lehr- und Publikationsverbot wie sein Lehrer in Lyon, Henri de Lubac, aber es war deutlich geworden, dass Balthasar an einer Erneuerung des Denkens arbeitete, die über das damals Übliche weit hinausging.

Goldadern

"Gegenwart und Denken" fordert wie jedes anspruchsvollere Buch vom Leser Aufmerksamkeit und Konzentration. In der vorliegenden Übersetzung sollen eine längere Einleitung und eine ausführliche Rekonstruktion des Gedankengangs dabei helfen, die subtile Argumentation und den Anspielungsreichtum von Balthasars Studie mit Gewinn mitverfolgen zu können. Wer sich darauf einlässt, wird manche Goldader philosophischer und spiritueller Weisheit finden – und nicht weniger Anregung für den Dialog zwischen Glaube und Denken, den es auch heute wieder neu zu führen gilt.

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Glaube als Zumutung: Hans Urs von Balthasar liest Gregor von Nyssa
Hans Urs von Balthasar

Eingeleitet und übersetzt von Manuel Schlögl unter Mitarbeit von Aaron Zielinski. Einsiedeln 2025, 272 Seiten, gebunden, 34,00 € (D)

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